"Massiv in Bildung junger Migranten investieren"
Zuwanderung und Bildung. Wolfgang Lutz ist Österreichs führender Bevölkerungsforscher. Ein Gespräch über kinderreiche Ausländerinnen, übrig gebliebene Koreaner und die Angst vor zu gebildeten Gastarbeitern.
VON VALENTIN SCHWARZ
FOKUS: An Ihrem Institut gibt es ein Forschungsteam zu "Migration und Bildung". Wieso diese Kombination?
Wolfgang Lutz: Bildung ist ein zentraler Faktor der Integrationsfähigkeit, wurde aber bisher von der Forschung vernachlässigt. Gebildete Menschen sind geistig flexibler, passen sich leichter an neue Situationen an, lernen schneller neue Sprachen. Ein Beispiel: Ich fahre jeden Tag mit der U-Bahn, oft mit der U1, manchmal mit der U6. Beide Linien sind voller Migranten. In der U1 ist die "international community", die zur UNO-City fährt oder in die internationale Schule. Man hört ständig Englisch, die Leute sehen fremd aus. Trotzdem hat keiner ein Problem damit, das sind gern gesehene Ausländer. In der U6 dagegen sind die weniger integrierten Migranten, die am Gürtel leben.
Für Sie sind die englischsprachigen U1-Migranten besser integriert als die deutschsprechenden U6- Migranten?
Ja, die haben einen Job, ein Einkommen, sind sozial eingebunden. Ob sie Englisch oder Deutsch sprechen, ist sekundär. Meiner Meinung nach sollte die U-Bahn ohnehin zweisprachig sein, wenn Wien eine kosmopolitische Stadt sein will (lacht).
Hoch qualifizierte Zuwanderer haben also überhaupt keine Probleme?
Doch, bei der Anerkennung ihrer Zertifikate gibt es oft unnötige Hürden. Die einheimischen Standesvertreter wollen die Konkurrenz aus dem Ausland gerne fernhalten.
Oft heißt es, dass wir Zuwanderung brauchen, weil unsere Gesellschaft sonst schrumpft. Was wäre daran schlimm?
An einem langsamen Schrumpfen wäre gar nichts schlimm. Wenn wir weniger Kinder haben, die dafür besser gebildet sind, können wir das volkswirtschaftlich kompensieren. Ein reales Problem ist die Alterung. Die Lebenserwartung steigt, aber das Pensionsalter bleibt gleich. Hier brauchen wir Anpassungen – und ebenfalls mehr Bildung. Denn höher gebildete Menschen arbeiten im Schnitt länger und bleiben auch länger gesund. Zuwanderung mit der Alterung zu begründen, halte ich für die falsche Argumentation. Es geht ja nicht darum, möglichst viele Menschen im Land zu haben, die dann arbeitslos sind.
Wie sollte man dann mit der Zuwanderung umgehen?
Migration ist etwas ganz Natürliches in einer freien Gesellschaft. Es hat sie immer gegeben und wird sie immer geben. Natürlich braucht es Regeln, eine gewisse Steuerung. Ich bin Anhänger einer rationalen Politik wie in Kanada: Wenn man Ingenieure braucht, wirbt man Ingenieure an. Die werden dann auch mit offenen Armen empfangen. Das ist für alle Beteiligten besser, als wenn jemand mit vagen Hoffnungen in ein Land kommt, dort nicht willkommen ist und nie wirklich Wurzeln schlagen kann.
Österreicherinnen bekommen im Schnitt 1,32 Kinder, Ausländerinnen 2,01. Woran liegt das?
Das liegt nicht an der Staatsbürgerschaft, sondern wieder an der Bildungsstruktur. Überall auf der Welt haben weniger gebildete Frauen höhere Geburtenraten, weil sie stärker traditionellen Normen unterliegen. Migrantinnen aus dem arabischen Raum, die Akademikerinnen sind, haben auch nicht mehr Kinder als die Österreicherinnen. Studien zeigen, dass die Geburtenrate bei der zweiten Generation in der Mitte zwischen Ursprungsund neuem Heimatland liegt. Die dritte Generation hat sich völlig angepasst.
Sie sprechen immer von der Bildung der Frauen. Spielt die Bildung der Männer auch eine Rolle für die Geburtenraten?
Also beim Kinderkriegen haben die Frauen schon das entscheidendere Wort mitzureden (lacht). Ein interessantes Beispiel ist Südkorea: Dort hat die Bildungsbeteiligung der Frauen stark zugenommen, sie sind heute gebildeter als die Männer. Die traditionellen Heiratsmuster sind aber gleich geblieben: Männer wollen eine jüngere, ökonomisch schwächere Frau. Vor allem weniger gebildete Koreaner finden daher keine Frauen mehr, weil die sich mit so jemandem nicht einlassen wollen. Sie holen sich also Importbräute aus Kambodscha oder Vietnam, was zu enormen sozialen Konflikten führt. Daran sieht man, dass Familiennormen sich viel langsamer modernisieren als Gesellschaft und Wirtschaft.
Wieso sind Österreichs Migranten eigentlich im Schnitt weniger gut gebildet als Einheimische?
In den 60er-Jahren hatten wir im Wirtschaftswunder einen Arbeitskräftemangel. Man hat also Gastarbeiter angeworben – aber bewusst wenig gebildete, mit dem Kalkül, dass die weniger auf ihren Rechten bestehen und nur brav arbeiten würden. Man hatte Angst davor, zu gebildete Menschen zu holen! Leider ist auch die zweite Generation bildungsfern geblieben, da haben Kindergärten und Schulen versagt. Man hat das den Eltern überlassen, anstatt die Kinder an höhere Bildung heranzuführen. Wer nicht genug Unterstützung aus der Familie hat, hat in unserem Bildungssystem keine Chance.
Ein hartes Urteil für unser Bildungssystem.
Ja. Ich sehe darin das größte Problem, das unsere Gesellschaft heute hat. Signifikante Gruppen junger Menschen können keinen einfachen Satz sinnerfassend lesen. Das wird uns doppelt auf den Kopf fallen: Erstens brauchen wir gut qualifizierte Leute auf dem Arbeitsmarkt. Zweitens birgt es ein enormes Konfliktpotenzial, wenn 20 bis 30 Prozent eines Jahrgangs aus dem System fallen. Da entsteht eine bildungsferne Unterschicht von Modernisierungsverlierern. Das ist sozialer Sprengstoff.
Sehen Sie Parallelen zu den Londoner Unruhen im Sommer?
Ja. Dazu kann es bei uns auch kommen. Es ist aus menschenrechtlichen Gründen wichtig, diesen Leuten zu helfen, aber auch aus Selbstinteresse. Unmittelbar wichtig ist, dass jeder Jugendliche bis 16 im Schulsystem bleibt. Längerfristig ist es sinnvoll, alle bis 18 zu bilden. Und die Hälfte jedes Jahrgangs sollte ein Studium abschließen. Wir müssen massiv in die Bildung und damit in die Integration junger Migranten investieren.

