"Kinder ohne Migrationshintergrund sind manchmal die unterdrückte Minderheit"
Carmen Rößler, seit 1976 Lehrerin an der Hauptschule Kapfenberg Stadt, unterrichtet Deutsch, Englisch und Biologie.
Fokus:Wie ist das Klassenklima unter den Schülern?
Carmen Rößler: In den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich das Klima verschlechtert. Die Schüler mit Migrationshintergrund sind eine große Herausforderungen nicht nur für die Lehrer, sondern auch für die Mitschüler. Kinder ohne Migrationshintergrund sind in manchen Klassen schon die Minderheit, werden oft unterdrückt oder sind Außenseiter.
Ist Gewalt ein Problem?
Gewalt spielt eine Rolle. Hier geht es aber nicht um einheimische Kinder gegen Migranten, sondern eher um Gewalt innerhalb der verschiedenen Migrantengruppen. Viele Kinder können sich auch nicht so gut in Deutsch ausdrücken, das erledigt dann die Faust. Wir erleben oft, dass es zu Hause keine Konsequenzen für gewalttätige Auseinandersetzungen gibt. Die Eltern wollen nicht beteiligt sein.
Gibt es Probleme mit der Disziplin?
Ein großes Problem ist, dass Burschen in der vierten Klasse Lehrerinnen nicht mehr akzeptieren. Wir Frauen tun uns da sehr schwer. Wenn wir Eltern in die Schule holen, akzeptieren uns auch die Väter oft nicht. Sie zeigen kaum Interesse für die Probleme ihrer Kinder und die Mütter haben zu Hause meist wenig zu sagen.
Sind alle Eltern gleich stark involviert?
Die Eltern österreichischer Kinder machen sich mehr Gedanken, sind am Schulerfolg ihrer Kinder stärker interessiert. Ausländische Kinder sehen zu Hause oft nur Arbeitslosigkeit. Viele haben keine Zukunftsperspektive, denken nicht einmal an eine Ausbildung.
Gibt es Probleme bei der Teilnahme an Schulaktivitäten?
Ja, das gibt es häufig. Manchen Mädchen aus einem anderen Kulturkreis verbieten die Eltern die Teilnahme z.B. am Schwimmunterricht, obwohl sie gerne mitmachen würden. Das schürt natürlich auch Konflikte, denn die einen Schüler müssen teilnehmen, die anderen brauchen nicht.

