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Wo Kinder freiwillig lernen

Es ist die Alternative zu teurer Nachhilfe und seltener Ganztagsschule: Im Grazer Lerncafé bekommen Kinder mit Migrationshintergrund kostenlose Nachmittagsbetreuung, verbessern dabei ihr Deutsch – und ernähren sich nebenbei gesund.

VON VALENTIN SCHWARZ

 

 

Die zwei ungefähr achtjährigen Mädchen sitzen über ihren Hausübungsheften und sind etwas zappelig. Immer wieder legen sie ihre Stifte beiseite, tuscheln miteinander auf Türkisch. Silke Strasser runzelt die Stirn und setzt zu einer Ermahnung an: „Deutsch sprechen!“ Die Mädchen kichern kurz und machen sich wieder an die Arbeit.

 

Nicht statt, sondern mit der Schule

„Wir sind zwar nicht die Schule, aber es gibt auch bei uns ein paar Regeln. Sie werden von den Kindern auch akzeptiert – auch wenn sie natürlich dann und wann versuchen, sie zu brechen“, erklärt Strasser. Sie ist Leiterin des Lerncafés der Caritas Graz im Migrantenviertel Gries. Von Montag bis Donnerstag betreut das Caritas-Team hier nach der Schule am Nachmittag kostenlos Kinder mit Migrationshintergrund. Fast alle kommen aus der nahe gelegenen Volks- und Hauptschule St. Andrä, wo der Anteil an Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache rund 98 Prozent beträgt.

 

Der Stundenplan als Haltegriff

Das Sprachproblem ist die Hauptursache für schlechte Noten. „Es erschreckt mich, wenn hier geborene Kinder kaum Deutsch sprechen“, sagt Strasser, „und umso schöner ist es, wenn wir schon nach wenigen Monaten Fortschritte bemerken.“ Eine weitere wichtige Regel im Lerncafé ist die genaue Zeiteinteilung: Am Anfang erledigen die Kinder ihre Hausübungen, nach einer Pause machen sie bei Bedarf zusätzliche Übungen, abschließend ist eine Stunde fürs Spielen reserviert. „Gerade für Kinder, denen es in der Schule nicht so gut geht, ist eine Zeitstruktur wichtig, an der sie sich festhalten können“, erklärt Strasser.

 

Loben und Schimpfen auf Augenhöhe

„Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis – aber auch Freundschaften brauchen Regeln“, ergänzt Betreuer Florin. Allen Regeln zum Trotz sei das Verhältnis zwischen Betreuer/innen und Kindern im Lerncafé dennoch weniger hierarchisch als in der Schule. Strasser: „Wir versuchen, möglichst auf Augenhöhe zu kommunizieren. Selbst wenn wir schimpfen, tun wir das immer mit dem Unterton: „Du schaffst das schon.“ Es gibt bei uns auch keine Noten, alle sind bewusst und freiwillig  da.“ Mehmet beispielsweise kommt seit zwei Jahren ins Lerncafé. Er lässt seine Mathematik-Übung ruhen und grinst: „Es ist ok, wenn du störst.“ In der Hauptschule gehe ihm der Unterricht oft zu schnell, „aber ins Lerncafé komme ich gerne. Ich merk ja, dass es was bringt.“

 

Ins Gymnasium aus eigener Kraft

Beispiele dafür, „dass es was bringt“, gibt es bereits einige. Strasser erzählt von einem türkischstämmigen Mädchen, das in der letzten Hauptschulklasse den Plan gefasst hatte, aufs Gymnasium zu wechseln und anschließend Medizin zu studieren. „Eines Tages kam sie ganz aufgelöst ins Lerncafé. Sie wäre, nachdem sie in der Schule von ihren Zukunftsplänen erzählt habe, zum Schulpsychologen geschickt worden.“ Dieser habe der Schülerin rundheraus erklärt, sie solle ihre Idee gleich wieder vergessen, sie sei zu dumm fürs Gymnasium. „Wir haben versucht, ihr Mut zu machen, und tatsächlich hat sie bis Schulschluss in allen Fächern die erste Leistungsgruppe erreicht und wurde ohne Prüfung in einem Gymnasium aufgenommen – aus eigener Kraft.“

 

„Eltern sind Experten für ihre Kinder“

Doch das Angebot des Lerncafés beschränkt sich nicht allein aufs Strebern: In den Pausen etwa gibt es für die Kinder eine „Gesunde Jause“. Damit kommt auch das Thema Ernährung auf den Lernplan. „Wir merken, dass viele Eltern ihren Kindern jetzt häufiger gesunde Lebensmittel in die Schule mitgeben“, so Strasser. Überhaupt sind auch die Eltern Zielgruppe des Lerncafés. Spezielle Themen-Elternabende informieren dieMigrant/innen, die meist selbst im „System Österreich“ unerfahrensind, über Themen wie das hiesige Schul- oder Gesundheitssystem. Strasser: „Die Eltern sind die Experten für ihre Kinder – wir wollen sie in dieser Rolle stärken, damit sie auch den Mut haben, selbstständig zu den Lehrern ihrer Kinder zugehen und mit ihnen zu sprechen.“ Der Erfolg spricht jedenfalls für sich: Insgesamt gibt es bereits vier Lerncafés in der Steiermark. Strasser nickt: „Wir könnten allein in Graz noch drei weitere füllen.“

"Der Streit"

Eine Geschichte der Kinder aus dem Lerncafé

Sebastian und Jakob sind Freunde. Sie gehen in die zweite Klasse Volksschule. Sebastian und Jakob gehen in den Turnsaal. Dann verletzt sich Jakob am Knie, weil er stolpert. Der Grund, warum er stolpert, ist, dass Sebastian seinen Fuß absichtlich vor Jakobs Füße streckt.

„Warum hast du mir ein Bein gestellt?“, fragt Jakob wütend. Sebastian behauptet: „Du bist selber gestolpert! Ich kann nichts dafür!“

„Nein, das stimmt nicht! Du lügst! Du bist kein Freund, wenn du mich anlügst! …. Au! Das tut weh! Hoffentlich hast dumein Bein nicht gebrochen. Schau! Mein Knie blutet, wegen dir!“

„Entschuldige, dass ich dir weh getan habe!“, sagt Sebastian traurig, als er sieht, dass sein Freund wirklich Schmerzen hat. Dann sagt er: „Ich geh schnell zu der Lehrerin und hole dir ein Pflaster!“

Während Sebastian das Pflaster holt, versucht Jakob aufzustehen. Er jammert: „Aua, das tut weh!“ Zum Glück kommt Sebastian bald mit der Lehrerin zurück: „Oh! Du bist verletzt! Kannst du aufstehen?“, fragt die Lehrerin.

Jakob probiert aufzustehen, aber er kann nicht.

„Wahrscheinlich ist dein Bein gebrochen. Ich muss die Rettung anrufen und deine Eltern auch“, erklärt die Lehrerin.

Jakob fährt mit seinen Eltern und der Rettung ins Krankenhaus. Im Krankenhaus bekommt er einen Gips und dann fährt er nach Hause mit seinen Eltern. Am nächsten Tag geht Jakob nicht in die Schule, weil er mit dem Gips nicht gehen kann.

Aber am Nachmittag bekommt Jakob Besuch von Sebastian. Sebastian sagt: „Entschuldige, dass ich dich verletzt habe! Estut mir sehr leid. Aber ich hab dir etwas mitgebracht!“ Er gibt seinem Freund eine große Tafel Schokolade. „Ich hoffe, du bist mir nicht mehr böse“, sagt er.

Jakob meint versöhnlich: „Ok. Es passt schon und du brauchst dich nicht mehr zu entschuldigen.“

Von Rawan, Eren, Dogukan, Rawan, Onur und Isabella