Gründe für das Sikh-Blutbad

- Der Sikh-Konflikt ist vordergründig ein religiöser, hat aber soziale Wurzeln.
Vor einem Jahr erregte der Mord an einem indischen Sikh-Prediger in Wien Aufsehen, unlängst wurde Anklage gegen die mutmaßlichen Täter erhoben. Entsprechend aktuell ist die ÖIF-Länderinfo n°4, die sich mit der Situation der Sikhs in ihrer Heimatregion, dem nordindischen Punjab, beschäftigt. Der Sikhismus ist ein relativ junger, monotheistischer Glaube. Die ursprüngliche Hindu-Reformbewegung glaubt etwa an die Wiedergeburt, wendet sich aber gegen das Kastenwesen. In Österreich leben rund 2.800 Sikhs.
Soziale Statuskämpfe als Mitgrund
Die Ursachen für das Wiener Blutbad vom Mai 2009, bei dem in einem Tempel ein Guru getötet und elf weitere Menschen verletzt wurden, liegen innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Vordergründig ist der Konflikt ein religiöser: Die Attentäter waren radikal-orthodoxe Sikhs, die den ermordeten Guru als „Abtrünnigen“ sahen. Dieser gehörte der liberalen Glaubensrichtung der Ravidasis an, die etwa weder Turban noch Krummsäbel tragen. Im Hintergrund stehen zusätzlich soziale Gründe: Unter den Ravidasis sind überdurchschnittlich viele Angehörige der untersten Kasten, die sich im heutigen Indien immer mehr emanzipieren und denen öfter der soziale Aufstieg gelingt. Damit bedrohen sie die Stellung der traditionell höher gestellten Kasten, was häufig zu Zusammenstößen führt. Die Spannungen in der Wiener Community sind also aus dem Punjab importiert worden. Da die Konfliktlinien dort weiterbestehen, können zukünftige Vorfälle nicht ausgeschlossen werden, resümiert Autor Thomas Schrott von der Staatendokumentation des Bundesasylamts.
Die doppelte Minderheit

- Die radikal-sunnitischen Taliban betrachteten die schiitischen Hazara als ihre Feinde.
Unter den 2009 in Österreich anerkannten Flüchtlingen war Afghanistan nach Russland das zweithäufigste Herkunftsland. Ein wesentlicher Teil entstammt der Volksgruppe der Hazara, mit denen sich Martin Schmidt von der Staatendokumentation des Bundesasylamts in der ÖIF-Länderinfo n°5 befasst. Die Hazara gelten als „doppelte“ Minderheit Afghanistans: Sie sind zugleich schiitisch in einer mehrheitlich sunnitischen Gesellschaft und eine ethnische Minorität. Die Hazara stellen rund 9 Prozent der Bevölkerung und wurden bereits zur Zeit der Monarchie von der mächtigen Gruppe der Paschtunen beherrscht. Im Bürgerkrieg nach dem sowjetischen Einmarsch erlangten sie eine gewisse Unabhängigkeit. Doch die ab Mitte der 1990er Jahre erstarkenden radikal-sunnitischen Taliban betrachteten die schiitische Minderheit als ihre Feinde. Sie riefen zu deren Vertreibung auf und instrumentalisierten dabei historische Konflikte der Hazara, wie den mit der Volksgruppe der Kuchi um Weideland. Es kam zu mehreren Massakern. Seit dem Sturz der Taliban hat sich die Situation verbessert. Vertreter der Hazara sitzen etwa in der Regierung Hamid Karzais. Dennoch hat sich an ihrer grundsätzlichen Benachteiligung wenig geändert, auch der Konflikt mit den Kuchi ist nicht gelöst.
Liberal gegenüber Frauen
Bemerkenswert ist, dass die Hazara bezüglich Frauenrechten verhältnismäßig liberal sind. Ihre Vertreter im afghanischen Parlament unterstützen etwa das Recht der Frauen auf Bildung, hazarische Töchter erhalten häufiger eine Ausbildung als üblich. In der mehrheitlich von Hazara bewohnten Provinz Bamyan ist die einzige Gouverneurin des Landes im Amt.

