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ÖIF-Dossier n°12

 

Serb/-innen in Österreich: Meinungen. Einstellungen. Erfahrungen

von Dragana Stankovic, Monika Potkanski
August 2010

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Die in der Reihe „ÖIF-Dossier“ publizierten Berichte geben die Meinungen und Ansichten der Autoren wieder und stehen nicht für inhaltliche insbesondere politische Positionen des Österreichischen Integrationsfonds. 

 

Alle Grafiken und Statistiken zu diesem Dossier finden Sie im Pdf.-Download in der rechten Spalte!

Zentrale Ergebnisse

  • Mit 207.000 Personen stellen Serb/-innen (samt Montenegriner und Kosovaren) die zweitgrößte Migrantengruppe in Österreich dar; davon leben rund 110.000 in Wien
  • 82%  der befragten Serb/-innen fühlen sich sehr bzw. eher integriert
  • 2/3 der befragten Austro-Serb/-innen erachten die Anpassung an die österreichische Kultur und Lebensweise als bedeutend für Integration
  • Obwohl Serb/-innen das Erlernen der deutschen Sprache als Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration sehen, ist die Pflege der Muttersprache sehr wichtig
  • Für 64% ist die Bewahrung der serbischen Identität und Kultur überaus wichtig
  • Migrant/-innen aus Serbien distanzieren sich stark von anderen Migrantengruppen, vor allem der türkischen
  • 50% der befragten Serb/-innen stimmen mit den österreichischen Vorstellungen von Ehe, Familie und Geschlechtergleichstellung nicht überein
  • 95% der Befragten stimmen überein, dass es in Österreich gute Bildungs- und Aufstiegschancen gibt, aber 50% geben an, dass es diese nicht für Zuwanderer gäbe
  • Über 50% finden, dass Österreich keine weitere Zuwanderung mehr braucht

1. Die serbische Bevölkerungsgruppe in Österreich

1.1 Statistik: Zahlen und Daten

Nach Migrant/-innen aus Deutschland waren zu Beginn 2010 Personen aus Serbien, Montenegro und dem Kosovo die zweitgrößte Migrantengruppe in Österreich. Mit dem Stichtag 1.1.2010 zählte die Statistik Austria 207.000 Personen mit Herkunftsland Serbien, Montenegro und Kosovo  (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 9). Davon waren rund 73.000 in Serbien, Montenegro und Kosovo geborene österreichische Staatsbürger und rund 134.000 serbische Staatsangehörige, von denen 109.000 nicht in Österreich geboren, hingegen 25.000 Personen bereits in Österreich geboren waren (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 25).

Im Jahr 2009 stellten Personen mit Staatsangehörigkeit Serbien 701 Anträge auf Asyl in Österreich. Im selben Jahr entschieden die Asylbehörden in 3% der Fälle aus Serbien positiv für die Annerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Negative Entscheidungen betrafen 76% der Antragsteller aus Serbien. Andere Entscheidungen gab es in 21% der Fälle (BMI, Asylstatistik 2009).

1.2 Migration serbischer Arbeitskräfte

Seit den 1960er Jahren wurden in Österreich ausländische Arbeitskräfte aus Jugoslawien und der Türkei angeworben. Ab diesem Zeitpunkt stieg die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte stetig an. Zwischen 1961 und 1974 kamen etwa 265.000 Menschen nach Österreich. 1971 lag der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte bereits bei 6,1%, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung allerdings nur bei 2,8%. 1973 waren 78,5% der „Gastarbeiter“ jugoslawische, 11,8% türkische Staatsbürger (Bauer 2008, S. 6).

Diese „frühen“ Gastarbeiter der 1960er Jahre kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien und stammten größtenteils aus Kroatien und Slowenien (Faßmann, Münz 1990, S. 14). In den 1980er Jahren bildete Deutschland für diese Personen eine attraktive Alternative zu Österreich, während zu dieser Zeit nach Österreich  vor allem Serb/-innen und Bürger/-innen aus Bosnien-Herzegowina kamen (Achatz et al. 1985, S. 47). Neben Migrant/-innen aus dem ehemaligen Jugoslawien bildeten Türken eine große Gastarbeitergruppe.

1.3 Exkurs: Serbisch-Österreichische Geschichte

Zwar lebten Serb/-innen bereits seit dem 16. Jahrhundert auf österreichischem Staatsgebiet, nämlich in zu Kroatien und Slowenien gehörenden Gebieten, doch eine erste Zuwanderungswelle von Serb/-innen erfolgte erst nahezu zeitgleich mit der Belagerung Wiens 1683 durch das osmanische Heer.Mit der Wanderung ab 1690 ließen sich zahlreiche Serb/-innen als Kleinkaufleute und Gewerbetreibende auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie nieder. Nach der Niederlage der Osmanen bei Wien siedelten sich serbische Familien der Mittel- und Unterschichten in einem Vorort außerhalb der Stadtmauern an, der „Ratzenstadl“ genannt wurde. Sozial anerkannte Personen (serbische Offiziere oder Geistliche) wohnten hingegen innerhalb der Stadtmauern. Nach der Schleifung der Stadtmauern und dem Abriss des „Ratzenstadls“ Mitte des 19. Jahrhunderts verteilten sich die serbischen Familien über ganz Wien (vgl. Medakovic 2001, S. 59-60; Rohrbach 2001, S. 1-3). 1860 wurde die serbisch-orthodoxe Kirchengemeinde in Wien gegründet. Trotz frühen Versuchen, eigene für Serb/-innen in Österreich zuständige Behörden wie die Illyrische Hofdeputation (bis 1777) oder die Illyrische Hofkanzlei (1777-1791) einzurichten, blieb der Kern der serbischen Frage in Österreich, die staatsrechtliche Stellung der „illyrischen Nation“, bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie ungelöst (Medakovic 2001, S. 30-31; Rohrbach 2001, S. 1-3).

Auf zahlreiche in Wien lebende serbische Künstler, Schriftsteller und Wissenschafter übte die Kaiserstadt großen Einfluss aus. Die Residenzstadt Wien war bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein Zentrum mit großer Ausstrahlung auf Serb/-innen. Neben den positiven Seiten gab es jedoch auch Schattenseiten in den österreichisch-serbischen Beziehungen. Diese waren vor allem durch Kriege und starke gegenseitige Vorurteile belastet.

Nach einem Überblick zur Geschichte der Serb/-innen in Wien konstatiert der österreichisch-serbische Sozial- und Wirtschaftswissenschafter Wolfgang Rohrbach etwa für die Zeit seit den 1990er Jahren:

„Alle (…) Positiva können aber nicht über die in den letzten Jahrzehnten bestandenen Schattenseiten der Beziehungen zwischen Serb/-innen und Wienern hinwegtäuschen. Diese sind in einer Reihe von Klischeevorstellungen und Irrmeinungen, die beide Gruppen voneinander haben, begründet.“  (Rohrbach 2001, S. 9)

Vorurteile und Stereotype gegenüber Serbien und Serb/-innen haben in Österreich eine lange Tradition. Die Anschauungen verschiedener ideologischer und politischer Gruppierungen spiegelten sich in der in österreichischen Zeitungen veröffentlichten Sicht auf Serbien und den Balkan wider. Sie sahen einen engen Zusammenhang zwischen den Entwicklungen auf dem Balkan und der Habsburgermonarchie mit ihren inneren Problemen (Rathberger 2007, S. 84). Die Kriege am Balkan, insbesondere die andauernden Spannungen zwischen Serbien und Österreich-Ungarn, erreichten immer höhere Eskalationsstufen und trugen zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wesentlich bei. Eine Auswahl an Stimmen aus der österreichischen Presse illustriert, wie stark Vorurteile und Stereotype über Serbien und Serb/-innen in der österreichischen Reichshälfte verbreitet waren.

Am 24. Februar 1909, nach der Annexion Bosnien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn  und vor dem drohenden Krieg mit Serbien, erklärte die deutschnational eingestellte „Grazer Tagespost“ die Geringschätzung von Menschenleben im „kulturlosen Orient“:

„Jeder Mann, der auf österreichisch-ungarischer Seite fällt, ist ein Verlust, den wir empfinden, während die Serb/-innen ihre Leute als Kanonenfutter betrachten und nicht mehr schätzen, als wie man eben im kulturlosen Orient Menschenleben einschätzt, nämlich gleich nichts. So steht hier Kultur gegen Barbarei, Volksheer gegen Masse. (…) Es ist die Barbarei des Ostens, die sich in diesem österreichisch-serbischen Konflikte gegen den Westen auflehnt, dessen Friedensarbeit und Kulturwerk stören. (…) Der slawische Geist hat sich erhoben und holt zu einem neuen Versuche aus, die Kreise der kulturellen Entwicklung zu stören und diese selbst aufzuhalten.“ 

Am 13. November 1912 begründete die sozialdemokratische „Arbeiter-Zeitung“ ihre Ablehnung eines Krieges gegen Serbien damit, dass ein „halbwildes Volk“ wie das Albaniens dies nicht wert wäre:

„Und dieses Unsagbare und Ungeheure sollen die Völker Oesterreichs auf sich nehmen – warum? Damit für ein halbwildes Volk, das einer eigenen Staatlichkeit wahrscheinlich gar nicht fähig, ein lebensunfähiger Staat begründet wird! (…) In einem Tollhause ist mehr Vernunft zu finden, als in diesem sinnlos fluchwürdigen Spiele mit dem Weltkrieg um des elenden Albanien willen.“ 

Für die christlich-soziale „Reichspost“ war das Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo vor der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien 1914 ein weiterer Beweis dafür, dass die Serb/-innen ein mörderisches Volk seien:

„Denn jeder Serbe hat (…) schlummernde Schlangen ums Herz, die giftspeiend erwachen, wenn man sie nur berührt. Dafür, daß diese Schlangen in der serbischen Volkspsyche nie zur Ruhe kommen, hat die großserbische Propaganda seit sieben Jahren eifriger denn früher gesorgt. (…) Alle diese furchtbaren Verbrechen, die in der neuesten Geschichte keines anderen Volkes so eng und entsetzlich gehäuft sind, wie im serbischen, zeigen die namenlose Verirrung der politischen Moral in Serbien. (…) Das ist die giftige Schlange, die sich um das Serb/-innentum windet.“ 

Dem amerikanischen Historiker Robert A. Kann zufolge trugen tradierte Klischees und Stereotype auch über Serb/-innen und Serbien nicht unwesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges bei:

„Die Charakterisierung des Balkans als Synthese von Hammeldieben, ungewaschenen Snobs und aufgedonnerten Prostituierten wurde aber kräftig von Literaten à la Roda-Roda  angeheizt und rechts wie links mit dem gleichen Behagen genossen. Es ist der Ton, der die Musik macht. Die Thematik dieser ethnischen Werteskala findet sich als ein Leitmotiv in der Ouvertüre zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.“ (Kann 1977, S. 36)

Die langlebigen und anpassungsfähigen Stereotype und Klischees überdauerten auch in abgeschwächter Form die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre. Bei einer Umfrage des österreichischen Gallup-Instituts im Auftrag des American Jewish Committee (AJC) – die Tageszeitung „Die Presse“ berichtete am 25./26./27. Oktober 1991 darüber – nannten 32% der befragten Österreicher/-innen auf die Frage „Fordern durch ihr Verhalten Feindseligkeit heraus“ Serb/-innen an erster Stelle (gefolgt von Türken mit 24%). Ferner gaben 43% an, nicht neben Serb/-innen wohnen zu wollen (49% der Befragten nicht neben Zigeunern) (vgl. Lorenz 1992, S. 7; Sikima 2009, S. 7).

Michael Lorenz versucht in seiner Diplomarbeit „‚Serbien muss sterbien’ – Tradierung publizistisch vermittelter Vorurteile“ den Zusammenhang zwischen „dem serbischen Vorwurf einer vorurteilsvollen antiserbischen Berichterstattung österreichischer Massenmedien einerseits und dem Entstehen eines ‚neuen’ Serbien-Feindbildes in der österreichischen Bevölkerung andererseits“ empirisch zu untersuchen. Vor dem Hintergrund der Geschichte serbisch-österreichischer Beziehungen vergleicht der Autor die Rolle der Massenmedien in Österreich bei der Tradierung von Vorurteilen wie auch eines Serbien-Feindbildes vor dem Ersten Weltkrieg 1914 und während der Jugoslawienkriege 1991. Sein Vergleich der Berichterstattung ausgewählter österreichischer Tageszeitungen der Jahre 1914 und 1991 ergab über beide Zeitphasen und bei allen berücksichtigten Tageszeitungen eine Stabilität und Ähnlichkeit der attributiven Zuschreibungen, allerdings mit unterschiedlicher Intensität (um 1914 stärker als um 1991) (Lorenz 1992, S. 107-112). In manchen Fällen wurde sogar explizit eine Verbindung zwischen den Jahren 1991 und 1914 auf attributiver Ebene hergestellt („Neue Kronenzeitung“ 1991: „(…) auf dem Schlachtfeld wüten die Serb/-innen entsprechend alter Tradition (…)“) (Lorenz 1992, S. 103-104).

Der Politikwissenschafter Vedran Džihić analysierte 2008 das Wechselspiel der Vorurteile zwischen Serbien und „westlichen Staaten“:

„Durch die 1990er Jahre hindurch wurde seitens des Westens das ‚bequeme Vorurteil’ (Maria Todorova) an den blutigen, dunklen und barbarischen Balkan gerade am serbischen Beispiel am stärksten strapaziert. Serbien in der Milošević-Zeit wurde zum Sündenbock und Projektionsfläche für alles Böse. Nur wenige bemühten sich um eine objektivere Darstellung Serbiens, wiesen auf breite Protestbewegungen gegen Milošević hin, hörten auf Stimmen des anderen Serbiens, das all die Jahre mutig gegen den ethnonationalistischen Wahn in der serbischen Gesellschaft ankämpfte. (…) Das bequeme Vorurteil an die Adresse Serbiens blieb nicht ohne Folgen – die serbische politische Elite und weite Teile der Bevölkerung reagierten mit Ablehnung des Westen und mit selbst immunisierenden Gegenvorurteilen, in denen sich Serbien als der personifizierte Balkan als besser, authentischer, lebendiger, wahrhaftiger und moralischer als der Westen und Europa konstruierte. Auch heute sind die Beziehungen mit dem Westen und damit auch mit der EU voll Vorurteilen.“ (Džihić 2008, S. 73)

2. Die Serbische Community in Österreich: Meinungen. Einstellungen. Erfahrungen

Für die nachfolgenden Ergebnisse und Daten dienen drei Quellen.

Zum einen werden die Ergebnisse einer explorativen Untersuchung (Kajganović 2009) ausgewählter Online-Zeitschriften, Foren und individueller Blogs herangezogen, in welcher Meinungen und Einstellungen von Serb/-innen und Österreicher/-innen mit serbischem Migrationshintergrund evaluiert wurden. Zum anderen wird als zusätzliche Quelle eine zwischen 2007 und 2009 von der GfK Austria durchgeführte repräsentative Befragung zu den Themen Migration und Integration in Österreich (Ulram 2009) genutzt.

Als Hauptquelle fungiert eine Befragung des ÖIFs von in Österreich lebenden Personen mit serbischem Migrationshintergrund und deren Meinungen und Einstellungen zu Integration und Zusammenleben in Österreich. Die Erhebung der Daten erfolgte in standardisierten, muttersprachlichen Fragebögen zwischen Oktober und Dezember 2009. Befragt wurden hundert Frauen und Männer mit serbischem Migrationshintergrund zwischen 15 und 30 Jahren in Wien. Die befragten Personen wurden durch Random Sampling ausgewählt.

Hervorzuheben ist die Altersverteilung der jeweiligen befragten Zielgruppen der zwei Befragungen. Während die GfK-Studie eine Repräsentativbefragung ist und alle Altersgruppen abdeckt, fokussiert die ÖIF-Befragung Jugendliche und junge Erwachsene mit serbischem Migrationshintergrund. Des Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass sich die Ergebnisse der Internetuntersuchung (Kajganović 2009) ebenfalls generell eher auf Jugendliche und junge Erwachsene beziehen.

2.1. Subjektives Integrationsbewusstsein

Als subjektives Integrationsbewusstsein wird das individuelle Gefühl einer Person über die eigene Integration in die Gesellschaft verstanden.

Die überwiegende Anzahl der durch die GfK befragten Migrant/-innen (83%) fühlt sich in Österreich völlig (36%) oder eher (47%) integriert, bei den in Österreich Geborenen sind es neun von zehn. Nach Herkunftsländern fühlen sich Migrant/-innen aus Polen subjektiv am stärksten integriert (nur 2% „wenig“ oder „nicht integriert“), gefolgt von solchen aus Serbien, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro (vgl. Ulram 2009, S. 22). Damit scheinen Serb/-innen und Personen mit serbischem Migrationshintergrund generell der Auffassung zu sein, Teil der österreichischen Gesellschaft zu sein: 39% geben an, sie fühlen sich völlig integriert, 43% eher integriert.

Ähnlich antworten die befragten Personen mit serbischem Migrationshintergrund bei der ÖIF-Untersuchung: 35% der Befragten fühlen sich in die österreichische Gesellschaft sehr integriert und 30% eher integriert. Zusammen ergeben die, die sich integriert fühlen, eine Mehrheit von 65% gegenüber denen, die sich eher weniger (14%) und überhaupt nicht (8%) integriert fühlen.

Trotz der Auffassung, Serb/-innen seien eine gut integrierte Migrantengruppe in Österreich, zeigt die Internet basierte Untersuchung ausgewählter Internetforen, Chatrooms und Blogs, dass die serbische Community in Österreich eine strenge Linie zwischen sich selbst („wir“) und der österreichischen Gesellschaft („die anderen“) ziehen.

Dass sich in Österreich lebende Serb/-innen und Personen mit serbischem Migrationshintergrund jedoch oft nicht als Teil der österreichischen Gesellschaft fühlen, spiegeln die Einträge in Internetforen und Blogs wider. Hier herrschen viele unterschiedliche Auffassungen über die Integration von Serb/-innen in Österreich, und auch die Erfahrungen, die die Personen im Zusammenhang mit Integration und Zusammenleben in Österreich gemacht haben, differieren stark.

Aus der Internetanalyse geht hervor, dass ein stark dominierendes Thema im austro-serbischen Internetdiskurs die Angst vor Assimilation ist. Die Mehrheit der serbischen Migrant/-innen fürchtet Assimilation, vor allem die ihrer Kinder.

“Sie wollen uns assimilieren.[…] Hinter Integrationsmaßnahmender Regierung werden deshalb versteckteAssimiliationsbestrebungen vermutet und zurückgewiesen.“(Kajganović, S. 44)Die Ergebnisse der Untersuchung des ÖIFs unterstreichen die Angst der serbischen Migrant/-innen in Österreich vor Assimilation. Hier wurde nach der Bedeutung der Bewahrung der eigenen Identität gefragt: für 64% ist es sehr wichtig, dass sie ihre eigene Identität bewahren; 33% erachten es als wichtig.

Dass die Erhaltung der serbischen Kultur eine überaus wichtige Rolle für die Befragten spielt, zeigen auch die Antworten auf die Frage, wie wichtig es ist, sich von herrschenden Sitten und Werten abzugrenzen. Für immerhin 11% der serbischen Befragten ist es sehr wichtig und 39% wichtig, sich von den österreichischen Sitten und Werten abzugrenzen. Obwohl knapp die Hälfte eine Abgrenzung als nicht so wichtig erachtet, bilden die, die hier mit „sehr wichtig“ und „wichtig“ antworten, eine knappe Mehrheit (50% zu 49%).

Neben negativen Ansichten und Erfahrungen, die die Serb/-innen mit Österreicher/-innen im Zusammenhang mit Integration gemacht haben, unterstreichen viele Internetuser/-innen in zahlreichen Onlinegesprächen, dass die Bewahrung der eigenen Kultur und Sprache etwas Natürliches sei und dass Serb/-innen selbst Ausländern gegenüber nicht toleranter sind als die Österreicher/-innen (Kajganović, S. 45).

2.2. Identifikation mit der österreichischen Kultur: Sprache. Werte. Sitten.

2.2.1. Sprache

Die Beherrschung der deutschen Sprache ist eine wesentliche Voraussetzung, Teil der österreichischen Gesellschaft und des österreichischen Arbeitsmarktes zu sein. Laut der GfK-Studie verfügen 24% der Migrant/-innen nach eigener Aussage über sehr gute Deutschkenntnisse. 10% geben an, eher schlecht Deutsch zu sprechen, und 1% spricht gar kein Deutsch (Ulram 2009, S. 17). Nach Herkunftsländern verfügen Zuwanderer/-innen aus Kroatien über die besten Deutschkenntnisse (2/3 muttersprachliche oder sehr gute Kenntnisse), gefolgt von denen aus Polen. Serb/-innen rangieren an dritter Stelle.

Die ÖIF-Befragung von Austro-Serb/-innen in Wien bestätigt, dass serbische Migrant/-innen in Österreich nach eigener Einschätzung über (sehr) gute Deutschkenntnisse verfügen: 42% geben an, Deutsch sei ihre Muttersprache bzw. so gut wie ihre zweite Muttersprache. 25% schätzen ihre Deutschkenntnisse als sehr gut und 29% als ziemlich gut ein. Dass Austro-Serb/-innen zu den Migrantengruppen gehören, die (sehr) gut die deutsche Sprache beherrschen, kann mitunter auch dadurch begründet werden, dass sie der Ansicht sind, dass das Erlernen von Deutsch sehr wichtig für eine erfolgreiche Integration sei. Die an der ÖIF-Untersuchung teilnehmenden Personen wurden danach gefragt, wie wichtig sie die Verpflichtung zum Erlernen der deutschen Sprache erachten. Für 88% ist es sehr wichtig, dass man in Österreich Deutsch verpflichtend erlernen muss, während nur 4% es als nicht so wichtig beurteilen.

Obwohl Serb/-innen bzw. Personen mit serbischem Migrationshintergrund in Österreich im Allgemeinen die deutsche Sprache gut beherrschen und auch der Großteil der Ansicht ist, man müsse Deutsch können, um integriert zu sein, ist die Pflege der Muttersprache Serbisch überaus wichtig für sie. Für 77% der an der Untersuchung des ÖIFs teilgenommenen Serb/-innen und Personen mit serbischem Migrationshintergrund ist die Pflege ihrer Muttersprache sehr wichtig und vordringlich. Nur 5% antworten hier mit „nicht so wichtig“.

2.2.2. Werte und Sitten: Geschlechtsgleichstellung und Stereotypisierung

Für den Großteil der an der ÖIF-Befragung teilnehmenden Serb/-innen bieten die österreichischen Vorstellungen von Ehe und Familie sowie das Verhältnis zwischen Mann und Frau keine Alternative zu den serbischen. 35% der Befragten stimmen gar nicht mit den Vorstellungen überein, 15% stimmen eher nicht überein. Dem gegenüber stimmen nur 17% den österreichischen Vorstellungen von Ehe und Familie sehr zu, 21% stimmen eher zu.

Als Begründung für die Ablehnung der österreichischen Ansichten zu Ehe, Familie und Geschlechterrollen kann die online vertretene Meinung herangezogen werden, österreichische Männer seien zu schwach und Frauen zu emanzipiert (vgl. Kajganović, S. 45). Mit der Auflösung traditioneller Geschlechterrollen können die Austro-Serb/-innen ebenso wenig anfangen wie mit der Tatsache, dass österreichische Männer „Frauenjobs“ ausüben. Hierin sehen die Serb/-innen auch das Hindernis für interethnische Partnerschaften, da Österreicher/-innen oftmals andere Wertvorstellungen haben.

„Österreichische Frauen haben viel erreicht. Sie machen Karriere, sind stark, erfolgreich, finanziell unabhängig. […] Sie haben alles, was eine Frau sich wünschen kann. Alles, außer einem Mann an ihrer Seite.“ (Kajganović, S. 45)

Des Weiteren zeigt die Onlineanalyse, dass Partnerschaften zu anderen Migrantengruppen in Österreich innerhalb der serbischen Community selten eingegangen werden. Vor allem Beziehungen mit Muslimen werden ungern gesehen. Die Abneigung gegen Migrant/-innen mit türkischem Migrationshintergrund geht sogar so weit, dass diese im Internet oftmals von Serb/-innen als „Barbaren“ bezeichnet werden (vgl. Kajganović, S. 45).

2.2.3. Österreichisch-serbische Identität

Trotz der mehrheitlichen Übereinstimmung der befragten in Wien befragten Austro-Serb/-innen, die serbische Sprache und Identität bewahren zu müssen, herrscht generell die Auffassung, sich an die österreichische Kultur und Lebensweise anpassen zu müssen, um Teil der Gesellschaft zu werden: 25% erachten es als sehr wichtig und 43% als eher wichtig. Ebenso stellt die Identifikation mit dem neunen Heimatland Österreich eine wichtige Voraussetzung für die Befragten dar, sich zu integrieren. Während 16% es als sehr wichtig und 42% als eher wichtig sehen, sich mit der neuen Heimat zu identifizieren, geben 34% an, es sei nicht so wichtig. Dass Serb/-innen sich generell (recht) gut in die österreichische Gesellschaft integriert fühlen, zeigen auch online Einträge und Blogs, in denen sich die serbischen User/-innen von anderen Migrantengruppen in Österreich distanzieren und die Meinung vertreten, in Österreich gäbe es zu viele Ausländer/-innen (vgl. Kapitel 2.6.). Serben fühlen sich anderen Zuwanderergruppen überlegen und wollen keinesfalls mit ihnen in einen Topf geworfen werden. Mit Multikulturalismus können sie nicht viel anfangen (Kajganović, S. 45). Häufig kann man auch die Kritik lesen, auf Österreichs Straßen würde man kaum noch Deutsch hören (Kajganović, S. 45).2.3. Bildung, Arbeit und sozialer AufstiegDie ÖIF-Befragung spiegelt den Standpunkt der in Österreich lebenden Serb/-innen wider, in Österreich fehle es an Chancen für Zuwanderer/-innen: 15% stimmen damit sehr und 34% stimmen eher überein. Werden die Kategorien „stimme sehr überein“ und „stimme eher überein“ zu „stimme zu“ sowie „stimme eher nicht überein“ und „stimme gar nicht überein“ zu „stimme nicht zu“ zusammengezogen, bilden die, die zustimmen mit 49% gegenüber denen, die nicht zustimmen mit 37% eine deutliche Mehrheit. 14% konnten bei dieser Frage keine Antwort geben.

Besonders heikel und online viel diskutiert sind die Themen Schule und Ausbildung. In Internetforen berichten Bloger/-innen über negative Erfahrungen, die sie in österreichischen Schulen und mit österreichischen Lehrer/-innen gemacht haben. Vor allem wenn es darum geht, dass die Lehrer/-innen Kinder und Jugendliche mit serbischem Migrationshintergrund fördern, können viele Betroffene über schlechte Erfahrungen berichten. So würden die serbischen Schüler/-innen von dem Lehrpersonal nicht ausreichend motiviert und zum Lernen ermuntert werden. Stattdessen hätten die betroffenen Personen eher das Gefühl, bestimmte Lehrer/-innen würden den serbischen Schüler/-innen unterschwellig mitgeben, sie hätten innerhalb der österreichischen Gesellschaft weniger soziale Chancen als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund (Vgl. Kajganović 2009, S. 44).

„Eine gewisse Paranoia herrscht auch beim Thema Schule:Österreichische Lehrer würden den [Anm. die] serbischstämmigen Kinder nicht ausreichend fördern und motivieren, um diese gezielt in der Unterschicht zu halten.“ (Kajganović 2009, S. 44)

Den zahlreichen negativen Berichten steht die Befragung des ÖIFs gegenüber, die aufzeigt, dass das österreichische Bildungssystem durchaus positiv von serbischen Migrant/-innen wahrgenommen wird. Auf die Frage, wie gut die Bildungs- und Aufstiegschancen in Österreich seien, stimmen 71% sehr und 23% eher zu, in Österreich gäbe es gute Bildungs- und Aufstiegschancen. Nur 1% der an der Befragung teilgenommenen Serb/-innen gibt an, es gäbe in Österreich keine guten Aufstiegschancen.

2.4. Sozialstaat Österreich

Gut ausgebildete und aufstiegswillige Einwanderer sind erst kürzlich aus Ausbildungsgründen nach Österreich gekommen. In Serbien sahen sie wenige Chancen für sich und sie sind dankbar für die Möglichkeiten, die sie in Österreich vorfinden. Meist planen sie nach Abschluss ihrer Ausbildung heimzukehren, bleiben aber letztlich dann doch in Österreich. In Onlineforen werden junge Austro-Serb/-innen deshalb häufig kritisiert (vgl. Kajganović 2009, S. 44-45). Auch ältere Vertreter der Gastarbeiter-Generation sehen viel Positives an Österreich: Sie loben vor allem das Gesundheits- und Pflegesystem sowie die Karenz und rechtliche Absicherung von Müttern (Kajganović 2009, S. 44). Dass Österreich als Sozialstaat von Serb/-innen und Personen mit serbischem Migrationshintergrund sehr geschätzt wird, zeigt auch die in Wien durchgeführte ÖIF-Befragung. 63% der Befragten stimmen damit sehr überein, dass Österreich gute Sozialleistungen bietet; 30% stimmen damit eher überein. Zusammen bilden diese beiden Gruppen eine große Mehrheit von 93%. Dem gegenüber stehen mit 4% die Personen, die eher bzw. gar nicht damit übereinstimmen, dass es in Österreich gute Sozialleistungen gibt. Auch die Arbeitsmöglichkeiten in Österreich werden von den Befragten sehr geschätzt. Für 88% der Befragten ist es sehr wichtig und vordringlich, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben.

2.5. Xenophobie

In Österreich herrschender Rassismus wird von mehr als der Hälfte (rund 60%) der an der ÖIF-Untersuchung befragten serbischen Migrant/-innen moniert: 20% stimmen sehr und 40% stimmen eher damit überein, dass es in Österreich Xenophobie gibt. Dem gegenüber steht die Ansicht, in Öterreich würde zwar in gewisser Weise Rassismus vorherrschen, jedoch betonen die serbischen Internetuser/-innen, dass die Serb/-innen selber nicht unbedingt toleranter gegenüber Minderheiten seien als die Österreicher/-innen:

„Um ehrlich zu sein sind die Österreicher sehr viel toleranter Ausländern gegenüber als wir das wären.“ (Kajganović 2009, S. 45)

„Es sei durchaus normal, dass die Österreicher ihre Identität verteidigten […]. Serbien würde mit seinen Minderheiten schließlich ähnlich verfahren.“ (Kajganović 2009, S. 44)

Des Weiteren halten einige Serb/-innen im Internet fest, Österreich sei von ‚Überfremdung’ bedroht (Kajganović 2009, S. 45). Diese Aussage unterstützt die Frage über die Zuwanderungspolitik Österreichs der ÖIF-Befragung. Den 14% der Befragten, die der Meinung sind, Österreich brauche mehr Zuwanderung, stehen mit 40% diejenigen gegenüber, die der Auffassung sind, in Österreich gäbe es bereits genug Zuwanderung („Es sind genug Zuwanderer in Österreich“). 14% äußern sogar, dass es zu viele Migrant/-innen gäbe und keine neuen aufgenommen werden sollten.

2.6. Rückkehr?

Trotz der Identifikation mit der österreichischen Kultur, einer generellen Zufriedenheit mit den sozialen Leistungen und Bildungschancen in Österreich, strebt ein Großteil der vom ÖIF befragten Serb/-innen an, in die Heimat zurückzukehren. 47% möchten laut eigener Aussage nach dem Pensionsantritt in das Herkunftsland zurückkehren, während nur 12% in Österreich bleiben möchten. 41% sind noch unentschlossen. Die Onlineanalyse von Jelena Kajganović zeigt zudem, dass diejenigen Serb/-innen, die erst kürzlich ihre Heimat aufgrund der geringen Erwerbs- und Aufstiegschancen verlassen haben, um nach Österreich zu emigrieren, und keine Rückkehr planen, nicht selten von anderen Austro-Serb/-innen stark kritisiert werden (vgl. Kajganović 2009, S. 44).