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ÖIF-Dossier n°8

Einstellungen von ChronikjournalistInnen österreichischer Tageszeitungen zu den Themen Migration und mediale Integration

Mag. Karin Zauner

März 2010

 

Inhalt

1. Einleitung 
2. Theoretische Einbettung 
3. Forschungsablauf 
4. Ergebnisse 
5. Ausblick
6. Literaturverzeichnis

 

 

1. Einleitung

Da bei vielen Menschen die Primärerfahrungen – unmittelbare, persönliche Erfahrungen - in Bezug auf das Thema „Zuwanderung“ fehlen, sind die medialen Darstellungen von MigrantInnen in den Massenmedien von besonders großer Bedeutung. Denn: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (Luhmann 2004: 9). Massenmedien erzeugen Bilder in unseren Köpfen, sie sind das Fenster zur Welt, filtern und bearbeiten Informationen und bieten den Menschen tagtäglich Wirklichkeiten an. Sie sind jedoch keine Instanzen absoluter Wahrheit (Schulz 1989: 135ff.).

„Die Berichte der Medien sind oft ungenau und verzerrt, sie bieten manchmal eine ausgesprochen tendenziöse und ideologisch eingefärbte Weltsicht. Die in den Medien dargebotene Wirklichkeit repräsentiert in erster Linie Stereotype und Vorurteile der Journalisten, ihre professionellen Regeln und politischen Einstellungen, die Zwänge der Nachrichtenproduktion und die Erfordernisse medialer Darstellung. Sie lässt nur bedingt Rückschlüsse zu auf die physikalischen Eigenschaften der Welt, die Strukturen der Gesellschaft, den Ablauf von Ereignissen, die Verteilung der öffentlichen Meinung.“ (ebd.: 139)Rainer Geißler und Horst Pöttker unterstreichen die Bedeutung der Kommunikatoren-forschung im Bereich Medien und Migration: „In Hinblick auf die Integrationsleistung von Medien macht es Sinn, das Wissen und Einstellungen von Journalisten und anderen Medienschaffenden aus der Mehrheitskultur in Bezug auf ethnische Minderheiten zu erfragen. Inwieweit sind sie willens und in der Lage, das Verständnis der Mehrheitsbevölkerung für die Probleme der Migranten zu fördern, inwieweit muss bei ihnen mit Unkenntnis oder gar diskriminierenden Vorurteilen gerechnet werden?“ (vgl. Geißler/Pöttker 2006: 27) Nach dem Thomas-Theorem  sind die Einstellungen von Menschen entscheidend für ihr weiteres Handeln. Im Zentrum der Untersuchung stehen daher jene Personen, die maßgeblich die medialen Bilder über Zuwanderer in Österreich mitbestimmen, die ChronikjournalistInnen österreichischer Tageszeitungen. Wie Österreichs ChronikjournalistInnen ihre eigene Rolle im Mediensystem beurteilen, wie sie über die Berichterstattung über Migration und Integration in Österreich denken, wurde bislang nicht untersucht. Das Ziel dieser Untersuchung ist es, erstmals das Thema der Migration und medialen Integration von MigrantInnen in Österreich von Seiten der Kommunikatoren im Kontext des Konzepts der „medialen interkulturellen Integration“ auszuleuchten.

2. Theoretische Einbettung

  • 2.1 Interkulturelle Integration

Interkulturelle Integration meint die Eingliederung von MigrantInnen in die Mehrheitsgesellschaft unter dem Gesichtspunkt der Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung, zum Arbeitsmarkt und zu wichtigen Institutionen. Ziel der interkulturellen Integration ist es, die Entstehung von ethnischen Klassen und Ungleichheitsstrukturen einzudämmen (vgl. Geißler/Pöttker 2006: 19) und MigrantInnen das Recht einzuräumen, ihre kulturellen Traditionen und Identitäten zu erhalten und zu pflegen.

Das beste Beispiel für interkulturelle Integration ist der „kanadische Multikulturalismus“ (Fleras/Elliot: 2002). Unter dem Motto: „unity-within-diversity“ oder auch „diversity-within-unity” versucht Kanada die Widersprüche zwischen Verschiedenheit und Gleichheit durch politische Praxis abzubauen (vgl. Geißler 2005: 60).

Der Pol „Verschiedenheit“ enthält drei wichtige Elemente (ebd.: 57):  

  • Das Recht auf sozialkulturelle Differenz („the right to be different“). Alle Individuen haben das Recht, ihre unterschiedlichen kulturellen Traditionen zu erhalten und zu pflegen – auch gemeinschaftlich. 
  • Das Prinzip der sozialkulturellen Gleichwertigkeit: Die verschiedenen Kulturen und ethnischen Gemeinschaften werden als gleichwertig angesehen.
  • Gegenseitiger Respekt und gegenseitige Toleranz.

Wichtig sei in dem kanadischen Konzept aber auch immer die Verankerung in der eigenen Gruppe, denn nur dadurch verfüge man über die nötige Sicherheit und das nötige Selbstwertgefühl, um sich gegenüber Andersartigen zu öffnen, sie zu respektieren und mit ihnen gleichwertig zu interagieren (vgl. Kalin/Berry: 1994, zit. nach Geißler 2005: 58).

Der Pol „Einheit“ setzt dem Grad der Verschiedenheit Grenzen (ebd.):

  • Im kognitiven Bereich sind zur Akkulturation Kenntnisse und Akzeptanz der Verfassung, der Gesetze und der Grundwerte notwendig. Im Zentrum der Akkulturation steht die Sprache. 
  • Im sozialen Bereich werden interkulturelle Kontakte gefördert, um die Abschottung von ethnischen Minderheiten zu verhindern. 
  • Im identifikatorischen Bereich sollen sich die Menschen vorrangig als Kanadier fühlen und in zweiter Linie als Angehörige einer ethnischen Gruppe. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist in Kanada möglich. 
  • Die Politik hat beim Konzept der interkulturellen Integration die Aufgabe, die „multicultural line“ (ebd.: 9) zwischen Einheit und Verschiedenheit auszuhandeln. Wo endet das Recht auf Differenz? Wo beginnt die Verpflichtung zur Anpassung? (vgl. Geißler/Pöttker 2006: 19).

2.2  Interkulturelle mediale Integration

Rainer Geißler (2005: 71) hat den Begriff der „medialen Integration“ geprägt. Sein Konzept geht davon aus, dass die Repräsentation von MigrantInnen in den Medien als ein zentraler Aspekt einer erfolgreichen Integrationsstrategie begriffen werden muss. Es sei für eine gelungene Integration notwendig, dass Zuwanderer nicht nur durch Vertreter der Mehrheiten präsentiert werden, sondern dass Minderheiten ihre Probleme selbst darstellen, artikulieren und interpretieren können (ebd.:143). Nach dem Motto: „Bessere Präsentation durch bessere Repräsentation“ (ebd.: 129ff.) „Es ist wichtig, dass sie [die Zuwanderer, Anm. d. Verf.] ihre Stimme direkt im pluralistischen Konzert der öffentlichen Information und der Interessensartikulation zur Geltung bringen können – und nicht nur vermittelt über die Vertreter einer dominanten Gruppe.“ (Geißler 2000: 143)

Geißler betont, dass Zuwanderer nicht nur in spezifischen ethnischen Segmenten präsent sein sollten, wie in „ethnischen Medien“ oder multikulturellen Nischenkanälen oder -programmen, die sich speziell an MigrantInnen richten. Sie sollten gerade auch im Mainstream der Öffentlichkeit, in den „normalen“ Presseorganen, Fernseh- und Rundfunkprogrammen vorkommen. Überträgt man das Konzept der „interkulturellen Integration“ auf das Mediensystem, dann spricht Rainer Geißler (Geißler 2006: 22ff) von der „medialen interkulturellen Integration“. Damit meint er die Integration von ethnischen Minderheiten in die medial hergestellte Öffentlichkeit und in das Mediensystem.

2.3  JournalistInnen konstruieren Wirklichkeit

Seitdem es Zeitungen gibt, stellen sich die Menschen die Frage, ob diese, also die JournalistInnen, die Realität abbilden oder die Wirklichkeit verzerren. Rüdiger Schulz (1989: 135ff.) hat sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt und gibt einen Überblick über eine große Zahl von Untersuchungen. Er weist eindrucksvoll nach, dass der Großteil der Befunde sich eindeutig interpretieren lässt: „Massenmedien repräsentieren in der Regel nicht die Wirklichkeit.“ (Schulz 1989: 139). Ganz zu schweigen von den immer wieder auftretenden Falschmeldungen. Absolute Maßstäbe wie Wahrheit, Objektivität und der Anspruch, durch Medien die Wirklichkeit abbilden zu wollen, sind nicht mit den empirisch belegten Erkenntnissen zur menschlichen Wahrnehmung aus der Biologie, Psychologie und Neurologie vereinbar (vgl. Weischenberg 2004: 225). Diese Befunde sagen uns, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, mit unseren Sinnesorganen direkt auf die Welt zuzugreifen. Wirklichkeit „an sich“ ist zwar real existent, aber immer erst über Informations-verarbeitungsprozesse konkret erfahrbar.

Im Rahmen des Verarbeitungsprozesses werden den Informationen Sinn und Bedeutungen aufgrund unseres Wissens und unserer Erfahrungen zugeordnet. Die Komplexität der Umwelt wird reduziert, Stereotype helfen uns dabei. Das Ergebnis solcher Prozesse sind Abbildungen im Kopf, sind „eigene Konstrukte von Wirklichkeit“. „Wenn Kommunikation kein Informationstransport ist, dann sind Medien auch nicht als Einrichtungen zu verstehen, die Botschaften versenden und Informationen vermitteln, sondern als Teilsysteme der Gesellschaft, die – nach ihren internen Strukturen – Wirklichkeitsentwürfe anbieten.“ (Weischenberg 2004: 226)

Weischenberg schließt daraus, dass auch der Journalismus keine Vermittlungsinstanz ist, sondern auf Grundlage seiner Organisationsweise – wie auch der einzelne Mensch –eigensinnig und systemerhaltend funktioniert. Weischenberg leitet aus seinen Befunden Folgendes für die JournalistInnen ab (vgl. ebd. 226f.):

  1. Journalisten sind Beobachter, die keine Aussagen über die „Welt-an-sich“ machen (können), sondern nur über Unterscheidungen. Aufgrund dieser stellen sie Beziehungen her und erzeugen ihre eigenen Konstrukte. 
  2. Journalisten sind letztlich in ihren Medienaussagen autonom. Sie entscheiden, in welcher Weise, welchen Ereignissen, welche Bedeutung zugewiesen wird und können sich deshalb nicht hinter „Objektivität“ verstecken. Sie bestimmen, welche Weltbilder die Medien anbieten. (vgl. ebd). „Diese Verantwortung – auch die Verantwortung für ethische Maßstäbe – kann ihnen [den Journalisten, Anm.d. Verf.] niemand abnehmen, weder der Verleger, noch der Indendant, noch die Realität.“ (Weischenberg 2004: 227).

2.4  Gatekeeperforschung

In Anlehnung an das zuvor Gesagte stellt sich die Frage: Wie sehr haben einzelne JournalistInnen innerhalb von sozialen Systemen die Möglichkeit, ihre Einzelmeinung durchzusetzen? Bereits in den 1940er Jahren haben WissenschafterInnen untersucht, wie einzelne Entscheidungen innerhalb von sozialen Systemen getroffen werden. Hervorzuheben ist dabei die Forschung des Sozialpsychologen Kurt Lewin (1963, zit. nach Weischenberg 2004: 317). Er hat das Konzept des „Gatekeepers“ (Schleusenwärters) (vgl. Burkart 2002: 276ff., Kunczik/Zipfel 2005: 241ff., Weischenberg 2004: 317ff.) entwickelt, das die Macht des Individuums an Schlüsselstellen in sozialen Systemen betont. Walter Gieber (1956) rückt in seiner Fallstudie von der Vorstellung ab, dass Gatekeeper unabhängig darüber entscheiden, welche Nachrichten sie passieren lassen und welche nicht. Für ihn ist der organisatorische Kontext für die Entscheidungen ausschlaggebend. Er hat die Auswahl und die Bearbeitung von Nachrichten bei Redakteuren von 16 Tageszeitungen in Wisconsin untersucht und stellte fest, dass die redaktionellen Zwänge der Redaktionsarbeit im Vordergrund standen. Er beschreibt die Nachrichtenredakteure (vgl. Weischenberg 2004: 321), wie folgt: 

  • Den Nachrichtenredakteuren sind die mechanischen Zwänge der Arbeit wichtiger als die Bedeutung und die Wirkung der Nachricht selbst.
  • Die Werte des Chefs werden akzeptiert und verinnerlicht. 
  • Die Reporter nehmen die Nachrichtenpolitik der Zeitung als Teil der bürokratischen Struktur hin. 
  • Der Nachrichtenredakteur hat nur vage Vorstellungen vom Publikum und kann daher mit ihm nicht wirklich kommunizieren. Dieser Punkt widerspricht den Befunden von Pool und Shulmann (1959), die davon ausgehen, dass der Redakteur ein Bild vom Publikum im Kopf hat.

In der aktuellen Gatekeeperforschung steht nicht mehr die Person, sondern die Institution mit ihren Einflusssphären und Entscheidungsprozessen im Vordergrund. Baily und Lichty (1972)  haben ein komplexes Erklärungsmodell entwickelt und nachgewiesen, dass ein Netz von Faktoren redaktionelle Entscheidungen bestimmt. Sie kommen zu dem Schluss: „The organisation was the gatekeeper“.

3. Forschungsablauf

Untersuchungen wie die folgende werden in der empirischen Sozialforschung als explorative Untersuchungen bezeichnet (vgl. Diekmann 2004: 444). Sie dienen zur erstmaligen Erhebung von Indikatoren und deren wissenschaftlicher Einordnung und der Entwicklung von Typologien und Kategoriensystemen.

3.1  Stichprobe

In der vorliegenden Arbeit wurden die Chronik-Ressorts (bzw. Lokal- oder Kommunalressorts) von 12 österreichischen Tageszeitungen und der Austria Presse Agentur (APA) beforscht. Dabei wurde jeweils der Ressortleiter bzw. die Ressortleiterin der Chronik (oder auch Lokales, Kommunales) und ein weiterer Journalist oder eine Journalistin aus demselben Ressort ausgewählt. Letztere oder Letzterer waren jene, die in dem Medienbetrieb den Ruf eines/einer Experten/Expertin für den Themenbereich der Migration und Integration haben und auch die meisten „Geschichten“ zu dem Thema verfassen. Insgesamt wurden 26 MedienverteterInnen aus 13 Medien befragt. Darunter die 10 reichweitenstärksten Tageszeitungen Österreichs (Reichweiten über 1,5 %, siehe Tabelle), die APA, die Tageszeitung Österreich, deren Nettoreichweite in der Media-Analyse 2006 nicht aufscheint, und die Wiener Zeitung.

In Zusammenhang mit der Auswahl der ProbandInnen stellt sich die Frage: Warum wurden gerade Chronikjournalistinnen und -journalisten von Tageszeitungen für die vorliegende Untersuchung ausgewählt? Nach den Befunden einer Langzeitstudie zu Mediennutzung und Medienbewertung (Berg/Kiefer 1992) zu schließen, haben Tageszeitungen im Medienvergleich noch immer das attraktivste Angebot in Bezug auf Lokalinformationen. Der Lokalfunk hat nach Weischenberg (2002: 141) die Kommunikation in der Nahwelt nicht wesentlich verbessert oder ergänzt (Dorsch 1984). Diese Einschätzung beruft sich auf die Beobachtung, wonach die Recherche der Radiostationen wegen mangelnder Personalressourcen der Redaktion und Professionalität der RedakteurInnen sich in erster Linie auf die Tageszeitungen als Informationsquelle stützt. Tageszeitungen haben auch das stärkste Bindungspotential in der Bevölkerung. So gaben 32 Prozent der Befragten in der Langzeitstudie zur Mediennutzung und Medienbewertung (Berg/Kiefer 1992) an, sie würden den Lokalteil am stärksten vermissen. Der Hörfunk kommt auf ein Bindungspotential von 4 und das Fernsehen sogar nur auf 1 Prozent (vgl. Weischenberg 2002: 142). Alles in allem sind Tageszeitungen in Bezug auf die Lokalberichterstattung die am meisten verwendete Informationsquelle und deshalb wurden für diese Untersuchung JournalistInnen und Journalisten aus dem Medium Tageszeitung/Ressort Chronik (bzw. Lokales, Kommunales) ausgewählt.

  • Tabelle1 02

TABELLE 1: DIE ZEHN REICHWEITENSTÄRKSTEN TAGESZEITUNGEN ÖSTERREICHS, QUELLE: MEDIA-ANALYSE 2006 WWW.MEDIA-ANALYSE.AT UND PRESSEHANDBUCH 2006.

3.2  Methode: Leitfadeninterview

Das Leitfadeninterview oder fokussierte Interview ist ein halbstrukturiertes Interview, bei dem ein Leitfaden die thematischen Gesichtspunkte des Interviews vorgibt. Erforscht wird, wie die befragten Personen auf das „Reizmaterial“ reagieren. Die Fragen sind offen und deren Reihenfolge ist nicht von vornherein festgelegt. Mit dem Interview sollen die subjektiven Erfahrungen der Personen in Hinblick auf eine erlebte Situation erhoben werden. Die Interviews wurden großteils in den Redaktionen oder telefonisch durchgeführt. Das face-to-face Interview hat den Vorteil, emotionale Regungen und Gesichtsausdrücke im Kontext des Gesagten zu erfassen. Die InterviewpartnerInnen blieben anonym und wurden durchnummeriert und mit JournalistIn A bis Z bezeichnet.

3.3  Auswertung

Die Auswertung erfolgt nach der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2003, 2004), der so genannten zusammenfassenden Inhaltsanalyse. Durch sie wird das Material so reduziert, dass wesentliche Inhalte erhalten bleiben und ein überschaubarer Kurztext entsteht. Bei den zusammenfassenden Prozessen werden Generalisierungen, Integration, Selektion, Auslassungen, Bündelungen und Konstruktion verwendet. Die induktive Kategorienbildung nutzt die Verfahrensweise der zusammenfassenden Inhaltsanalyse, um schrittweise Kategorien aus dem Material zu entwickeln (Mayring 2004: 472f.). Dadurch kommt es zu einer möglichst naturalistischen Abbildung des Materials ohne Verzerrung durch Vorannahmen des Forschers oder der Forscherin. Der Gegenstand wird in der „Sprache des Materials“ (ebd.) erfasst. Nach dem Abstrahieren der Phrasen wurden die Kategorien über das Statistikprogramm SPSS 13.0 erfasst und quantitativ ausgewertet. Zur methodischen Nachvollziehbarkeit wurden für das SPSS-Codieren Ankerbeispiele formuliert.

3.4  Kategoriensystem

Anhand der vorliegenden Daten wurde ein Kategoriensystem entwickelt, das vier Typen von JournalistInnen determiniert. Die Typenbildung erfolgte anhand der Einstellung der AkteurInnen zum Thema Migration, der Analyse des Problems der Integration, ihrer Lösungsorientierung, ihrer persönlichen Aktivität in Hinblick auf eine Veränderung in der Berichterstattung:

  • Typ A: Problembewusst-Aktiv: eher differenziert denkend, problembewusst – lösungsorientiert, aktiv, positive Einstellung zu Migration
  • Typ B: Problembewusst-Passiv: eher differenziert denkend, problembewusst – lösungsorientiert, passiv (trotz guter Analysen), positive oder neutrale Einstellung zu Migration
  • Typ C: Verständnislos-Aktiv: eher undifferenziert bzw. stereotyp denkend, nicht problembewusst – keine Lösungsorientierung, negative Einstellung zu Migration (aktiv) 
  • Typ D: Verständnislos-Passiv: eher undifferenziert bzw. stereotyp denkend, nicht problembewusst – keine Lösungsorientierung, negative oder neutrale Einstellung zu Migration (passiv).

4. Ergebnisse

Typen von JournalistInnen: Großteil ist problembewusst – viele sind passiv

Mehr als zwei Drittel (rund 85 Prozent) der Befragten kann als problembewusst und differenziert denkend beschrieben werden. Die Gruppe der „Problembewussten“ bewertet die Darstellung der MigrantInnen in den österreichischen Medien als problematisch, weil MigrantInnen häufig mit negativen Ereignissen wie Kriminalität (Drogen, illegale Zuwanderung, Raub, Mord, Schlepperbanden), Problemen im Bildungssystem, im Wohnungsbereich und mit fehlender Integrationswilligkeit in Verbindung gebracht werden. Die „Problembewussten“ kann man in Aktive und Passive trennen. Die Aktiven versuchen selbst die Situation zu verändern. Die Passiven hingegen analysieren oftmals ausgezeichnet, wirken jedoch selbst wenig engagiert oder sehen keinen Handlungsspielraum. Die „passiven Problembewussten“ verwenden auch häufig Verben wie: sollte, könnte, müsste etc.

  • Abbildung1

Mediale Berichterstattung über MigrantInnen: überwiegend negativ und anlass-bezogen

81 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass MigrantInnen überwiegend negativ dargestellt werden, 8 Prozent meinen, die Darstellung sei neutral, der Rest meint überwiegend positiv. Die am häufigsten genannten Kontexte sind Kriminalität, soziale Themen, politische Konflikte, Einzelschicksale und Sprachprobleme. Die Berichterstattung über das Thema Integration wird als stark anlassbezogen beurteilt. „Bad news are good news!“ Was zähle, sei die „Story“ und dabei seien Nachrichtenwerte wie Konflikt, Kriminalität und Misserfolg ausschlaggebend. Ist Aufmerksamkeit in der Bevölkerung für das Thema vorhanden, seien Berichte nach Meinung der Befragten wesentlich leichter „unterzubringen“.

 

  • Abbildung2

Durch das Erzeugen von Nähe und das Berichten über Einzelschicksale könne Interesse bei den LeserInnen erzeugt werden. Berichte über Einzelschicksale in Boulevardmedien werden aber auch als Feigenblattaktion zu der tendenziösen Blattlinie gesehen.

Scharfe Kritik an der Kronen Zeitung, Kritik am ORF

Auf die Frage, wie Migranten und Migrantinnen in Medien dargestellt werden, haben sehr viele der Befragten sofort eine Differenzierung zwischen Boulevardzeitungen und Qualitätszeitungen vorgenommen. So nach dem Motto: „Es kommt halt auf das Medium an!“ Als desintegrative Medien werden Boulevardmedien –  im Speziellen die Kronen Zeitung –  genannt, die nach Meinung der Befragten nach einem Schwarz-Weiß-Schema berichten. Der Österreichische Rundfunk wird aufgrund seines Angebotes für MigrantInnen kritisiert. Sendungen wie „Heimat Fremde Heimat“ seien eine „Feigenblatt-Aktion“ des ORF, hätten ein schlechtes Format und eine schlechte Sendezeit.

50 Prozent sind der Meinung, es werde zu wenig über MigrantInnen berichtetInsgesamt bewerten

50 Prozent der befragten JournalistInnen die Berichterstattung über MigrantInnen in den österreichischen Medien als zu wenig, 31 Prozent als ausreichend, 19 Prozent haben keine Antwort gegeben. Argumente für die geringe Berichterstattung in den österreichischen Medien sind:

  • Vorgaben der Führungsebene 
  • Ökonomischer Faktor – LeserInneninteresse gibt Themenranking vor
  • Angst vor negativer BerichterstattungIntegration wird von allen als ein heikles und polarisierendes Thema gesehen. Das geht soweit, dass vielfach auf negative Berichterstattung verzichtet wird, aus Angst sofort ins rechte Eck gerückt zu werden.

Das „Sich-Wiederfinden“ in den österreichischen Medien hänge vom Medium ab

Ob sich MigrantInnen in den österreichischen Medien wiederfinden, hängt nach Meinung von 50 Prozent der Befragten vom Medium ab. 23 Prozent der Befragten denken, dass sich MigrantInnen in den österreichischen Medien sehr wohl wiederfinden, 12 Prozent sind gegenteiliger Meinung. Ethnomedien werden nach Meinung der Befragten bevorzugt genutzt.

Die Nutzung österreichischer Medien ist für die Mehrheit ein Integrationsindikator

Rund 84 Prozent der befragten JournalistInnen sehen einen Zusammenhang zwischen der Mediennutzung und Integration. Die Nutzung der österreichischen Medien durch MigrantInnen wird als Integrationsindikator gesehen, als Interesse an der neuen Heimat.

Hauptaufgaben von JournalistInnen: Information, Aufklärung und Kontrolle

Die befragten ChronikjournalistInnen sehen ihre Hauptaufgaben in der Information und der Aufklärung der Bevölkerung und in der Kontrolle der politischen und gesellschaftlichen Akteure. Das Schaffen von Öffentlichkeit für das Anliegen von Randgruppen und Minderheiten (Artikulation) in unserer Gesellschaft wurde nur dreimal erwähnt.

  • Abbildung3

Begriff „mediale Integration“ ist für 62 Prozent unbekannt

Der Begriff „mediale Integration“ ist rund 62 Prozent der JournalistInnen unbekannt. Der Rest kennt den Begriff und kann ihn erklären.

Erste, persönliche Erfahrungen mit Zuwanderung prägten die Einstellungen zum Thema Migration und Integration

Rund 27 Prozent der Befragten nannten mediale Diskurse, über 34 Prozent nannten persönliche Erlebnisse als ausschlaggebend für ihre Einstellungen beim Thema Migration und Integration. Rund 30 Prozent der ersten Erfahrungen waren negativ, 38 Prozent waren neutral.  Die Untersuchung hat gezeigt, dass Einstellungen zum Themenfeld Migration und Integration von den ersten, persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Zuwanderung stark beeinflusst werden. Interessant ist die Tatsache, dass ein erheblicher Anteil ausschließlich mediale Ereignisse, also Sekundärerfahrungen, als „erste Erfahrungen“ berichtet haben.

Chronik, Innenpolitik und Sport berichten am meisten

Chronik, Innenpolitik und Sport berichten nach Meinung der Befragten am häufigsten über das Thema Integration.

  • Abbildung4

85 Prozent der Befragten: „Medien beeinflussen den Integrationsprozess“

Rund 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Berichterstattung über MigrantInnen in den Medien den Integrationsprozess beeinflusst. Die Richtung der Beeinflussung sei jedoch das Ausschlaggebende.

Veränderungen im österreichischen Mediensystem in Hinblick auf Integration erwünscht

Über zwei Drittel (77 Prozent) der Befragten wünschen sich eine Veränderung im österreichischen Mediensystem in Hinblick auf das Thema „Integration“. Sie wünschen sich mehr MigrantInnen in den Medienbetrieben. Diese hätten mehr Verständnis für die Probleme von MigrantInnen. Weiters wünschen sie sich eine größere Medienvielfalt in Österreich und mehr Unterstützung für MigrantInneninitiativen.

Folgende Forderungen werden von den Befragten an den Journalismus gerichtet:

  • Keine „Extra“-Hervorhebung der MigrantInnen in Berichten
  • MigrantInnen als InformantInnen heranziehen – Recherche vor Ort
  • Berührungsängste abbauen
  • Qualitätsvollere Berichte – Einhalten des Ehrenkodex der österreichischen Presse
  • Bessere Ausbildung der JournalistInnen

Keine der Parteien besitzt ein erfolgversprechendes Integrationskonzept

Viele Befragte (rund 42 Prozent) sind der Meinung, dass keine der Parteien ein erfolgversprechendes Integrationskonzept besitzt. Es gäbe kein Patentrezept. Als die erfolgversprechendsten Integrationskonzepte wurden noch am ehesten jene der Grünen und der SPÖ genannt (27 Prozent). Die Befragten kritisieren die jahrelange Vernachlässigung der Themen Migration und Integration von Seiten der PolitikerInnen. Es fehle ein konstruktives Diskussionsklima. Es herrsche in der Politik in Sachen Migration und Integration großteils Ideenlosigkeit.

85 Prozent sind der Meinung, dass das Thema Integration an Bedeutung gewinnen wird

Die mediale Integration, also die Einbindung von Migrantinnen und Migranten in das Mediensystem, wird nach Meinung des überwiegenden Teils der JournalistInnen zunehmen und das Thema Integration werde an Bedeutung gewinnen, MigrantInnen werden aufgrund der demographischen Entwicklung Österreichs automatisch in die Medienbetriebe hineinwachsen.

5. Ausblick

Die Intention dieser Untersuchung war es, die gesellschaftspolitische Verantwortung von Kommunikatoren im Umgang mit dem „Fremden“ aufzuzeigen bzw. in Erinnerung zu rufen. Um das Themenfeld „Migration und Medien“ aus wissenschaftlicher Sicht besser auszuleuchten, sind nach Meinung der Autorin zudem Grundlagenuntersuchungen hinsichtlich des Diversitymanagements in österreichischen Medienbetrieben, zur Darstellung von MigrantInnen in österreichischen Medien, zu Minderheitsmedien in Österreich  (Inhalte, Anzahl, Einstellungen zur Mehrheitsgesellschaft, Ressourcen und Redaktionsstrukturen) sowie Mediennutzung und -ausstattung von MigrantInnen-Haushalten in Österreich notwendig.

6. Literaturverzeichnis

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Burkart, Roland (2002): Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Wien (et.al.): Böhlau, 4. Auflage.

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Geißler, Rainer(2005): Interkulturelle Integration von Migranten – ein humaner Mittelweg zwischen Assimilation und Segregation. In: Geißler, Rainer/Pöttker, Horst (Hrsg.) (2005): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Bielefeld: transcript, S. 45-70.

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