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Länderinformation Türkei

Juni 2011

Mag. Simone Langanger

Staatendokumentation des Bundesasylamtes

Zusammenfassung

Die Republik Türkei wurde 1923 von Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) gegründet. Mit dem Vertrag von Lausanne wurde das Gebiet der heutigen Türkei bestätigt. Radikale Reformen unter Atatürk führten zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Die Innenpolitik im 20. Jahrhundert war von Instabilität geprägt – das mächtige türkische Militär, das sich noch heute als Hüterin des Säkularismus sieht, putschte sich mehrmals an die Macht. Auch der Kurdenkonflikt – dessen Höhepunkt in den 1990er Jahren lag – trug nicht zu einer Stabilisierung bei. Wirtschaftlich gesehen hatte die Türkei mit einem großen Ungleichgewicht zwischen dem modernen Westen und dem traditionell geprägten Osten zu kämpfen. Dies hat sich bis heute nicht geändert, obwohl es Struktur anpassende Entwicklungsprojekte gab und gibt.

Das wirtschaftliche Wachstum der Türkei weist in den letzten Jahren kontinuierlich eindrucksvolle Zahlen auf. Nach einer nationalen Krise im Jahr 2001 erholte sich die Wirtschaft und konnte die kürzlich erfolgte globale Finanzkrise zwar nicht gänzlich unbeschadet – aber durchaus rasch verkraften.

Im Zuge der Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wurden schon etliche Reformen in Angriff genommen, wenngleich in Hinblick auf die regionalen Disparitäten des Landes noch Reformen nötig wären. Die Binnen-Migration von Ost-West hält an, was zu einer Überlastung der Städte und auch des Arbeitsmarktes in den Zielgebieten, also den großen Städten im Westen der Türkei, führt.

Der Ausgleich des sozialen Gefälles wird für die türkische Innenpolitik eine wichtige Herausforderung bleiben. Das Südostanatolien-Projekt mit seinen Staudämmen und Wasserkraftwerken zielt zwar unter anderem auf eine Verbesserung der sozialen Situation der ortsansässigen Bevölkerung ab, es gibt jedoch auch kritische Stimmen, denen zufolge das Projekt das Gegenteil erreicht.

Die Türkei hat sich mittlerweile zu einem wichtigen Akteur im internationalen Energieverkehr entwickelt. Auch in der Außenpolitik versucht das Land eine stabilisierende Funktion zu übernehmen und als Mittlerin zwischen islamischer Welt und dem Westen zu fungieren.

In Österreich bilden Personen türkischer Herkunft die drittgrößte Migrantengruppe. Bezogen auf den Migrationshintergrund leben rund 247.500 Personen in Österreich, wobei der größte Anteil in der Bundeshauptstadt ansässig ist. Die türkische Bevölkerung in Österreich ist im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund sowie zu jenen anderer Herkunft überdurchschnittlich hoch von Arbeitslosigkeit betroffen, wobei vor allem die Arbeitslosenquote bei den Jugendlichen und Frauen hoch ist.

1. Kurze Geschichte der Republik Türkei

Die Republik Türkei ist der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches und wurde am 29.10.1923 durch Mustafa Kemal Pascha (später Atatürk genannt) ausgerufen. Vorausgegangen war die Unterzeichnung des Vertrags von Sèvres im Jahr 1920. Dieser Friedensvertrag wurde zwischen den Siegermächten [1] des Ersten Weltkrieges und dem Osmanischen Reich unterzeichnet. Inhalt dieses Vertrags war die Aufteilung des heutigen Gebiets der Türkei, wobei laut Vertrag nur ein kleiner Teil als Staatsgebiet übriggeblieben wäre. Da der Vertrag aber nie vom türkischen Parlament ratifiziert wurde und sich gleichzeitig eine türkische Unabhängigkeitsbewegung unter Atatürk formierte, die ebenfalls gegen die Aufteilung war, kam es nie zur Vertragserfüllung. (vgl.: CAP Geschichte / Freie Universität Berlin 2005)

Die Teilung des Staates kann heute noch als prägend für die türkische Bevölkerung angesehen werden, da die gültige türkische Verfassung die Unteilbarkeit des Landes hervor hebt:

Artikel 5. Die Grundziele und -aufgaben des Staates sind es, die Unabhängigkeit und Einheit des Türkischen Volkes, die Unteilbarkeit des Landes, die Republik und die Demokratie zu schützen, Wohlstand, Wohlergehen und Glück der Bürger und der Gemeinschaft zu gewährleisten, die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hindernisse zu beseitigen, welche die Grundrechte und -freiheiten der Person in einer mit den Prinzipien des sozialen Rechtsstaates und der Gerechtigkeit nicht vereinbaren Weise beschränken, sowie sich um die Schaffung der für die Entwicklung der materiellen und ideellen Existenz des Menschen notwendigen Bedingungen zu bemühen. (Verfassung der Republik Türkei vom 7.11.1982)

Wie bereits erläutert, regte sich Widerstand gegen den Vertrag von Sèvres und Atatürks Aufstieg begann. Er schaffte es, die Bevölkerung zu mobilisieren und konnte auch die Kurden für seine Ideen gewinnen, indem er ihnen „Gleichberechtigung als Nation mit der türkischen versprach“ (Monitoring-Projekt 2007: 6f). Die Alliierten erkannten, dass der Vertrag von Sèvres nicht mehr haltbar war, und am 24.7.1923 wurde der Vertrag von Lausanne [2] beschlossen, der die heutigen Grenzen der Türkei bestätigte. Im Oktober desselben Jahres wurde die Republik ausgerufen und Mustafa Kemal Atatürk wurde Staatspräsident. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tod inne (vgl.: Monitoring-Projekt 2007: 6f / CAP Geschichte). Zum Vertrag von Lausanne ist noch anzumerken, dass die türkische Interpretation des Vertrags nur drei nicht-muslimischen Minderheiten einen Sonderstatus garantiert, nämlich der armenisch-apostolischen Kirche, der griechisch-orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinschaft (vgl.: GEO 3 2006: 1430).

Atatürk reformierte die junge Türkei nach sechs Prinzipien: Nationalismus, Republikanismus, Revolutionismus beziehungsweise Reformismus, Volkswohl, Etatismus und Laizismus. Diese Ideologie fand 1931 Eingang in das Parteiprogramm von Atatürks Republikanische Volkspartei CHP (Agai 2004), die auch heute noch im Parlament als Oppositionspartei vertreten ist.

Obwohl die strenge Trennung von Kirche und Staat noch heute verfassungsrechtlich von großer Bedeutung ist, konnte der islamische Glaube zur einigenden Kraft des ehemaligen Vielvölkerstaates des Osmanischen Reiches werden.

Erst die Einbeziehung des Islams konnte aus dem Vielvölkergemisch des osmanischen Rumpfstaates eine Nation werden lassen, die ethnische Kurden, Kaukasier, Albaner, Bosnier, Tartaren etc. zu "Türken" vereinte. (Agai 2004)

Schon zu Atatürks Zeiten wurde das Militär immer einflussreicher. Dieser Einfluss ging im weiteren Verlauf so weit, dass mehrmals militärisch geputscht wurde und zwar in den Jahren 1960, 1971, 1980 und 1997, wobei die letzte Intervention auch als „weicher Putsch“ bezeichnet wird, da der damalige Ministerpräsident Necmettin Erbakan vom Militär zum Rücktritt „aufgefordert“ wurde (Sezer 2007). Interessant ist, dass die momentan gültige Verfassung der Republik Türkei aus dem Jahr 1982 von den militärischen Machthabern des Putsches im Jahr 1980 erstellt wurde. Im September 2010 hat sich die türkische Bevölkerung mittels eines Referendums für eine Verfassungsänderung, die von der seit 2002 regierenden AKP unter Premierminister Erdogan vorgeschlagen wurde, entschieden (vgl.: Steinvorth 2010). Die großen Änderungen betreffen die Umgestaltung der Justiz und die Machteinschränkung des Militärs. Kritiker werfen der Regierungspartei AKP vor, die Trennung von Staat und Religion untergraben und sich Staatsorgane untertan machen zu wollen, die sich bisher weitgehend dem Einfluss der Regierungspartei entzogen haben. (Zeit Online 2010)

1978 wurde die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) von Abdullah Öcalan gegründet. Die politische Ideologie war sehr stark marxistisch-leninistisch ausgerichtet und ursprüngliches Ziel war es, ein unabhängiges und sozialistisches Kurdistan zu errichten – auch mithilfe terroristischer Aktionen (vgl.: Zbinden). Später jedoch änderte sich das Ziel hin zu kultureller Autonomie und lokaler Selbstverwaltung innerhalb des türkischen Staates (vgl.: Stock). Ab 1984 manifestiert sich die Auseinandersetzung zwischen kurdischer PKK und türkischem Militär (vgl.: Zbinden). Dieser türkisch-kurdische Konflikt hatte seinen Höhepunkt in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es sollen über 40 000 Menschen ums Leben gekommen sein (vgl.: Spiegel Online 2010), mindestens eine Million Menschen aus ihren Dörfern vertrieben und über 3000 Dörfer wurden zerstört (vgl.: Güzeldere 2010). Mit der Verhaftung der noch heute unangefochtenen Führungsfigur – Abdullah Öcalan – im Jahr 1999, nahm der Terror bis ins Jahr 2004 merklich ab, erstarkte seitdem aber wieder und es gibt bis heute immer wieder Anschläge, die der PKK – oder einer ihrer Splittergruppen – angerechnet werden (vgl.: BAMF 2009: 41). Die türkische Armee kontert mit grenzüberschreitenden Militäroperationen in den Nordirak, wo sich die PKK-Kämpfer in Lagern verschanzen (vgl.: Auswärtiges Amt - Reise- und Sicherheitshinweise 2011).

Im Jahr 2002 übernahm die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) von Premierminister Recep Tayyip Erdogan die Regierungsgeschäfte. Seitdem wurden zahlreiche Reformen durchgeführt, vor allem in Hinblick auf eine zukünftige EU-Mitgliedschaft.

Abschließend zu diesem einführenden historischen Teil sei noch kurz auf das angespannte Verhältnis zwischen regierender AKP auf der einen Seite und Militär und Justiz auf der anderen Seite hingewiesen. Während sich vor allem das Militär als Hüterin des Säkularismus in der Türkei sieht, wird der AKP eine schleichende Islamisierung vorgeworfen. Auch die Justiz ist, wie das Militär, dem laizistischen Flügel zuzuordnen und ist selten einer Meinung mit der Regierungspartei. Diese Diskrepanz führt innenpolitisch immer wieder zu Spannungen.

[1] Die Siegermächte des 1. WK (Triple Entente): Großbritannien, Frankreich und Russland; ab 1915 gehörte auch Italien, ab 1917 die USA dazu.

[2] Mit dem Vertrag wurde der griechisch-türkische Krieg beendet und unter anderem die Bestimmungen des Vertrags von Sèvres in Bezug auf die Aufteilung des Gebietes der heutigen Türkei revidiert.

2. Wirtschaftliche Lage

Nach dem Ende des Osmanischen Reiches musste die junge Republik Türkei mit erheblichen wirtschaftlichen Defiziten kämpfen. Um aus der agrarisch-geprägten Türkei eine Industrienation zu machen, wurde mit Fünfjahresplänen gearbeitet. Bis zu den 1980er Jahren war die Wirtschaft von Aufschwung- und Stagnationsphasen gekennzeichnet. Erst ab den 80er Jahren wurde der Wandel zu einer exportorientierten Marktwirtschaft vollzogen. Die türkische Wirtschaft konnte sich aber nie vollkommen entfalten, da die politische Stabilität und Kontinuität erheblich unter den erwähnten militärischen Interventionen litt (vgl.: GEO. 3: 1435).

Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist in der Türkei von einem erheblichen Wirtschaftswachstum gekennzeichnet. Nach einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2001 (vgl.: BTI 2010: 2) erholte sich die türkische Wirtschaft sehr rasch und konnte die globale Finanzkrise zwar nicht völlig unbeeinträchtigt, aber doch relativ gut und vor allem rasch meistern. Dies zeigt sich in den hervorragenden Wirtschaftswachstumszahlen für die ersten beiden Quartale des Jahres 2010: während im ersten Quartal das Wachstum 11,8% ausmachte, waren es im zweiten immer noch 10,2% und im dritten 5,5% (ISPATa 2011). Laut Weltbank lag das Wirtschaftswachstum der Türkei im Jahr 2010 bei 8,1% (vgl.: ISPATb 2011). Der Aufschwung betrifft am meisten die Städte im Westen und weniger die benachteiligten Regionen im Osten, jedoch sei hier auf Entwicklungsprogramme verwiesen, wie zum Beispiel das Südostanatolien-Projekt, das im nächsten Kapitel ausführlicher beschrieben wird. Weiters ist der Anteil der Beschäftigten im Primären Sektor noch immer sehr hoch. Etwa ein Drittel der Erwerbstätigen sind in der Landwirtschaft tätig (vgl.: GEO 3 2006: 1435 / Auswärtiges Amt - Wirtschaft) und tragen ca. 10% zum BIP bei. Die Industrie ist vor allem im Westen des Landes angesiedelt und trägt ca. 30% zum BIP bei und befindet sich somit auf einer Stufe mit den meisten europäischen Ländern (vgl.: Auswärtiges Amt – Wirtschaft / CAP – Wirtschaft). Der Anteil der Dienstleistungen am BIP ist zwar im europäischen Vergleich niedriger, macht aber national den größten Anteil aus – nämlich knapp 60% (vgl.: Auswärtiges Amt – Wirtschaft / CAP – Wirtschaft).

Obwohl die Türkei reich an Bodenschätzen wie zum Beispiel Steinkohle, Eisenerz, Chrom, Kupfer, Mangan, Wolfram, Zink, Nickel und Quecksilber ist, sind eigene Energiequellen rar (GEO 3: 1436). Auch deshalb wurde das schon erwähnte Südostanatolien-Projekt ins Leben gerufen. In Bezug auf Energie ist auch die Rolle der Türkei als Transitland für Erdöl- und Gaslieferungen von Bedeutung. Die Türkei wurde mit zahlreichen Großprojekten zu einem ernstzunehmenden Partner im internationalen Energieverkehr. Als Beispiele seien die Nabucco-Pipeline, die Baku-Tiflis-Ceyhan Pipeline und die ZentralBalkan Pipeline angeführt (vgl.: CAP Wirtschaft).

Die Arbeitslosigkeit der Türkei liegt bei etwa 12% (vgl.: WKO Wirtschaftsprofil Türkei / IHK Wirtschaftsdaten Türkei), die Beschäftigungsquote bei 45,9% (im Vergleich EU-27: 64,4%). Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist signifikant: nur 23,9% der Frauen sind beschäftigt, im Gegensatz zu 68,1% der Männer (im Vergleich EU 27: Frauen 57,9%, Männer 71,6%) (CAP – Wirtschaft).

In der Außenpolitik übernimmt die Türkei eine immer aktivere Rolle in der Region – vor allem als Vermittlerin zwischen islamischer Welt und dem Westen. Auch die Beziehungen zu den meisten Nachbarländern haben sich merklich verbessert und die Türkei versucht auf die gesamte Region stabilisierend zu wirken (vgl.: Auswärtiges Amt – Außenpolitik 2010).

Die türkische Wirtschaft ist von mehrjährigen sehr hohen Wachstumsraten gekennzeichnet. Obwohl der Westen des Landes viel stärker davon profitiert, gibt es Maßnahmen der Regierung unter Premierminister Erdogan, die wirtschaftlich benachteiligten Regionen im Osten des Landes zu fördern. Der Ausgleich der regionalen Disparitäten und des sozialen Gefälles bleibt aber eine große Herausforderung, genauso wie die Kluft in der Beschäftigung von Frauen und Männern. Da in vielen Gebieten der Türkei, eben vor allem im Osten, traditionelle Rollenbilder gelebt werden, sind Frauen am Arbeitsmarkt unterrepräsentiert. Dieses Potenzial sollte aber keinesfalls unterschätzt werden und könnte zu einem Motor im weiteren Wirtschaftswachstum werden.

3. Sozioökonomische Aspekte

Mit der radikalen Modernisierung und Westorientierung der Türkei durch Atatürk erlebte das Land auch einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Als wichtige Indikatoren der sozioökonomischen Entwicklung sind die Demographie im Allgemeinen und das Bevölkerungswachstum im Speziellen zu nennen. Während im Jahr 1927 die Türkei 13,6 Millionen Einwohner zählte, hat sich der Wert heute mehr als verfünffacht (Kröhnert 2010). Je nach Quelle, leben 72 (Auswärtiges Amt - Türkei 2011) – 77 Millionen Menschen (CIA 2011) in der Türkei.

Die Türkei hatte vor allem in den Anfangsjahren der Republik eine sehr hohe Geburten- und Sterberate, was als ein Zeichen für Unterentwicklung gewertet wird:

„In den folgenden Jahrzehnten zeigte die autoritäre Modernisierung des türkischen Staates Wirkung: Es kam zur klassischen Bevölkerungsexplosion, wie sie für viele Entwicklungsländer typisch ist. Die jährliche natürliche Wachstumsrate der türkischen Bevölkerung lag bis zum Jahr 1990 fast ständig über zwei Prozent, erst in den 1990er Jahren verlangsamte sich das Wachstum. Jedoch liegt die Türkei der Weltbank zufolge mit einer jährlichen Wachstumsrate von gegenwärtig 1,2 Prozent (2008) deutlich über dem europäischen Durchschnitt.“ (Kröhnert 2010)

2011 ist die Wachstumsrate sogar auf rund 1,3% gestiegen (CIA 2011). Zum Vergleich: die Wachstumsrate von Österreich beträgt 0,042% (CIA 2011).

Typisch für sich entwickelnde Länder sind das Fallen sowohl der Sterbe- als auch der Geburtenrate. Dieser Wandel hat sich vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Türkei vollzogen. Während eine türkische Frau im Jahr 1960 im Durchschnitt 6,2 Kinder zur Welt brachte, sank die Zahl im Jahre 1978 auf 4,3, im Jahr 2008 weiter auf 2,11. Dieser Wert liegt aber noch immer höher als in vielen europäischen Ländern (Kröhnert 2010). Als besonders hervorzuhebender Indikator in Bezug auf die sozioökonomische Entwicklung ist die Kindersterblichkeit. Während im Jahr 1965 noch 166 von 1 000 Säuglingen starben (Kröhnert 2010), sind es heute nur noch knapp 25 (CIA 2011). Die Kombination aus gesunkener Sterberate und hoher Fertilität beschert der Türkei eine klassische Pyramidenform in der Altersstruktur der Bevölkerung (Kröhnert 2010). Die meisten entwickelten Länder jedoch weisen eine sogenannte Urnenform auf, die durch das Sinken der Sterblichkeit und eines Rückgang der Geburten entsteht.

Mit der Bevölkerungsexplosion einhergehend, kam es zu einer Binnen-Wanderung von Osten nach Westen des Landes der Bevölkerung und dadurch zu einer weitreichenden Urbanisierung der Gesellschaft. In den östlichen Gebieten waren aufgrund des traditionellen Heiratsverhaltens und der ebenso traditionellen Familienplanung die Geburtenraten noch immer um einiges höher als im Landesdurchschnitt. Die östlich gelegenen Regionen können den vielen jungen Menschen keine Perspektiven bieten und die Binnen-Migration besteht daher auch heute noch fort (Kröhnert 2010). Hier spielt auch das niedrigere Bildungsniveau, das in den östlichen Regionen vorherrscht, eine wichtige Rolle (CAP Gesellschaft). In der Türkei gibt es weit über 100 Universitäten, zum Teil staatliche, aber auch private und vier von den Streitkräften geführte. Sie sind prinzipiell über das ganze Land verteilt, jedoch gibt es auch in der (Hochschul)Bildung eine Konzentration im Westen des Landes (vgl.: Akkoyun 2009 / Hochschulrat).

Die Städte konnten die Massen an Binnen-Migrant/innen oft nicht adäquat aufnehmen. Der städtische Arbeitsmarkt war für Zuwanderer/innen vor allem aus dem Osten nicht gut genug gerüstet. In Folge entstanden sogenannte „gecekondus“ – übersetzt bedeutet das etwa „über Nacht gebaut“. Dies sind illegale Siedlungen an den Rändern der Großstädte. Als Beispiel: in Istanbul lebten 2008 geschätzte 60% der Bevölkerung in solchen Siedlungen (Kröhnert 2010).

Diese ausgeprägten regionalen Disparitäten führen zu Unzufriedenheit und Protest in der betroffenen Bevölkerung. Die östlichen Provinzen sind in der Türkei stark von Kurden besiedelt – in einigen Regionen stellen sie die Bevölkerungsmehrheit dar (Auswärtiges Amt - Innenpolitik 2010). Proteste seitens der Bevölkerung sind seit den 1980er Jahren spürbar und erreichten ihren Höhepunkt in den 1990er Jahren, als sich PKK und türkisches Militär offen bekriegten. Nicht nur die (wirtschaftliche) Ungleichverteilung ist im sogenannten Kurdenkonflikt ausschlaggebend. Als Beispiel sei die türkische Minderheitenpolitik erwähnt, die den Kurden keinen eigenen Rechtsstatus als nationale Minderheit garantiert.

Die soziale Ungleichheit innerhalb des Landes stellt sich als eines der Hauptprobleme in der türkischen Innenpolitik dar. Darum wurde schon in den 1930er Jahren (CAP Wirtschaft / Ruf: 1) das Südostanatolien-Projekt (GAP) angedacht. Dies ist ein regionales Entwicklungsprojekt, das die wirtschaftlich unterentwickelten Regionen aufwerten soll (GEO 3 2006: 1436). Zur sogenannten GAP-Region gehören folgende sechs Provinzen: Adiyaman, Diyarbarkir, Gaziantep, Mardin, Sanliurfa und Siirt (Studiengesellschaft für Friedensforschung). Ziele des Programms sind unter anderem die Nutzbarmachung der vorhandenen Hydroenergie, um die wirtschaftliche Lage der Region zu verbessern, eine erhöhte Produktion im landwirtschaftlichen Bereich zu erreichen, die Industrialisierung und gleichzeitig den Tourismus zu fördern und vor allem den Energiebedarf des gesamten Landes zu decken (vgl.: Klett: 26 / CAP Wirtschaft). Dieses gewaltige Projekt umfasst den Bau von 22 Staudämmen, 19 Kraftwerken und Bewässerungstunneln und bezieht sich auf die Oberläufe der Flüsse Euphrat und Tigris (CAP Wirtschaft). Die Ilisu- und Atatürk Staudämme entstammen dem GAP. Das Projekt ist umstritten, da unter anderem viele Dörfer aufgrund der Staudämme umgesiedelt werden mussten und der Umgang mit Kulturgütern schwierig ist. Zudem sehen sich die Länder Syrien und Irak in ihrer Nutzung der beiden Flüsse eingeschränkt und fürchten um ihre Süßwasserzufuhr (Klett: 26). Ebenso gibt es Befürchtungen, dass im Zuge der Förderung des Tourismus innerhalb des GAP, entstehende Arbeitsplätze nicht an die ortsansässige Bevölkerung vergeben werden, sondern an Personen aus der Westtürkei, da diese öfter über eine höhere Ausbildung verfügen. Außerdem kommt es durch das Projekt zu einer Versalzung der Böden und auch zu Überschwemmungen des von der ansässigen Bevölkerung landwirtschaftlich genutzten Gebietes (CAP Wirtschaft).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass trotz Struktur anpassender Programme die regionalen Disparitäten in der Türkei eine Herausforderung für die türkische Innenpolitik bleiben. Das Auf- und Ausbauen der Infrastruktur in diesen Regionen kann zu einem Ausgleich des sozialen Gefälles beitragen, jedoch wurde auf die Umweltverträglichkeit wenig Rücksicht genommen, was wiederum zu massiven Problemen führen könnte. Es gibt aber auch durchaus Stimmen, die besagen, dass das Projekt seinen (sozialen) Anforderungen nicht gerecht wird und – im Gegenteil – die soziale Unausgeglichenheit verstärkt (Ruf: 4).

4. Türkische Community in Österreich

4.1 Allgemeine statistische Daten

Mit dem Stichtag 1.1.2010 zählte die Statistik Austria rund 183.000 Personen aus der Türkei (Geburtsort bzw. Staatsbürgerschaft) in Österreich (migration & integration.zahlen.daten. indikatoren 2010: 9). Migrant/innen aus der Türkei rangieren damit nach Deutschen und Serben an dritter Stelle hinsichtlich der in Österreich lebenden ausländischen Staatsangehörigen bzw. im Ausland Geborenen.

Bezogen auf den türkischen Migrationshintergrund [3] leben insgesamt rund 247.500 Personen in Österreich, davon sind 151.500 Zuwanderer/innen der ersten und 96.100 Zuwanderer/innen der zweiten Generation [4] (vgl. Statistik Austria 2010. Bevölkerung nach Migrationshintergrund). Der Großteil der Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft lebt in Wien (73.205 Personen), gefolgt von Niederösterreich (25.268 Personen) und Oberösterreich (22.904 Personen) (vgl. integration im fokus 2/10). Die wenigsten Türk/innen leben im Burgenland.

Das Durchschnittsalter der in Österreich lebenden Türk/innen (nach Staatsangehörigkeit bzw. Geburtsland) betrug zum Stichtag 1.1.2010 35,1 Jahre (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010: 27), womit türkische Migrant/innen vergleichsweise zu jenen Zuwander/innen gehören, die deutlich unter dem Durchschnittsalter (41,5 Jahre) der Gesamtbevölkerung Österreichs liegen.

2009 kamen in Österreich rund 76.000 Neugeborene zur Welt. Mit 12,5% lag die Geburtenrate der ausländischen Bevölkerung über jener der Österreicher/innen (8,7%). Dabei fiel die Geburtenrate bei türkischen Staatsangehörigen mit 14,9% im Vergleich zum Durchschnitt sowie zu Personen anderer Herkunft deutlich höher aus (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010: 36).

Hinsichtlich der Geburten rangieren Türkinnen sowohl in Bezug auf die Kinderzahl als auch bezüglich des Alters der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes an erster Stelle in Österreich. Während 2009 Österreicherinnen durchschnittlich 1,27 Kinder und Frauen ausländischer Herkunft 1,84 Kinder gebaren, brachten Türkinnen durchschnittlich 2,41 Kinder zur Welt (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010: 9). Das durchschnittliche Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes lag 2009 bei 28,5 Jahren bei Österreicherinnen, Frauen ausländischer Herkunft waren durchschnittlich 26,4, Türkinnen 23,9 Jahre alt (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010: 9). Somit waren Frauen türkischer Herkunft am jüngsten, EU- oder EWR-Bürgerinnen hingegen am ältesten.

2009 wurden in Österreich 35.469 Ehen geschlossen, davon waren rund 10% Eheschließungen zwischen Partnern, die beide ausländischer Herkunft waren. In 6% der Heiraten war der Gatte ausländischer Herkunft, in 11,5% die Braut. (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010: 79)

Zu Eheschließungen zwischen österreichischen und türkischen Brautleuten kam es bei rund 8% der Trauungen, wobei hier in etwa zwei von drei Fällen die Frau Österreicherin, während der Mann türkischer Staatsangehöriger war. Bei diesen Zahlen muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Statistik nach Staatsangehörigkeit der Personen erhoben wurde und Brautleute zum Zeitpunkt der Vermählung durchaus türkischen Migrationshintergrund hatten, jedoch die österreichische Staatsbürgerschaft besaßen.

4.2 Sprache und Bildung

Laut einer Umfrage der GfK Austria verfügen nach eigener Aussage rund 53% der türkischen Migrant/innen in Österreich über muttersprachliche oder so gut wie muttersprachliche (29%) bzw. sehr gute (24%) Deutschkenntnisse (Ulram 2009: 17). Im Vergleich zu anderen Migrantengruppen beherrscht jedoch die türkische Bevölkerung in Österreich deutlich schlechter Deutsch: 10% verfügen über eher schlechte und 1% über gar keine Deutschkenntnisse, wobei vor allem Hausfrauen besonders hohe sprachliche Defizite aufweisen (Ulram 2009: 17).

Personen mit türkischem Migrationshintergrund verfügen bereits beim Schuleintritt über deutlich schlechtere sprachliche Kompetenzen als ihre österreichischen Altersgenossen wie auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen. Sowohl Kinder, die bereits in den Kindergarten gehen als auch jene, die noch keine Kinderbetreuungseinrichtung besuchen, mit Muttersprache Türkisch rangieren an erster Stelle hinsichtlich der sprachlichen Förderung.

4.3 Arbeitslosigkeit und Erwerbstätigkeit

Die Arbeitslosigkeit von Personen türkischer Herkunft ist überdurchschnittlich höher als jene von Personen österreichischer Herkunft, als auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen. Mit einer Quote von 14% waren im Jahr 2009 Türk/innen doppelt so häufig arbeitslos wie Personen ohne Migrationshintergrund (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010: 56).

Ein Vergleich der beiden Jahre 2009 und 2010 zeigt, dass es hinsichtlich des Geschlechts der betroffenen Gruppe signifikante Unterschiede gibt. Während die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt bei den Türken im Vergleich zu 2009 im Jahr 2010 gesunken ist, ist sie bei den Türkinnen gestiegen.

Hinsichtlich des Alters zeigt sich, dass vor allem die Gruppe der 25- bis 44-Jährigen sehr stark von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Zwar ist die Zahl der vorgemerkten, arbeitslosen Türk/innen 2010 im Vergleich zu 2009 etwas gesunken, jedoch sind vor allem türkische Erwachsene eine Risikogruppe auf dem österreichischen Arbeitsmarkt.

Unter den Jugendlichen in Österreich sind es vor allem türkische Staatsangehörige, die arbeitslos sind. Während die durchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit 2009 bei etwa 6,3% lag, betrug sie bei den Jugendlichen türkischer Herkunft 12,6% (migration & integration. zahlen. daten.indikatoren 2010: 56).

4.4 Integrationsbewusstsein und Religion

Der Großteil der in Österreich lebenden Migrant/-innen fühlt sich völlig (36%) oder eher (47%) integriert (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010: 87). Ausnahme bildet hier die türkische Bevölkerung: in dieser Gruppe lässt sich der größte Anteil derer finden, die sich nicht in Österreich integriert fühlt (rund 13%).

Zudem scheinen Personen türkischer Herkunft stärker Gefühle der Benachteiligung und Diskriminierung zu erfahren. 20,5% geben an, dass sie immer bzw. meistens in Österreich benachteiligt werden; 34,5%, dass sie „eher schon“ (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010: 91) Benachteiligung erfahren. Des Weiteren lässt sich ein gewisser Trend feststellen: je jünger die befragten Personen türkischer Herkunft, desto stärker das Empfinden, von der österreichischen Mehrheitsgesellschaft diskriminiert zu werden (Ulram 2009: 63).

Im Jahr 2009 stellten türkische Staatsangehörige mit rund 109.000 Personen (21%) die größte Gruppe unter der ausländischen Bevölkerung islamischen Glaubens in Österreich dar (Marik-Lebeck 2010: 7). Empirische Untersuchungen belegen, dass für die türkische Bevölkerung in Österreich die Religion einen sehr großen Stellenwert in ihrem Leben hat. Laut einer Studie ist für 57% der in Österreich lebenden Personen türkischer Herkunft die Befolgung der Gebote der islamischen Religion wichtiger als die des österreichischen Staates. Des Weiteren spricht sich rund die Hälfte der Befragten dafür aus, dass Teile des islamischen Rechts (z.B. Ehe-, Familien- und Erbrecht) in die österreichische Rechtsprechung Eingang finden sollten. (vgl. Ulram 2009: 19)

[3] Gesamtzahl aller Personen, deren Eltern beide im Ausland geboren sind. 

[4] Personen, die selbst im Ausland geboren sind, zählen zu den Zuwanderer/innen der ersten Generation, während in Österreich geborene Nachkommen im Ausland geborenen Eltern der zweite Generation angehören (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren. 2010: 109).

Quelle migration integration. zahlen.daten.indikatoren 2010 37

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