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ÖIF-länderinfo n°6

Ägypten: Die religiöse Minderheit der Kopten

Mag. Sabine Catar
Staatendokumentation des Bundesasylamtes

Mai 2010 

 

Einleitung

Die Kopten sehen sich als die älteste Bevölkerungsgruppe Ägyptens und ihre Kirchegehört zu den ältesten der Welt. Die Kopten stellen ca. sieben bis zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung, welche zum größten Teil aus sunnitischen Muslimen besteht.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Anwar Sadat unterhält der ägyptische Präsident Hosni Mubarak ausgezeichnete Beziehungen zur Koptischen Kirche. Dieses gute Verhältnis ist von einer demonstrativen Regimetreue der Kirchenführung und Gegenleistungen seitens der Regierung geprägt. Der Kooperation liegt die gemeinsame Feindschaft gegen radikale Islamisten zugrunde.

Es kommt auf lokaler Ebene immer wieder zu interreligiösen Unruhen zwischen Muslimen und Kopten. Die Regierung scheint um ein Eindämmen der Ausschreitungen bemüht, ihr wird jedoch von NGOs und den USA vorgeworfen, zu wenig Präventionsarbeit zu leisten und die Existenz interreligiöser Spannungen zu leugnen. Nur in bestimmten Fällen werden von der Regierung Gerichtsverfahren angestrebt. Stattdessen setzt die Regierung Mubarak vor allem auf„Versöhnungssitzungen“, die jedoch aufgrund des dort ausgeübten Drucks auf die Beteiligten und aufgrund der damit verbundenen Straffreiheit für Täter von verschiedenen Seiten als unzureichend zur Konfliktbeilegung angesehen werden.

Bisher waren die gewalttätigen Zwischenfälle lokal und zeitlich begrenzt, während andernorts Kopten und Muslime friedlich miteinander leben – und Meldungen zufolge vermehrt nebeneinander. Die freie Abhaltung von Gottesdiensten scheint unbestritten, während es durchaus Berichte über Diskriminierungen von Kopten in Bezug auf kirchliche Bautätigkeiten, mangelnde politische Partizipation und Arbeitsmöglichkeiten im öffentlichen Sektor gibt.

Einleitung

Die Koptische Kirche ist eine der ältesten der Welt. Das Wort „Kopte“ geht auf die griechische Bezeichnung für Ägypten zurück, die auf dem altägyptischen Namen Ägyptens basiert. Die Kopten stellen heute mit sieben bis zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung die größte Minderheit des Landes dar, wobei die Kopten selbst den Begriff „Minderheit“ ablehnen. In Teilen Oberägyptens wie etwa Assiut und Minia machen die Kopten bis zu zwanzig Prozent der Bevölkerung aus.

Die Kopten sind monophysitische Christen, welche die Natur Jesu Christi als allein göttlich betrachten. Dies spielte in der Geschichte der koptischen Religion unter derbyzantinischen Herrschaft über Ägypten eine Rolle. Das Byzantinische Reich betrachtete die Kopten als Häretiker (mit entsprechender Verfolgung) und belegte sie mit hohen Steuern. Diese beiden Faktoren führten dazu, dass die arabischen Eroberer im Jahr 639 auf eine ihnen gegenüber positiv gesinnte Bevölkerung stießen und nur eine schwache byzantinische Präsenz zu besiegen hatten.

Im Laufe der Zeit wandelte sich Ägypten zu einem Land mit arabischer Sprache und muslimischer Mehrheit. Die koptische Sprache wurde zu einer Liturgiesprache,woran auch eine kurze Renaissance im 19. Jahrhundert nichts ändern konnte.

Die Beziehung zwischen Staat und Kopten

Die Religionszugehörigkeit ist in Ägypten nicht nur im Alltag ein wichtiger Faktor, sondern bedingt auch rechtliche Konsequenzen, weil sich das anzuwendende Familienrecht nach der Zugehörigkeit zu einer der drei anerkannten Religionen – Islam, Christentum und Judentum – richtet.

Die traditionelle Loyalität der Kopten gegenüber dem Staat liegt in ihren religiösen Ansichten begründet. Innerhalb des Staatsapparats ist die Sicherheitsabteilung im Innenministerium für koptische Fragen zuständig, während für die religiösen Angelegenheiten von Muslimen ein eigenes Ministerium existiert. 

In den Jahren 1919 bis 1952, noch während der Monarchie, war das Verhältnis zwischen Muslimen und Kopten sehr gut. Doch in der Ära der Freien Offiziere und Nassers (1952-1970) waren die Kopten nicht mehr in die politische Entwicklung des Landes eingebunden. Besonders die Verweigerung von Führungspositionen in den Sicherheitskräften und Sicherheitsdiensten traf sie und trug zur Unzufriedenheit mit der Politik bei. So begann 1952 die Entfremdung der koptischen Laien von der Politik. Das Oberhaupt der Koptischen Kirche, Papst Kirolos, unterstützte indessen die Regierung und unterhielt gute Beziehungen zu Nasser. Dies äußerte sich unter anderem in dem Bau einer großen Kathedrale und einer theologischen Hochschule in Kairo sowie dem Bemühen Nassers, die Reliquien des Hl. Markus von Venedig nach Ägypten zurückzuholen.

Nach der Niederlage Ägyptens im Sechstage-Krieg 1967 entstanden eine Vielzahl muslimischer und koptischer Organisationen, die im Fall muslimischer Gruppen auch eine Ventilfunktion für die mangelnde Möglichkeit politischer Mitsprache hatten. Sie richteten sich z.B. gegen die Israel-Politik der Regierung Sadat und gegen die umfassende Korruption im Staatsapparat.

Die muslimischen Organisationen kleideten ihre Anliegen in eine religiöse Terminologie, wobei sie alle Bereiche an ihren eigenen religiösen Werten maßen. Eine Richtung strebte dabei einfach nach einer Reform der Gesellschaft, einer politischen Partizipation in Form politischer Parteien und der Ausmerzung der Korruption. Eine andere Richtung strebte jedoch nach einem völligen Umsturz des Staates und des Gesellschaftssystems. Diese militante islamistische Strömung duldete keine von ihren Ansichten abweichenden Meinungen. Schließlich gelang es ihr, den damaligen ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat 1981 zu ermorden, der wie Nasser autoritär über Ägypten geherrscht hatte. Sadat wurde seine prowestliche Politik zum Verhängnis.

Sadat hatte sich sogar den islamistischen Strömungen angenähert, was die Kopten in Angst versetzte. Nachdem bei einem USA-Besuch Sadats dortige Kopten gegen seine Politik demonstriert hatten, verbannte Sadat den koptischen Papst Shenouda in ein Kloster. Im Vorfeld war das Kirchenoberhaupt für die Rechte der Kopten eingetreten. Bei aller Loyalität dem Staat gegenüber war der Papst erfolglos gegen die Verfassungsklausel aufgetreten, welche die Scharia erst zu einer und dann zur alleinigen Rechtsquelle erklärte und über die Religionsfreiheit stellte. Hinzu kamen Angriffe auf Kirchen durch Islamisten, die auch an den Universitäten Christen unter Druck setzten.

Präsident Hosni Mubarak, Sadats Nachfolger, holte das koptische Kirchenoberhaupt erst 1985 wieder aus dem Exil zurück:

 „Es schien in beiderseitigem, sowohl staatlichen als auch kirchlichen Interesse gelegen zu sein, sichtbare politische Schritte wie die ‚Rückkehr’ des Papstes erst dann zu setzen, wenn die innenpolitische Lage sich wieder beruhigt hatte.“

Hosni Mubarak und Papst Shenouda entwickelten nicht nur gute Beziehungen, sondern auch eine anhaltende wechselseitige politische Kooperation: „Als zentrales bindendes Element zwischen Staat und Koptischer Kirche kann die gemeinsame Feindschaft gegenüber (radikal) islamistischen Kreisen betrachtet werden. […] der politische ‚Balancer’ Mubarak räumte demgegenüber der Kirche nicht nur das Recht auf politische Artikulation ein, sondern wusste darüber hinaus auch deren Rolle als politischer Player bewusst, aber betont maßvoll, zu instrumentalisieren. Die Koptische Kirche hat sich im Gegenzug für Mubaraks Bemühungen zur Eindämmung islamistischer Tendenzen und Auswüchse als verlässlicher Partner des Regimes erwiesen. Für die Kirche steht angesichts des islamistischen Drucks auf Politik und Gesellschaft das übergeordnete Ziel des Fortbestands ihrer politischen Einflussnahme im Vordergrund, gewisse alltägliche Benachteiligungen der Christen werden dabei sichtlich bewusst in Kauf genommen.“ Gemeinsame Fernsehauftritte von Papst Shenouda und Großscheich Mohammed Sayed al-Tantawi (dem Leiter der al-Azhar-Universität und damit der führenden sunnitischen theologischen Institution), bei denen sie „das harmonische Verhältnis zwischen den beiden Religionsgruppen“ hervorhoben, häuften sich. Auch Mubarak nahm oft daran teil und der Papst agierte im Fall interreligiöser Konflikte „stets beruhigend und ausgleichend“.

Die islamistischen Strömungen drifteten unterdessen weiter auseinander: Einerseits verübten Gruppen mit extremistischen Zielen auch Terroranschläge, bevorzugt gegen bekannte ägyptische Politiker sowie gegen ausländische Touristen. Andererseits folgte die Muslimbruderschaft, eine von der Regierung teilweise geduldete Organisation, gewaltfrei ihrem Ziel eines islamischen Staates und versuchte, die Beziehungen zu den Kopten zu verbessern. Gleichzeitig setzte sich der Trend wachsender Religiosität in der ägyptischen Gesellschaft fort.

Papst Shenouda wird nachgesagt, dass er alle Lebensbereiche der Kopten, als unter seiner Autorität stehend, betrachtet:

„The current church’s overt support for the regime reflects a balance: the church gains authority over the lives of Christians and in return it guarantees their loyalty to the regime.“

 Im Oktober 2009 unterstützte das Kirchenoberhaupt in einer Fernsehansprache offen Gamal Mubarak, den Sohn von Präsident Hosni Mubarak, als dessen Nachfolger. Die Einladung des potentiellen Präsidentschaftskandidaten Mohamed El Baradei zu der diesjährigen koptischen Osterfeier löste daher entsprechendes mediales Interesse aus: “A source close to Pope Shenouda said that the church is committed to supporting the President Hosni Mubarak's National Democratic Party. The source said that the church will not back nominees with ambiguous platforms that might favor of [sic!] religious movements or have unclear foreign connections, apparent references to the NAC's cooperation with the Muslim Brotherhood and ElBaradei's years spent abroad.” Als offizielle Begründung für die Einladung des ehemaligen Chefs der Internationalen Atomenergiebehörde gab die Kirche an, dass er ein Friedensnobelpreisträger und prominentes Mitglied der Wissenschaft sei. Die enge Bindung des Papstes an den Präsidenten rief jedoch zu Zeiten auch Kritik von Kopten hervor.

Es sind zwei Fälle von regimekritischen Kopten bekannt, gegen welche die Kirchenführung Sanktionen in Form einer Entlassung und im zweiten Fall in Form einer öffentlichen Distanzierung ergriff.

Der ägyptische Präsident verfolgt eine „Politik des Ausgleichs und des Friedens von oben“. Sich vergrößernde soziale Gegensätze und ein politischer Stillstand, der jedoch von der Frage begleitet wird, wie es nach Hosni Mubarak (Demokratisierungsfrage) weitergehen soll, verschaffen islamistischen Gruppen Zulauf und sind teilweise für den Terrorismus verantwortlich. Damit geht die Entfremdung zwischen Bevölkerung und Regierung und ein ideologisches Vakuum zwischen der Regierungslinie und den diversen islamistischen Strömungen einher.

Als 1992 ein Erdbeben vor allem in Armensiedlungen Opfer forderte, waren fundamentalistische Organisationen unter den ersten, welche humanitäre Hilfe leisteten. So konnten diese ihre Popularität vergrößern.  Mitte Dezember 2009 strich die ägyptische Regierung die kostenlose Behandlung für seine besonders armen und schwer kranken StaatsbürgerInnen. Fehlende Hilfe durch den Staat kann Teile der Bevölkerungsschichten, welche am wenigsten zu verlieren haben, in die Arme radikaler Organisationen treiben. Das fehlende soziale Netz unterminiert gleichzeitig weiter die Legitimität des Staates, weil die Menschen sich an Wohltätigkeitsorganisationen wenden müssen. Unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe ergeben sich dann für manche Extremisten, trotz aller Verbote, inmitten respektabler Organisationen vermehrte Gelegenheiten zur Beeinflussung einer wachsenden Zahl an Menschen.

Bereits im Jahr 2000 wurde für den Fall „einer sozialen oder wirtschaftlichen Krise“ ein hohes Mobilisierungspotential für radikale Islamisten unter jungen Ägyptern prognostiziert, die von der Modernisierung nicht profitieren können.

Zum Verhältnis von Sunniten und Kopten in Ägypten

Im Jahr 2004 beschrieb Christiane Paulus, eine Dozentin für Religionsgeschichte in Ägypten, in einer Analyse ihrer Befragung von Kopten und Muslimen, wie seit den 1950er Jahren durch die wachsende religiös geprägte Freizeitgestaltung als Folge der Einbeziehung von Laien in das religiöse Leben langsam die privaten Kontakte zwischen Kopten und Muslimen abnahmen. Über Religion zu reden wird sowohl von Muslimen wie auch von Kopten mit den offenen Missionierungsversuchen westlicher Kirchen assoziiert. Andere Motive für einen Informationsaustausch werden nicht wahrgenommen. Um die Beziehung zu den Angehörigen der jeweilsanderen Religion daher nicht durch Streit zu gefährden, wird über Religion meist gar nicht erst gesprochen. Gegenseitige Konversionsbemühungen kommen zwar in Ägypten vor, sind aber gesellschaftlich verpönt, denn die seltenen Religionswechsel ziehen massive „familiäre und soziale Probleme“ nach sich. Angesichts dessen wäre ein interreligiöser Dialog als „westliches Konzept“ in Ägypten schwer umsetzbar.

Die Koptische Kirche ist mittlerweile mehr als ein sozialer Treffpunkt ihrer Religionsangehörigen und hat sich zu einer Parallelgesellschaft mit eigenen Angeboten in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Bildung und vielem mehr entwickelt. Dieses Nebeneinander wird nach Auffassung eines Anhängers von Papst Shenouda von diesem gefördert. Das Kirchenoberhaupt wolle damit das Potential von Konflikten zwischen Minderheiten- und Mehrheitsgesellschaft minimieren. Zumindest 1999 war der Papst noch für mehr Begegnungsmöglichkeiten zwischen Christen und Muslimen eingetreten.

Während die freie Abhaltung von koptischen Gottesdiensten möglich ist, bzw. trotz der Zwischenfälle kein Diskussionsthema in den vorliegenden Berichten darstellt,werden immer wieder verschiedene Formen der Diskriminierung sowie deren Ausmaß und Ursachen diskutiert.

 Gemäß der oben erwähnten Analyse einer Befragung gab es mit Stand 2004 rege Aktivitäten bezüglich Kloster- und Kirchenbauten, auch wenn vereinzelte Probleme mit Baubehörden nicht ausgeschlossen wurden. Zudem lehnten die befragten Kopten wie Muslime eine Ghettobildung ab und befürworteten gemischte Wohngebiete.

Mubaraks Politik bei Kirchenbauten könnte quasi als Belohnung für Regimetreue gewertet werden und schließt bürokratische Hürden nicht aus. Es gibt weiterhin Berichte über Probleme, Genehmigungen für bauliche Maßnahmen an kirchlichen Einrichtungen sowie für Neubauten zu erhalten und umsetzen zu können – darunter auch ein aktueller Artikel aus einer ägyptischen Zeitung in Bezug auf teilweisebereits von der Provinzverwaltung abgerissene Kirchengebäude. In jüngerer Zeit steht auch die christlich geprägte Epoche Ägyptens wieder inbestimmten Schulstufen auf dem offiziellen Lehrplan.

1998 waren die Kopten im öffentlichen Dienst mit 1,5 Prozent vertreten. Damit ging eine geringe Vertretung in der Politik einher. In der Privatwirtschaft waren die Koptenvermutlich mit zwanzig Prozent vertreten. Auch heutzutage sind „[…] Christen in Politik und Staatsdienst, vor allem auch in den höheren Positionen nur marginal vertreten“: „Die von Mubarak vertretene ‚Toleranz’ bedeutet nicht immer tatsächliche Gleichberechtigung zwischen Muslimen und Christen.“ Selbst in Mubaraks Partei wären nur sehr wenige Kopten Mitglieder, auch wenn Mubarak als„symbolische Akte“ Kopten zu Parlamentsabgeordneten ernenne:

„Ob, wie häufig behauptet wird, die Tatsache, dass Kopten meist entweder überdurchschnittlich gut situiert sind (überproportionale Vertretung bei Apothekern, Ärzten, Geschäftsleuten) oder der unteren Gesellschaftsschicht (Kairos Müllsammler, landlose Bauern) angehören, für geringe Ambitionen, sich in der Politik zu engagieren, verantwortlich gemacht werden kann, sei dahingestellt.“

Manche Kopten legten im Jahr 2009 das umstrittene vorläufige Verbot der Schweinezucht anlässlich der „Schweinegrippe“ mit seinen massiven  wirtschaftlichen Konsequenzen für die bereits zuvor marginalisierten Schweinezüchter und Müllsammler (“Zabalin“) als antikoptische Maßnahme aus. Im Jahr 2004 wurde das Gewaltniveau zwischen Kopten und Muslimen in Ägyptenals „gewalttätige Auseinandersetzungen, die sich ab und zu in oberägyptischenDörfern ereignen“ charakterisiert, aber auch gewarnt:

„Die Basis des Respekts sind gemeinsame Erfahrungen im Alltage, die aber, wie esscheint, im Zusammenhang mit der Modernisierung von Religion immer wenigerwerden. Aus diesem Mangel könnte sich eher ein Konfliktpotential ergeben, nichtaus der einfachen Existenz der religiösen Minderheit an sich.“

Ähnlich äußerte sich zeitgleich der Verfasser eines populärwissenschaftlichenBuches über die Kopten, der als Imam arbeitet und väterlicherseits koptischerAbstammung ist:

„So steht auch jeweils nur ein kleiner Prozentsatz den Angehörigen des anderen Glaubens ablehnend gegenüber, aber diese wenigen sorgen ab und zu für Unruhe. Koptische Geistliche und Imame bemühen sich stets, Streitigkeiten beizulegen,ehe Wut und Hass der Kontrahenten aufeinander entstehen. Sie versuchen die Probleme ohne Einschaltung der Behörden zu lösen, um Ausschreitungen zuverhindern.“

In keiner der beiden oben zitierten Publikationen werden die bereits bis dahin stattgefundenen gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kopten und Muslimen näher kommentiert – insbesondere die Ereignisse von Kosheh (siehe nächster Abschnitt) im Jahr 2000. Es fehlen auch Erklärungen, warum bereits relativ kleine und begrenzte Ereignisse ausreichen können, um kollektive Racheaktionen gegen die jeweils andere Religionsgemeinschaft hervorzurufen, welche mit Verletzten bis hin zu Toten und mit großen Sachschäden enden.

Akademische Literatur, welche weder einer bestimmten Position in Bezug auf das Verhältnis zwischen Kopten und Muslimen noch der ägyptischen Regierung zuzuordnen ist, scheint dünn gesät zu sein. Gerade bei aktuellen Ereignissen ist man zudem auf Nachrichtenmeldungen und Menschenrechtsberichte angewiesen.

Dieses Segment an Informationsquellen konstatiert einen Anstieg von Gewalt zwischen Kopten und Muslimen seit den 1970er Jahren aufgrund des Wachstums islamistischer Organisationen. Dadurch hätte sich auch ein Teil der Kopten radikalisiert. Die schlechte soziale Lage vergrößere das Konfliktpotential. Auslöser für Gewalt zwischen manchen Angehörigen der beiden Religionsgemeinschaftenstellen oft Streit um Land oder Liebesbeziehungen dar. Andere sehen direkt in„systematischen Formen der Diskriminierung“ die Ursache für die Radikalisierung einiger Kopten, wobei die fehlende Demokratie „Fanatismus und Bigotterie“fördere.

Eine Zeitung fasst die Lage so zusammen:“Copts, who make up most of the 8 million Christians in a country of 80 millionpeople, generally live in peace with Muslims but violence occasionally occurs. Human rights groups say attacks on Copts are on the rise, underscoring thegovernment’s failure to address chronic sectarian strains in a society wherereligious radicalism is gaining ground.” Der folgende Abschnitt beschreibt und analysiert die jüngsten größerenAuseinandersetzungen, um einen besseren Eindruck über die derzeitige Lage derKopten sowie die Haltung der ägyptischen Regierung zu vermitteln.

Aktuelle Ereignisse

Der Anschlag in Naga Hammadi – seine Vorgeschichte sowie die Ereignisse danach – verdeutlichen das komplexe Verhältnis zwischen verschiedenen Betroffenen und Beteiligten, weshalb sie ausführlicher dargestellt werden, so weit dies bei widersprüchlichen und unvollständigen Informationen möglich ist. Am Ort des Angriffs gab es Einschränkungen durch die Behörden, und die Journalisten konnten nicht immer die Angaben überprüfen.

Der vorletzte sicherheitsrelevante Vorfall war der größte seiner Art seit 10 Jahren und hatte eine Vorgeschichte: Im November 2009 wurde Berichten zufolge ein muslimisches Mädchen von einem Kopten in dem Dorf Farshut nahe der Stadt Naga Hammadi vergewaltigt. Dies führte zu tagelangen Unruhen. Daraufhin warnte die lokale Kirche vor möglicher Gewalt zu Weihnachten und beschloss die Messen früher zu beenden. Doch am 6. Jänner 2010, dem Vorabend des koptischen Weihnachten, wurden in Naga Hammadi aus einem fahrenden Auto heraus sechs Kopten und ein muslimischer Polizist nach der Messe erschossen.

Daraufhin gab es Unruhen zwischen Kopten und Muslimen, im Zuge derer es zu Sachschäden am Besitz von Angehörigen beider Religionen kam. Es wurden dutzende Kopten und Christen wahllos verhaftet. Einem anderen Bericht zufolge wurden neun Muslime und sechs Christen verhaftet. Teilweise richtete sich die Wut der Kopten bei den Zusammenstößen auch gegen die Regierung und die Sicherheitskräfte. Sie forderten den Rücktritt des örtlichen Gouverneurs – des einzigen Christen unter 29 Provinzgouverneuren. Anzeigen wegen Sachschäden wurden erstattet, wobei die Zerstörung bis hin zu in Brand gesetzten Wohnhäusern ging. Während der Unruhen nach dem Anschlag gab es auch Verletzte – z.B. sechs Personen in einem benachbarten Dorf.

Kurz danach gab es im Parlament eine heftige Auseinandersetzung darüber, ob es sich überhaupt um einen religiös motivierten Anschlag gehandelt habe, und ob die Sicherheitskräfte Kopten ausreichend beschützen würden. Die Regierungskommission zur Klärung der Sachlage war laut einer – dem Vornamen nach christlichen – Parlamentarierin erst nach acht Tagen in Naga Hammadi eingetroffen. Zudem sei es zu Unruhen gekommen, während der Gouverneur davon 15 sprach, dass „alles unter Kontrolle“ wäre. Auch ein Kopte in Naga Hammadi erwähnte in einem Interview diese Unruhen.

Zwei Wochen nach dem Anschlag verurteilte Präsident Mubarak den Angriff und rief die Medien, die Geistlichen und die Intellektuellen auf, „Fanatismus“ einzudämmen. Offen bleibt, warum der Schutz der Kirchen zu Weihnachten nicht verstärkt worden war, und warum die folgenden Ausschreitungen nicht unterbunden wurden.

Die ägyptische Zeitung Al-Masri Al-Youm beschrieb noch am 20. Jänner 2010 Naga Hammadi als Stadt voll mit Sicherheitskräften: Laut einem Bewohner eines Nachbarortes, der ebenfalls von den Unruhen betroffen war, wären alle, die mit Medien gesprochen hätten, von den Sicherheitskräften abgeführt und verhört worden, so bald die Journalisten weg waren.

Die Sicherheitskräfte zwangen die Journalisten der Zeitung, ein Interview mit einem koptischen Geistlichen laut eigenen Angaben abzubrechen und die Stadt zu verlassen. 30 BloggerInnen und AktivistInnen, die den Angehörigen der Getöteten Kondolenzbesuche abstatten wollten, wurden einen Tag lang von der Polizei festgehalten. Sie waren mit Oppositionspolitikern von Kifaya und Democratic Front Party sowie Universitätsprofessoren in Verbindung, die auf einem anderen Weg zu einem Solidaritätsbesuch in die Stadt gekommen waren. Ein koptischer Geistlicher aus Naga Hammadi hatte sich bei früherer Gelegenheit für die Unterstützung der Regierung und der Sicherheitsbehörden nach dem Anschlag bedankt, während ein Bischof sich kurz nach dem Anschlag dahingehend geäußert hatte, dass die Attacke durch eine Aufstockung der Sicherheitskräfte bei den Kirchen hätte verhindert werden können.

Der Bischof von Qena bot der parlamentarischen Untersuchungskommission an, den Vergewaltiger (dem Anlass für die vorangegangenen Unruhen im November) zu übergeben, wenn dieser nicht bestraft würde. Die Familie des Opfers hat laut einem Kommissionsmitglied aber bereits jemand für eine Racheaktion angeheuert.

Im Februar demonstrierten Kopten für die Freilassung von 15 noch wegen der Unruhen in Naga Hammadi inhaftierten Kopten. Außerdem hielten Kopten Gedenkveranstaltungen ab – ursprünglich aus Anlass der Gewalttätigkeiten vor zehn Jahren –, als es nach dem Mord an einem Muslim zu Racheaktionen gegen 16 Christen in Kosheh (Sohag) gekommen war, was zum Tod von mehr als 20 Menschen geführt hatte. 1 200 Kopten waren damals verhaftet worden. Aus aktuellem Anlass wurde nun auch der Toten von Naga Hammadi gedacht – dem schwersten Vorfall seit Kosheh. Einige interviewte TeilnehmerInnen verliehen ihrer Angst um ihrer Sicherheit und der ihrer Kinder Ausdruck und schilderten Vorsichtsmaßnahmen, die sie ergriffen hatten, z.B. den Kontakt zu Muslimen zu meiden oder die Töchter aus der Schule zu nehmen.

Drei Männer wurden wegen des Anschlags in Naga Hammadi wegen vorsätzlichen Mordes, versuchten Mordes (die Verletzten des Angriffs) und anderer Taten in diesem Zusammenhang angeklagt. Der Prozess über den Anschlag von Naga Hammadi wurde auf den 20. März 2010 vertagt. Den Angehörigen der Opfer und anderen Betroffenen des Anschlags ist es grundsätzlich nicht möglich, Entschädigungen einzuklagen, weil der Prozess vor dem Notstandsstaatssicherheitsgericht stattfindet. Ein koptischer Geistlicher bedankte sich bei Präsident Mubarak, dass er den Prozess zu diesem Sondergericht transferiert hatte.

Am 12. März 2010 griffen Muslime in Marsa-Matruh, einer Stadt an der Mittelmeerküste, ein koptisches Pfarrgemeindezentrum sowie Häuser von Kopten an. 23 Menschen wurden dabei verletzt, drei davon lebensgefährlich. Der Chef der lokalen Sicherheitskräfte betonte die Begrenztheit der Ausschreitungen. Diese wären durch einen Zaun um das Pfarrgemeindezentrum „provoziert“ worden. Der örtliche koptische Bischof sah jedoch eine Freitagspredigt in einer Moschee als Auslöser. Darin sei zum Kampf gegen Nicht-Muslime aufgerufen worden. Laut Egyptian Initiative for Personal Rights, einer NGO, die religiöse Gewalt dokumentiert, bestätigten dies auch Bewohner der Umgebung. Vermutlich war die Predigt eine Reaktion auf Gebete im Pfarrgemeindezentrum gewesen. Im Zuge der Unruhen verschanzten sich geflohene Kopten im Pfarrgemeindezentrum. Dort saßen sie zehn Stunden lang fest, bis die Polizei wieder die Ordnung hergestellt hatte. Die Polizei nahm 20 Muslime und Christen unter dem Vorwurf der Teilnahme an den Ausschreitungen fest. Der Bischof meinte, sollte der Zaun wirklich der Auslöser gewesen sein, würde dieser entfernt.

Am 4. Jänner 2010 – also kurz vor dem Anschlag von Naga Hammadi – stellte sich eine lose Plattform von säkularen Ägyptern den Medien vor. Das National Committee for Combating Sectarian Violence (NCCSV) umfasst NGOs, mindestens 17 eine nicht-registrierte linke Partei und prominente Persönlichkeiten und verfügt noch über keinerlei organisatorische oder finanzielle Strukturen. Das Komitee kritisierte, dass die Sicherheitskräfte bei konfessionellen Zwischenfällen immer verschwänden. Das Schweigen des Staates zu konfessionellen Unruhen und das Leugnen religiöser Spannungen würden als stillschweigende Unterstützung ausgelegt und damit dafür sorgen, dass es weiterhin zu Zwischenfällen käme. Die Versöhnungssitzungen, welche die Regierungspartei (Nationaldemokratische Partei) und Gemeindeverwaltungen organisierten, könnten zur Verminderung von Spannungen beitragen, seien jedoch in der derzeitigen Form ineffizient und ungerecht. Sicherheitskräfte würden den Streitparteien mit Verhaftung und Ausweisung drohen. Außerdem fehle die Möglichkeit zu Kompensationszahlungen. Das US-Außenministerium sieht in der aus den Versöhnungssitzungen resultierenden Straflosigkeit von Übergriffen überhaupt eine Aufforderung zu weiteren Straftaten.

Ein weiterer Kritikpunkt der Plattform ist die zwangsweise Umsiedlung von Kopten, welche manche Polizeikräfte durchführen und die sie als Schutzmaßnahme deklarieren würden.

Doch konnte das neue Komitee keine Vorschläge vorstellen, welche die Regierung zu einer konsequenteren Bekämpfung der konfessionellen Spannungen zwingen würden. Das Egyptian Human Rights Council (EHRC) legte in Reaktion auf die Ereignisse von Naga Hammadi eine Reihe von Forderungen an die Regierung vor: z.B. Gesetze mit schweren Strafen gegen „Diskriminierung und Bigotrie“ sowie eine Anklage der Täter unter den Anti-Terror-Gesetzen und eine Entschädigung für die Opfer von Terrorangriffen durch den Staat und NGOs. Die Organisation schätzte den Angriff folgendermaßen ein: „The council said that the recent attack is especially dangerous because the perpetrators do not belong to any specific organization with a fixed set of beliefs, which calls into question their motivations and surrounding political atmosphere.“

Insgesamt ergibt sich ein komplexes Bild unterschiedlicher Akteure in Bezug auf die interreligiösen Beziehungen in Ägypten:

  • Präsident Mubarak, seine Regierung sowie die Sicherheitskräfte, deren Krisenmangement bisher ambivalent war.
  • Die koptische Führung zeigte Risse: Papst Shenouda sowie andere Geistliche folgten der Regierungslinie, während andere Geistliche offene Kritik übten, wofür sie ihrerseits kritisiert wurden.Auch die muslimische Bevölkerung bietet ein differenziertes Bild: Z.B. gab es Solidarisierungsversuche seitens bekannter BloggerInnen, Oppositionspolitikern und Universitätsprofessoren. Kurz zuvor wurde auch das NCCSV gegründet. Gleichzeitig zeigen angebliche Auslöser wie ein „provozierender“ Zaun eines Pfarrgemeindezentrum wie prekär das Verhältnis auf lokaler Ebene zwischen Teilen von Muslimen und Kopten sein kann und dass es sich laut verschiedenen Berichten tendenziell in den letzten Jahrzehnten und besonders in den letzten Jahren verschlechtert hat.
  • Auch die koptische Bevölkerung scheint auseinanderzudriften. Wie beispielsweise die regierungskritischen Slogans während der Unruhen demonstrierten, sind nicht alle Kopten gewillt, sich ruhig mit der Lage abzufinden, sich jeglicher kritischer Äußerungen zu enthalten, und es bei den offiziellen Aussagen ihrer Kirchenführung zu belassen.

Conclusio

Die wachsende soziale Schere in Ägypten in Kombination mit der politischen Lage fördert laut Beobachtern Spannungen zwischen den Bevölkerungssegmenten. In den letzten Jahrzehnten reichten bereits relativ kleine Konflikte aus, um gewaltsame Ausschreitungen auszulösen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2004 wird trotz aller Probleme religiöse Toleranz von einem Teil der Bevölkerung gelebt. Die koptische Glaubensausübung in Form von Gottesdiensten findet laut aktuellem Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums vom März 2010 statt.

Die koptische Führung in Ägypten pflegt enge Beziehungen zu der ägyptischen Regierung. Sie fürchtet eine Machtergreifung der extremistischen Gegner der derzeitigen Regierung und versucht, so die Kopten zu schützen. Alternative Stimmen von Kopten – vor allem Laien – finden jedoch klare Worte dafür, wie sie die Lage einschätzen.

Die USA, wichtigster Verbündeter der ägyptischen Regierung, übten offene Kritik an dem Umgang Ägyptens mit den Ereignissen in Naga Hammadi und entsandten eine Delegation des United States Commission on International Religious Freedom (USCIRF): “The delegation […] said the Egyptian state engages in informal reconciliatory efforts, but never acknowledges the existence of real problems, thus leading to the repetition of such incidents.” Ägyptische Organisationen übten ebenfalls Kritik.

Derzeit kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Regierung aufgrund der Ereignisse von Naga Hammadi doch noch weiterreichende Maßnahmen ergreifen wird. EHRC (Egyptian Human Rights Council) sowie koptische Aktivisten (z.B. im Jahr 2004) legten bereits Forderungen für die Verbesserung des interreligiösen Zusammenlebens vor. Trotzdem scheint dem aktuellen Informationsstand nach keine Verbesserung der Lage der Kopten in Sicht. Es gibt sogar Warnungen vor einer weiteren Verschlechterung.

Weiterführende Informationen

  • Strohmeyer, Edda A.: Stabilität, Friede und Demokratie im Nahen Osten? Eine Political Leadership-Analyse des ägyptischen Staatspräsidenten Hosni Mubarak,Diss. phil., Wien, Dezember 2006
  • Makari, Peter E.: Conflict & Cooperation. Christian-Muslim Relations in ContemporaryEgypt, Syracuse University Press, New York, 2007, S. 189-208
  • US Department of State, Egypt - International Religious Freedom Report 2009, Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, October 26, 2009:http://www.state.gov/g/drl/rls/irf/2009/127346.htm; Zugriff am 01.04.2010
  • Für aktuelle Ereignisse:- www.almasryalyoum.com/en- news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/default.stm
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