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Wissenspool für engagierte Tiroler

Wie viele Türk/innen leben im Bezirk Kufstein? Wie funktioniert die Vergabe von Gemeindewohnungen an Migrant/innen in Wörgl? Und welche Arbeiten zum Thema Integration gab es bislang an der Uni Innsbruck? Konkrete Fragen mit regionalem Fokus sind häufig – für Tirol beantwortet sie das Integrations- und Monitoringzentrum in Innsbruck.

VON VALENTIN SCHWARZ

 

„Wenn ein Politiker sagt, er braucht Argumente, um im Wahlkampf gegen den Missbrauch des Integrationsthemas vorgehen zu können, ist er bei uns richtig“, sagt Gerhard Hetfleisch. Sein „Zentrum für MigrantInnen in Tirol“ (ZeMiT) ist bereits seit 1985 in der Beratung von Ausländer/innen aktiv – und betreibt seit 2009 mit Geldern des Europäischen Integrationsfonds das „Informations- und Monitoringzentrum“(IMZ) in Innsbruck. Angetreten mit dem Ziel, mit gut aufbereiteten Fakten die Integrationsdebatte zu entemotionalisieren, hat sich das IMZ rasch als erste Anlaufstelle für alle Interessierten und Engagierten in Tirol etabliert.

Studien, Leitbilder, Präsentationen

Das Angebot umfasst neben einer Fachbibliothek, die zurzeit etwa 1.300 Bücher umfasst, vor allem die umfangreiche Homepage www.imz-tirol.at. Hier sind etwa vom IMZ-Team aufbereitete Präsentationen für alle Interessierten verfügbar, die etwa Zahlen und Fakten für einzelne Tiroler Bezirke oder eine Migrationsgeschichte Tirols (siehe unten) enthalten. Darüber hinaus hat das IMZ zahlreiche tirolspezifische Studien zusammengetragen und alle in Österreich existierenden Integrationsleitbilder von Ländern und Gemeinden gesammelt –„eine in dieser Form einmalige Sammlung“, so Gerhard Hetfleisch.

Das IMZ recherchiert für Sie

Um den aktuellen Forschungsstand zum Thema zu erfassen, hat das IMZ alle Diplomarbeiten und Dissertationen an der Uni Innsbruck seit 1945 statistisch erfasst – auch das ein in Österreich einzigartiges Unterfangen. Der IMZ-Newsletter, der Veranstaltungen ankündigt und Erfolgsgeschichten verbreitet, rundet das Angebot ab. Konkrete Anfragen, die über dieses hinausgehen, versucht das IMZ im Rahmen seines Rechercheservice zu beantworten. Dieses richtet sich, wie eingangs angesprochen, neben Studierenden auch an Politiker, die sachliche Argumente und Fakten benötigen.

„Das Beste zweier Welten“

Wie gelingt es einer NGO, innerhalb von weniger als einem Jahr ein solches Angebot auf die Beine zu stellen? „Wir können zum einen auf unser eigenes Netzwerk, zum anderen auf die Unterstützung von Land, Stadt, Arbeitsmarktservice und Uni Innsbruck zurückgreifen“, erklärt Projektleiterin Eva Konrad. So könne man die Freiheit und Glaubwürdigkeit einer NGO mit der Legitimität der öffentlichen Institutionen vereinbaren – kurz „das Beste zweier Welten“, so Konrad.

Wie sich Kommunalpolitik auf Integration auswirkt

Aktuell arbeitet das IMZ gerade an der Umsetzung einer weiteren Projektstufe, die sich dem Monitoring widmet. Dabei wird überprüft, wie sich Änderungen in der Politik praktisch auf Integration auswirken. Konkret analysiert das IMZ derzeit die Vergabepraxis von Gemeindewohnungen und ihre Folgen für Bürger/innen mit Migrationshintergrund. Das Konzept des IMZ – also ein regional abgegrenztes, umfassendes Informationsangebot – wäre auch für andere Bundesländer viel versprechend. Gerhard Hetfleisch: „Wir würden ähnliche Initiativen außerhalb Tirols sehr begrüßen.“

 

Tirol: Schon immer Ein- und Auswanderungsland

„Migration ist für uns kein neues Phänomen“, erklärt Gerhard Hetfleisch, „gerade was unsere Wirtschaftsgeschichte betrifft, ist sie vielmehr Normalität.“ Um Fakten wie diese unters Volk zu bringen und die Integrationsdebatte zu entemotionalisieren, bietet das IMZ Tirol auf www.imz-tirol.at aufbereitete Zahlen und Fakten zum Thema an. Die hier gezeigte Zeitleiste basiert auf der Präsentation „Geschichte der Migration in Tirol“.

  • 15. und 16. Jahrhundert: In den Minen arbeiten Ausländer

    Tirol ist dank des Bergbaus eine der reichsten Regionen Europas. In Schwaz, Rattenberg und Kitzbühel werden Kupfer und Silber abgebaut, in Hall Salz. Schwaz ist mit 20.000 Einwohner/innen die zweitgrößte Stadt Österreichs, knapp die Hälfte arbeitet in den Minen. Arbeitskräfte sind knapp, also werden Gastarbeiter geholt. Sie kommen aus Sachsen, der Steiermark, Spanien, Norwegen und England.
  • 17. Jahrhundert: Tiroler als Wirtschaftsflüchtlinge

    Nach dem Dreißigjährigen Krieg ist die Wirtschaft am Boden. Viele Tiroler versuchen als Bauhandwerker in der Ferne ihr Glück, im Rheinland, in Schwaben, Hessen, Ostpreußen, Belgien, Böhmen, Mähren und in den Niederlanden. 1699 beispielsweise sind von rund 1.600 Einwohnern des Lechtals 644 als Saisonarbeiter unterwegs – also mehr als ein Drittel.
  • 18. und frühes 19. Jahrhundert: Die Schwabenkinder auf Wanderschaft

    Zahlreiche Kinder aus großen Bauernfamilien arbeiten von März bis November in Schwaben – als Viehhirten, Kindermädchen oder Hilfskräfte. Auf „Kindermärkten“ werden sie an ihre Arbeitgeber vermittelt. Bis zum Bau der Eisenbahnlinie gehen sie den Weg zu Fuß.
  • Spätes 19. Jahrhundert: Industrialisierung startet Migrationsströme

    Im Zuge der Industrialisierung werden in Tirol Textilwerke, Ziegelfabriken und Glashütten gegründet, Straßen und Schienennetze ausgebaut. Die benötigten Arbeitskräfte kommen vor allem aus Norditalien. Zugleich wandern viele Tiroler/innen nach Nordamerika aus. Zwischen 1867 und 1913 emigrieren gut fünf Millionen Menschen aus ganz Österreich-Ungarn.
  • 1933 bis 1938: Tiroler/innen gründen Kolonie in Brasilien

    Unter der Weltwirtschaftskrise leiden auch die Tiroler Bauern: Etwa 700 von ihnen, vor allem aus der Wildschönau, wandern ab 1933 nach Brasilien aus. Österreich unterstützt die Auswanderer finanziell. Ihre Kolonie „Dreizehnlinden“, portugiesisch „Treze Tílias“, besteht bis heute.
  • 1938 bis 1945: Exil und Verfolgung

    Die Judenverfolgung unter den Nationalsozialisten zwingt auch in Tirol ab 1938 267 Personen zu Emigration und Flucht. 279 Menschen werden zwangsumgesiedelt, 137 in Konzentrationslager verschleppt. Insgesamt ermorden die Nationalsozialisten 185 Tiroler/innen jüdischen Glaubens.
  • Nach 1945: Gastarbeiter/innen fürs Wirtschaftswunder

    Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg arbeiten viele Tiroler/innen in der Schweiz saisonal als Kindermädchen, Haushaltshilfen oder in der Landwirtschaft. Ab den 1960ern benötig das österreichische „Wirtschaftswunder“ dann selbst mehr Arbeitskräfte, als vorhanden waren: Österreich schließt Anwerbeabkommen mit der Türkei und Jugoslawien. Von 1963 bis 1968 steigt die Zahl ausländischer Arbeitskräfte in Tirol von rund 2.700 auf knapp 20.000. Heute sind in Tirol rund 10 Prozent der Bevölkerung Ausländer/innen, die größte Gruppe sind mit 27,5 Prozent die Deutschen. 

Informations- und Monitoringzentrum für Integration und Migration

Träger: Zentrum für MigrantInnen in Tirol
Bundesland: Tirol
Maßnahmenbereich: M4 – Indikatoren
Ansprechpartner: Dr. Gerhard Hetfleisch
Mail: info(at)imz-tirol.at
Telefon: 0512 / 577170

Projektleiterin Eva Konrad mit Geschäftsführer Gerhard Hetfleisch: „Wir würden ähnliche Initiativen außerhalb Tirols sehr begrüßen.“