"Spricht in meiner Schule niemand Deutsch?"
98 Prozent Migrantenanteil. Schulalltag zwischen Chance und Herausforderung.
VON FRANZISKA TROGER
17,6 Prozent aller österreichischen Schüler haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Besonders stark ist der Anteil an Wiener Schulen. Hier haben 41,8 Prozent als Erstsprache nicht Deutsch ( Siehe Grafik rechts). Doch heißt das, dass in unseren Schulen niemand mehr Deutsch spricht? Wie sieht die Realität in Schulen mit hohem Migrantenanteil fern aller Statistiken aus?
Alle sprechen Deutsch
Karlheinz Fiedler, Direktor der Kooperativen Mittelschule (KMS) Brüßlgasse, entkräftet das gängige Vorurteil. „An unserer Schule sprechen alle Kinder Deutsch. Deutsch ist die Unterrichtssprache und auch die Umgangssprache der Schüler.“ Auch Milan, ein serbischer Schüler, der erst seit drei Jahren in Österreich ist, meint: „Wir unterhalten uns fast immer auf Deutsch. Wenn ich mit Mitschülern aus Afghanistan, der Türkei oder Österreich spreche, verstehen wir uns sonst eh nicht.“ Dass nicht alle Schüler perfekt Deutsch sprechen, ist aber auch eine Tatsache. „Es ist eine Frage von Engagement, aber auch von Talent, wie gut man eine Sprache erlernen kann,“ meint der Direktor dazu.Milan geht in die 4d der KMS Brüßlgasse. Eine „Einsteigerklasse,“ so Direktor Fiedler: „Im Schnitt sind die Schüler erst seit eineinhalb Jahre in Österreich.“ Sie lernen alle durch Kurse an der Schule Deutsch und haben große Zukunftspläne. „Eine HTL besuchen,“ meint der türkeistämmige Sefa. Fereschte, ein Mädchen aus Afghanistan, möchte eine Lehre zur Apothekerin machen. Milan später einmal zur Polizei gehen. Englischlehrerin Piroska-Tüde Nemeth, die selbst aus Ungarn stammt, bringt die Schulphilosophie auf den Punkt: „Mich rührt es nicht zu Tränen, wenn ein Kind zu uns kommt und nicht Deutsch sprechen kann. Ich habe diese Situation selbst gemeistert. Ich weiß, was mit Zielstrebigkeit und Fleiß zu erreichen ist.“
Eltern als Problem
Direktor Fiedler sieht eine der größten Herausforderungen der Schule in der Elternarbeit. „Ein Teil der Eltern ist sehr engagiert und will, dass die Kinder weiterkommen.“ Ein anderer Teil habe allerdings keinen Zugang zur Schule. „Sie haben Schule selbst nicht erlebt. Der Weg an die Schule ist für sie wie ein Weg zu einem Amt.“ Es müssen neue, positive Wege gefunden werden, Eltern in die Schule einzubinden. „Leider ist finanzieller Druck, wenn die Familienbeihilfe zurückbehalten wird, bislang die einzige Möglichkeit Eltern zur Mitarbeit in die Schule zu bringen.“
Schulreformen sind notwendig
„Eine systematische Schulreform muss her,“ erklärt der Direktor. Eine gemeinsame Ausbildung der Lehrer für höhere und Mittelschulen sei genauso notwendig wie eine stärkere Individualisierung des Unterrichts. „Wir brauchen mehr Lehrer und auch die räumlichen Voraussetzungen, um auf die individuellen Bedürfnisse unserer Schüler eingehen zu können.“
Pflichtschulen besser als ihr Ruf
25 Prozent der Schüler der KMS Brüßlgasse wechseln nach der 4.Klasse an eine weiterführende Schule. „Im letzten Jahr konnten wir über unsere Projekte zur Berufsorientierung 46 Schülern den Berufseinstieg ermöglichen. Das ist eine sehr gute Zahl,“ so Fiedler. Dass jedoch besonders türkeistämmige Schüler oft nicht über den Pflichtschulabschluss hinauskommen, kann sich auch der Direktor nicht erklären. „Türkeistämmige Mädchen sind sehr lernwillig, wollen zum Großteil unbedingt an weiterführende höhere Schulen. Bei den Burschen ist es anders. Die sehen vielleicht noch ihre alten Familienstrukturen als nachahmenswert.“Als den großen Vorteil seiner Schule sieht Direktor Fiedler das gemeinsame Aufwachsen der Kinder aus verschiedensten Kulturen und Religionen. „Kinder lernen früh, einander zu akzeptieren.“ Dass viele österreichische Eltern öffentliche Pflichtschulen ablehnen und ihre Kinder stattdessen in Privatschulen schicken, kann Fiedler nicht nachvollziehen. „Internationalität an privaten Schulen ist besonders erstrebenswert, an öffentlichen Schulen negativ. Was dort pro Semester Unsummen kostet, ist bei uns gratis,“ lacht er.
Info: Kooperative Mittelschule
Die Kooperative Mittelschule (kurz KMS) Brüßlgasse liegt im 16. Wiener Gemeindebezirk. Ein Großteil der 270 Schüler im Alter von 10 bis 14 Jahren hat einen Migrationshintergrund. Insgesamt sind 32 Nationen vertreten, die Schüler sprechen 24 verschiedene Muttersprachen. Die Schule engagiert sich stark für Projekte im Integrationsbereich. Jüngst wurde gemeinsam mit dem Österreichischen Gewerbeverein die Initiative „Was erwartet die Wirtschaft heute von Schulabgängern?“ entwickelt. Am 30. Mai 2011 werden Ergebnisse des österreichweiten Projekts präsentiert.


