Donnerstag, 10. August 2017 09:57

Studie zu Einstellungen von Muslimen in Österreich

Filzmaier: 1.000 muslimische Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Tschetschenien und Somalia sowie Muslime bosnischer und türkischer Herkunft befragt

Die neue Studie „Muslimische Gruppen in Österreich. Einstellungen von Flüchtlingen, Zuwander/innen und in Österreich geborenen Muslim/innen im Vergleich.“ von der Donau Universität Krems von Peter Filzmaier und Flooh Perlot analysiert Einstellungen von Flüchtlingen, Zuwanderern und bereits in Österreich geborenen Muslimen zu ihrem Religionsverständnis, Gesellschaft, Politik, Familie und Antisemitismus. Die Befragung wurde im Zeitraum von Dezember 2016 bis Mai 2017 unter 1.129 Muslim/innen im Auftrag des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) erstellt. Befragt wurden Muslime mit türkischem und bosnischem Migrationshintergrund sowie muslimische Flüchtlinge aus den Ländern Syrien, Afghanistan, dem Irak, Iran und Somalia sowie aus Tschetschenien, die im Folgenden zusammenfassend als Flüchtlinge bezeichnet werden.

Große Unterschiede zwischen verschiedenen muslimischen Gruppen

Derzeit leben rund 700.000 Muslime mit überwiegend türkischem und bosnischem Migrationshintergrund in Österreich. In den letzten Jahren hat auch die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, zumeist Muslime, stark zugenommen. Die Studie zeigt, dass sich die unterschiedlichen muslimischen Gruppen in ihren Einstellungen und ihrer Religiosität zum Teil unterscheiden, betont Studienautor Professor Filzmaier: „Vor allem Befragte aus Somalia bezeichnen sich selbst als sehr gläubig, auch bei Personen aus Tschetschenien ist dieser Anteil überdurchschnittlich hoch. Während sich Befragte türkischer Herkunft und aus Syrien etwas häufiger als sehr gläubig deklarieren, sagt rund die Hälfte der Personen aus dem Iran und Personen bosnischer Herkunft von sich, nicht oder eher nicht gläubig zu sein.“

Verständnis für Verweigerung des Handschlags bei Hälfte der Flüchtlinge und 4 von 10 Befragten türkischer Herkunft

Zur Rolle des Islams in der Gesellschaft befragt, wünschen sich sieben von zehn der befragten Flüchtlinge sehr oder eher, dass der Islam in ihrer eigenen Familie eine starke Rolle einnehme. Dass der Islam auch in der Gesellschaft eine starke Rolle spielen soll, dieser Aussage stimmt ein Viertel der befragten Flüchtlinge sehr, weitere 20 Prozent eher zu. Fast zwei Drittel der Flüchtlinge sowie rund die Hälfte der befragten Menschen türkischer Herkunft sprechen sich sehr oder eher dafür aus, dass religiöse Regeln im Alltag auf jeden Fall Platz einnehmen sollen. Auch zeigen mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sowie über 40% der Türkeistämmigen sehr oder eher Verständnis dafür, wenn Männer Frauen nicht die Hand reichen.

Viertel der Flüchtlinge will islamische Rechtsvorschriften berücksichtigt sehen

Mehr als drei Viertel aller Befragten bosnischer Herkunft sowie zwei Drittel der Befragten türkischer Herkunft und mehr als die Hälfte der Flüchtlinge finden österreichische Gesetze und Vorschriften für gläubige Muslim/innen angemessen. Zugleich ist ein Viertel der Flüchtlinge der Meinung, dass islamische Rechtsvorschriften berücksichtigt werden sollen. Insbesondere Befragte aus Tschetschenien und Afghanistan sind häufiger dieser Meinung. Insgesamt wird die Aussage, dass man bereit sein muss für den Glauben zu sterben, klar abgelehnt (58% auf gar keinen Fall). Differenziert nach Herkunftsländern zeigt sich, dass sich unter den befragten Somaliern, aber auch unter Syrern und Menschen türkischer Herkunft, eine höhere Zustimmung zu der Aussage findet. In allen Gruppen wird sie aber klar mehrheitlich abgelehnt.

Ein Drittel der Flüchtlinge befürwortet gewaltsame Verteidigung der Familienehre

Jeweils mehr als 8 von 10 Flüchtlingen und Personen türkischer Herkunft beurteilen die Ehre der eigenen Familie als sehr oder eher wichtig, besonders groß ist die Bedeutung der Familienehre für Befragte aus Somalia und Tschetschenien. Befragte bosnischer Herkunft messen dem Thema am wenigsten Bedeutung zu. Die gewaltsame Verteidigung der Familienehre wird von mehr als einem Drittel der Flüchtlinge befürwortet – unter ihnen besonders von Somaliern und Tschetschenen – unter Befragten türkischer Herkunft von knapp jedem Dritten. Für das Thema Ehrenmord äußern weniger als 10 Prozent der befragten Flüchtlinge und Personen türkischer Herkunft Verständnis. Unter Personen bosnischer Herkunft lehnen praktisch alle Ehrenmord ab.

Für 4 von 10 Befragten türkischer Herkunft sollen Frauen als Jungfrauen in die Ehe gehen

40% der Befragten türkischer Herkunft sowie ein Drittel der Flüchtlinge wollen, dass Frauen auf jeden Fall als Jungfrauen in die Ehe gehen. Unter Menschen bosnischer Herkunft stimmt nur ungefähr jeder Zehnte dieser Aussage zu. Für knapp zwei Drittel der Flüchtlinge ist es sehr oder eher wichtig, dass ihr Partner bzw. ihre Partnerin ebenfalls muslimischen Glauben hat, besonders wichtig ist dies für Somalier und Tschetschenen; auch mehr als die Hälfte der Befragten türkischer Herkunft stimmen hier zu. Der gemeinsame Turn- und Schwimmunterricht von Mädchen und Burschen wird von jedem Fünften der befragten Flüchtlinge stark abgelehnt.

Für drei Viertel der befragten Flüchtlinge und Personen türkischer Herkunft sollen öffentliche Witze über den Islam verboten sein

Eine Gleichberechtigung aller Religionen wird quer durch alle Gruppen mit mehr als 80% befürwortet. Knapp 60 Prozent der Flüchtlinge und Befragten türkischer Herkunft finden jedoch, dass es verboten sein soll, sich öffentlich über den Islam lustig zu machen, weitere rund 20% stimmen dieser Aussage eher zu. Gut 60% der Befragten bosnischer Herkunft sowie der Flüchtlinge meinen, dass sich der Islam an die Traditionen und die Kultur in Europa anzupassen hat, von den Personen mit türkischem Migrationshintergrund meint das knapp die Hälfte.

Israel teilweise als Feind der Muslime wahrgenommen

Knapp die Hälfte jener, die sich als sehr gläubig einschätzen, stimmen der Aussage zu, dass Israel der Feind aller Muslime sei. Besonders hoch ist die Zustimmung unter Somaliern sowie unter Syrern. Insgesamt stimmt ein gutes Drittel der Flüchtlinge und Personen türkischer Herkunft dieser Aussage zu, eine Mehrheit dieser Gruppe lehnt sie gleichzeitig ab. Der Aussage, dass Juden zu viel Macht auf der Welt hätten, stimmen gut ein Drittel der befragten Syrer und ein Viertel der Befragten türkischer Herkunft klar zu, ein weiteres Drittel stimmt dem eher zu.

Gefühlte Benachteiligung bei Menschen türkischer und afghanischer Herkunft am höchsten

Zwei Drittel der Flüchtlinge sowie drei Viertel der Befragten mit bosnischem Migrationshintergrund sehen für sich in Österreich keinen Nachteil aufgrund ihres Glaubens. Knapp die Hälfte der Befragten türkischer und afghanischer Herkunft hat das Gefühl, manchmal schlechter behandelt zu werden, unter sehr Gläubigen dieser Gruppen sagen dies rund 40%.

Die Studie „Muslimische Gruppen in Österreich. Einstellungen von Flüchtlingen, Zuwander/innen und in Österreich geborenen Muslim/innen im Vergleich“ der Donau Universität Krems von Peter Filzmaier und Flooh Perlot finden Sie unter www.integrationsfonds.at/publikationen