"Migranten müssen keine Nachkommen von Goethe sein!
Lokalaugenschein in einem A2-Deutschkurs. Institutsleiter Ossiri Gnaore über Deutsch als Chance und warum Integration keine grammatikalische Perfektion braucht.
VON FRANZISKA TROGER
Ein erster Frühlingstag in Wien. Die Sonne blitzt durch die Institutsräume von Ossiri‘s Lernakademie in der Brunnengasse im 16. Wiener Gemeindebezirk. Zwölf Schüler aus den verschiedensten Herkunftsländern sitzen hier und lernen Deutsch.„Es ist nicht leicht, aber es ist sehr nett mit der Lehrerin und den anderen Leuten“, meint Lutvija, eine Migrantin aus Bosnien. Sie lebt seit 2008 in Österreich. Sie ist ihrem Mann gefolgt, der schon länger hier wohnt. Auch Paul aus Indien findet den Deutschkurs sehr wichtig. „Wenn man hier lebt, muss man Deutsch lernen“, sagt er. Paul ist wegen seiner österreichischen Frau nach Wien gekommen. Inzwischen haben sie zwei Kinder. „Sie helfen mir immer mit meiner Hausübung“, lacht er.
Seit 11 Jahren führt Ossiri Richard Gnaore, der ursprünglich aus der Elfenbeinküste stammt, Ossiri’s Lernakademie. Er selbst kam nach Wien, um an der Diplomatischen Akademie zu studieren. Und ist geblieben. Nach verschiedenen beruflichen Stationen, unter anderem in einer Bank, gründete er im Jahr 2000 Ossiri’s Lernakademie. Hier machen sich die gesetzlichen Veränderungen der Integrationsvereinbarung (siehe Infokasten) bereits bemerkbar. Die Nachfrage nach A2-Kursen hat stark zugenommen, aber auch B1-Kurse werden bereits vermehrt nachgefragt.
Deutsch ist notwendig
Die höheren sprachlichen Anforderungen an Migranten hält Gnaore für machbar. „Deutsch ist eine Notwendigkeit um den sozialen Aufstieg zu ermöglichen.“ Dass Migranten zu Deutschkursen verpflichtet werden, sieht er nicht problematisch. „Nur mit Sprachkenntnissen ist eine vollständige Teilhabe an der Gesellschaft möglich. Ich glaube, da erübrigt sich das Wort Zwang.“ Viele Zuwanderer, die gut qualifiziert sind, würden wegen fehlender Deutschkenntnisse unter ihren Kapazitäten arbeiten, da müsse man entgegenwirken. Die Forderung, dass Migranten bereits vor dem Zuzug nach Österreich Deutsch lernen sollen, sieht Ossiri Gnaore differenziert. „In der Türkei ist jetzt ein wahrer Boom für Deutschkurse ausgebrochen, aber in anderen Regionen gibt es gar kein Angebot.“.
Das Wichtigste ist Kommunikation
Spracherwerb ist sehr individuell, erklärt der erfolgreiche Institutsleiter. „Manche Leute kommen zu uns und können nach sechs Monaten schon fast perfekt Deutsch. Andere – in dem gleichen Kurs, mit der gleichen Lehrerin – schaffen es nicht, das Niveau zu erreichen.“ Um die Integrationsvereinbarung für alle erfüllbar zu machen, müssten Schwächere durch Begleitmaßnahmen gefördert werden. Das Wichtigste ist für Gnaore allerdings die funktionierende Kommunikation und die Teilnahme am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben. „Migranten leisten enorm viel. Das hat doch mehr Gewicht als die grammatikalische Perfektion!“


