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"Ohne Sprache kann man nichts bewerkstelligen"

Ilan Knapp, Experte für Bildung und Sprache im Expertenrat des Nationalen Aktionsplans (NAP), spricht sich im Interview für gratis Deutschkurse für Migranten aus.

VON URSULA SCHALLABÖCK

Integration im Fokus: Welche Empfehlungen haben Sie im Rahmen des NAP bereits gegeben?
Ilan Knapp: Ich habe mich für die Regelung „Deutsch vor Zuzug“ ausgesprochen. Dieses Modell ist bereits in mehreren Ländern durchgesetzt und sollte auch EU-Norm werden. Das Argument, dass in ländlichen Bereichen keine Deutschkurse zu bekommen sind, lasse ich nicht gelten. Mittels Internet kann man gratis über E-learning Kurse Deutsch lernen.

Integration im Fokus: Warum ist die Sprache so wichtig?
Knapp: Ohne Sprache kann man nichts bewerkstelligen. Die Reihenfolge muss lauten: Sprache und dann Bildung. Erst wenn ich die Sprache kann, kann ich mich auch bilden. Sprache bedeutet Autonomie und Freiheit, „in“ sein und nicht „out“ sein.  Dass die Leute dann in Österreich weiter gefördert werden, muss dem Staat aber auch etwas wert sein.Fokus: Sollten Deutschkurse gratis sein?Knapp: Ja. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Stufe.

Integration im Fokus: Sollte Österreich von allen Migrantengruppen Deutschkenntnisse verlangen?
Knapp: Ich verstehe nicht, warum hier eine Unterscheidung zwischen EU-Bürgern und Nicht-EU-Bürgern gemacht wird. Warum soll ein Bulgare nicht auch Deutsch lernen? Auch Leute, die schon länger da sind, sollten eingeladen werden,  an Deutschkursen teilzunehmen, auch wenn sie 80 Jahre alt sind. Deutschland hat in den letzten fünf Jahren ca. 850.000 Menschen in Deutsch nachgeschult.

Integration im Fokus: Welchen Stellenwert hat Bildung für gelungene Integration?
Knapp: Neben Sprache ist Berufsqualifikation eine der wesentlichsten Voraussetzungen. Österreich sollte Personen einladen, die schon über Bildung bzw. eine Berufsausbildung verfügen. Ein Unternehmen sucht sich ja auch seine Mitarbeiter aus. So sollte es auch der Staat machen. Zuwanderer ohne sprachliche und berufliche Qualifikation aufzunehmen, geht nicht.

Integration im Fokus: Wie können Kinder von Migranten besser gefördert werden?
Knapp: Ein früherer Bildungseinstieg wäre wünschenswert. Kinder lernen im 3.und 4. Lebensjahr sehr schnell, insbesondere von der Umgebung, von Gleichaltrigen und von der Gruppe. Es muss von Eltern verlangt werden, ihr Kind in eine Gruppe zu geben. Das ist auch eine Erleichterung für Frauen.

Integration im Fokus: Welche Bedeutung hat Migration für Sie?
Knapp: Migration bedeutet Weiterentwicklung. Es gibt nichts Schöneres, als Vielfalt zu haben. Es ist ein Problem, wenn Ghettoisierungen entstehen. Das ist genau das Gegenteil: kein Austausch, kein Weiterentwickeln. Wir müssen die Menschen, die zu uns kommen, fördern und motivieren, dass sie nicht sagen „ich muss“, sondern „ich will“!

Zur Person

Prof. MMag. Dr. Ilan Knapp leitet das Jüdische Berufliche Bildungszentrum (JBBZ) und ist Experte für Bildung und Sprache im Expertenrat des Nationalen Aktionsplans für Integration (NAP) der Bundesregierung.Foto JBBZ