"Die Integrationspolitik hat Tritt gefasst"
Sechs von zehn Österreichern denken, dass das Zusammenleben in Österreich gut funktioniert – so eine aktuellen Umfrage zum Integrationsklima. Experte Heinz Fassmann kommentiert die überraschend guten Ergebnisse.
VON VALENTIN SCHWARZ
FOKUS: Herr Fassmann, 59 Prozent der Befragten denken, dass das Zusammenleben in Österreich sehr oder eher gut funktioniert – vor einem Jahr waren es nur 51 Prozent. Wie erklären Sie sich die Verbesserung?
Heinz Fassmann: Dafür sehe ich drei Gründe: Erstens hat sich die Zuwanderung in den letzten Jahren strukturell verschoben. Statt niedrig qualifizierter Arbeitskräfte kommen heute mehrheitlich gut qualifizierte Zuwanderer aus EUStaaten – also Personen, von denen die Österreicher meinen, dass sie zum Wohlstand beitragen. Zweitens haben wir aktuell keine Wahlkämpfe, in denen „Integration“ medial oft negativ inszeniert wird. Und drittens wurde die Integrationspolitik in den vergangenen Jahr neu aufgestellt. Auf Länder- und Bundesebene wurden Kommissionen und Beiräte für Zuwanderung und Integration eingerichtet und mit Staatssekretär Kurz hat das Thema ein politisches Gesicht bekommen. Auch das trägt dazu bei, dass die Menschen Integration positiver bewerten. Integration funktioniert im Alltag sehr viel besser, als es der politische Jammer-Diskurs vermuten lässt. Die Integration in Österreich ist besser als ihr Ruf.
Gibt es einen Maximalwert an Zustimmung, den man bei einem so emotionalen Thema wie Integration nie überschreiten wird können?
Ich fürchte, es wird immer Menschen geben, die nicht zufrieden sind. Vergleicht man die vorliegenden Ergebnisse mit anderen empirischen Umfragen, dann sehe ich ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung, das auch längerfristig Zuwanderung und Integration skeptisch beurteilt. Umgekehrt heißt das: Rund zwei Drittel sind für eine positive Einschätzung zu gewinnen.
Was auffällt: 37 Prozent bewerten das Zusammenleben als schlecht, aber nur 20 Prozent können das auch mit persönlichen, schlechten Erfahrungen mit Zuwanderern belegen.
Menschen bilden sich ihre Urteile eben nicht nur anhand von persönlichen Erfahrungen, sondern auch auf Basis von vorgefertigten Meinungen. Und es spricht abermals viel dafür, dass Zuwanderer und die schon Dagewesenen im Alltag sehr viel häufiger konfliktfreie Arrangements finden, als wir es vermuten.
Sind die Medien schuld am unbegründet schlechten Urteil?
Die Medien haben eine Mitschuld. Wenn von Zuwanderung in einer Zeitung berichtet wird, dann zeigt das entsprechende Bildmaterial häufig eine kopftuchtragende Frau mit Kindern. Das verstärkt Stereotype, obwohl die Struktur der Zuwanderung heute ganz anderes Bildmaterial erforderlich machen würde. Man darf die Medien aber auch nicht überschätzen. Sie können Stimmungen verstärken oder auch schwächen, aber Stimmungsbilder nicht vollkommen autonom schaffen.
58 Prozent sagen, Ausländer bereichern den Alltag in Österreich. Eine ähnlich große Mehrheit von 54 Prozent hält Migranten grundsätzlich für bereit, etwas zu leisten und zum Allgemeinwohl beizutragen. Ist das eine Überraschung für Sie?
Ja, das ist es auf den ersten Blick. Setzt man das Ergebnis aber mit einem anderen Wert in Zusammenhang (siehe Kasten „Weitere Ergebnisse“), ergibt das Sinn: 74 Prozent haben persönlichen Kontakt zu Migranten, für sie ist Integration Teil des Alltags. Die tägliche Begegnung in der Nachbarschaft, in der Schule oder am Arbeitsplatz bewirkt ganz offensichtlich, dass man die Leistungsbereitschaft, den ökonomischen Nutzen und den gesellschaftlichen Mehrwert anerkennt.
Kritik kommt an der Politik: 62 Prozent denken, sie müsste mehr tun. Allerdings war der Wert vor einem Jahr mit 74 Prozent noch höher. Wie bewerten Sie das?
Der Wert ist gesunken, aber immer noch hoch. Wie schon gesagt: Die Menschen bewerten das Zusammenleben vor Ort gut, die Integrationspolitik aber schlecht. Daran ist die Politik selbst schuld: Der Diskurs, den sie über Integration geführt hat, war voller Konflikte, zum Teil beleidigend. Die Bevölkerung will unzweifelhaft weniger parteipolitischen Streit, sondern mehr gemeinsames Handeln. Diese Unzufriedenheit nimmt aber ab, auch dank der Installierung des neuen Staatssekretariats...
...dessen Einführung zwei Drittel der Befragten für richtig halten.
Ja, es wird als gut empfunden, dass die Integrationspolitik jetzt ein Gesicht hat. Frei nach Henry Kissinger, der einmal nach der Telefonnummer des europäischen Außenministers gefragt hat: Integrationspolitik hat in Österreich nun eine entsprechende Telefonnummer. Der allgemeine Eindruck von der Politik ist aber noch ein negativer. Ich hoffe auf Fortschritte.
Auf die Frage, welche Integrationsmaßnahmen sie für wichtig halten, nennen die Befragten zuerst Deutschkurse, dann die Vermittlung von Werten und Rechtskultur, die Öffnung von Vereinen für Migranten und die Verbesserung ihrer Bildungschancen. Sind Sie als Experte mit diesen Prioritäten einverstanden?
Ja, das bin ich. Nach meinem Integrationsbegriff soll die Politik helfen, damit Zuwanderer fit für die österreichische Gesellschaft werden – und umgekehrt gilt es, die österreichische Gesellschaft auch bereit für Zuwanderung zu machen. Dafür sind Deutschkenntnisse zentral, möglichst viel an Bildung, aber auch aktives Hereinholen in gesellschaftliche Strukturen. Die Befragten geben hier sehr praktische und lebensnahe Antworten. Das kann als eine solide Basis gewertet werden, um eine konkrete Politik mit breiter Zustimmung zu machen.
Wie bewerten Sie diese Umfrage über das Integrationsklima insgesamt?
Die Integrationspolitik hat in den letzten Jahren Tritt gefasst, das ist zu bemerken. War Integrationspolitik zuvor ein hochgradig konfliktreicher Politikbereich, so ist sie nun auf dem Weg, sich selbst zu konsolidieren. Damit verbessert sich das Integrationsklima insgesamt und das Zwischenhoch stabilisiert sich. Ich bin zufrieden.





