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Was Sie schon immer über Jugendliche wissen wollten...

...aber nie seriös beantwortet bekamen: Anhand aktueller Studien prüfen wir den Wahrheitsgehalt populärer Klischees nach. Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund vertreten oft ähnliche Werte – aber nicht immer.

VON CHRISTINE VESELY

 

 

KLISCHEE 1: „Österreichische Jugendliche sind rechts und wählen FPÖ.“

Die SORA-Nachwahlbefragung der Nationalratswahlen 2008 kann die These vom „Rechtsruck“ unter Österreichs Jugendlichen nur teilweise bestätigen. Wahlgewinner bei den 16- und 17-Jährigen ist die ÖVP mit 22 Prozent bzw. 27 Prozent. Erst mit fortschreitendem Alter holt die FPÖ auf. In der Gruppe der 16- bis 24-Jährigen insgesamt ist sie mit 19 Prozent knapp stärkste Partei (siehe Diagramm). Auffallend ist, dass die FPÖ bei jungen Frauen mit 16 Prozent schwächer abschneidet als bei jungen Männern (20 Prozent). Die Analyse der Wahlmotive zeigt: Zu 43 Prozent ist Jugendlichen der Kampf gegen Rassismus wichtig und zu 35 Prozent strenge Einwanderungsgesetze. Entscheidender sind jedoch Ausbildung (76 Prozent), Arbeitslosigkeit sowie Gleichberechtigung (je 67 Prozent).

KLISCHEE 2: „Migrantische Jugendliche haben mit Leistung nichts am Hut.“

Die Österreichische Jugend-Wertestudie bilanziert: Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist ein „sicherer Arbeitsplatz“ tendenziell weniger wichtig als dem Durchschnitt, wie auch „selbstständige Arbeitsbereiche“ oder ein Beruf, der „den eigenen Fähigkeiten entspricht“. Aber auch gute Bezahlung scheint kein klares Kriterium für die Berufswahl zu sein. Lediglich „wenig Stress“ nennen mehr Jugendliche mit als ohne Migrationshintergrund als wichtigen Aspekt. Muslimische Jugendliche hegen vergleichsweise geringes Interesse an einer guten Bezahlung, Arbeitsplatzsicherheit oder Selbstverwirklichung. Muslimische Mädchen geben im Vergleichzu Burschen fast doppelt so häufig an, Interesse am Weiterlernen im Beruf zu haben.

KLISCHEE 3: „Nur einheimische Jugendliche haben mit Ausländer/innen Probleme.“

Die Ergebnisse der GfK Austria-Studie über die Einstellung Jugendlicher zu Migrant/innen halten sich die Waage: Jeweils rund die Hälfte der 16- bis 29-Jährigen hat „große Probleme“ (48 Prozent) mit Zuwanderern bzw. „wenig oder keine Probleme“ (51 Prozent). Junge Menschen mit Migrationshintergrund sind dabei aber besonders kritisch. Unter ihnen geben sogar 55 Prozent an, „große Probleme“ mit Zuwanderern zu haben (siehe Diagramm). Die Detailanalyse zeigt: Jugendliche, die „sehr große“ Probleme sehen, verweisen überdurchschnittlich auf Kriminalität und Drogenhandel, mangelnde Integration und Gewalttätigkeit. Jugendliche, die „eher großen“ oder nur „geringen“ Problemdruck orten nennen auch Schulprobleme, Spannungen im Zusammenleben und Vorurteile als Probleme. Junge Menschen, die selber Migrationshintergrund haben, heben ebenfalls Kriminalität und Drogen sowie Sprachprobleme, aber auch Integrationsunwilligkeit hervor. Umgekehrt werden Arbeitslosigkeit sowie Kultur- und Religionsunterschiede seltener genannt. In Summe erweist sich die Problemsicht von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund als ziemlich ähnlich, bilanzieren die Forscher.

KLISCHEE 4: „Junge Türken tun bei der Partnerwahl, was die Eltern wollen – und holen sich ihre Ehefrauen aus der Türkei.“

Eine Umfrage von ZAMAN und der MA 17 unter türkischen Jugendlichen in Wien ergibt, dass bei rund 64 Prozent der bereits verheirateten Befragten der Ehepartner in der Türkei geboren wurde und zu 59 Prozent auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt. Beim Thema „arrangierte Ehen“ gibt es ein Kluft zwischen den Geschlechtern: Knapp ein Drittel (31 Prozent) der Männer stimmt der Aussage zu, es sei am besten, wenn die Eltern den Ehepartner auswählen. Unter den jungen Türkinnen sehen das dagegen nur 19 Prozent so.

KLISCHEE 5: „Jugendliche sind anfällig für den starken Mann.“

Nach den Erkenntnissen der Österreichischen Jugend-Wertestudie befürwortet die Mehrheit demokratische Grundwerte. Trotzdem ist laut Jugend-Wertestudie knapp die Hälfte (47 Prozent) dafür, dass ein starker, nicht gewählter Mann „mal wieder Ordnung“schaffen solle. Umgekehrt sind laut SORA immerhin 82 Prozent der Meinung, dass Demokratie „trotz Problemen die beste Regierungsform“ ist. Jugendliche mit Migrationshintergrund schneiden prinzipiell etwas schlechter ab. Sie stimmen laut Wertestudie dem Demonstrationsrecht (84 zu 77 Prozent) und dem Recht auf freie Meinungsäußerung (87 zu 81 Prozent) etwas weniger zu. Ein „starker Mann“ als Führer wird von Migrant/innen insgesamt (41 Prozent) und vor allem von Muslim/innen (54 Prozent) stärker präferiert als von einheimischen Jugendlichen (36 Prozent). „Neo-autoritäre“ Ansichten haben, so die Jugendforscher, signifikant mehr muslimische als nicht-muslimische Migrant/innen (siehe Diagramm). Das hat allerdings weniger mit der Religion als mit deren sozioökonomischer Situation zu tun, die bildungsbedingt oft schlecht ist.

  • Diagramm 1: Wen haben die Jugendlichen bei der Nationalratswahl 2008 gewählt?

  • Diagramm 2: Wer sieht Probleme mit Ausländern?

  • Diagramm 3: Wie autoritär denken Jugendliche mit Migrationshintergrund?

Buchtipps

GfK Austria: Integration in Österreich. Einstellungen, Orientierungen und Erfahrungen von MigrantInnen und Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung. Wien 2009.

Ingrid Kromer, Christian Friesl, Regina Polak: Lieben Leisten Hoffen. Die Wertewelt junger Menschen in Österreich. Wien 2008.

SORA, Institut für Strategieanalysen, Ulrike Kozeluh: Wählen mit 16 bei der Nationalratswahl. Wien 2009.

ZAMAN Österreich, MA 17: Türkische Jugendliche in Wien und ihre Probleme. Wien 2009.