Deutschpflicht als Chance
Die Formel vieler Integrationsprobleme: Schlechte Sprachkenntnisse = schlechte Bildung = schlechte Berufschancen = schlechte Integration. Die Integrationsvereinbarung verlangt deshalb von Zuwanderern, dass sie Deutsch lernen – vor und nach der Einreise.
Wie wichtig sind Deutschkenntnisse, damit Integration gelingt? Die Österreicher ohne Migrationshintergrund haben eine klare Meinung: Für 70 Prozent sind sie laut einer GfK-Umfrage "sehr wichtig", für 27 Prozent "eher wichtig". Doch auch die Migranten selbst teilen diese Sicht. Von ihnen halten 78 Prozent die Verpflichtung zum Erlernen der deutschen Sprache für "sehr wichtig", weitere 20 Prozent für "eher wichtig".
Vererbte Probleme
Doch auch wenn auf beiden Seiten fast jeder die Bedeutung von Deutschkenntnissen für Integration betont: Jahrzehntelang waren sie keine Voraussetzung für die Zuwanderung nach Österreich. Einziges Kriterium für die Immigration der Gastarbeiter der 60er- und 70er-Jahre war ihre Arbeitskraft, die man im Wirtschaftswunder-Boom benötigte. Über Integration machte sich niemand Gedanken. Beide Seiten gingen davon aus, dass die Gastarbeiter bald wieder in ihre Heimatländer, meist das damalige Jugoslawien oder die Türkei, zurückkehren würden. Doch es kam anders. Viele Gastarbeiterfamilien blieben. Und die Versäumnisse von damals wirken sich bis heute aus: Menschen mit ex-jugoslawischem bzw. türkischem Hintergrund haben im Schnitt einen schlechteren Bildungsstand, ein niedrigeres Einkommen und sind häufiger arbeitslos. Viele dieser Probleme werden auch "vererbt", bestehen also in der zweiten und dritten Generation weiter.
Deutschpflicht seit 2003
Um diesen Trend umzukehren, gibt es in Österreich seit 2003 die Integrationsvereinbarung. Neuzuwanderer aus Nicht-EU-Staaten müssen sie eingehen und verpflichten sich, Deutschkenntnisse zu erwerben. Diese Verpflichtung war bei ihrer Einführung politisch umstritten. Ilan Knapp, Leiter des Jüdischen Beruflichen Bildungszentrums und im Expertenrat für Integration verantwortlich für Sprache und Bildung, kann das nicht nachvollziehen: "Wer die Sprache nicht kann, ist out, gesellschaftlich und beruflich. Dass wir Deutschkenntnisse verlangen, ist keine Verschärfung, sondern eine Verbesserung für die Betroffenen, eine Verbreiterung ihrer Möglichkeiten."
Stufenweise lernen
Die Regelungen wurden im Sommer 2011 novelliert und erweitert. Nun wird verlangt, dass Zuwanderer aus Nicht- EU-Staaten stufenweise Deutsch lernen: Schon vor der Einreise müssen sie minimale Sprachkenntnisse auf A1-Niveau (siehe "Fragen & Antworten" unten) nachweisen und diese anschließend in Österreich innerhalb von zwei Jahren auf A2- Niveau erhöhen. Um schließlich einen Dauer-Aufenthaltstitel zu erhalten, müssen die Zuwanderer B1-Niveau erreichen.
Sprachkenntnisse auf diesem Level sind eine gute Voraussetzung, um den Alltag in Österreich zu meistern und sich weiterzubilden. Auch am Arbeitsmarkt ist B1-Niveau meist nötig, damit Migranten mehr als nur Hilfsarbeitsjobs ausüben können. Heinz Fassmann, Vorsitzender des Expertenrats, betont, dass Sprachkenntnisse ein entscheidendes Kriterium seien, nach dem Arbeitgeber ihre Mitarbeiter aussuchen: "Die Beherrschung der deutschen Sprache, aber auch weiterer Sprachen, erweitert die beruflichen Möglichkeiten und reduziert damit die Notwendigkeit, einen Job anzunehmen, der unter der eigenen Qualifikation liegt."
Fragen und Antworten: Deutschpflicht für Zuwanderer
Was umfasst die Pflicht genau?
Zuwanderer müssen bereits im Ausland Deutschkenntnisse auf A1-Niveau nachweisen. In Österreich gehen sie dann die Integrationsvereinbarung ein, in deren Rahmen sie innerhalb von zwei Jahren A2- Niveau erreichen. Um einen Dauer-Aufenthaltstitel zu bekommen, ist B1-Niveau nötig. Für Deutschkurse auf A2-Niveau gibt es nach bestandener ÖIF-Prüfung einen Kostenzuschuss von bis zu 50%.
Was bedeutet A1-, A2- und B1-Niveau?
A1-Niveau sind minimale Grundkenntnisse. Man kann bekannte, alltägliche Ausdrücke und sehr einfache Sätze verstehen, wenn sie langsam gesprochen werden. A2-Niveau bedeutet, dass man außerdem in Alltagssituationen wie beim Einkaufen oder beim Arzt zurechtkommt. Menschen mit B1-Niveau verstehen auch abstraktere Gespräche über Themen wie Arbeit oder Hobbys. A1, A2 und B1 sind die niedrigsten von insgesamt sechs Sprachniveaus.
Gibt es genug Möglichkeiten, einen Kurs zu besuchen?
Ja. Es gibt in Österreich knapp 300 Institute, die Kurse für die Integrationsvereinbarung anbieten. Auch in den Herkunftsländern existieren einige Möglichkeiten, vor der Zuwanderung Deutsch auf A1-Niveau zu erlernen. In der Türkei etwa gibt es rund 90 Institute.
Für wen besteht die Deutschpflicht?
Die Pflicht besteht grundsätzlich für alle Drittstaatsangehörigen, also Menschen aus Nicht-EUStaaten, die in Österreich einen Aufenthaltstitel beantragen.
Warum müssen EU-Bürger keine Sprachkenntnisse nachweisen?
EU-Bürger haben das Recht, sich in jedem anderen EU-Staat niederzulassen. Man kann sie also nicht verpflichten, Deutsch zu lernen. Doch auch für sie gilt: je mehr Deutsch, desto mehr Chancen.
Was ist mit Migranten, die schon länger in Österreich leben?
Auch Drittstaatsangehörige, die schon länger in Österreich leben und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht haben, können nicht zum Besuch von Deutschkursen verpflichtet werden. Wenn sie die Staatsbürgerschaft beantragen, müssen sie jedenfalls B1-Niveau nachweisen. Es gibt beim ÖIF Deutschkursangebote auch für diese Gruppe.


