"Es gibt eine Doppelidentifikation. Kein Entweder-Oder".
Christoph Reinprecht, Professor für Soziologie an der Universität Wien, im Experteninterview über Diasporapolitik und Identitätsbildung.
VON FRANZISKA TROGER
Fokus: Wie kann man den Begriff Diaspora definieren?
Christoph Reinprecht: Der eigentliche Wortsinn bedeutet verstreute Gemeinschaft .Heute wird der Begriff „Diaspora“ häufig für Auslandsgruppen wie die türkischen Migranten in Österreich benutzt, was jedoch auf diese Gruppe nicht zutrifft. Die jüdische Diaspora ist ein klassisches Beispiel für die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs. Er betont das Gezwungen-Sein, in der Verstreuung zu leben. Man ist auf eine mögliche Rückkehr in die gemeinsame Heimat orientiert. Das Leben in der Diaspora wird als ein Exil, also Leben unter Fremden, wahrgenommen.
Bremst das Engagement von Migranten in Diaspora-Vereinen die Integration?
Wenn Migranten in Österreich Strukturen aufbauen um ihre Sprache und Tradition zu pflegen, dann ist das eigentlich der beste Ausdruck von Integration. Der Begriff Migrant bezeichnet ja jemanden, der wandert. Wenn man sich aber ein Vereinsleben im neuen Land aufbaut, heißt das, dass man bleiben will, fix in der österreichischen Gesellschaft verankert ist.
Aussagen türkischer Politiker, die erklären „Türken bleiben immer Türken“ sind bei der Integration aber wenig hilfreich...
Solche Aussagen sind Nationalismus und Kalkül - insbesondere ökonomisches Kalkül. Die Rücküberweisungen von Auslandsbürgern sind eine wichtige Ressource für die Herkunftsländer, auch die Frage nach Humankapital, also „Brain Gain“-Prozesse spielen eine wichtige Rolle. Mit dieser Politik versucht die Türkei Potentiale der Auslandsbürger wieder an sich zu binden und für die eigene Entwicklung zu nutzen. Potentiale, die die Aufnahmeländer lange ignoriert haben. In Österreich wurden bestimmte Migrantengruppen ja sehr lange klein gehalten, waren nur in bestimmten Sektoren des Arbeitsmarkts erwünscht.
Auch Serbien kümmert sich verstärkt um seine Auslandsbürger. Gibt es Unterschiede zur Politik der Türkei?
In der Diasporapolitik Serbiens sieht man deutlich, wie der Staat versucht, Einheit zu betonen. Serbien ist aber in einer anderen Situation als die Türkei. Sie sind in einer defensiveren Stellung und das Land ist vor allem vom ökonomischen und intellektuellen Potential seiner Auslandsbürger stark abhängig. Der Unterschied zwischen Serbien und der Türkei ist auch, dass die serbische Migration in Österreich überwiegend assimilativ orientiert ist. Die Bindungen ans Herkunftsland sind allein schon durch den Krieg wesentlich schwieriger als in der Türkei.
Warum fühlen sich gerade viele Türken nicht Österreich, sondern der Türkei zugehörig?
Wenn man aus der Türkei kommt, ist es naheliegend, sich eher nach innen zu orientieren. Man wird vom Umfeld sofort mit dem Islam identifiziert, als etwas Fremdes etikettiert. Aus meinen eigenen Untersuchungen zeigt sich, dass die Identifikation mit dem Herkunftsland groß ist, aber auch die mit Österreich. Man kann sagen, es gibt eine Doppelidentifikation. Die Zeiten, in denen man jemandem vorschreiben konnte, entweder Türke oder Österreicher zu sein, sind einfach vorbei .
Welche Strategien sollte die Politik verfolgen um die Bindung an Österreich zu stärken?
Wir müssen Strukturen schaffen, die die Leute willkommener heißen, die ihnen Chancen eröffnen, Aufstiegsmöglichkeiten für die Kinder bieten. Das ist eine primär sozial- und bildungspolitische Aufgabe, die Bindung an Österreich braucht eine soziale und ökonomische Grundlage. Kulturelles kann die ökonomische, gesellschaftliche Festigung nicht ersetzen.

