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ÖIF-länderinfo n°4

Minderheiten in Indien: Die Sikhs im Punjab

Mag. Thomas Schrott
Staatendokumentation des Bundesasylamtes

Jänner 2010

1. Einleitung

Die Religion des Sikhismus ist die fünftgrößte Religion der Welt mit geschätzten 23 bis 24 Millionen Anhängern und repräsentiert in etwa zwei Prozent der indischen Bevölkerung. Rund 80 Prozent der Sikhs praktizieren ihre Religion in der Herkunftsregion, dem Punjab. In diesem indischen Bundesstaat stellen sie grob geschätzt 60 Prozent der Bevölkerung. Auch der indische Premier Manmohan Singh gehört zur Religionsgemeinschaft der Sikhs.

Der Sikhismus ist eine vergleichsweise junge, monotheistische Weltreligion. Begründet durch Guru Nanak im 15. Jahrhundert in Nordindien, geht sie von der Einheit der Schöpfung aus, in der jeder Mensch dieselben Rechte – unabhängig von Kaste, Glaubensbekenntnis, Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht – hat. Deshalb stellten sich ihre Anhänger gegen das indische Kasten-System und Praktiken wie die Witwenverbrennung. Wie der Hinduismus glaubt der Sikhismus an die Wiedergeburt.

Die Sikh-Religion ging aus einer Reformbewegung des Hinduismus, der Bhakti-Bewegung, hervor. Daraus ergeben sich enge Verbindungen zwischen Hindus und Sikhs, wobei auch familiäre Beziehungen eingeschlossen sind, da die Mitglieder beider Religionsgemeinschaften untereinander heiraten. Durch diese Nähe ergibt sich für die Sikhs die Befürchtung, von ihrem Weg abzukommen und in den „Hindu-Mainstream“ zurückzufallen. Dieses zwiespältige Verhältnis von Annäherung und Abgrenzung zieht sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung der Sikh-Gemeinschaft. 

2. Geschichte und Glaubensinhalte der Sikhs

Die Geschichte der Sikhs verbindet historische Ereignisse und Heiligenlegenden zu einem Erzählstrang und beginnt mit ihrem Begründer Guru Nanak, der von 1469 bis 1539 lebte. Den Ursprung der Religion der Sikhs markiert ein Offenbarungserlebnis des Gründers Nanak, bei dem er, der Legende nach, eine Stimme vernahm, die ihn anwies, „in dem Glauben an einen einzigen Gott, Barmherzigkeit, Reinheit, Andacht und Dienen zu leben und zu predigen“.  Nanak folgte dieser Offenbarung und wurde alsbald als Lehrer (Guru) gesehen, seine Anhänger bezeichneten sich als Sikhs (Schüler). Guru Nanak wollte, so heißt es in den Schriften, zwischen Hinduismus und Islam vermitteln und gilt deswegen bis heute als Symbol der Bruderschaft zwischen den beiden Religionsgemeinschaften.

Er grenzte sich jedoch auch deutlich von einigen Merkmalen und Glaubenspraktiken des Hinduismus ab. So werden Pilgerstätten, Riten, Idole, Tempel und die Ordnungsstruktur des Kastensystems abgelehnt. An deren Stelle sollen sich die Sikhs auf die Formel des „nam dan isnan“ beschränken, wobei „nam“ das ständige Meditieren über den göttlichen Namen und „dan“ das Verteilen von Almosen bedeutet. Ergänzt wird diese Anleitung durch „isnan“, was eine reine Lebensweise bedeutet. 

Auf Guru Nanak folgten neun Gurus, von denen Guru Ramdas den Grundstein für den Goldenen Tempel in Amritsar, dem heutigen religiösen Zentrum der Sikhs, legte. Amritsar ist zwar der inspirative und historische Mittelpunkt der Sikh-Religion, doch ist es keine obligatorische Stelle für Pilgerfahrt oder Verehrung.

Der letzte Guru war Guru Gobind Singh, der die „Khalsa“-Ordnung begründete. Diese Ordnung hält die höchsten Sikh-Tugenden, der Verpflichtung, Weihung und des gesellschaftlichen Bewusstseins aufrecht. Es handelt sich dabei um Männer und Frauen, die die Sikh-Taufe-Zeremonie durchlaufen haben und dem Sikh-Code von Verhalten und Konvention streng folgen. Mit Guru Gobind Singh endete die Tradition der Gurus. Nach ihm wurde das heilige Buch Adi Granth direkt als Guru verehrt und wird seither als Guru Granth Sahib bezeichnet.

Das Granth Sahib ist in der lokalen Sprache, Gurmukhi-Schrift, die zum Schreiben von Panjabi verwendet wird,  verfasst und stellt den Versuch dar, die Einheit aller Religionen zu veranschaulichen. Es ist eine Zusammenfassung von Hymnen und Gebeten aus den mystischen Schriften der Heiligen und Glaubensrichtungen.

Das Ziel des Lebens ist für die Sikhs die Vereinigung mit Gott. Um an diese Verbindung zu erinnern, werden fünf Zeremonien durchgeführt, von denen die wichtigsten Amrit (Taufe), Anand Karaj (Hochzeit) und die Todeszeremonie sind.  Das Wort Sikh bedeutet soviel wie „immerwährendes Lernen“ und für die Sikhs ist das Streben nach Wohlstand für die Gemeinschaft Teil ihrer Lehre. Im heutigen Indien hat der Punjab eine wirtschaftlich führende Rolle inne, was zu einem allgemeinen Aufschwung führte und auch soziale Veränderungen mit sich brachte. 

Als nach außen sichtbares Erkennungszeichen lassen sich die fünf „Ks“ der Sikhs festmachen, die den besonderen Charakter der Sikhs zum Ausdruck bringen sollen.

  • Kesh meint das ungeschnittene Haar. Es bedeutet für Männer auch, dass sie sich den Bart nicht schneiden dürfen und einen Turban tragen sollen.
  • Kangha ist ein Kamm aus Holz, der als Zeichen von Sauberkeit in den Haaren getragen wird.
  • Kacha sind spezielle Baumwollunterhosen, die sexuelle Mäßigung anmahnen sollen.
  • Kara ist ein Armreif aus Stahl, der für den Sikh zum Ausdruck bringt, dass er der Wahrheit verpflichtet ist. 
  • Kirpan ist ein Dolch, der als Symbol dient und besagt, dass es für die „Khalsa“ Ehrensache ist, Arme, Schwache und Unschuldige zu schützen und zu verteidigen.

Die beschriebenen Merkmale beziehen sich auf die ursprüngliche Lehre der Sikhs. Verschiedene Untergruppen und Gruppierungen weichen von diesen beschriebenen Merkmalen jedoch ab. 

 

3. Externe Konfliktlinien

Die Konflikte der Sikhs lassen sich in externe und interne Konflikte unterteilen. Die externen Komponenten werden in der Folge kurz erläutert.

3.1 Unabhängigkeitsbestrebung

Die Konfliktlinie in Indien zwischen Sikhs und Zentralregierung orientiert sich, seit der Unabhängigkeit 1947 und der damit verbundenen Teilung in ein muslimisches Pakistan und überwiegend hinduistisches Indien, an der Befürchtung, durch die Übermacht des Hinduismus die eigene Identität zu verlieren. Durch die Ansicht, dass die Muslime ihr Pakistan und Hindus ihr Hindustan erhalten hätten, formte sich die Forderung nach einem eigenen Staat. Sikhs hatten gemeinsam mit Hindus für die Unabhängigkeit Indiens gekämpft. Die Konflikte, die sich aus dieser Bestrebung entwickelten, prägen große Teile der Geschichte seit der Unabhängigkeit. 

In den 1980er Jahren kämpften militante Sikhs im Punjab für ein unabhängiges „Khalistan“. Der Aufstand wurde vom Polizeichef vor Ort, der selbst ein Sikh war, mit harter Hand niedergeschlagen. Die damalige Regierungschefin, Indira Gandhi, ließ im Zuge der Unruhen das Heiligtum der Sikhs, den Goldenen Tempel von Amritsar – der von Aufständischen besetzt war – durch Sicherheitskräfte stürmen. Sie bezahlte diesen Schritt mit ihrem Leben. Sie wurde kurz darauf, im Oktober 1984, durch ihre Sikh-Leibwächter ermordet. Das Verhältnis zwischen der Glaubensgemeinschaft der Sikhs und der Regierung entspannte sich jedoch nach diesem Vorfall merklich, sodass dieser Faktor im Alltag der Sikhs nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.  Mit Manmohan Singh ist seit 2004 auch ein Sikh Regierungschef Indiens.

3.2 Religion in Indien

Auch das Thema der Religion bietet in Indien für die Sikhs kaum Grund für Konflikte. So ist die Freiheit der Religion in der Verfassung verankert und das Recht auf freie Religionsausübung wird von der Bundesregierung im Großen und Ganzen respektiert. Artikel 25 der Verfassung gewährleistet Glaubens- und Gewissensfreiheit und die Freiheit, sich zu seiner Religion zu bekennen, diese zu praktizieren und zu verkünden. Diesem Artikel kommt tragende Bedeutung für die Rechtsstellung des Individuums zu, wenn auch die dort enthaltene individuelle Religionsfreiheit aus verschiedenen Gründen eingeschränkt werden kann. Die Gründung religiöser Vereinigungen mit eigener Verwaltung und Eigentum ohne Fremdeinmischung ist nach Artikel 26 möglich. 

Indien verfolgt im Umgang mit Religionen eine liberal-demokratische Verfassungstradition, indem es sich nicht um eine völlige Trennung der politischen und der religiösen Sphären bemüht, sondern um eine ausgewogene Nähe zu allen Religionsgemeinschaften. Eine weitere verfassungsmäßige Besonderheit Indiens, die es von allen Demokratien westlicher Prägung unterscheidet, ist, dass es für die Angehörigen der zwei größten Religionsgruppen – Hindus und Muslime – je ein eigenes Familienrecht hat. 

 

4. Konflikte innerhalb der Sikh-Gemeinschaft am Beispiel des Anschlags von Wien im Mai 2009

Die externen Konflikte mit dem indischen Staat und anderen Religionsgemeinschaften waren für den Anschlag in Wien von keinerlei Relevanz. Interne Auseinandersetzungen waren, nach derzeitigem Stand der Ermittlungen, Auslöser für das Attentat in Wien. Im weiteren Verlauf wird nun zuerst auf den Anschlag in Wien und in der Folge auf die auslösenden Faktoren und somit auf die Konflikte innerhalb der Sikh-Gemeinschaft eingegangen.

4.1 Der Anschlag in Wien

Österreich verfügt über eine große Gemeinde von Sikhs. Nach der letzten Volkszählung leben knapp 2800 Sikhs in Österreich, circa die Hälfte von ihnen hat einen österreichischen Pass. Die große indisch-österreichische Community ist auf den Konflikt in den 1980er Jahren zurückzuführen, auf Grund dessen viele Sikhs aus der Punjab-Region flohen. Die Besonderheit der österreichischen Community ist, dass es auf Grund der gemeinsamen Herkunft aus dem Punjab zwischen Sikhs, Hindus und muslimischen Pakistanis aus dem Punjab kaum Konflikte gab. 

Der Anschlag vom Mai 2009 in Wien war ein Konflikt innerhalb der Sikhs. Er ereignete sich am 24. Mai 2009 im Tempel „Tor zum Guru“ der Ravidasi-Gemeinschaft in Wien nahe dem Westbahnhof, in der Pelzgasse. Die Bilanz des Anschlags in Wien ist ein Toter, zwölf Verletzte und sechs verhaftete Attentäter.

Auslöser des Anschlags in Wien war der Besuch der Gurus Sant Rama Nand (er wurde getötet) und Sant Niranjan in einem Tempel im fünfzehnten Wiener Gemeindebezirk. Das Attentat wird radikal-orthodoxen Sikhs zugeordnet, da diese den Ravidasis (vgl. Kapitel 4.3) vorwerfen, Rituale des Sikhismus zu „stehlen“, noch dazu in abgewandelter, „unwürdiger“ Form. So ist es im Sikhismus nicht erlaubt, sich selbst Guru zu nennen, denn diese Bezeichnung steht nur den zehn historischen Gurus zu. Wer sich als Sikh dennoch als Guru bezeichnet oder ansprechen lässt, handelt – nach orthodoxen Ansichten – respektlos gegenüber seiner Religion.

Der Anschlag in Wien hatte auch Auswirkungen auf den Punjab, wo es nach Bekanntgabe des Attentats zu blutigen Unruhen kam. Diese forderten zwei Menschenleben und mehrere Dutzend Verletzte. Polizeistationen, ein Eisenbahnzug, das Lager einer Zuckerfabrik, Dutzende Fahrzeuge und öffentliche Gebäude wurden verwüstet, Autobahnen und Eisenbahnstrecken blockiert. Die Unruhen konnten nur unter Zuhilfenahme des Militärs unter Kontrolle gebracht werden . 

Die Ursachen für den Anschlag in Wien sind sozialer und religiöser Natur und lassen sich an einigen Schwerpunkten festmachen.

4.2 Soziale Spannungen innerhalb der Sikh-Gemeinschaft

Die Provinz Punjab hat eine Bevölkerung von circa 27 Millionen Menschen (Stand 2008 ), von denen 29 Prozent Dalits sind. Mit diesem großen Prozentsatz weist der Unionsstaat im Vergleich zu anderen eine sehr hohe Dichte an Dalits auf. Dalits, die auch als „Unberührbare“ bezeichnet werden, machen rund ein Sechstel (170 Millionen) der Bevölkerung Indiens aus. Der Begriff „Dalit“ leitet sich vom Hindibegriff „dalna“ ab und ist eine Eigenbezeichnung, die übersetzt in etwa „Zerschlagene“ oder „Unterdrückte“ heißt. 

Obwohl Indien das Kastensystem offiziell abgeschafft hat, werden die Dalits am Land noch heute massiv unterdrückt, sie leben oft am Rand ihrer Dörfer in eigenen Gemeinschaften. Doch sind auch seit der Unabhängigkeit Indiens viele Dalits sozial aufgestiegen. Weiters werden Dalits durch staatliche Programme bei der Vergabe von Studienplätzen und Berufen im öffentlichen Dienst bevorzugt. Dennoch bleibt die Lage für viele Dalits prekär, da es unter der Minderheit rechtlose und sozial diskriminierte Dalits gibt. Der Ausbruch der Gewalt hat somit auch ein tief wurzelndes sozialökonomisches Ungleichgewicht im am meisten entwickelten Gebiet Indiens, dem Punjab, zur Grundlage. Der Sikhismus lehnte das Kastenwesen ursprünglich ab, doch praktisch existiert es wegen der beträchtlichen sozialen Unterschiede in der Bevölkerung weiter. 

Somit ist das Kastensystem nach wie vor auch unter den Sikhs evident. Von vielen Sikhs, die Mitglieder einer höheren Kaste sind, wird bei der Suche nach geeigneten Heiratspartnern und -partnerinnen für ihre Kinder auf die Kastenzugehörigkeit geachtet. 

Im Folgenden wird auf unterschiedliche und für den Zusammenhang des Anschlags in Wien relevante Strömungen der Sikhs eingegangen.

4.3 Ravidasis

Die Jat-Sikhs, welche einer höheren Kaste angehören und Land besitzen,  beuteten die Dalits über Jahrhunderte aus und unterdrückten sie. Doch seit den 1970er und 1980er Jahren veränderte sich die Situation und den Dalits gelingt es verstärkt, sich zu behaupten. Die ökonomische Situation der Jat-Sikhs hat sich tendenziell verschlechtert, wohingegen sich die Situation vieler Dalits verbessert hat.

Die Dalits besuchten lange Zeit die traditionellen Sikh-Tempel, doch haben sie in ihrem Bestreben nach einer neuen Identität in den letzten Jahrzehnten eigene religiöse Zentren gebaut. In diesen neuen Zentren erfährt der mittelalterliche indische Mystiker Ravidas besondere Verehrung, welcher der Chamar-Kaste der Gerber und Schuster angehörte. Diese Kaste steht am untersten Ende der Kastenhierarchie, da sie die Haut toter Tiere bearbeitet, was als unrein angesehen wird. Im Guru Granth Sahib, dem heiligen Buch der Sikhs, sind von Ravidas 41 Hymnen überliefert. Die Anhänger dieser Strömung bezeichnen sich selbst als Ravidasis. 

Ein wichtiges Zentrum dieser Gemeinschaft liegt in Dera Sach Khand Ballan, das in unmittelbarer Nähe der Stadt Jalandhar liegt. Beide Gurus, die nach Wien gereist waren, haben ihren Sitz in diesem einflussreichen Zentrum der Ravidasi-Gemeinschaft, die den Großteil ihrer Einkünfte Anhängern/innen aus dem Ausland verdankt.  

Äußerlich unterscheiden sich die Ravidasis insofern von anderen Sikhs, indem sie keine langen Bärte und Turbane tragen, sowie das Tragen eines Krummsäbels ablehnen, wie sie allgemein die fünf „K“-Regeln nicht dogmatisch sehen. Sie engagieren sich dafür mit Verve gegen das bei den Sikhs unterschwellig immer noch verbreitete Kastensystem.  Die Ravidasis erhalten in letzter Zeit durch ihr Engagement für die Ärmsten in Form von Krankenhäusern und Schulen immer mehr Zulauf und Spenden. Die Emanzipation der Dalits im religiösen Bereich bedroht die Vormachtstellung der traditionellen Eliten.

Diese Komponente zeigt sich auch in Wien, wo es drei Tempel der Sikhs gibt, die von unterschiedlichen Personen besucht werden. Der Tempel, indem sich der Anschlag ereignete, wird vorwiegend von Ravidasis genutzt. Die Ravidasis zeigen derzeit eine starke Tendenz, sich von den Sikhs abzuspalten, was vermutlich ein Grund für den Anschlag war. 

4.4 Dera Sach Khand

Der Sach Khand ist eine unabhängige religiöse Organisation der Ravidasis und wird von einigen Sikhs als irrgläubig betrachtet. Dera ist eine einzelne, unabhängige religiöse Institution, in deren Zentrum das jeweilige Oberhaupt steht. Es gibt allein im Punjab 60 größere Deras.  Viele Anhänger der Dera Sach Khand sind Hindus und Sikhs aus niedrigen Kasten.  Diese Dalits, deren sozioökonomische Situation schlecht ist, hängen der Sekte Dera Sachh Khand an, die sich auf die Lehren des bereits erwähnten Ravidas berufen, der selbst einer armen Familie entstammte und dadurch dieser Gruppe eine Bestätigung ihrer sozialen Identität gibt. 

Die Anhänger von Dera Sach Khand identifizieren sich somit selbst als Angehörige der Kaste der Dalits. Der größte Konfliktpunkt mit den traditionellen Sikhs ist, dass sie einem lebenden Guru folgen, was für traditionelle Sikhs nicht hinnehmbar ist. Daraus lassen sich auch die heftigen Reaktionen und der Anschlag in Wien erklären, da es sich bei den Angreifern in Wien um fundamentalistische Sikhs handelte, die die Verehrung von lebenden Gurus ablehnen.

Die ursächlichen Personen für den Anschlag waren die beiden Gurus, Sant Rama Nand Dass und Sant Niranjan, der der Anführer der Dera Sach Khand Gruppe ist.

4.5 Extremistische Gruppierungen

Nach Informationen des South Asia Terrorism Portal (SATP) gibt es im Punjab zwölf Terrororganisationen, die sich für die Unabhängigkeit des Punjabs einsetzen:

  • Babbar Khalsa International (BKI)
  • Khalistan Zindabad Force (KZF)
  • International Sikh Youth Federation (ISYF)
  • Khalistan Commando Force (KCF)
  • All-India Sikh Students Federation (AISSF)
  • Bhindrawala Tigers Force of Khalistan (BTFK)- Khalistan Liberation Army (KLA)
  • Khalistan Liberation Front (KLF)
  • Khalistan Armed Force (KAF)
  • Dashmesh Regiment
  • Khalistan Liberation Organisation (KLO)
  • Khalistan National Army (KNA).

Der „Khalistan Zindabad Force“ wird der Anschlag von Wien zugerechnet, wobei die Zusammenhänge und die Täterschaft noch nicht restlos geklärt sind. Gesichert ist, dass sich der Anschlag gegen die „Abkehr“ von den wahren Werten des Sikhismus richtete. 

Es handelte sich bei dem Attentat im Mai 2009 in Wien somit um einen Konflikt innerhalb der Sikh-Gemeinschaft. Die Ursachen für den Anschlag in Wien sind sozioökonomischer Natur und äußerten sich in einem religiösen Konflikt, dessen Ursachen weiterhin existieren.

5. Schlussbemerkung

Zusammenfassend lässt sich die Lage der Sikhs im Punjab als angespannt, aber ruhig beschreiben. Nach den Unruhen in den 1980er Jahren mit den Bestrebungen nach einem eigenen Staat für die Sikhs hat sich die Lage durchwegs beruhigt. So gab es in den letzten Jahren beinahe keine Terroranschläge mehr. Auch der Anschlag von Wien löste nur eine kurze Welle der Empörung im Punjab aus, die von den Sicherheitskräften rasch unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Der Anschlag in Wien hat mehrere Ursachen, die primär innerhalb der Sikh-Gemeinschaft lokalisiert werden können. Die internen Konflikte waren schon lange existent, doch durch den Wegfall von äußeren Bedrohungen konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf interne Schwierigkeiten und Ungleichheiten, die sich in einem Auseinanderdriften der Sikh-Gemeinschaft manifestiert. Dieses Auseinanderdriften war auch Ursache für den Anschlag in Wien.

Die soziökonomischen Konfliktpunkte sind nicht gelöst. Sie bleiben weiterhin virulent und können somit Anlass für künftige Konflikte bieten, die sich in den unterschiedlichen Strömungen des Sikhismus äußern.

6. Literaturverzeichnis

Nachzulesen sind die Fußnoten im PDF Dokument, rechts im Downloadbereich.

 

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