Positionen des Geschäftsführers
13.07.17

An der Integration der Frau zeigt sich oft die Einstellung ihres Mannes

Gastkommentar von ÖIF-Geschäftsführer Franz Wolf am 13. Juli 2017 im Magazin "Das Biber".

Vor etwa 100 Jahren gab es in Afghanistan ein Gesetz, das Männern und Frauen die gleichen Rechte in der Ehe gewährte. Frauen konnten einer Arbeit nachgehen und die Pflicht, das Kopftuch zu tragen, wurde aufgehoben. 2017 herrscht dort ein Männersystem, das Frauen kaum Raum für Freiheit gibt. In vielen anderen muslimischen Ländern ist Ähnliches der Fall. Und aus diesen Ländern sind in den letzten Jahren viele Menschen nach Österreich gekommen. Allein aus Afghanistan und Syrien haben in den letzten drei Jahren rund 83.000 Menschen einen Asylantrag in Österreich gestellt. Nun ist vieles für sie neu, vor allem auch die persönliche Freiheit und die damit verbundene Eigenverantwortung.

Auf anderen Kontinent gekommen – im selben Kultursystem geblieben

In Österreich gibt es per Gesetz Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in Beruf und Familie. Eine Vielzahl von Angeboten, von Sprachkursen über Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten, ebnen den Weg zu einem eigenständigen Leben. Diese Chance wird aber oft nur zögerlich ergriffen. Oft befinden sich Frauen, die nach Österreich gekommen sind, in einer schwierigen Situation: Sie sind in ein anderes Land, sogar auf einen anderen Kontinent gekommen, aber dabei im alten Kultursystem geblieben. Sie können dieses oft nur schwer verlassen und ihr Potenzial in Österreich nur zögerlich ausschöpfen. Das zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Syrerinnen und Afghaninnen waren 2016 mit 84% bzw. 56% besonders häufig arbeitslos. Natürlich ist es auch eine Frage der Zeit. Aber selbst bei Frauen mit türkischem Migrationshintergrund, die also oft schon selbst in Österreich geboren sind, verfügen 7 von 10 nur über einen Pflichtschulabschluss als höchste Bildungsstufe, ihre Erwerbstätigenquote liegt nur knapp über 40%. Diese Frauen müssen stärker ermutigt und unterstützt werden, ihre eigenen Wege in Österreich zu gehen. Aber wie stehen dazu die Familie und das eigene Umfeld?

Frauen haben mehr zu verlieren als Männer

Selbstverständlich gibt es Männer, die ihre Frauen und Töchter bei der Integration in Österreich unterstützen, sie zu Sprachkursen, Ausbildungen und zur Berufstätigkeit ermutigen. Doch es gibt auch jene Männer, die verhindern, dass Frauen eigenständig sind – und damit unabhängig. Sie wollen an Traditionen, Religion und Kultur und an einem Helden- und Versorgermythos festhalten, die in einer modernen Gesellschaft so nicht haltbar sind. An der Integration der Frau zeigt sich oft die Einstellung ihres Mannes. Werte und Regeln des Zusammenlebens, etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sind der Kern der Werte- und Orientierungskurse des ÖIF. Frauen und ihren Männern ist das gleichermaßen zu vermitteln. In Vertiefungskursen mit frauenspezifischen Schwerpunkten und Programmen wie „Mentoring für MigrantInnen“ werden Frauen zu ihren konkreten Bildungschancen informiert und bei der Teilnahme auf dem Arbeitsmarkt unterstützt.

Wer nicht erkennen will, unter welchen Bedingungen viele Frauen in Österreich leben, wie es um ihre Bildung und Beschäftigung steht, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit. Zunehmend setzen sich wieder starke Frauen für dieses Thema ein. Es sind noch zu wenige und sie brauchen mehr Unterstützung. Manche von ihnen sind lebensbedrohlichen Anfeindungen von patriarchalen Strukturen ausgesetzt. Man darf nicht vergessen, dass Frauen beim Thema Integration mehr zu verlieren haben als Männer. Wir müssen sie dabei unterstützen, sich aus unverschuldeter Unmündigkeit zu lösen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und ihre Chancen zu nutzen.

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