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"Wir brauchen mehr islamische Schulen“

Exklusives Interview: Fuat Sanac spricht über die Zukunft der Glaubensgemeinschaft und sagt, dass islamische Schulen die Integration fördern.

 

VON FRANZISKA TROGER

Fokus: Die Wahl der IGGIÖ ist vor kurzem in Wien zu Ende gegangen. Wie hoch war die Wahlbeteiligung österreichweit?

Fuat Sanac: Die Zahl der registrierten Mitglieder liegt bei ca. 100.000 Personen in ganz Österreich. Zur Wahl zugelassen ist, wer sich registriert hat und den Kultusbeitrag von 40 Euro bezahlt hat. Rund 30.000 Personen waren wahlberechtigt, knapp 11.000 davon allein in Wien. 

Können Sie den Vorwurf, dass der IGGIÖ wegen der schwachen Wahlbeteiligung die demokratische Legitimation fehlt, nachvollziehen?

Die IGGIÖ ist überdemokratisch. In welcher Glaubensgemeinschaft kann man sonst die Vertreter auf regionaler Basis direkt wählen? Die niedrige Wahlbeteiligung ist aber natürlich ein Problem. Viele betrachten die Wahl als etwas aus der Politik, damit wollen sie nichts zu tun haben. Besonders Alte haben kein Verständnis dafür, dass man sich als geborener Muslim noch einmal registrieren muss. Die Jungen denken da bereits anders: 70 Prozent unserer Registrierungen fallen auf Jugendliche. Sie sind hier aufgewachsen, verstehen besser, dass es in Österreich bürokratische Regeln gibt.

Die türkischen Muslime haben durch diese Wahl an Einfluss in der IGGIÖ gewonnen. Wie wirken sich die veränderten Machtverhältnisse aus?

Nationalismen sind im Islam verpönt. Bei der Wahl der Vertreter geht es nicht um die Herkunft oder Nationalität, sondern um die Qualifikation zum Amt. Die Türken waren im Übrigen von Anfang an in der IGGIÖ vertreten und gut organisiert.

Welche Veränderungen wird es in der Glaubensgemeinschaft geben?

Die Wahl ist für mich ein Neubeginn: Wir brauchen neue Gesichter. 12 Jahre seit der letzten Wahl waren zu lang. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass in der neuen Verfassung verankert ist, dass alle vier Jahre gewählt wird und die Wahl innerhalb von drei Monaten abgewickelt sein muss.

Wie sieht es mit dem Frauenanteil in der IGGIÖ aus?

Es ist mein großer Wunsch, dass sich Frauen stärker in die Glaubensgemeinschaft einbringen. Bis jetzt gab es 14 weibliche Delegierte (von insgesamt 174). Wir wollen diese Zahl aber erhöhen. Generell muss die Erziehung und Bildung der Frauen gefördert werden.

Zum Religionsunterricht: Ist der islamische Religionsunterricht noch zeitgemäß?

Der alte Lehrplan war sehr klassisch, im neuen Entwurf wird auf Schulstufen und Schultypen Rücksicht genommen. Unsere älteren Lehrer haben viel aus der Praxis gelernt, weil eine Ausbildung früher noch fehlte, wir bieten für sie jetzt Fortbildungen und Schulungen an. Unsere jungen Lehrer werden in der IRPA (Privater Studiengang für das Lehramt für islamische Religionspädagogik an Pflichtschulen) nach den letzten pädagogischen Methoden ausgebildet. Ein Ziel ist es auch Imame und Seelsorgerinnen selbst auszubilden. Denn wenn ein Imam hier ausgebildet wird, spricht er die Sprache perfekt und ist voll in die Gesellschaft integriert.

Was sagen Sie zu der Studie von Mouhanad Khorchide, einem ehemaligen IGGIÖ-Mitglied, die besagt, dass 22 Prozent der Islamlehrer Demokratie ablehnen?

Ich betone ganz klar: Wer mit Demokratie nicht einverstanden ist, soll gehen. Diese Studie vermittelt aber ein falsches Bild unserer Lehrerschaft. Die Befragung war missverständlich gestellt, die Studie ist nicht repräsentativ.

Die IGGIÖ betreibt eine eigene Fachschule für Soziale Bildung und betreut die islamischen Privatschulen. Sind weitere islamische Schulen geplant?

Ja, wir brauchen noch mehr Schulen. Das Angebot an höheren muslimischen Schulen kann Eltern dazu motivieren, ihre Kinder nicht nur in die Pflichtschule zu schicken, sondern sie höher auszubilden – bis hin zum Studium. Wir bieten auch spezielle Nachmittagsbetreuung – gemeinsames Essen, Hausübung machen. Die Eltern haben mehr Vertrauen in unsere Schulen, sie wissen, dass z.B. die Essensvorschriften eingehalten werden.

Behindern solche islamische Privatschulen nicht die erfolgreiche Integration?

Im Gegenteil - sie sind ein wichtiger Bestandteil der Integration. Dort erhalten muslimische Kinder, die an öffentlichen Schulen nicht erfolgreich sind oder sonst nur die Pflichtschule absolvieren würden, eine gute Ausbildung. Sie werden stärker motiviert, weil sie denken: „Aha, das ist unsere Schule.“

Welche Initiativen wollen Sie als neuer Präsident setzen?

Wir müssen uns noch mehr öffnen. Wir suchen auch jetzt schon Kontakte zu anderen Religionen, sind auf Tagungen vertreten, führen einen aktiven Dialog. Kritik von außen müssen wir noch besser aufnehmen lernen. Aber auch intern müssen wir die Kommunikation verbessern und uns besser kennen lernen. Muslime kommunizieren oft nur über die Medien, statt miteinander zu sprechen.

Was raten Sie Muslimen, die nach Österreich zuwandern möchten?

Ich sage: „Als Erstes rette dich selbst“. Man muss Deutsch lernen, eine Ausbildung machen, sich in die österreichische Gesellschaft integrieren. Dann soll man aber auch an andere denken, den Kontakt zu den Landsleuten nicht verlieren. Wenn man sich gut integriert hat, kann man für viele ein Vorbild sein.

Fuat Sanac ist der zukünftige Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ).

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