Typisch österreichisch
Migrantinnen und Migranten sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen – auch in höchst traditionellen Berufen. Vier austro-exotische Portraits.
VON VALENTIN SCHWARZ
Fiakerin aus Indien

- Aus Tierliebe hat sich Renuka Schnieder dazu entschieden, am Kutschbock Platz zu nehmen
Vom Waisenhaus in Mumbai auf den Kutschbock eines Fiakers am Wiener Stephansplatz – so abenteuerlich ist die Lebensgeschichte von Renuka Schnieder (22). Im Alter von zwei Jahren kam sie zu ihren Adoptiveltern nach Wien. „Schon als Kind hab ich Tiere sehr gern gehabt“, erzählt sie, und aus Tierliebe hat sie sich auch entschlossen, Fiakerin zu werden. Dementsprechend wichtig ist es Schnieder, ihre Pferde gut zu behandeln. Immer wieder streichelt sie während des Gesprächs ihre Mähnen. „Ich genieße jede Minute mit den Tieren.“ Wie es ihr als Frau in diesem männerdominierten Beruf geht? „Die Kollegen gewöhnen sich schon“, lächelt die Jungfiakerin, „ich finde es auf jeden Fall gut, wenn Frauen in die Branche dazukommen.“
Exotik-Bonus
Manchmal wird sie von Kunden auf ihre Hautfarbe angesprochen. „Damit habe ich kein Problem“, lächelt Schnieder, „ab und zu werde ich sogar gebucht, weil eine indische Fiakerin für die Leute etwas Exotisches hat.“ Am liebsten fährt sie mit ihren Gästen die Ringstraße entlang: „Burgtheater, Rathaus, Parlament – einfach eine tolle Architektur!“
Algerier serviert Schnitzel

- Abdulkader Madani wandert gerne, das Skifahren wagt er (noch) nicht
„An die Kälte musste ich mich erst gewöhnen“, sagt Abdulkader Madani (38), aber bis auf die klimatische Umstellung ist ihm die Integration in Österreich problemlos geglückt. Vor acht Jahren kam der gebürtige Algerier, der auch in Frankreich und Spanien gelebt hat, nach Wien – und fand bald einen Job als Kellner beim Traditions- Wirtshaus Figlmüller, berühmt für seine Wiener Schnitzel.
Wiener Schmäh
Den für den Job nötigen Schmäh hat Madani sich rasch angeeignet, er scherzt viel mit den Gästen. Deutsch hat er in einigen Kursen, vor allem aber durch Gespräche mit seiner Frau, einer Kärntnerin, gelernt. An seinem Geburtstag im November hat Madani schließlich die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten – ein schönes Geschenk. „Für die Prüfung musste ich außer den Deutschkenntnissen auch Landeskunde lernen“, erzählt er, „es war sehr interessant, Österreichs Geschichte und das demokratische System genauer kennenzulernen.“ In seiner Freizeit zieht es Madani und seine Familie in die Berge: „Wir wandern gerne, aber Skifahren hab ich mich bis jetzt nicht getraut“, lacht er.
Grüner Daumen aus Brünn

- Veronika Fuchsbauer ist Biobäuerin mit ganzem Herzen
Als 16-Jährige kam Veronika Fuchsbauer, geboren als Veronika Musilova in Brno, nach Österreich. Ihre Familie war nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der Tschechoslowakei geflohen.
Gefragtes Gemüse
„Bereits als Kind habe ich es geliebt, Pflanzen anzubauen und ihnen beim Wachsen zuzuschauen“, erzählt sie. Um so glücklicher war Fuchsbauer, als sie Mitte der 90er Jahre auf einem Bauernhof leben konnte. 2003 heiratete sie Franz, einen Biobauern – und ist seither selbst Landwirtin in Inzersdorf bei Herzogenburg in Niederösterreich. Zu den Produkten der Fuchsbauers, die sie ab Hof, in Bioläden der Region oder am Markt in St. Pölten verkaufen, zählen Dinkel, Erdäpfel und Gemüse. „Es ehrt mich, wenn ich manchmal höre, dass Kunden im Bioladen gezielt die Fuchsbauer-Erdäpfel bestellen.“ In ihrem Beruf ist Fuchsbauer hochzufrieden, sie genießt die Arbeit mit der Natur. „Ich empfinde es immer wieder als Wunder, wenn aus einem kleinen Samenkorn eine Pflanze wird. Ich freue mich, am Kreislauf der Natur teilhaben zu können.“
Bosnische Bergtouren

- Rusmira Besic bringt Menschen in die Natur - aus der bosnischen Community und aus der Aufnahmegesellschaft
Am interessantesten ist für Rusmira Besic (41) das Kartenlesen. „Es ist faszinierend, nur mit einer Landkarte meine Position, die Seehöhe und die Landschaft um mich herum zu bestimmen“, erklärt sie. Gelernt hat Besic das im Rahmen der ÖIF-Wanderführer- Ausbildung des Integrationszentrums Oberösterreich. Im Hauptberuf im Einzelhandel tätig, hat sich die gebürtige Bosnierin zu dieser Zusatzausbildung entschieden: „Zum einen, weil ich selbst die Berge liebe, zum anderen, um meine Landsleute aus ihrem Alltag herauszureißen und dazu zu bewegen, mehr Zeit in der Natur zu verbringen.“ Neben Anfragen aus der bosnischen Community hat Besic, die ihre Ausbildung zur Wanderführerin im Frühling abschließen wird, auch bereits einige Interessierte aus der Aufnahmegesellschaft.
Zahlreiche Anfragen
„Die Gemeinde Enns hat angefragt, ob ich nicht für sie Gruppen führen will – ob jetzt Eltern mit Kindern oder Pensionisten.“ Privat schöpft Besic gerne Kraft im Salzkammergut, im Toten Gebirge und in den Kalkalpen. „Am liebsten habe ich Orte, wo Wasser fließt. Das genieße ich am meisten.“


