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"Wir sind nicht Opferbürger dieses Landes"

Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien, über modernen Islamunterricht und den Führungswechsel in der Islamischen Glaubensgemeinschaft

VON FRANZISKA TROGER

Fokus:Welche Veränderungen erwarten Sie sich vom neuen Präsidenten?

Ednan Aslan: Veränderungen setzen Konzepte voraus. Ich habe bislang von keinen Reformkonzepten gehört.

Welche Veränderungen bringt der stärkere Einfluss der türkischen Muslime in der IGGIÖ?

Wenn eine Gruppierung die Arbeit der IGGIÖ ideologisch färbt, könnte das die Isolation vorantreiben. Aber wir müssen ihnen eine Chance geben: In der Regierung zu sitzen, ist nicht dasselbe wie in der Opposition. Wenn ihnen keine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Positionen gelingt, dann haben wir es mit mehr konservativen Strömungen in der IGGIÖ zu tun.

Die Wahlbeteiligung ist relativ gering. Ist die Wahl überhaupt demokratisch legitimiert?

Die Beteiligung ist für die IGGIÖ relativ hoch, es ist eine gute Entwicklung. Mehr kann man von den Muslimen derzeit nicht erwarten. Wir sind noch weit weg von einem demokratischen Bewusstsein, das muss sich in einem Prozess erst entwickeln. Dass die Beteiligung der Jugend so hoch ist, führe ich auf die Mobilisierung durch bekannte Persönlichkeiten zurück. Ihr Engagement wird da teilweise missbraucht.

Was sind die zentralen Herausforderungen der IGGIÖ?

Die größte Herausforderung der Glaubensgemeinschaft ist die Entwicklung eines Islams mit europäischer Prägung. Da kann die Glaubensgemeinschaft eine zentrale Rolle spielen. Weitere Ziele sind natürlich die Reformierung der Lehrinhalte des Religionsunterrichts und auch die Ausbildung der Lehrer muss verbessert werden. Die Erziehung zu mündiger Bürgerschaft muss einen Platz in der islamischen Erziehung finden.

Welche Rolle spielen Frauen in der Glaubensgemeinschaft?

Frauen spielen in der IGGIÖ keine Rolle. Aber an der Uni sehe ich eine starke Entwicklung, die Frauen kommen. Ihnen fehlt aber bislang die Qualifikation und der Mut. Sie müssen den Islam feministisch prägen.

Wie sieht moderner Islamunterricht aus?

Moderner Islamunterricht muss gesellschaftliche Wirklichkeiten hier in Österreich, in Europa berücksichtigen. Das Zentrum der Theologie liegt nicht in irgendeinem arabischen Land, sondern hier in unserer Gesellschaft.

Eine Studie macht auf Demokratiedefizite bei Islamlehrern aufmerksam. Die IGGIÖ lehnt die Studie als nicht repräsentativ ab.

Die IGGIÖ hat diese Studie stark kritisiert, uns aber auch nicht mit anderen Fakten überzeugen können. Wo ist eine bessere Studie? Wenn man ein Problem nicht anspricht, heißt das nicht, dass man das Problem nicht hat. Diese Studie wäre eine Chance für die Muslime, sich mit dem Religionsunterricht auseinanderzusetzen

Was halten Sie von islamischen Privatschulen?

Wir haben einen Bildungsnotstand unter den Muslimen. Wenn wir die Bildungsstandards nicht verbessern, werden die Muslime in der Isolation bleiben. Anstatt sich mit Privatschulen zu befassen, sollten wir uns besser damit auseinandersetzen, warum wir nicht denselben Erfolg an öffentlichen Schulen haben wie andere Migrantengruppen. Ich betrachte diese islamischen Schulen als Inseln der Glückseligkeit. In der Fachschule der IGGIÖ sehe ich 90 Prozent muslimische Mädchen mit Kopftuch, die unter sich bleiben und die Begegnung mit der Gesellschaft vermeiden. Auch wenn sie Erfolg haben, werden sie nie in der österreichischen Gesellschaft handlungsfähig sein. Warum wollen wir in einer extremen Isolation Kompetenzen entwickeln?

Was wünschen Sie dem Präsidenten?

Ich würde ihm wünschen, dass er sich mit den Verhältnissen in der Glaubensgemeinschaft kritisch auseinandersetzt. Er muss sich mutig von Traditionen befreien, die uns in die Isolation treiben. Dazu gehört auch, sich von dieser Opferhaltung zu lösen. Wir sind nicht Opferbürger dieses Landes.

Ednan Aslan: "Warum in der extremen Isolation Kompetenzen entwickeln?"