"Wir müssen unsere Gesellschaft fit für Vielfalt machen"
Was Vorarlberg Ende April beschlossen hat, hat Tirol schon seit 2006: ein Integrationsleitbild. Wir haben mit Landesrat Gerhard Reheis über den Sinn von Leitbildern und den Stand der Umsetzung in Tirol gesprochen.
VON VALENTIN SCHWARZ
Integration im Fokus: Herr Landesrat, das Tiroler Integrationsleitbild ist bald vier Jahre alt. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?
Gerhard Reheis: Unser Integrationsleitbild bildet den Rahmen für die diesbezüglichen Bemühungen im Land Tirol. Ein Zwischenbericht, den wir letztes Jahr veröffentlicht haben, zeigt, dass sehr viele Initiativen und Projekte des Landes schon umgesetzt wurden. Aber es ist nicht nur das Land: Wir haben den Leitbildprozess bewusst breit angelegt, damit auch andere Einrichtungen – Vereine, Gemeinden, Betriebe, etc. – ihre Verantwortung wahrnehmen. Das wird dem gesamtgesellschaftlichen Anspruch von Integration gerecht, der auch im Leitbild festgehalten wurde – Integration ist nicht nur Aufgabe des Fachbereichs Integration.
Integration im Fokus: Also alles eitel Wonne?
Reheis: Nun: Die Erfolge dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass wir noch viel tun müssen, um unsere Gesellschaft tatsächlich fit für Vielfalt zu machen. Wir müssen das Bewusstsein stärken, dass die Zuwanderer bei uns nicht Gäste sind, sondern Mitbewohner mit Pflichten, aber auch Rechten. Deshalb müssen sich unsere Institutionen, etwa in Bildung und Gesundheit, noch stärker auf die Selbstverständlichkeit einer vielfältigen Gesellschaft einstellen. Vom Deutschlernen will ich dabei gar nicht reden – das ist nicht Integration, sondern die Voraussetzung dafür.
Integration im Fokus: In welchen Zahlen, Fakten und Indikatoren lassen sich die erzielten Fortschritte messen?
Reheis: Über die Messbarkeit der Integrationsbemühungen wird derzeit ja europaweit diskutiert. Wir haben in Tirol vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit dem „Zentrum für MigrantInnen in Tirol“ ein Informations- und Monitoringzentrum ins Leben gerufen. Derzeit stehen wir aber noch eher bei der Information, das Monitoring befindet sich erst in der Entwicklungsphase. Konkret gearbeitet wird derzeit im Rahmen eines EU-Projekts an Integrationsindikatoren für Gemeinden.
Integration im Fokus: Wo gibt es noch Schwierigkeiten?
Reheis: Eine große Herausforderung bleibt weiterhin die in unserer Gesellschaft spürbare Atmosphäre der Angst und Ablehnung von Zugewanderten, die zu einem großen Teil nicht rational zu begründen ist. Geschürt wird diese Angst durch eine populistische Politik und eine oft mangelhafte Sensibilität der Medien. Integrationspolitik kann auf Dauer nur erfolgreich sein, wenn es gelingt, diese Ängste zu relativieren und eine Stimmung der Offenheit herzustellen.
Integration im Fokus: Was kann ein Leitbild angesichts dieser Situation überhaupt leisten, was nicht?
Reheis: Ein Leitbild kann mehr Klarheit darüber bringen, was man unter Integration versteht und was und wohin man will. Und es kann eine Anleitung dazu geben, wie diese Überlegungen umgesetzt werden können. Wenn der Leitbildprozess wie in Tirol sehr breit und auf die Mitarbeit vieler angelegt ist, kann er viel an Bewusstsein, Vernetzung und Koordinierung schaffen, was dauerhaft positiv wirkt. Ein Leitbild ist aber noch nicht die Integrationsarbeit an sich – es muss umgesetzt werden durch konkrete Projekte.
Integration im Fokus: Erwarten Sie sich weitere Leitbilder auf Landes- und Gemeindeebene oder waren diese nur ein kurzfristiger Trend, der wieder vorbei ist?
Reheis: Auf Landesebene hat es bereits weitere Leitbilder gegeben, in Oberösterreich oder zuletzt in Vorarlberg. Die Bundesländer erkennen den Wert einer solchen intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema. Und auch auf Gemeindeebene bin ich zuversichtlich. Das muss dann nicht unbedingt Leitbild heißen, aber eine Auseinandersetzung findet verstärkt statt. Kritisch sehe ich den Nationalen Aktionsplan des Bundes, weil er diese intensive Auseinandersetzung im Interesse einer schnellen Präsentation vermieden hat. Das lässt offene Fragen zurück, die bei der Umsetzung wieder auf den Tisch kommen werden und diese dann mühsamer machen.
Integration im Fokus: Der Titel des Leitbilds lautet „Integration MIT Zugewanderten in Tirol“. Wie unterstützen Sie dieses „Mitmachen“? Mit welchen Maßnahmen fördert Tirol etwa die Partizipation von Migrant/innen in Bereichen, wo sie bisher unterrepräsentiert sind, wie in der Verwaltung oder unter den Lehrern?
Reheis: Wir versuchen, Migrant/innen so weit wie möglich in unsere Arbeit einzubeziehen. Das war beim Leitbildprozess so und setzt sich etwa beim Integrationsbeirat fort, der mich berät. Wichtig sind mir auch die Kontakte zu Migrantenvereinen. Was Partizipation betrifft, setzen wir stark auf die Bildung von Zugewanderten und fördern entsprechende Projekte. Gewisse Qualifikationen sind die Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Mehr Migrant/innen in der Verwaltung und im Bildungsbereich – das bleibt ein nur mittelfristig erreichbares Ziel.
Integration im Fokus: Im Leitbild wird betont, dass Integration „alle gesellschaftlichen Teilbereiche“ betreffe und ergo auch alle Ressorts für ihr Gelingen verantwortlich seien. Dabei besteht die Gefahr: Wenn alle zuständig sind ist es letztlich auch keiner. Wie sehen Sie diese Grundproblematik einer „Querschnittsmaterie“? Wie kommen Sie bei Ihren Ressortkollegen mit Integrationsanliegen durch?
Reheis: Es ist nicht so, dass der Fachbereich Integration für alle Belange von Zugewanderten zuständig wäre. Er versteht sich im Gegenteil als Vermittler und Impulsgeber auch für andere Bereiche der Verwaltung und macht immer wieder auf deren Zuständigkeit auch für „Neu-Tiroler/innen“ aufmerksam – mit unterschiedlichem Erfolg. Was die politische Ebene betrifft, geht es mir ähnlich. Ich stoße manchmal auf offene, manchmal aber auch auf taube Ohren.
Integration im Fokus: Welche Integrationsvorhaben hat das Land Tirol für die nächsten Jahre?
Reheis: Ein Schwerpunkt heuer ist das Projekt „Vielfalt [daheim] in Tirol“, das Zugewanderten eine Stimme in der öffentlichen Debatte über Integration geben soll. In der Ausstellung werden ihre Positionen zu Heimat, Integration, Diskriminierung, Leben in Tirol, etc. dargestellt. Außerdem machen wir die Leistungen von Zugewanderten in und für unsere Gesellschaft sichtbar. Und natürlich arbeiten wir weiterhin mit unseren vielen Partnern an der Umsetzung des Integrationskonzepts.

