ÖIF-Dossier N° 20
Polnische Migrant/innen in Österreich: Zahlen. Fakten. Einstellungen
MMMag. Monika Potkanski
November 2011
Zentrale Ergebnisse
- Die große Auswanderungswelle polnischer Bürger/innen (etwa 1 Million Pol/innen) in den 1980er Jahren war vor allem durch die innenpolitische Situation in Polen geprägt.
- Zu Beginn der 1980er Jahre sah sich Österreich mit einer großen Anzahl an Asylanträgen seitens polnischer Staatsbürger/innen konfrontiert. Von den 34.557 in Österreich gestellten Anträgen im Jahre 1981 entfielen rund 85% auf polnische Asylwerber/innen.
- In Österreich leben derzeit 57.587 Personen aus Polen, rund 65 Prozent davon in Wien (Stichtag 1.1.2011).
- Pol/innen (und Rumän/innen) verfügen im Vergleich zu anderen Migrantengruppen in Österreich über die besten Deutschkenntnisse und haben die meisten Kontakte mit Österreicher/innen.
- Hinsichtlich der Arbeitsmarktsituation unterscheiden sich polnische Bürger/innen kaum von Österreicher/innen.
- Pol/innen sind zusammen mit Italiener/innen und Ir/innen im EU-weiten Vergleich am gläubigsten.
Polnische Migration nach Österreich
Österreich hat sich in den letzten 40 bis 50 Jahren zu einem Einwanderungsland entwickelt, wobei sich die Art der Migration sowie die Herkunftsländer in diesem Zeitraum verändert haben. Während ab Anfang der 1960er Jahre (Raab-Olah-Abkommen im Dezember 1961) und im Zuge der Abkommen mit Spanien, der Türkei und Jugoslawien so genannte Gastarbeiter/innen nach Österreich einwanderten, begann ab den 1980er Jahren eine Ost-West-Migration. Die ehemaligen sowjetischen Länder, darunter auch Polen, begannen in den 1980er Jahren ihre Ausreisebestimmungen zu lockern, und die steigende Anzahl der Asylanträge in dieser Periode führte dazu, dass Österreich mit einer verstärkten Migrantenwelle aus Polen konfrontiert war. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs erhöhte sich die Anzahl von in den Westen emigrierten Pol/innen weiter.
Obwohl die Datenlage über die internationale Migration von Pol/innen in den 1980er und 1990er Jahren keine klaren Informationen über die Anzahl von aus Polen emigrierten Personen liefert, kann aufgrund der (österreichischen) Asylstatistik sowie dem polnischen Bevölkerungsregister geschätzt werden, wie viele Pol/innen tatsächlich illegal bzw. legal das Land verlassen haben (Korcelli 1996: 249). In der kommunistischen Ära Polens war eine Ein- und Ausreise aus dem Land de facto nicht möglich, da das Verfahren der Passausstellung sowie die Erteilung eines Ausreisevisums kompliziert und langwierig waren, und das damalige polnische Innenministerium eine Auswanderung nur unter dem Vorbehalt der Familienzusammenführung rechtfertigte (Korcelli 1996: 249), weshalb eine Garantie für eine legale Auswanderung aus Polen kaum möglich war. Die illegale bzw. undokumentierte Emigration waren die wichtigsten Arten der Auswanderung aus Polen zu dieser Zeit. Wie viele Pol/innen tatsächlich ihre Heimat verließen, wurde erst im Zuge der Volkszählungen sichtbar, welche jeweils eine Korrektur der Bevölkerungszahl nach unten zur Folge hatte. So betrug die Differenz zwischen der Volkszählung 1970 und 1978 82.000 Personen, in der Volkszählung von 1988 etwa 85.000 Personen (Korcelli 1996: 250). Diese Zahlen erscheinen jedoch zu gering, wird die deutsche Aussiedlerstatistik als Referenz herangezogen, welche von einer Zahl von 1,5 Millionen polnischen Aussiedler/innen und einer gesteigerten Zahl von polnischen Arbeitsmigrant/innen und registrierten Asylwerber/innen spricht (Korcelli 1996: 250).
Die große Auswanderungswelle polnischer Bürger/innen (etwa 1 Million Pol/innen) in den 1980er Jahren war vor allem durch die innerpolitische Situation in Polen geprägt. Die Verschlechterung der Einkommensverhältnisse und der Lebensstandards verstärkte die Abwanderungsbestreben vieler Pol/innen. Die Jahre 1980/1981 bilden den Höhepunkt der polnischen Abwanderung in den 1980er Jahren, welche in den folgenden Jahren im Zuge der Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1982/1983 und der Verschärfung der Ausreisebestimmungen wieder deutlich zurückging. In den späten 1980er Jahren, bedingt durch den Fall des Eisernen Vorhangs, schnellte sie jedoch erneut nach oben, als die damalige Regierung allen polnischen Bürger/innen in Aussicht stellte, einen Reisepass auszustellen (Korcelli 1996: 252). Laut Statistik unternahmen 1988 rund 1,7 Millionen Pol/innen eine Auslandsreise, wobei unter diesen rund 26.000 offizielle Auswanderungen und rund 1,6 Millionen zeitlich begrenzte Reisen bzw. illegale Emigration fielen (Korcelli 1996: 253). Laut polnischen Quellen verließen zwischen 1980 und 1988 rund 800.000 polnische Bürger/innen ihre Heimat, in den Jahren zwischen 1981 und 1986 im Durchschnitt etwa 60.000 jährlich. Bis Ende der 1980er Jahre wanderten laut polnischer Statistik etwa eine Million Menschen aus Polen aus. (Sakson 2010 :3)
1.1. Exkurs: Polnische Asylanträge in Österreich
Seit Ende der 1960er Jahre erhöhten sich die Asylanträge polnischer Staatsbürger/innen in Österreich jährlich, wobei durchschnittlich rund 200 Anträge gestellt wurden. Zu Beginn der 1980er Jahre wurde ein rasanter Anstieg wahrgenommen. Vor allem Deutschland und Österreich sahen sich mit einer stark ansteigenden Asylantragsstatistik polnischer Migranten konfrontiert. Von den 34.557 in Österreich gestellten Anträgen im Jahre 1981 entfielen rund 85% auf polnische Asylwerber/innen. Dieser Anstieg kann auf die Verhängung des Kriegsrechts in Polen und die Unterdrückung der Solidarność-Bewegung im Jahr 1981 zurückgeführt werden. So haben in diesem Jahr 29.091 Personen mit polnischer Staatsbürgerschaft einen Asylantrag in Österreich gestellt. Abgesehen vom Jahr 1988, in dem 6.670 Personen Asyl beantragt haben, sank die Zahl der Asylanträge in den folgenden Jahren wieder deutlich.
1.2. Jüngste Phase der polnischen Migration
Die jüngste Phase der polnischen Migration kann mit dem EU-Beitritt Polens 2004 gesehen werden. Der Beitritt zur Europäischen Union wirkte sich nicht nur auf die Zielländer der polnischen Arbeitsmigration, sondern auch auf deren Ausmaß aus. Besonders der Zeitraum zwischen 2004 und 2007 ist durch eine signifikante Verstärkung der polnischen Migration gekennzeichnet. Laut polnischem Hauptamt für Statistik (GUS) konnte in diesem Zeitraum ein Anstieg von 1 Million bis auf 2,3 Millionen emigrierten Pol/innen verzeichnet werden (Frelak 2009: 112). In den Jahren 2008 und 2009 ging die Zahl der polnischen Auswanderer/innen zurück, ebenso konnten deutliche Remigrationsbewegungen ab dieser Zeit vermerkt werden. Des Weiteren wurden im Zuge der neuen polnischen Migrationsbewegung neben bisherigen Zielländern wie Deutschland oder den Vereinigten Staaten vor allem Großbritannien und Irland interessant, aber auch skandinavische Länder und die Benelux-Staaten wurden zunehmend Zielländer polnischer Migration (Frelak 2009: 112). Großbritannien und Irland konnten den größten Zuwachs polnischer Migrant/innen verzeichnen: zwischen 2002 und 2007 vergrößerte sich die Zahl der nach Großbritannien emigrierten Migrant/innen dreißigfach, in Irland sogar hundertfach (Frelak 2009: 112). Pol/innen bilden in den meisten europäischen Aufnahmegesellschaften die zahlenmäßig stärkste Migrantengruppe aus den „neuen“ EU-Mitgliedsstaaten: insgesamt machen sie 25 Prozent aller innerhalb der EU migrierenden Arbeitnehmer/innen aus, gefolgt von Rumän/innen (Frelak 2009: 115). In Irland stellen die polnischen Staatsbürger/innen sogar rund 56 Prozent aller Migrant/innen aus den neuen EU-Mitgliedsländern dar (Frelak 2009: 115).
2. Polnische Bevölkerung in Österreich
2.1. Soziodemografie
Mit dem Stichtag 1.1.2011 zählte die Statistik Austria rund 57.587 Personen aus Polen1 in Österreich (Statistik Austria 2011). Damit rangieren Migrant/-innen polnischer Herkunft an siebenter Stelle hinsichtlich der in Österreich lebenden ausländischen Staatsangehörigen bzw. im Ausland Geborenen.
Der Großteil der Personen mit polnischer Staatsbürgerschaft lebt in Wien (37.470 Personen), gefolgt von Niederösterreich (8.389 Personen) und Oberösterreich (4.328 Personen) (Statistik Austria 2011).
2.2. Deutschkenntnisse und Kontakte mit der österreichischen Bevölkerung
53 Prozent aller in Österreich lebenden Migrant/innen geben an, in ihrem Privatleben viele Kontakte zu Österreicher/innen zu haben und 27 Prozent, dass sie manchmal Kontakt haben (Ulram 2009: 15). Der Vergleich der Migrantengruppen zeigt, dass polnische Migrant/innen über die meisten Privatkontakte verfügen, gefolgt von Personen aus Kroatien und Rumänien. Hinsichtlich der Deutschkenntnisse wird deutlich, dass Pol/innen von allen in Österreich lebenden Migrantengruppen am besten Deutsch sprechen, nach Zuwanderer/innen aus Kroatien (Ulram 2009: 17).Die überdurchschnittlich guten Deutschkenntnisse sowie die engen Kontakte mit der österreichischen Bevölkerung scheinen die Korrelation zum guten subjektiven Integrationsbewusstsein2 der Pol/innen in Österreich zu begründen (vgl. 2.4).
2.3. Arbeitsmarktsituation
2.3.1. Erwerbstätigkeit
Die ausländische Bevölkerung in Österreich steht in deutlich geringerem Maße im Erwerbsleben als Österreicher/innen. Während 2010 die Erwerbstätigkeitsquote von Personen mit Migrationshintergrund bei 65 Prozent lag, entsprach jene von Personen österreichischer Herkunft 73 Prozent (migration & integration 2011: 50), wobei Personen aus EU- bzw. EWR-Ländern, darunter auch polnische Bürger/innen mit 70 Prozent eine hohe Erwerbstätigkeitsquote aufwiesen (migration & integration 2011: 50).
Ein Blick auf die aktuellen Arbeitsmarktzahlen (Stand Juli 2011) zeigt, dass die Zahl von unselbstständig beschäftigten Personen mit polnischer Staatsangehörigkeit im Vergleich zum Vorjahr um 28,4 Prozent gestiegen ist, wobei der Gendervergleich offen legt, dass die Erwerbstätigkeitsquote bei Polen um 33,8 Prozent, bei Polinnen um 20,2 Prozent gestiegen ist (vgl. AMS Österreich).
Nach Altersgruppen betrachtet stehen Personen polnischer Herkunft zwischen 25 und 45 Jahren in sehr hohem Maße im Erwerbsleben, während die Altersgruppe der unter 25-Jährigen die geringste Erwerbstätigkeit aufweist. Allerdings zeigen die Jahre 2010 und 2011 im Vergleich, dass in allen Altersgruppen ein deutlicher Zuwachs an erwerbstätigen Pol/innen zu verzeichnen ist.
2.3.2. Arbeitslosigkeit
Im Jahr 2010 lag die Arbeitslosenquote in Österreich bei 8 Prozent, wobei jene der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund mit 7 Prozent unter, und jene der ausländischen Bevölkerung mit 11 Prozent über dem österreichischen Durchschnitt lag (migration & integration 2011: 57). Die Arbeitslosenquote von EU- bzw. EWR-Bürger/innen, d.h. darunter auch polnische Bürger/innen, entsprach jener der österreichischen Bevölkerung (7 Prozent). Der Jahresvergleich zeigt zudem, dass sich im Gegensatz zum Vorjahr die Arbeitslosenquote bei dieser Migrantengruppe in Österreich um einen Prozentpunkt verringert hat (2009: 8%).Aktuelle Arbeitsmarktzahlen spiegeln die relativ geringe Arbeitslosigkeit von in Österreich lebenden Pol/innen wider, wobei hier ein Unterschied im Gendervergleich deutlich wird. Während die Arbeitslosenquote von Polen im Juli 2011 bei lediglich 4,9 Prozent lag, betrug sie bei Polinnen 8,7 Prozent.
2.3.3 Einkommen und Armut
Im Durchschnitt 2007 bis 2009 waren rund 12 Prozent der österreichischen Bevölkerung armutsgefährdet, wobei Zuwanderer/innen signifikant öfter (24%) betroffen waren als Österreicher/innen (11%). Während vor allem Personen türkischer Herkunft und Personen aus sonstigen Nicht-EU-Staaten einen sehr hohen Anteil an Armutsgefährdung aufwiesen (migration&integration 2011: 62), betrug der Anteil an armutsgefährdeten Bürger/innen aus der EU, den EWR-Staaten sowie der Schweiz 2007/2009 rund 17 Prozent und lag damit ebenfalls deutlich über dem österreichischen Wert.
2.4. Integrationsbewusstsein und Identifikation
Die überwiegende Anzahl der in Österreich lebenden Migrant/innen fühlt sich in Österreich völlig (45,8%) bzw. eher (40,3%) heimisch bzw. zu Hause (migration & integration 2010: 87). Nach Herkunftsländern betrachtet fühlen sich Pol/innen (und Rumän/innen) am stärksten in Österreich heimisch. Während, nach Herkunftsländern gereiht, sich Migrant/innen aus der Türkei in Österreich am wenigstens heimisch (rund 13% „nicht integriert“) fühlen, ist die Anzahl derjenigen, die sich gar nicht in Österreich integriert fühlt bei Personen aus Polen und Rumänien am geringsten: 3 Prozent (migration & integration 2010: 87). Mehr als die Hälfte der polnischen Zuwanderer/innen fühlt sich in Österreich heimisch bzw. zu Hause. Ein Vergleich des subjektiven Integrationsbewusstsein aller Migrant/innen zeigt, dass sich im Schnitt nur 45,8 Prozent der Migrant/innen in Österreich heimisch fühlen, bei den Pol/innen (und Rumän/innen) sind es um 4,7 Prozentpunkte mehr. Auf die Frage, welchem Staat sich die befragten Personen mit Migrationshintergrund in Österreich eher zugehörig fühlen, antworten über 71 Prozent der Pol/innen (und Rumän/innen), dass sie sich Österreich zugehörig fühlen, während ein Anteil von rund 28 Prozent den Staat nennen, aus dem die befragte Person stammt bzw. aus dem die Eltern der Person stammen (migration & integration 2010: 87). Der Vergleich mit anderen Migrantengruppen in Österreich legt offen, dass sich Migrant/innen polnischer (und rumänischer) Herkunft am ehesten Österreich zugehörig fühlen, Personen mit türkischem Migrationshintergrund scheinen am wenigsten ein Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich entwickelt zu haben.
2.5. Religion
Unter den sechs größten Ländern der Europäischen Union ist Polen das religiöseste. Im Rahmen der European Social Survey wurden Personen nach ihrem Glauben gefragt und aufgefordert, diesen auf einer Skala von 0 („überhaupt nicht religiös“) bis 10 („sehr religiös“) selbst einzuschätzen. Die Mittelwerte dieser Skala zeigen, dass Personen aus Polen, Italien und Irland am gläubigsten sind, gefolgt von den Spaniern und den Deutschen. Auffällig ist, dass es nur in Italien und Polen keinen signifikanten Unterschied zwischen der Gesamtheit der Bevölkerung und der Jugend (mittlere Abweichung: 0,55 und 0,75) gibt. (Szawiel 2007: 3)Ein ähnliches Bild zeigen die Daten hinsichtlich der Ausübung des Glaubens auf: Irland, Polen und Italien sind Länder, in denen ein Drittel bis die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung regelmäßig (mindestens einmal wöchentlich) ihren Glauben praktiziert. Pol/innen fallen hier besonders auf: laut der European Social Survey liegt der Anteil unter jungen Menschen (18–bis 24 Jährige), die regelmäßig ihren Glauben praktizieren bei 40 Prozent (im Vergleich: Irland 26%, Italien 14%). In Hinblick auf das regelmäßige Beten wird deutlich, dass auch hier die polnische Jugend am häufigsten betet (33% „mindestens einmal täglich“). Im Vergleich dazu beten jeweils rund 20 Prozent der Iren und Italiener. (Szawiel 2007: 3) Szawiel erklärt die hohe Religiosität unter Pol/innen, vor allem unter jenen der jungen Generation mit fünf Faktoren: der Verwurzelung des Religiösen in der polnischen Kultur, der die Revolution von 1989 überdauernden „relativ stabilen lokalen Umgebung“, der Funktionsfähigkeit der kirchlichen Institutionen, dem Religionsunterricht in der Schule sowie dem polnischen Papst Johannes Paul II, der eine ganze Generation prägte (Raabe 2010: 4).
Aufgrund dieser sowie ähnlicher Studienergebnisse kann davon ausgegangen werden, dass die in Österreich lebenden polnischen Migrant/innen eine ähnlich stark ausgeprägte Religiosität haben. Dennoch zeigt sich, dass sie die Gesetze und Vorschriften der Religion nicht über jene des österreichischen Staates stellen. So gaben in einer österreichischen Studie (Ulram 2009) rund 66 Prozent der in Österreich lebenden Pol/innen an, dass ihnen persönlich die Gesetze und Vorschriften des österreichischen Staates wichtiger wären als jene ihrer Religion.







