"Integration geht nicht automatisch, wir müssen bewusst daran arbeiten"
Der „Kontaktepool“ vermittelt Migrant/innen und interkulturell interessierte Deutschsprachige. Ein Paar und die Projektleiterin erklären im Gespräch, wie wichtig Museums- und Opernbesuche sind, wer für Integration verantwortlich ist und was einem dabei keiner abnehmen kann.
VON VALENTIN SCHWARZ
Integration im Fokus: Warum habt ihr euch ursprünglich dazu entschlossen, beim Kontaktepool mitzumachen?
Gültekin: Ich wollte mich integrieren (lacht). Ich habe damals Kontakt zu Österreichern gesucht, vor allem um Deutsch zu lernen.
Knüsel: Meine Motivation war in erster Linie Antirassismus: Ich möchte mich gegen Rassismus in der Gesellschaft engagieren und finde es zugleich spannend, mich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen. Ich habe auch selber im Ausland gelebt, zum Beispiel zwei Jahre in Mexiko und wurde dort sehr freundlich aufgenommen – davon wollte ich etwas zurückgeben.
Integration im Fokus: Wie habt ihr vom Kontaktepool erfahren?
Knüsel: Übers Internet. Ich habe verschiedene Angebote verglichen und mich dann für das von Station Wien entschieden. Entscheidend war, dass es sich vor allem an Frauen richtet. Die haben es wegen fehlender Berufstätigkeit oft schwerer als Männer.
Gültekin: Ich habe jemanden gesucht, um die deutsche Sprache zu üben. Ein Bekannter hat mir von Station Wien erzählt.
Integration im Fokus: Wie lange trefft ihr euch schon und wie oft?
Gültekin: Seit einem knappen halben Jahr…
Knüsel: …und wir versuchen uns einmal in der Woche zu treffen. Das klappt meistens auch ganz gut.
Integration im Fokus: Wie gestaltet ihr eure Treffen?
Gültekin: Eigentlich reden wir über alles: was wir im Alltag so machen, aber auch über Politik, Wissenschaft…
Knüsel: Wir hatten auch am Anfang nie ein Problem, ein Thema zu finden. Manchmal reden wir bewusst darüber, was wir in den letzten Tagen gemacht haben, um das Sprechen in der Vergangenheit zu üben, oder im Futur über Pläne für die nächste Woche. Das Tolle ist, dass wir ja alles freiwillig machen. Wenn es einer von beiden einmal anstrengend werden würde, würden sich die Treffen wohl ziemlich schnell aufhören.
Sinowatz: Man kann ja auch wieder aussteigen. Manchmal verändern sich die Lebensumstände einfach – zum Beispiel durch eine Geburt – sodass diejenigen sich eben nicht mehr oder nur noch sporadisch treffen. Damit muss man rechnen – aber das ist bei einer „normalen“ Freundschaft ja nicht anders.
Integration im Fokus: Wie würde eine Zwischenbilanz eurer Partnerschaft ausfallen?
Knüsel: Es macht mir einfach Spaß, mich mit Meftune zu treffen, alles ist unkompliziert und locker.
Gültekin: Meine Deutschkenntnisse haben sich schon verbessert und tun das immer noch, langsam, Tag für Tag. Ich habe schon viel von Nadine gelernt und hoffe, dass ich ihr auch etwas beibringen kann – vielleicht irgendwann Türkisch!
Knüsel: Ja, ich würde gerne Türkisch lernen! (lacht) Der Blick auf die jeweils fremde Kultur wird dank solchen Treffen viel differenzierter. Die großen Unterschiede – bist du Christ, bist du Muslim – erkennt man ja schnell, aber viele spannende Details liegen viel tiefer, für die entwickelt man erst langsam ein Gespür.
Integration im Fokus: Ihr habt beide studiert. Funktioniert der Kontakt eher, wenn beide Seiten aus einer ähnlichen Schicht kommen?
Gültekin: Es spielt sicher eine Rolle, dass wir beide einen ähnlichen gesellschaftlichen Hintergrund haben.
Knüsel: Vor allem die gemeinsamen Interessen sind wichtig. Meftune ist eine junge Frau, die noch viel mit ihrem Leben vorhat, die also ganz andere Erwartungen an eine Kontaktpartnerschaft hat als etwa eine 50-jährige Mutter von vier Kindern. Was unsere Erwartungen betrifft, haben wir perfekt zueinander gepasst.
Integration im Fokus: Spielen solche Überlegungen beim Aussuchen eines Paars eine Rolle?
Sinowatz: Auf jeden Fall. Bei Meftune und Nadine war mir klar, dass die beiden intellektuell gut zusammenpassen. Wir fragen zu Beginn genau nach der Motivation der Teilnehmer/innen, damit wir Leute zusammenbringen, die miteinander etwas anfangen können. Das kann dann auch eine Studentin sein, die sich mit der ägyptischen Hausfrau trifft, weil beide das so wollen. Die Bedürfnisse sind ganz unterschiedlich. Manche wollen gerne die Stadt kennen lernen, ins Museum gehen, andere wollen ihre Wohnung lieber nicht verlassen…
Gültekin: Das sollten sie aber!
Sinowatz: Viele können das aber nicht, weil sie etwa auf die Kinder aufpassen müssen. Jedenfalls versuchen wir, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.
Knüsel: Wir könnten doch auch mal ins Museum gehen.
Gültekin: Ja, sehr gerne!
Integration im Fokus: Was bedeutet Integration für euch?
Knüsel: Ich fühle mich integriert, wenn ich dort, wo ich lebe, eine Aufgabe habe, Kontakt mit den Einheimischen, also ein soziales Umfeld habe und wenn ich mich dort wohl fühle.
Gültekin: Integration bedeutet für mich zu allererst Deutsch lernen, dann Kontakt zu Österreichern, vielleicht eine Ausbildung machen – und (lacht) ein Interview geben.
Sinowatz: Ich habe mit dem Begriff „Integration“ ein Problem, wenn er einseitig verwendet wird, wenn an Zuwanderer und Zuwanderinnen die Forderung gestellt wird, sich möglichst schnell „anzupassen“ und in die Staatsoper zu gehen. Woran sollen sie sich denn anpassen? Es gibt doch auch innerhalb der Mehrheitsgesellschaft unterschiedliche Kulturen und Schichten, die oft nicht in Austausch miteinander treten. Wir müssen Integration also als Prozess begreifen, bei dem sich die Gesellschaft als Ganzes entwickelt. Allen muss klar sein: Auch ich bin für Integration verantwortlich. Natürlich ist es wichtig, dass du, Meftune, Deutsch lernst …
Gültekin: Ja, wenn ich in Wien lebe, dann muss ich das.
Sinowatz: … aber die Bringschuld liegt nicht bei dir alleine, sondern auch bei den Österreicher/innen, die schon seit Generationen hier leben.
Knüsel: Also mein Verständnis – ich bin ja auch Ausländerin – ist schon, dass die, die zuwandern, sich zuerst bemühen müssen. Egal, wo man hinkommt – nirgendwo haben die Leute auf einen gewartet. Und bei Erwachsenen geht Integration nicht automatisch, die müssen bewusst daran arbeiten. Angebote wie Kurse oder Sprachtandems sind gut, aber lernen muss man die Sprache schon selber, das kann einem keiner abnehmen.
Gültekin: Also ich will mich integrieren, will Deutsch lernen – aber trotzdem meine türkische Herkunft nicht ablegen.
Integration im Fokus: Und wann wäre deine Integration dann abgeschlossen?
Gültekin: Wenn ich gute Deutschkenntnisse habe, viele Freunde habe, mich in Wien nicht mehr fremd fühle.

