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Der Religionsfrieden von Bad Vöslau

Vor sechs Monaten wurde das umstrittene türkisch-islamische Kulturzentrum in Bad Vöslau eröffnet. Nach jahrelanger Debatte scheint nun Ruhe in den Kurort eingekehrt zu sein – oder etwa doch nicht? Was kann Rest-Österreich aus den Vöslauer Erfahrungen lernen?

VON VIOLA ERLEBACH

 

Jahrelang war Bad Vöslau vor allem mit einem Thema in den Medien präsent: dem Konflikt um den Bau eines türkisch-islamischen Kulturzentrums, oft reduziert auf dessen geplante Minarette. Heute, ein halbes Jahr nach der Eröffnung des Gebäudes, scheinen die Wogen geglättet. Was war geschehen? „Begonnen hat alles damit, dass ATIB bei uns ein Bauprojekt für ein Kulturzentrum eingereicht hat, ein orientalisch anmutendes Gebäude“, erinnert sich Bürgermeister Christoph Prinz von der parteifreien „Bürgerliste Flammer“.  ATIB, das ist die „Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich“ – eine der größten Organisationen religiöser türkischstämmiger Migrant/innen in Österreich.

Der 21. Entwurf als Kompromiss

Doch noch während die Prüfung des Projekts lief, tauchte ein Entwurf plötzlich in den Medien auf. Für Aufregung sorgten vor allem die geplanten Kuppeln und Minarette. Eine Bürgerinitiative sammelte 1.400 Unterschriften gegen den Bau. Die Angst, dass das interkulturelle Klima in Bad Vöslau nachhaltig zerrüttet werden könnte, war groß. „Da wurde mir klar: Wir müssen mehr darüber reden“, sagt Prinz, „also habe ich ATIB vorgeschlagen, eine Mediation durchzuführen.“ In den Prozess waren neben ATIB auch alle Gemeinderatsparteien eingebunden – nicht aber Vertreter der Initiative gegen den Bau, wie FPÖ-Bezirksobmann Peter Gerstner kritisiert. „Die Unterschriften wurden überhaupt nicht behandelt.“ Er selbst ging mit der Absicht in die Gespräche, Kuppeln und Minarette zu verhindern. Das gelang nicht – auch wenn letztlich, fünf Monate und 20 wieder verworfene Entwürfe später, die Minarette aus Glas statt aus Beton gebaut wurden, im Hofinneren des Zentrums stehen und niedriger als die umliegenden Gebäude ausgefallen sind. „Ja, es ist ein moderner Bau“, räumt Gerstner ein. Dennoch hat seine FPÖ die Gespräche kurz vor Abschluss verlassen. „Wir wollten zuerst über Integration reden und erst dann über einen Bau.“

FPÖ: „Unterschriften gegen Bau nicht behandelt“

Das sei auch geschehen, sagen Bürgermeister Prinz und Selfet Yilmaz, ATIB-Vertreter in den Verhandlungen. Sie verweisen auf die gut besuchten Deutschkurse, die im Zentrum stattfinden. Auch mit dem baulichen Endergebnis sind beide zufrieden: „Locker und luftig“ findet Prinz die Architektur, „einzigartig“ ist sie für Yilmaz. Dieser lobt die Herangehensweise des Bürgermeisters, während der Gespräche Bevölkerung und Medien immer auf dem Laufenden zu halten: „Die offene Kommunikation war der Schlüssel zum Erfolg.“ Ja, die Kommunikation zwischen den Bevölkerungsgruppen sei wichtig, sagt auch FPÖ-Chef Gerstner, „aber Kontakt ist nicht alles“. Zwar weiß auch er kaum von konkreten Problemen seit der Eröffnung des Kulturzentrums, fürchtet aber doch negative Auswirkungen für die Zukunft: „Die jungen Türken treffen sich jetzt halt nicht mehr im Park, sondern in der Moschee, schotten sich ab – das ist Desintegration, nicht Integration.“ Dass überhaupt verhandelt und der Entwurf schließlich stark verändert wurde, schreibt Gerstner dem Protest seiner FPÖ zu: „Der Bürgermeister hätte das am liebsten einfach durchgeboxt.“

Bürgermeister: „Wünsche von ATIB und Ängste der Leute vereinbaren“

Dieser sieht das naturgemäß anders. „Ich habe schlicht versucht, die Wünsche von ATIB und die Ängste der Leute in Einklang zu bringen.“ Der architektonische Kompromiss stelle schließlich fast alle zufrieden: „Zumindest diejenigen, die nicht von vornherein gegen den Bau, sondern nur verunsichert waren, konnten wir in dem aufwändigen Prozess beruhigen und überzeugen.“ Teilweise funktioniere die Integration in Bad Vöslau heute sogar besser als vor der Debatte. Davor hätten die unterschiedlichen Gruppen in Bad Vöslau „einfach nebeneinander gelebt, es gab keine Probleme, weil es keine Berührungspunkte gab. Durch das Bauprojekt waren wir dann gezwungen uns zu entscheiden: Wollen wir in Zukunft miteinander oder gegeneinander leben?“

Stimmenverluste bei Gemeinderatswahl

Ein Vorteil für den Bürgermeister war sicher, dass er keiner Partei angehört, sich also ohne Einmischung von Landes- oder Bundesorganisationen um die Lösung des Konflikts bemühen konnte. Seine „Bürgerliste Flammer“ stellt bereits seit 25 Jahren den Bürgermeister in Bad Vöslau – musste aber bei den Gemeinderatswahlen im März 2010 herbe Verluste hinnehmen. Sie verlor gut zehn Prozent der Stimmen oder vier Mandate – genau soviel, wie die FPÖ dazugewann. „Das hat sicher auch mit dem Kulturzentrum zu tun“, räumt Prinz ein, gibt aber zu bedenken, dass auch die SPÖ verloren habe und der Erfolg der FPÖ im landesweiten Trend liege. Auch Gerstner sieht Auswirkungen des Baus auf die Wahl: „Wir waren ja als einzige dagegen.“ Schon während der Gespräche habe er sich gedacht, der Bau sei zwar schlecht für die Stadt, „aber für uns als Partei ist er gut.“ Dem muss auch Prinz beipflichten. Ein gewisser Anteil der Bevölkerung sei eben allgemein gegen Ausländer, wolle sich nicht mit dem Thema befassen, „die wird man nicht umstimmen können.“ Auf die Frage, ob er heute den Konflikt genauso angehen würde, zögert Prinz dennoch nicht: „Ja, der Weg war der richtige.“

„Locker und luftig“ ist für Bürgermeister Prinz der Bau, der als Entwurf Nummer 21 am Ende der Verhandlungen stand.

FPÖ-Obmann Peter Gerstner: „Die jungen Türken treffen sich jetzt nicht mehr im Park, sondern in der Moschee – das ist Desintegration.“

Bürgermeister Christoph Prinz: „Wir mussten uns entscheiden: Wollen wir in Zukunft miteinander oder gegeneinander leben?“

ATIB-Vertreter Selfet Yilmaz: „Die offene Kommunikation war der Schlüssel zum Erfolg.“