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"Sprachförderung ist notwendig"

2012 startet die Sprachförderung im Kindergarten neu. Warum türkischsprachige Kinder sie häufiger brauchen und weshalb ein zweites Kindergartenjahr sinnvoll ist, erklärt Expertin Elisabeth Stanzel-Tischler.

VON VALENTIN SCHWARZ

 

FOKUS: Wie viele Kinder benötigen gezielte Deutschförderung im Kindergarten?
E. Stanzel-Tischler: Misst man ein Jahr vor Schuleintritt, sind das rund 10 Prozent der deutschsprachigen Kinder und rund 60 Prozent der Kinder mit anderer Erstsprache.

Wie wirken sich mangelnde Deutschkenntnisse auf die spätere Bildungskarriere aus?
Kinder mit nicht-deutscher Umgangssprache sind leider insgesamt weniger erfolgreich in der Schule. So stellen sie etwa 23 Prozent der Volksschüler, aber 28 Prozent der Sonderschüler. Sie sind also in der Sonderschule überrepräsentiert. Das hat sicher auch mit den Deutschkenntnissen zu tun. Um das zu ändern, ist Sprachförderung im Kindergarten notwendig.

Was bringt in dieser Situation der Kindergarten?
Die wichtigste Rolle beim Spracherwerb hat natürlich die Familie. Aber wenn sie die Entwicklung des Kindes nicht ausreichend fördert, ist der Kindergarten unersetzlich, um das auszugleichen. Studien zeigen: Kindergartenbesuch wirkt sich positiv auf alle Fähigkeiten der Kinder aus – nicht nur auf die Sprachkenntnisse. Das gilt übrigens für alle Kinder, auch die mit deutscher Muttersprache.

Also würden Sie ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr befürworten, wie es etwa Staatssekretär Kurz fordert?
Ja, das wäre für alle Kinder wichtig. Die Eltern sehen das ohnehin so: Schon heute besuchen 96 Prozent aller 4-Jährigen eine Kinderbetreuungseinrichtung.

Und was bewirkt nun konkret die Sprachförderung?
Das zeigen Ergebnisse aus Wien. Ab 2008 wurden zum ersten Mal Kinder mit sprachlichem, sozialem oder motorischem Förderbedarf im letzten Kindergartenjahr gezielt gefördert (siehe Hintergrund rechts). Im Herbst 2009 konnte immerhin die Hälfte ohne weitere Förderung auf der Vorschulstufe eingeschult werden.

Eine häufige Kritik lautet: Sprachförderung kostet die Steuerzahler viel Geld, dabei sind doch die Eltern dafür verantwortlich, dass ihre Kinder vor der Einschulung ausreichend Deutsch lernen.
Die Eltern haben die Verantwortung, es ihren Kindern zu ermöglichen, Deutsch zu lernen. Das heißt, die Eltern sollen sie möglichst früh für den Kindergarten anmelden. Selber können sie diese Aufgabe kaum übernehmen, dazu fehlen ihnen oft selbst die nötigen Deutschkenntnisse. Es ist gut, wenn die Eltern mit ihren Kindern in ihrer Familiensprache sprechen, ihnen vorlesen oder Geschichten erzählen. Jede Familie hat das Recht auf ihre Familiensprache – ob das jetzt Deutsch oder Albanisch ist.

Warum sehen das viele Leute anders?
Leider haben in Österreich nicht alle Sprachen dasselbe Ansehen. Wenn ein Kind Englisch und Deutsch spricht, bekommt es dafür mehr Anerkennung, als wenn es etwa Serbisch und Deutsch spricht. Wir sollten die Erstsprachen von Migrantenkindern mehr wertschätzen, sie sind eine tolle Ressource.

Sie sagen, dass 60 Prozent der Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache Förderbedarf haben. Gibt es Unterschiede je nach Sprache?
Die Untersuchungen zeigen, dass Kinder aus türkischsprachigen Familien häufiger Förderbedarf haben als jene, deren Eltern aus Ex-Jugoslawien kommen. Das hat damit zu tun, dass diese Kinder teilweise ihre Erstsprache – Türkisch – nicht gut gelernt haben. Sie stammen aus sprachlichen Minderheiten – davon gibt es in der Türkei viele – in denen bis zu ihrer Elterngeneration niemand Türkisch gesprochen hat. Durch diesen Sprachwechsel innerhalb der Familie lernen die Kinder ihre Erstsprache nicht perfekt und haben ergo auch Probleme mit dem Deutschlernen.

Das heißt: Die Kinder sollten ihre Muttersprache gut beherrschen, um besser Deutsch lernen zu können?
Grundsätzlich ja. Die Erstsprache ist eng mit der Identität der Kinder verbunden. Es hilft auch bei der Eingewöhnung in den Kindergarten, wenn es eine Ansprechperson in der eigenen Sprache gibt. Aber das führt doch dazu, dass die Kinder nur noch ihre Muttersprache benützen. Das hängt von der Zusammensetzung der Gruppe ab. Sprachlich durchmischte Gruppen, in denen Deutsch die gemeinsame Sprache ist, bieten die beste Lerngelegenheit – auch für Kinder mit deutscher Muttersprache.

Wie sollte die Sprachförderung ab 2012 idealerweise gestaltet sein?
Wir brauchen qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen, die ausreichend Zeit bekommen, individuell auf die Kinder einzugehen. Wichtig ist auch, dass der Spracherwerb nicht mit einzelnen Förderstunden abgetan, sondern als Querschnittsmaterie gesehen wird. Spracherwerb passiert überall, im ganzen Kindergartenalltag!

Bild: iStock

Stanzel-Tischler: "Durchmischte Gruppen mit Deutsch als gemeinsamer Sprache bieten die beste Lerngelegenheit"

Zur Person

 

Elisabeth Stanzel-Tischler forscht am Bildungsforschungs-Institut BIFIE in Graz unter anderem zur Frühen Sprachförderung im Kindergarten.

10 Millionen für die Kinder

23 Prozent aller Kindergartenkinder brauchen extra Sprachförderung. Unter Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch sind es sogar 58 Prozent. Das hat die 2008 durchgeführte „Sprachstands-Feststellung“ ergeben. Dabei wurden Kinder ein Jahr vor der Einschulung getestet. Diejenigen, bei denen Förderbedarf bestand, wurden anschließend im letzten Kindergartenjahr speziell gefördert. Die Sprachförderung war für zwei Jahre budgetiert und lief danach aus. Im Oktober dieses Jahres gelang es Staatssekretär Sebastian Kurz, sie wiederzubeleben: Er wird jeden Euro, den die Bundesländer für Sprachförderung zur Verfügung stellen, verdoppeln - bis auf insgesamt 10 Millionen Euro im Jahr. Die Finanzierung ist vorerst bis 2014 gesichert. 

Kindergarten gut für Entwicklung 

Was die Sprachstands-Feststellung auch zeigt: Kinder, die einen Kindergarten besuchen, sind in ihrer Sprachentwicklung fortgeschrittener. Unter den getesteten Kindern mit nicht-deutscher Erstsprache, die keine Kinderbetreuungseinrichtung besuchten, hatten sogar 80 Prozent Förderbedarf. Kurz fordert deshalb ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr.