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Minderheiten in Armenien: die Jesiden

Minderheiten in Armenien: die Jesiden
August 2010
Mag. Simone Langanger (Bundesasylamt/Staatendokumentation)

 

1. Einleitung

Armenien ist ethnisch betrachtet ein sehr homogenes Land, weshalb Minderheiten eher von geringer Bedeutung waren und sind. Die Einwohnerzahl Armeniens variiert je nach Quelle zwischen ca. 2,9 – 3,2 Millionen Menschen.  Bei der letzten Volkszählung (2001) ergab sich folgende Verteilung der ethnischen Bevölkerungsgruppen:

  1. 97,9% Armenier
  2. 1,3% Jesiden  (Kurden)
  3. 0,5% Russen
  4. 0,3% andere

In absoluten Zahlen wären das ca. 40.620 Jesiden, jedoch dürfte die Anzahl – nach neuesten Angaben – die 60.000-Marke überschritten haben. In Prozent gehören nun 1,95% (ein Plus von 0,65%) der Gesamtbevölkerung der jesidischen Minderheit an.  Alle Minderheiten in Armenien sind über das gesamte Land verteilt, und bilden weder in einer Region, noch in einer administrativen Einheit eine Mehrheit.

Die Unterscheidung in Jesiden und Kurden fällt nicht immer leicht, da Jesiden - ethnisch und sprachlich betrachtet - eigentlich den Kurden angehören. Dies gestaltet sich besonders in Armenien schwierig, weil Kurden als Helfer der Osmanen beim Genozid (1915/16) an den Armeniern gesehen werden, während die Jesiden - nach Ansicht der Armenier - wie sie selbst vom Osmanischen Reich viel erleiden mussten. In diesem Zusammenhang wird von einem Beobachter der jesidischen Gemeinde und den armenischen Behörden berichtet:

"[The] politically correct view within the republic is to see Armenians and Yezidis as historical brothers in arms against Turks and Azeris, as well as those Kurds who helped facilitate the genocide in 1915."

Genau dies ist auch für die Abgrenzung der Jesiden in Armenien gegenüber den muslimischen Kurden von großer Bedeutung. Während in anderen Ländern der Unterschied nicht so stark herausgearbeitet wird, und Jesiden sich selbst als Kurden sehen, wird in Armenien von einer jesidischen Identität gesprochen und der Diskurs darüber stark politisiert, wobei anzumerken ist, dass dieser Diskurs von einer schmalen Elite geführt wird und die täglichen Probleme des Großteils dieser Minderheit nicht erörtert werden. Dazu passend ist die Aussage von Aziz Tamoyan - Präsident der Union der Jesiden in Armenien - der jegliche Verbindung von Kurden und Jesiden bestreitet. Außerdem behauptet er, dass Jesiden weder eine kurdische Sprache, noch einen kurdischen Dialekt, sondern „Yezideren“  sprechen.

 

2. Die Jesiden

Die ursprünglichen Siedlungsgebiete der Jesiden waren jene der Kurden, also Teile der Türkei, des Irak, Syriens und des Iran. Es gab einige Auswanderungswellen in den Transkaukasus. Die erste fand im späten 18. Jahrhundert statt, eine im 19. Jahrhundert während des Russisch-Türkischen Krieges von 1877-1878 und eine weitere Anfang des 20. Jahrhunderts, im Besonderen auch um 1915. Gründe für die Migration lagen in der steigenden Antipathie zwischen Muslimen und Jesiden im Osmanischen Reich, ebenso in militärischen Konflikten und Grenzstreitigkeiten zwischen den Großmächten Persien, Russland und den Osmanen. 

Im Kaukasus siedelten sich die Jesiden vor allem in den Ländern Armenien und Georgien an. Da Jesiden sehr häufig Bauern und Hirten sind, ließen sie sich in Armenien hauptsächlich in den ruralen Regionen westlich und nordwestlich der Hauptstadt Jerewan und am Berg Aragat nieder. Eine Besonderheit ergibt sich für die Jesiden aus ihrer Situation als „doppelte Minderheit“. Einerseits gehören sie innerhalb der kurdischen Gemeinschaft zu einer religiösen Minderheit, da sie einen anderen Glauben haben als die mehrheitlich muslimischen Kurden, andererseits sind sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Kurdentum eine ethnische Minderheit. Ein Problem der Jesiden weltweit ist die Tatsache, dass es keinen „Mutterstaat“ gibt. Insofern fehlt Jesiden die Unterstützung durch diesen in Bezug auf ihre Minderheitenrechte.

2.1 Religion und Schöpfungsmythos

Das Jesidentum ist gleichzeitig eine erbliche Religion und eine Gesellschaftsform. Anhängern ist es verboten, außerhalb der jesidischen Gemeinde zu heiraten und die Religion kennt keine Missionierungstätigkeiten, da man eben nicht zum jesidischen Glauben übertreten kann, sondern einzig und allein als Jeside geboren wird. Verstöße gegen die Regeln werden mit Ausschlüssen aus der Gemeinde und in früheren Zeiten teilweise sogar mit dem Tod geahndet.

Die Ursprünge der Religion sind unklar, da es nur sehr wenige schriftliche Quellen gibt. Das Jesidentum lebt von der mündlichen Tradierung, was aber auch dazu führte, dass unterschiedliche Gemeinden auch etwas unterschiedliche Anschauungen vertreten.

Jesiden sehen ihre Religion selbst gerne als eine der ältesten noch existierenden Religionen überhaupt. Es gibt tatsächlich vielfältige Einflüsse, angefangen vom Mithraismus bzw. Mithraskult und Zoroastrismus bis zum Islam, Sufismus und Judentum, aber auch vom orientalischen Christentum. Als erstes gesichertes und ausgesprochen bedeutendes Datum in der Geschichte dieses Glaubens sind die Jahre zwischen 1075 – 1160 zu nennen, da hier der Reformator und (Neu)Gründer der Religion der Sufi Scheich Adi ben Musafiz gelebt hat. Die Zeit vor Scheich Adi ist aufgrund fehlender Aufzeichnungen historisch nicht belegt. Man geht jedoch davon aus, dass die Religion schon vor ihm existierte, mit etwas anderen Traditionen und Sitten und sicherlich mit einem anderen Namen. Scheich Adis Grabstätte befindet sich in Lalish im nördlichen Irak und ist das jesidische Zentralheiligtum. Einmal im Leben sollte jeder Jeside dorthin pilgern und das Fest zu Ehren von Scheich Adi miterleben.

Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion. Nach jesidischer Vorstellung kann es neben Gott keine andere Macht geben, „die ohne seine Fürsprache, ohne sein Dazutun etwas Böses verrichten kann. Deshalb existiert auch nicht die Gestalt des Bösen.“  Dies ist wohl das außergewöhnlichste Merkmal dieser Glaubensvorstellung. Diese Vorstellung geht soweit, dass Jesiden nicht einmal das Wort des Bösen aussprechen, da dadurch die Einzigartigkeit, Allwissenheit und Allmacht Gottes angezweifelt werden würde – kurz gesagt, es wäre gotteslästerlich das Böse zu benennen. Jesiden sind der Meinung, dass Gott dem Menschen den Verstand gegeben hat, um selbstverantwortlich zu handeln und sich daher eigenständig für den richtigen Weg entscheiden zu können. Jesiden glauben auch nicht an ein Paradies-Hölle Konzept, sondern an die Seelenwanderung.  Ein Mythos besagt:

Gott und der Engel Pfau saßen beide als Vögel auf dem Weltenbaum. Der Engel Pfau betrachtete sich als Gott ebenbürtig und wurde zur Strafe von diesem in die Hölle geschickt, wo er 7.000 Jahre lang weinte, bis er mit seinen Tränen das Höllenfeuer löschte. Darauf kehrte er voller Reue zu Gott um und erklärte Gott als den Schöpfer und sich als Geschöpf, worauf er in Gnaden wiederaufgenommen wurde.

Es ist nahezu unmöglich, die jesidische Religion in all ihren Details und Ausformungen zu beschreiben, da Überlieferungen fehlen, besonders von der ursprünglichen Zeit bis ins 12. Jahrhundert. Trotzdem wird versucht, die wichtigsten Merkmale dieser Religion zusammenzufassen.

Exkurs: Die Schöpfungsgeschichte

Aus Seinem Licht hat der Allmächtige (Gott) eine Perle geschaffen, über die Er herrschte. Er ließ die Perle zerspringen und aus der Perle entstand der Kosmos, die Planeten, die Trabanten und aus dem Staub der Perle die Sterne. Nicht aus der Perle, sondern direkt aus dem Licht Gottes sind die Engel geschaffen worden. Nachdem die sieben Engel Gestalt annahmen, sprach der Allmächtige, so wird es in den Überlieferungen gesagt, zu den Engeln: „Ich bin euer Schöpfer. Ihr habt nur mich anzubeten“.

Die Engel knieten vor Ihm nieder. Nachdem auch die Erde vom Allmächtigen geschaffen wurde, bestand sie zu diesem Zeitpunkt nur aus Wasser, sodass der Allmächtige die 4 Elemente des Lebens erschuf und alle 4 Himmelsrichtungen, das Land, die Gebirge, die Täler etc. kreierte.

Qewlê  afirandina dinyayê:
Çar qisim li rûyê dinê danî – Vier Elemente legte Er auf die Erde
Yek ave,yek nûre – Eines davon Wasser, eines Licht
Yek axe,yek jî Agire – Eines davon Erde, eines Feuer

Nun war der Augenblick der Schöpfung des Menschen gekommen. Der Allmächtige erschuf den ersten Menschen Adam und formte seinen Körper, der starr blieb.

Qewlê Xwedana:
Padşê min rebê Adem e – Mein Herr ist der Schöpfer Adams.

Da sprach der Allmächtige:
Qewlê afirandina dinyayê:Ruho çima naçî nav e – Seele! Wieso fährst du nicht in ihn (Adam)?

Der Herr befahl den 7 Engeln, gemeinsam Adam eine Seele einzuflößen, worauf hin der zunächst reglose Körper Adams anfing zu leben. Nun kommt auch die entscheidende Stelle um das Dogma von Tawisî Melek! Als die Schöpfung Adams vollendet war, stellte der Allmächtige nun die Engel auf die Probe, in dem er sprach: „Kommt und kniet nieder vor Adam“.

Hier muss angemerkt werden, dass die Engel im Êzîdentum, anders als im Islam, einen freien Willen haben.

Sechs der sieben Engel knieten vor Adam nieder nur einer der Engel nicht. Der Allmächtige fragte nach dem Grund des Engels, weshalb er sich nicht vor Adam niederkniete. Der Engel sprach: „Mein Herr, mein Schöpfer, mein Allmächtiger! Ich habe deine Worte nicht vergessen, niemand anderen als Dich anzubeten!“ Dieser Engel bestand als einziger die Prüfung Xwedês [Gott], welcher die Loyalität der Engel zu Ihm auf die Probe stellte. Als Belohnung und Zeichen seiner Treue, legte der Allmächtige dem Engel das sogenannte Toka Êzî  um. Ab diesem Zeitpunkt heißt der Engel Tawisî Melek, d.h Engel-König. Der Allmächtige krönte Tawisî Melek zum Führer aller Engel und machte ihn zu seinem Stellvertreter auf Erden.

Jandila Sêwran:
Maniya tokê celew e- Die Bedeutung Toka ist Diyariya
Padşê ew e- Es ist das Geschenk des Herren
Melek pê pêsrew e- Der Engel wurde damit gekrönt
Bû serwer li ezmanî – Er wurde zum Führer im Himmel
Çak rêya Xwedê zanî – Gut kennt Er den Weg
XwedêsBo min ol û erkanî – Für mich Religion und Pflicht

Die weiteren sechs Engel erkannten die Führung Tawisî Meleks an:

Jandila Sêwran:
Tok li sukra xwe kirin – Das Tok legte Er [Tawisî Melek] sich um den Nacken
Milyaket qebûl kirin – Die Engel haben es akzeptiert

Tawisî Melek gilt als Symbol der Einzigartigkeit des Allmächtigen. Mit seiner Weigerung Adam anzubeten, bezeugte er, dass es nur einen einzigen Allmächtigen gibt, den es anzubeten gilt. Sich zu Tawisî Melek zu bekennen, bedeutet für einen Êzîdî gleichzeitig, die Einzigartigkeit Xwedês in den Vordergrund seines Glaubens zu stellen. Tawisî Melek ist die personifizierte Gottesliebe. Aus diesem Grund ziehen sich die Êzîden das Toka Tawisî Melek um, um sich eben zu Tawisî Melek zu bekennen.

Jandila Sêwran:
Nîşana Êzîdî ye – Es ist das Zeichen der
ÊzîdenJi ba Melekê jorî ye – Es ist im Angedenken des obersten Engel

Anmerkung: Aus Vereinfachungsgründen wurde die Schöpfungsgeschichte hier sehr grob wiedergegeben. Auch auf weitere Ausführungen zu einzelnen Gesichtspunkten wurde verzichtet.

2.2 Tausi Melek

Ein zentraler Punkt in der jesidischen Religion ist also die Verehrung des Engels Tausi Melek . Er huldigte – wie erwähnt - der Allmächtigkeit Gottes indem er sich weigerte Adam anzubeten, da er vorher geschworen hatte, einzig und allein Gott zu dienen. Dies beeindruckte Gott so sehr, dass er ihn zum Oberhaupt der sieben Engel auserkor. Tausi Melek wird in der jesidischen Glaubensvorstellung als eine Art „Stellvertreter“ Gottes gesehen und ist die einzige Verbindung der Menschen mit Gott. Da Tausi Melek durch den Pfau symbolisiert wird, wird er oft mit „Engel Pfau“ übersetzt. Hier eine typische Darstellungsweise:Eine andere Art der Übersetzung von Tausi Melek ist, dass das Wort „Taus“ auf das in den hinduistischen Veden  erwähnte Wort „Dyaus“ für Gott zurückgeht. Insofern würde die Übersetzung „Gottes Engel“ oder „Engel-Gott“ bedeuten.  Weiters wird Tausi Melek auch als „Engel-König“ bezeichnet.

Jesiden werden (häufig von Muslimen) als „Teufelsanbeter“ bezeichnet. Auch hier ist wiederum das Dogma des Tausi Melek von Bedeutung. Es wird von manchen Muslimen behauptet, dass Jesiden vom Eingottglauben abgefallen sind, da sie neben Gott auch Tausi Melek verehren. Die Jesiden blieben – im Gegensatz zu der Mehrheit der Kurden – im Zuge der Islamisierung eigenständig, was aber zu Diskriminierung, Ausgrenzung und Benachteiligung führte. Ein anderer Grund für die Verleumdung dieser Religion seitens radikaler Muslime ist, dass das Jesidentum vom Islam nicht als „Buchreligion“ anerkannt wird. Außerdem wird Tausi Melek von anderen Religionen auch als der gefallene Engel Luzifer identifiziert, da er – wie oben erwähnt - vorübergehend von Gott abgefallen war. 

So symbolisiert Tausi-Melek in der yezidischen Theologie nicht das Böse und ist auch kein in Ungnade gefallener Engel. Aufgrund der Weigerung, Adam anzubeten, steht er für die Anerkennung der Allmacht Gottes. Er wurde von Gott zum obersten der sieben Engel erkoren und steht somit im Mittelpunkt des yezidischen Glaubens.

Nach der Schöpfungsgeschichte der Yeziden ist Tausi-Melek an der gesamten Schöpfung, an dem göttlichen Plan aktiv beteiligt. Folglich verkörpert Tausi-Melek nicht den Widerpart in einem dualen Weltbild, sondern ist der Beweis für die Einzigartigkeit Gottes.

2.3 Kultur

Die jesidische Gesellschaftsstruktur gliedert sich in Kasten. Es gibt die Laien – auf Kurdisch Murid genannt – und die Kaste der Geistlichen, die sich wiederum aufspaltet in die Pir (Priester) und die Scheikh (Lehrer). Die Zuordnung erfolgt durch Vererbung. Es ist aber ein anderes Kastensystem, als man es zum Beispiel aus dem Hinduismus kennt. Dort gibt es eine strikte Trennung zwischen den Angehörigen der unterschiedlichen Kasten und es dient einer strengen weltlichen Hierarchie. Etwas anders stellt sich dies bei den Jesiden dar. Hier lebt die Religion vom Austausch zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Deshalb wird in weiterer Folge nicht das irreführende Wort „Kaste“ verwendet, sondern durch das Wort „Klasse“ ersetzt.

Heiraten außerhalb der eigenen Klasse ist zwar nicht geduldet, jedoch lebt die Religion von der Kommunikation und vom Austausch zwischen den Klassen. Die Klasse der Geistlichen hat die Funktion, die Laien zu betreuen und die religiösen Lehren zu vermitteln. Weiters übernehmen sie auch wichtige soziale Funktionen. Durch den Kontakt wird die Religion bewahrt und die wechselseitige Abhängigkeit führte zu einer komplexen Gesellschaftsstruktur, die in einem engen Zusammenhalt der Gemeinschaft resultierte. Dieses Klassensystem wurde vom Reformator Scheich Adi im Mittelalter eingeführt und ermöglichte es den Jesiden, auch in den Zeiten der Verfolgung ihre Religion zu leben, obwohl es ihnen nicht möglich war, sie öffentlich auszuüben.

Das Jesidentum wurde also nur in den eigenen Kreisen praktiziert, was ihr wiederum den Ruf einer „Geheimreligion“ einbrachte. Das Jesidentum verhält sich aber tolerant gegenüber anderen Religionen. Jesiden vertreten die Ansicht, dass ein Jeside ein guter Mensch sein kann, aber man muss kein Jeside sein, um ein guter Mensch zu sein. Das bedeutet, dass Jesiden keinen Drang verspüren, anderen Menschen ihre eigene Religion aufzuzwingen.  Außerdem ist – wie eingangs erwähnt – ein Konvertieren ohnedies nicht möglich, da ausschließlich die Geburt über die jesidische Zugehörigkeit bestimmt. Hier ist auch das Verbot der Heirat außerhalb der jesidischen Gemeinde noch einmal zu erwähnen. Diese Abschottung und Geheimhaltung hat einerseits sicherlich dem Erhalt der eigenen Religion, Traditionen und Sitten gedient. Andererseits haben Jesiden bestimmte religiöse Elemente aus anderen Glaubensrichtungen übernommen, um ihre eigentliche Religion zu verschleiern und damit Diskriminierungen zu umgehen. Dies führte zu den eingangs erwähnten regionalen Unterschieden in der Religion.

2.4 Rituale, Sitten, Traditionen

Im Jesidentum gibt es fünf Grundpflichten, die jedes Mitglied dieser Gemeinschaft – unabhängig von seiner Klasse – einzuhalten hat. Es sind dies:

  1. Anerkennung des „Meisters“ (hoste), gemeint ist Gott
  2. Religiöse Betreuung durch einen Sheikh
  3. Religiöse Betreuung durch einen Pir
  4. Wahl eines Lehrers (Merebi)5. Wahl eines Bruders bzw. einer Schwester für das Jenseits (Yar an Birayê Axretê)

Die Wahl der Jenseitsgeschwister wird schon zu Lebzeiten getroffen und diese/r übernimmt eine moralische Mitverantwortung der Taten beim Jüngsten Gericht und im Jenseits. Sie sind bei der Totenzeremonie zugegen und „begleiten“ den/die Verstorbene/n auf dem Weg zu einer neuen Bestimmung. 

Männliche Kinder müssen sich zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr einer Beschneidung unterziehen. Zu diesem Zweck wird ein „Blutsbruder“ (Pate) bestimmt und die beiden Familien gelten danach als enge Verwandte und dürfen daher nicht untereinander heiraten. Ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt in der jesidischen Tradition ist die Bestattung. Es ist Jesiden verboten, neben Andersgläubigen bestattet zu werden, was logischerweise zu Problemen führen kann, vor allem für Menschen in der Diaspora. Deshalb kam es manchmal dazu, dass ausgewanderte Jesiden ihre Toten in die ursprüngliche Heimat rücküberführen ließen. Mittlerweile gibt es aber zum Beispiel in Deutschland, wo eine relativ große jesidische Diaspora beheimatet ist, extra ausgewiesene Flächen für Jesiden auf Friedhöfen.

Hochzeiten sind prinzipiell zwischen den unterschiedlichen Klassen, aber auch außerhalb der Religionsgemeinde verboten. Ein Abwenden von der Religion oder Verstöße gegen die Regeln werden mit Ausschluss aus der Gesellschaft bestraft, früher sogar mit dem Tod.

Abschließend hierzu soll aber erwähnt werden, dass nicht in jedem Land wo Jesiden siedeln, diese Regeln völlig gleichartig eingehalten werden. In der deutschen Diaspora zum Beispiel wird die Wahl des Blutsbruders fast gar nicht mehr praktiziert, da die beabsichtigte soziale Vernetzung wohl keine große Bedeutung mehr hat.

 

3. Probleme im täglichen Leben in Armenien

Jesidische Bauern betreiben die Transhumanz, das bedeutet, die Hirten wechseln mit ihren Herden zwischen mindestens zwei Weidegebieten – üblicherweise zwischen Sommer- und Winterweide – und legen dabei zum Teil beachtliche Strecken zurück. In dieser Wanderweidewirtschaft liegen auch die Probleme dieser Minderheit.Das wahrscheinlich größte Problem, dem sich die jesidische Gemeinschaft in Armenien gegenübersah, war die in den 1990er Jahren begonnene Privatisierung von Land. Zur Zeit des sowjetischen Armeniens konnten die Jesiden die Transhumanz relativ unbeeinträchtigt vollziehen, durch die Privatisierung der Land- und Weideflächen kam es jedoch zu Nutzungskonflikten zwischen der jesidischen Bevölkerung und den neuen Grundbesitzern. Deshalb kann man die Jesiden als Verlierer der Privatisierung sehen, denn laut armenischen Behörden haben sie es nicht geschafft, innerhalb bestimmter Fristen Nutzungsrechte der von ihnen seit Jahren verwendeten Weideflächen zu beantragen. 

Auch in Zusammenhang mit der Transhumanz steht die Problematik des Schulbesuchs jesidischer Kinder. Da sie den Eltern bei der Verrichtung ihrer Arbeit helfen müssen, wird der Zugang zur Schule vom landwirtschaftlichen Kalender geprägt. Es kann durchaus vorkommen, dass die Schüler von April bis Mitte Oktober, manchmal sogar bis Anfang November auf den elterlichen Feldern mitarbeiten oder die Herden hüten und daher auf die Schule verzichten (müssen). Ein weiterer Punkt ist die prinzipielle Stellung der Bildung in den jesidischen Gemeinden – Arbeit wird der Schule vorgezogen. Es gibt außerdem einen Unterschied in der Ausbildung von Mädchen und Buben, der sich in dieser Aussage veranschaulichen lässt: “There are those who even consider education dangerous for a girl." […] "They reason that an educated woman may have ideas and not be as obedient to men."

Ein weiteres Problem ist die Sprache. Jesiden sprechen im Allgemeinen den kurdischen Dialekt Kurmanji, Unterrichtssprache ist aber armenisch und jesidische Schüler brauchen laut Marine Soukhudyan - Mitarbeiterin von UNICEF – zwei bis drei Jahre, um armenisch zu verstehen. Daher kann es vorkommen, dass sich armenische Lehrer ihren jesidischen Schülern mithilfe von Körpersprache mitteilen müssen. Es gibt auch keine Kindergärten in den jesidischen Gemeinden, in denen die Kinder schon vor der ersten Schulstufe die Unterrichtssprache Armenisch lernen könnten.

Die Schulbücher in armenischer Sprache erschweren diese Situation. Hier ist aber anzumerken, dass es in Armenien mittlerweile Lehrbücher in der jesidischen Sprache (ebenso in assyrischer Sprache) gibt. 2008 wurden jesidische Textbücher für die vierte und fünfte Schulstufe entwickelt, 2009 auch welche für die sechste und siebte Stufe. Für die Stufen darunter gab es schon vorher Bücher in jesidischer Sprache. Außerdem wurde ein neues Curriculum für Schulen, die nationale Minderheiten unterrichten eingeführt und Lehrer, die Minderheitensprachen unterrichten, werden regelmäßig fortgebildet. 

 

4. Conclusio

Die jesidische Religion ist nach dem Selbstverständnis der Anhänger die älteste noch existierende Religion. Tatsächlich finden sich uralte Einflüsse – angefangen vom Mithraismus bis zum orientalischen Christentum und dem Sufismus.

Da die Jesiden ethnisch und sprachlich eigentlich den Kurden angehören, haben sie auch dieselben Ursprungsgebiete, nämlich die Türkei, Syrien, den Iran und Irak. Es wird vermutet, dass die Kurden – vor der Islamisierung – allesamt dem jesidischen Glauben angehörten.  Da sich aber ein Teil nicht bekehren ließ, musste dieser mit Diskriminierung und Benachteiligung leben. Aufgrund dessen gab es ab dem 18. Jahrhundert mehrere Auswanderungswellen. Im Transkaukasus ließen sich die Jesiden vor allem in Armenien aber auch in Georgien nieder. Die armenischen Jesiden sind hauptsächlich Bauern und Hirten und siedelten sich deshalb vor allem in den ruralen Gebieten um die Hauptstadt Jerewan und den Berg Aragat an.

Während der sowjetischen Herrschaft konnten die Jesiden relativ unbehelligt in Armenien leben. Probleme für die Gemeinschaft ergaben sich nach dem Zerfall der Sowjetunion und hier vor allem in Bezug auf die Privatisierung von Landflächen. Aufgrund der Transhumanz ist es für Jesiden notwendig, mit ihren Herden auf verschiedene Weiden zu ziehen. Da aber nun das Land nicht mehr dem Staat gehörte, sondern Privatpersonen, ergaben sich daraus Spannungen zwischen den neuen Grundeigentümern und den Angehörigen der jesidischen Gemeinschaft. In den 1990er Jahren emigrierten daher viele von ihnen aus Armenien, die Situation hat sich mittlerweile jedoch wieder beruhigt.

Aufgrund der bäuerlichen Struktur, sieht sich die jesidische Gemeinschaft häufig Vorurteilen gegenüber. Von einer Hassattitüde zu sprechen, wäre aber wohl etwas zu hoch gegriffen, denn das Verhältnis zwischen Armeniern und Jesiden ist zwar – zum Beispiel aufgrund der Landnutzungsrechte - teilweise angespannt, aber trotzdem eher von Ignoranz als von Hass geprägt.

Ein Problem, das ebenfalls auf der landwirtschaftlichen Prägung der Jesiden beruht, ist die Bildung. Der Schulbesuch der Kinder ist vom landwirtschaftlichen Kalender abhängig, ebenso hat Bildung im Allgemeinen in der jesidischen Gesellschaft keinen hohen Stellenwert. Man präferiert die Arbeit und nicht eine umfassende schulische Ausbildung.

In religiöser Hinsicht hat das Jesidentum in Armenien den Vorteil, dass es keine missionierende Religion ist, da die armenisch-apostolische Kirche – und damit der Großteil der armenischen Bevölkerung – eine große Abneigung gegen Proselytismus (Bemühungen einer Religion bzw. Mission um einen Wechsel der Konfession) hegt. Als Beispiel hierfür zählen Zeugen Jehovas, die eine starke Missionierungstätigkeit betreiben und deshalb zum Teil mit dem Zorn der Bevölkerung rechnen müssen. In Armenien werden viele kleinere Religionsgemeinschaften als „Sekten“ bezeichnet und die armenisch-apostolische Kirche wirft ihnen „soul hunting“ vor – also das „Stehlen“ von Gläubigen. Dies kann aber nicht für die Jesiden gelten, da man ausschließlich durch Geburt dem Jesidentum angehören kann.

Die jesidische Gemeinschaft wurde in den ursprünglichen Siedlungsgebieten (Türkei, Syrien, Iran, Irak) aufgrund ihrer Religion benachteiligt und diskriminiert. Sie mussten sich Verunglimpfungen wie „Teufelsanbeter“ gefallen lassen, die wohl aus dem Unwissen über ihre Religion resultierten. Dieses Unwissen wiederum ergibt sich aus der Geheimhaltung ihrer religiösen Anschauungen, Sitten und Traditionen.

Im Großen und Ganzen kann man aber feststellen, dass die Jesiden in Armenien eine lange Zeit einen relativ „sicheren Hafen“ für ihr Dasein fanden – Ausnahme waren die Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Heutzutage scheint sich die Situation wieder beruhigt zu haben, wobei individuelle Problemstellungen zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der jesidischen Minderheit immer noch möglich sind.

 

  • Quelle: http://www.welt-atlas.de/datenbank/karten/karte-1-685.gif (Zugriff 12.5.2010)

    Heute leben mehr als 40000 Jesiden in Armenien.

  • Bildquelle: http://www.dw-world.de/image/0,,4531546_4,00.jpg, (Zugriff 17.5.2010)

    Der Engel Tausi Melek wird häufig als Pfau dargestellt.