ÖIF-Dossier N° 13
Türkische Migrant/-innen in Österreich:
Zahlen. Fakten. Einstellungen
MMMag. Monika Potkanski
September 2010
Inhaltsverzeichnis
- Kurzer historischer Abriss über die Geschichte der türkischen Migration nach Österreich
- Türkische Bevölkerung in Österreich
- Literatur
Zentrale Ergebnisse
- Rund 183.000 Personen aus der Türkei (Geburtsort bzw. Staatsbürgerschaft) leben in Österreich, die meisten in Wien (73.205 Personen).
- Migrant/-innen aus der Türkei rangieren nach Deutschen und Serben an dritter Stelle hinsichtlich der in Österreich lebenden ausländischen Staatsangehörigen bzw. im Ausland Geborenen.
- Hinsichtlich der Geburten rangieren Türkinnen an erster Stelle: 2009 brachten Türkinnen durchschnittlich 2,41 Kinder zur Welt, Österreicherinnen durchschnittlich 1,27 Kinder.
- 53% der türkischen Zuwanderer/-innen besitzen nach eigener Einschätzung muttersprachliche oder sehr gute Deutschkenntnisse (24%), 10% eher schlechte bzw. gar keine (1%). Vor allem türkische Hausfrauen beherrschen die deutsche Sprache kaum.
- 2009 hatten 68% der türkischen Migrant/-innen keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung abgeschlossen.
- 2009 waren 54% der türkischen Migrant/-innen erwerbstätig, nur 39% der Türkinnen nahmen am österreichischen Erwerbsleben teil.
- Mit rund 14% waren 2009 türkische Migrant/-innen doppelt so häufig arbeitslos wie Österreicher/-innen.
- 2009 stellten türkische Staatsangehörige mit rund 109.000 Personen (21%) die größte Gruppe unter der ausländischen Bevölkerung islamischen Glaubens in Österreich dar.
- 70% der türkischen Migrant/-innen fühlen sich nicht Österreich, sondern dem Staat, aus dem sie bzw. ihre Eltern stammen, zugehörig.
- 76% der türkischen Migrant/-innen schauen fast täglich türkischsprachiges Fernsehen, das österreichische Fernsehen wird von nur 30% genutzt.
- Türkischsprachige Tageszeitungen werden von 21% der türkischen Migrant/-innen fast täglich gelesen, während österreichische Tageszeitungen (30%) häufiger aufgeschlagen werden.
1. Kurzer historischer Abriss über die Geschichte der türkischen Migration nach Österreich
Der Anfang der österreichischen Migrationspolitik der Zweiten Republik lässt sich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Mitte der 1950er Jahre in Westeuropa begründen, und damit einhergehend mit der Nachfrage an Arbeitskräften. Das hohe Wirtschaftswachstum, die Abwanderung vieler Österreicher/-innen ins Ausland und der schwindende Einsatz der ländlichen Bevölkerung in den Industriezweigen forderten alternative Modelle (Schmiderer 2008, S. 18). Um den Arbeitskräftemangel entgegenwirken zu können, wurde 1961 von der Bundeswirtschaftskammer und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) das Raab-Olah-Abkommen ins Leben gerufen, welches unter anderem die Vereinbarung zur Beschäftigung von Ausländer/-innen für die heimische Wirtschaft beinhaltete (Schmiderer 2008, S. 18). Zu den Bedingungen des Abkommens gehörten befristete Arbeitsgenehmigungen, die Sicherstellung der Rückkehr nach Beendigung der Arbeitsverhältnisse („Rotationsprinzip“), die Gleichstellung von Inund Ausländer/-innen in Lohn- und Arbeitsfragen wie auch gewerkschaftliche Organisationsmöglichkeiten und die Inanspruchnahme von Sozialversicherungen durch bilaterale Verträge (vgl. Matuschek 1985, S. 163).
Neben dem Raab-Olah-Abkommen bildeten die Anwerbeabkommen mit der Türkei 1964 und Jugoslawien 1966 die Grundsteine für die politische Lenkung der österreichischen Immigrationsgeschichte (Schmiderer 2008, S. 19). Die Kontingenthöhe der Arbeitskräfte wurde zwar jährlich seitens der Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretung festgelegt, sie wurde jedoch je nach Bedarf angepasst.
Zwischen 1961 und 1973, dem Höhepunkt der ersten großen Phase der Arbeitsmigration, wanderten um die 265.000 Personen nach Österreich ein. Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre nahm die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte jährlich um 20.000 bis 40.000 Personen zu. Den Großteil bildeten Arbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien, einen geringen Teil bildeten Personen aus der Türkei (vgl. Reinprecht 2006, S. 9). 1971 lag der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte bei rund 6%, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung allerdings nur bei rund 3%. 1973 waren 78,5% der „Gastarbeiter“ jugoslawische Staatsbürger und 11,8% Türken (Bauer 2008, S. 6).
1973/74 setzte die zweite Phase der Gastarbeit in Österreich ein, die durch Niederlassungen und Familienzusammenführungen gekennzeichnet war. Die Zuwanderer/-innen, die meistens aus bildungsfernen Schichten stammten, kamen hauptsächlich aus Ländern wie der Türkei oder Jugoslawien. Der Großteil hatte keinen Schulabschluss, und sie wurden in Österreich als einfache und billige Arbeitskräfte genutzt. Mitte der 1980er Jahre stieg der Migrantenanteil auf 5% (Bauer 2008, S. 6). Die zweite Phase der Gastarbeiterzuwanderung veränderte nachhaltig die soziodemografische Struktur der ausländischen Bevölkerung in Österreich: während die erste Phase stark männlich dominiert war, kam es zu einer deutlichen Erhöhung des Anteils an Frauen und Kinder in der zweiten Phase (Reinprecht 2006, S. 10).
Anfang der 1970er Jahre brachte die wirtschaftliche Krise nicht nur viele Entlassungen, sondern auch das Rotationssystem zum Stehen. Die festgelegten Arbeitskräftekontingente wurden mit den bereits aufrechten Beschäftigungsbewilligungen gefüllt. Neuzugänge waren somit praktisch unmöglich, Einzelgenehmigungen waren nur mit Zustimmung der verantwortlichen Ausschüsse erteilt worden. Bereits beschäftigte Ausländer/-innen konnten größtenteils ihre Anstellungen behalten (Schmiderer 2008, S. 33).
Der Anwerbestopp seit der Ölkrise 1973 sowie der beschränkte Neuzugang am Arbeitsmarkt verhinderte nicht durch gesetzliche Verschärfungen für Ausländer/- innen neue Niederlassungen bzw. Familienzuzüge, sondern ganz im Gegenteil […] den paradoxen Effekt einer Beschleunigung dieser Prozesse. Konnten Ausländer zuvor erwarten, nach einer vorübergehenden Rückkehr in ihre Heimat wieder in Österreich Beschäftigung zu finden, so war es angesichts der restriktiven Politik klüger, im Land zu bleiben und die Familie rasch nachzuholen. Die Regulierung hatte also den Effekt, eine fluktuierende Migration zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland in einen Rückwanderungs- und einen Einwanderungsstrom aufzuspalten (Bauböck 1996, S. 14).
Des Weiteren kann hier ein deutlicher Unterschied der Zuwanderung der 1970er und 1980er Jahren gekennzeichnet werden: während in den 1970 Jahren die Migration staatlich geregelt wurde, kamen in den 1980er Jahren die Migrant/-innen ohne institutionalisierte Rekrutierungstätigkeit, indem vor allem Familienmitglieder und Freunde zuwanderten (Parnreiter 1994, S. 160).
2. Türkische Bevölkerung in Österreich
2.1. Soziodemografie und Migrationsbiografie
Mit dem Stichtag 1.1.2010 zählte die Statistik Austria rund 183.000 Personen aus der Türkei (Geburtsort bzw. Staatsbürgerschaft) in Österreich (migration & integration.zahlen.daten. indikatoren 2010, S. 9). Damit rangieren Migrant/-innen aus der Türkei nach Deutschen und Serben an dritter Stelle hinsichtlich der in Österreich lebenden ausländischen Staatsangehörigen bzw. im Ausland Geborenen.
Bezogen auf den türkischen Migrationshintergrund leben insgesamt rund 247.500 Personen in Österreich, davon sind 151.500 Zuwanderer/-innen der ersten und 96.100 Zuwanderer/-innen der zweiten Generation (vgl. Statistik Austria 2010. Bevölkerung nach Migrationshintergrund).
Der Großteil der Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft bzw türkischem Geburtsort lebt in Wien (73.205 Personen), gefolgt von Niederösterreich (25.268 Personen) und Oberösterreich (22.904 Personen) (vgl. integration im fokus 2/10). Die wenigsten Türk/-innen gibt es im Burgenland. Dort sind 863 Personen gemeldet.
2.1.1. Altersstruktur
Das Durchschnittsalter der in Österreich lebenden Türk/-innen (nach Staatsangehörigkeit bzw. Geburtsland) betrug zum Stichtag 1.1.2010 35,1 Jahre (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 27), womit türkische Migrant/-innen vergleichsweise zu jenen Zuwander/-innen gehören, die deutlich unter dem Durchschnittsalter (41,5 Jahre) der Gesamtbevölkerung Österreichs liegen.
2.1.2. Zu-/Wegzüge und Einbürgerungen
Insgesamt gab es 2009 rund 107.800 Zuzüge nach Österreich; davon kamen 4.751 Personen aus der Türkei. Im selben Jahr gab es rund 87.200 Wegzüge aus Österreich, 3.000 Personen hatten die türkische Staatsbürgerschaft (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 31). Hinsichtlich der Einbürgerungen türkischer Migrant/-innen ist ein Rückgang zu 2008 zu vermerken. Während 2008 1.664 Türk/-innen die österreichische Staatsbürgerschaft erhielten, verringerte sich die Anzahl der Einbürgerungen 2009 auf 1.242 (Statistik Austria 2009, Statistik der Einbürgerungen).
2.1.3. Kinder
2009 kamen in Österreich rund 76.000 Neugeborene zur Welt. Mit 12,5% lag die Geburtenrate der ausländischen Bevölkerung über jener der Österreicher/-innen (8,7%). Dabei fiel die Geburtenrate bei türkischen Staatsangehörigen mit 14,9% im Vergleich zum Durchschnitt sowie zu Personen anderer Herkunft deutlich höher aus (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 36).
Hinsichtlich der Geburten rangieren Türkinnen sowohl in Bezug auf die Kinderzahl als auch bezüglich des Alters der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes an erster Stelle in Österreich. Während 2009 Österreicherinnen durchschnittlich 1,27 Kinder und Frauen ausländischer Herkunft gesamt 1,84 Kinder gebaren, brachten Türkinnen durchschnittlich 2,41 Kinder zur Welt (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 9).
Das durchschnittliche Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes lag 2009 bei 28,5 Jahren bei Österreicherinnen, Frauen ausländischer Herkunft waren durchschnittlich 26,4, Türkinnen 23,9 Jahre alt (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 9). Somit waren Frauen türkischer Herkunft am jüngsten, EU- oder EWR-Bürgerinnen hingegen am ältesten.
2.1.4. Eheschließungen
2009 wurden in Österreich 35.469 Ehen geschlossen, davon waren rund 10% Eheschließungen zwischen Partnern, die beide ausländischer Herkunft waren (Statistik Austria 2009). In 6% der Heiraten war der Gatte ausländischer Herkunft, in 11,5% die Braut (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 79).
Zu Eheschließungen zwischen österreichischen und türkischen Brautleuten kam es bei rund 8% der Trauungen, wobei hier in etwa zwei von drei Fällen die Frau Österreicherin, während der Mann türkischer Staatsangehöriger war. Bei diesen Zahlen muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Statistik nach Staatsangehörigkeit der Personen erhoben wurde und Brautleute zum Zeitpunkt der Vermählung durchaus türkischen Migrationshintergrund hatten, jedoch die österreichische Staatsbürgerschaft besaßen.
2.2. Sprache und Bildung
2.2.1. Deutschkenntnisse
Nach eigener Aussage verfügen 53% der türkischen Migrant/-innen über muttersprachliche oder so gut wie muttersprachliche (29%) bzw. sehr gute (24%) Deutschkenntnisse (Ulram 2009, S. 17). Türkische Zuwanderer/-innen können im Durchschnitt schlechter Deutsch als andere Migrantengruppen in Österreich: 10% geben an, eher schlechte und 1% keine Deutschkenntnisse zu haben (Ulram 2009, S. 17). Vor allem türkische Hausfrauen beherrschen die deutsche Sprache kaum: nur 5% verfügen laut eigener Aussage über muttersprachliche oder sehr gute Deutschkenntnisse, jedoch gibt jede zweite (51%) an, sehr schlecht bzw. gar nicht Deutsch sprechen zu können (Ulram 2009, S. 17).
Eine EU-weit durchgeführte Studie unterstreicht die Zahlen über die schlechten Deutschkenntnisse der in Österreich lebenden türkischen Migrant/-innen. Die European Union Minorities and Discrimination Survey (EU-MIDIS 2008), eine europäische Studie über erfahrene Diskriminierung und Gewalt seitens Migrant/- innen und ethnischen Minderheiten in Europa (EU-27 Länder), legt dar, dass die österreichischen Türk/-innen EU-weit die größten Schwierigkeiten mit der Landessprache haben. Nur 53% geben bei der Untersuchung an, fließend Deutsch zu beherrschen (vgl. Brickner 2009).
Dass Türk/-innen bzw. Personen mit türkischem Migrationshintergrund bereits in jungen Jahren deutliche sprachliche Defizite aufweisen, zeigen Daten aus dem Jahr 2008 über Kinder mit Förderbedarf im sprachlichen Bereich. Sowohl Kinder, die bereits in den Kindergarten gehen als auch jene, die noch keine Kinderbetreuungseinrichtung besuchen, mit Muttersprache Türkisch rangieren an erster Stelle hinsichtlich der sprachlichen Förderung.
2.2.2. Bildung
Ergebnisse der PISA-Studie 2006 belegen, dass österreichische Schüler/-innen mit Migrationshintergrund sowohl in Mathematik und Naturwissenschaften als auch im Bereich Lesen deutlich schlechter abschneiden als ihre Mitschüler/-innen ohne Migrationshintergrund. Dabei stellen vor allem türkische Migrant/-innen eine Risikogruppe dar: im Vergleich zu Migrant/-innen aus anderen Herkunftsländern weisen sie ein deutlich niedrigeres Schulbildungsniveau auf (Babka von Gostomski 2010, S. 80) und gehören zu jener gefährdeten Gruppe mit den geringsten sozialen Aufstiegschancen.
In diesem Zusammenhang sind vor allem die sprachlichen Kompetenzen der Migrant/-innen entscheidend, denn diese bestimmen die Wahl des Schultyps. Schüler/-innen, die zum Zeitpunkt der Einschulung im Alltag kein bzw. kaum Deutsch sprechen, sind daher oft gezwungen, ihre Ausbildung an einer Sonderschule statt einer Volksschule zu beginnen. Im Schuljahr 2008/09 lag der Anteil derjenigen Schüler/-innen aus der Türkei, die eine Sonderschule besuchen, bei 5,5% (migration & integration.zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 42).
Im Vergleich zu Schüler/-innen ohne Migrationshintergrund sind bei jenen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt auf allen Ebenen schulischer Bildung schwächere Leistungen zu erkennen. Bereits beim Volksschulabschluss liegen durchschnittlich Schüler/-innen ohne einen in Österreich gebürtigen Elternteil in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften deutlich hinter ihren Mitschüler/-innen (vgl. Nusche et al. 2009, S. 8). Im Alter von 15 Jahren und mit Beendigung der Schulpflicht sind bei Schüler/-nnen mit Migrationshintergrund durchschnittlich sehr signifikante Leistungsunterschiede zu jenen ohne Migrationshintergrund festzustellen. Vor allem bei jenen der zweiten Generation sind sie besonders stark ausgeprägt.
Des Weiteren ist die Tendenz zu vermerken, dass mit höherer Bildung der Anteil der türkischen Schüler/-innen sinkt bzw. vergleichsweise zu anderen Migrantengruppen und Österreicher/-innen geringer ausfällt (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 43).
Während auf der Seite der Hochschulabschlüsse (als höchste abgeschlossene Bildung der 25- bis 64-Jährigen in Österreich) der Anteil der Migrant/-innen türkischer Herkunft mit 3,6% 2009 äußerst gering ausfiel, zeigte sich auf der Seite der niedrigen Bildungsabschlüsse ein deutlicher Überschuss an Zuwander/-innen aus der Türkei. 2009 hatten insbesondere türkische Migrant/-innen (68,3%) überwiegend keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung abgeschlossen (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 46).
Alarmierend sind auch die Fakten darüber, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, die schon ihre gesamte Schullaufbahn in Österreich absolviert haben, keine Vorteile hinsichtlich ihrer Kompetenzen haben. Die zweite Generation zeigt in Österreich sogar eine signifikant geringere Leseleistung als die erste Generation. Vor allem auf die türkischen Jugendlichen trifft das zu (vgl. Breit 2009, S. 31).
Des Weiteren weisen zahlreiche Studien im deutschsprachigen Raum darauf hin, dass Bildungsniveau und sozialer Status von Generation zu Generation weitergegeben wird und der soziale Aufstieg nur den wenigsten gelingt. Bei den Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund wird vor allem bei den Mädchen ersichtlich, dass der Bildungsweg vererbbar ist. Sowohl die Mütter als auch die Töchter weisen ein relativ niedriges Bildungsniveau auf (Pflichtschule als höchste abgeschlossene Ausbildung) (vgl. Potkanski, Isler 2010, S. 23), das möglicherweise mit dem immer noch stark ausgeprägte traditionellen Rollenverständnis vieler Migrant/-innen zusammenhängt (vgl. Schweizer 2010, S. 6-7).
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Deutschland. Hier ist die türkische Bevölkerung jene Gruppe mit dem schlechtesten Bildungsniveau. Im Vergleich zu anderen Herkunftsgruppen finden sich unter den türkischen Migrant/-innen mehr Menschen ohne Bildungsabschluss (30%) und weniger mit einer Hochschulberechtigung (14%) (Woellert 2009, S. 36). Jedoch ist ein Unterschied zu Österreich hinsichtlich der zweiten und dritten Generation von Türk/-innen in Deutschland zu vermerken. Während in Österreich die erste Generation türkischer Migrant/-innen bessere Leseund Lernleistungen erzielt als die zweite, verbessert sich das Bildungsniveau der türkischstämmigen Migrantengruppe in Deutschland von der ersten zur zweiten Generation, jedoch schneidet die zweite türkische Generation im Bildungsbereich allgemein deutlich schlechter ab als die in Deutschland geborenen Mitglieder aller anderen Herkunftsgruppen (Woellert 2009, S. 36).
2.3. Arbeitsmarktsituation
2.3.1. Erwerbstätigkeit
Zuwanderer/-innen stehen im geringeren Maße im Erwerbsleben als Österreicher/- innen. 2009 lag die Erwerbstätigenquote von Migrant/-innen bei 64%, hingegen jene der Bevölkerung ohne Migrationshintergund bei 74% (migration & integration. zahlen.daten. indikatoren 2010, S. 50). Innerhalb der Migrantengruppen sind Personen mit türkischem Migrationshintergrund deutlich seltener erwerbstätig (54%) als andere.
Vor allem türkische Frauen zeigen eine geringe Beteiligung am österreichischen Arbeitsmarkt. Nur 39% der Türkinnen nehmen am Erwerbsleben teil (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 50).
2.3.2. Arbeitslosigkeit
Bei einer Gesamtarbeitslosenquote3 von 7,2% war die Arbeitslosigkeit der Personen mit Migrationshintergrund 2009 mit 10,2% deutlich größer als jene der österreichischen Staatsangehörigen (6,7%) (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 56). Die höchste Arbeitslosenquote konnte bei Türk/-innen verzeichnet werden. Mit rund 14% waren türkische Migrant/-innen doppelt so häufig arbeitslos wie Österreicher/-innen.
Während bei der Arbeitslosigkeit 2009 Türk/-innen im Vergleich zu österreichischen Bürger/-innen und anderen Migrantengruppen die höchste Quote erreichten, waren diese von Langzeitarbeitslosigkeit weniger betroffen. Laut AMS lag 2009 die Langzeitarbeitslosenquote (arbeitslos Gemeldete, die länger als 12 Monate erwerbslos sind) bei 2,6%. Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft waren weniger betroffen als jene mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Bei den Türk/-innen betrug die Quote 1,6% (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 56).
2.3.3. Schulungen
Der Vergleich der Jahre 2008 und 2009 zeigt, dass sich der Anteil der Schulungsteilnehmer/-innen sowohl bei denen mit österreichischer Staatsbürgerschaft als auch bei jenen ohne stark erhöht hat. Vor allem türkische Arbeitssuchende haben im Vergleich zu 2008 vermehrt Schulungen besucht: um rund 33% besuchten 2009 mehr türkische Migrant/-innen Weiterbildungs- und Schulungsmaßnahmen als ein Jahr zuvor (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 57).
2.3.4. Jugenderwerbstätigkeit und -arbeitslosigkeit
2009 lag die Erwerbsquote der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 14 und 24 Jahren ohne Migrationshintergrund bei rund 56% in Österreich; bei Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund lag die Quote bei unter 50% (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 51). Im EU-weiten Vergleich schnitt Österreich hinsichtlich der Jugendarbeitslosenrate (gemäß EUROSTAT) im Jahr 2009 mit 10% besser ab als der Durchschnitt aller 27 EULänder (19,6%) (Dornmayr, Wieser 2010, S. 5). Auch der Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit im Jahr 2009 fiel trotz Wirtschafts- und Finanzkrise in Österreich geringer aus als in der EU insgesamt. Während in Österreich die Jugendarbeitslosenquote von 8% auf 10% (+2%) kletterte, stieg sie EU-weit von 15,4% auf 19,6% (+4,2%) (Dornmayr, Wieser 2010, S. 23).
Allerdings sind Jugendliche und junge Erwachsene mit türkischem Migrationshintergrund deutlich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund und jene anderer Migrantengruppen in Österreich. Junge Türk/-innen waren 2009 doppelt so häufig arbeitslos wie österreichische Jugendliche und junge Erwachsene (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 57).
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch im Nachbarland Deutschland: im Integrationsvergleich schneiden türkische Migrant/-innen mit Abstand am schlechtesten ab. Der hohe Anteil von Personen ohne Bildungsabschluss und die sehr hohe Erwerbslosigkeit unter den Jugendlichen verdeutlichen, dass die Integration dieser Herkunftsgruppe in keinem Bereich wirklich gut verläuft (Woellert et al. 2009, S. 36).
2.3.5. Einkommen und Armut
2008 waren rund 12% der österreichischen Bevölkerung armutsgefährdet4, wobei Zuwanderer/-innen deutlich öfter (26%) betroffen waren als Österreicher/-innen (11%). Türkische Migrant/-innen wiesen einen sehr hohen Anteil an Armutsgefährdung auf (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 60).
Ebenso rangierten Personen mit türkischem Migrationshintergrund hinsichtlich des Nettojahreseinkommens 2008 weit hinten: mit etwas weniger Einkommen, jedoch kaum einem signifikanten Unterschied, hatten nur Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien (ohne Slowenien) sowie aus sonstigen Staaten ein geringeres Jahresgehalt.
2.4. Integrationsbewusstsein und Identifikation
2.4.1. Subjektives Integrationsbewusstsein
Unter subjektivem Integrationsbewusstsein wird die individuelle Wahrnehmung einer Person über die eigene Integration in die (österreichische) Gesellschaft verstanden.
Die überwiegende Anzahl der Migrant/-innen fühlt sich in Österreich völlig (36%) oder eher (47%) integriert, bei den in Österreich Geborenen sind es sogar neun von zehn (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 87). Nach Herkunftsländern fühlen sich Migrant/-innen aus der Türkei am wenigstens heimisch (rund 13% „nicht integriert“) Pol/-innen bzw. Rumän/-innen hingegen am stärksten (nur 3% „nicht integriert“) (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 87).
Rund 69% der in Österreich lebenden Türk/-innen fühlen sich nicht Österreich, sondern dem Staat, aus dem sie bzw. ihre Eltern stammen, zugehörig (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 87). Im Vergleich zu anderen Migrantengruppen ist der Anteil bei den Türkischstämmigen signifikant größer.
2.4.2. Diskriminierung und Benachteiligung
Personen mit türkischem Migrationshintergrund haben von allen in Österreich lebenden Migrantengruppen am stärksten das Gefühl, benachteiligt zu werden. 20,5% geben an, dass sie immer bzw. meistens in Österreich benachteiligt werden, 34,5% antworten hier mit „eher schon“ (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 91). Je jünger die Befragten, desto deutlicher wird Benachteiligung seitens der Befragten moniert. Zudem verstärkt sich der Eindruck mit zunehmenden Deutschkenntnissen und österreichbezogenem Medienverhalten (Ulram 2009, S. 63).
Die EU-MIDIS unterstreicht die österreichischen Zahlen und belegt, dass sich junge Muslime im Alter von 16 bis 24 Jahren der Untersuchung zufolge EU-weit insgesamt öfter diskriminiert fühlen als ältere. Ein längerer Aufenthalt in einem EU-Land, Geburt in diesem und/oder der Besitz der Staatsbürgerschaft eines EU-Landes reduziere die Anzahl der erfahrenen Diskriminierungen (EU-MIDIS 2009).
Dass sich Personen türkischer Abstammung ebenso europaweit diskriminiert fühlen, zeigt die EU-MIDIS 2008. Aus der Studie geht hervor, dass sich türkische Migrant/- innen generell (eher) stark diskriminiert fühlen. So geben mehr als die Hälfte aller in Deutschland lebenden Türk/-innen an, Diskriminierung von Ausländern sei weitverbreitet (Bolzen 2009).
Ebenso rangieren Türk/-innen europaweit unter jenen Top 5 der Migrantengruppen, die der Ansicht sind, aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Hautfarbe von der Polizei festgehalten worden zu sein. Ein Viertel der in Europa lebenden türkischen Migrant/-innen sind der Überzeugung, ihre ethnische Herkunft bzw. Hautfarbe sei in der Vergangenheit für polizeiliche Übergriffe verantwortlich (Bolzen 2009). Ebenso belegt eine Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien in Essen, dass die in Deutschland lebenden Türk/-innen das Gefühl haben, benachteiligt zu sein. 67% der befragten Türkischstämmigen geben an, im alltäglichen Leben die Erfahrung ungleicher Behandlung von Ausländern und Deutschen gemacht zu haben (Sauer 2009, S.146). Wie in Österreich geben vor allem die Jüngeren an, Diskriminierung erfahren zu haben.
2.4.3. Identifikation mit österreichischen Wertvorstellungen und Lebensweisen
Fast jeder Fünfte der Migrant/-innen in Österreich ist mit der österreichischen Gesellschaft, der Art und Weise, wie die meisten Menschen ihr Leben führen und mit den Werten, nach denen die Menschen ihr Leben ausrichten, sehr (19%) oder doch im Großen und Ganzen (59,1%) einverstanden. Eine vergleichende Betrachtung der Migrantengruppen ist insofern interessant, als dass die Türkischstämmigen am wenigsten mit der österreichischen Gesellschaft einverstanden sind („sehr einverstanden“ und „im Großen und Ganzen einverstanden“ zusammen: 53,1%), diese jedoch den größten Anteil derer bilden, die mit „sehr einverstanden“ (20,3%) antworten (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 95).
Für 75% der in Österreich lebenden Türk/-innen ist Demokratie in jedem Fall besser als eine Diktatur, jedoch zeigen die Antworten, dass fast die Hälfte der türkischen Migrant/-innen kein gänzlich positives Bild hinsichtlich Demokratie haben, da sie diese für Kriminalität in Österreich verantwortlich machen: 18% stimmen voll und ganz zu und 30% stimmen eher damit überein, dass man „an den vielen Kriminellen in Österreich sieht, wohin die Demokratie führt“ (Ulram 2009, S. 50).
Türk/-innen neigen dazu, keine Ehen mit Personen nicht-muslimischen Glaubens einzugehen, da sie Vorbehalte gegenüber gemischten religiösen Ehen haben. 55% der befragten türkischen Migrant/-innen geben an, dass sie Vorbehalte gegenüber Mischehen haben. Dabei sind Frauen etwas negativer eingestellt als Männer. 54% der Türken stimmen zu, sie hätten Vorbehalte, bei den Türkinnen sind es 57% (Ulram 2009, S. 60).
Des Weiteren wird deutlich, dass die Ablehnung von Mischehen zwischen Muslim/- innen und Nicht-Muslim/-innen mit Alter, Bildung und Deutschkenntnissen korreliert. Die altersspezifische Betrachtung zeigt, dass die Ablehnung von Mischehen bei den unter 30-Jährigen am höchsten ist (60%), die Zustimmung jedoch mit zunehmendem Alter steigt. Ebenso korreliert die Ablehnung von gemischten religiösen Ehen mit dem Bildungsgrad der Befragten: während sich 60% der türkischen Arbeiter gegen religiös-gemischte Eheschließungen aussprechen, sind es bei den Angestellten/Beamten nur 40% (Ulram 2009, S. 60).
Am deutlichsten zeigen sich Unterschiede zwischen jenen, die angeben, Deutsch sei ihre Muttersprache bzw. sie können Deutsch sehr gut sprechen, und jenen, die nach eigenen Angaben kaum Deutschkenntnisse aufweisen. Nur 38% derer, die Deutsch als ihre Muttersprache nennen, haben Vorbehalte; denen gegenüber stehen mit 61% die türkischen Migrant/-innen, die kaum Deutsch sprechen (Ulram 2009, S. 60).
Die statistischen Daten zeigen weiters, dass Männer und Frauen türkischer Herkunft deutlich jünger heiraten als Österreicher/-innen und Migrant/-innen anderer Herkunftsländer. So lag das Erstheiratsalter bei Türkinnen bei durchschnittlich 22,3 Jahren, bei Türken bei 25,1 Jahren, womit sie im Mittel um rund sieben Jahre unter dem der österreichischen Bevölkerung liegen (migration & integration. zahlen.daten.indikatoren 2010, S. 78).
2.5. Religion
2009 stellten türkische Staatsangehörige mit rund 109.000 Personen (21%) die größte Gruppe unter der ausländischen Bevölkerung islamischen Glaubens in Österreich dar (Marik-Lebeck 2010, S. 7).
57% der befragten türkischen Migrant/-innen geben an, die Befolgung der Gebote der islamischen Religion sei wichtiger als die des österreichischen Staates (Ulram 2009, S. 19). Auf die Frage, ob sie dafür seien, dass Teile des islamischen Rechts (z.B. Ehe-, Familien- und Erbrecht) in die österreichische Rechtssprechung Eingang finden sollten, also islamisches Recht in Österreich Anwendung findet, antworten 50% dafür, 16% meinen, es käme darauf an, welche Bestandteile des Rechts angewendet werden sollten, und 22% sprechen sich dagegen aus (Ulram 2009, S. 47). Die detaillierte Betrachtung der Daten legt offen, dass die Antworten stark vom Bildungsniveau bzw. Berufsstatus abhängen: je höher die Bildung, umso geringer die Zustimmung, und umso stärker die dezidierte Ablehnung; Männer sind eher dafür als Frauen (Ulram 2009, S. 47).
2.6. Mediennutzung
2.6.1. Fernsehen und Printmedien
Türkische Migrant/-innen sehen im Vergleich zu anderen Migrantengruppen in Österreich am häufigsten fern. 77% der Türk/-innen schauen im Allgemeinen jeden Tag fern, bei den anderen Migrantengruppen sind es deutlich weniger (jeweils unter 70%) (vgl. GfK Migranten und Fernsehen in Österreich 2007, 2008).65% der in Österreich lebenden Türk/-innen sehen ihre Fernsehprogramme via digitalen Satellit; über Kabel empfängt rund ein Fünftel der türkischen Mitbürger Fernsehen (GfK Migranten und Fernsehen in Österreich 2007, 2008).
Des Weiteren wird ersichtlich, dass türkische Medien von den türkischen Migrant/-innen sehr stark genutzt werden: 76% schauen fast täglich türkischsprachiges Fernsehen, während der tägliche Konsum vom österreichischen Fernsehen von nur 30% genutzt wird.
Türkischstämmige zählen weiters zu denjenigen Migrant/-innen, die die meisten Stunden am Tag vor dem Fernseher verbringen. 33% schauen täglich zwischen 2 und 3 Stunden fern, 10% 3 bis 4 Stunden und immerhin 15% mehr als 4 Stunden. Hingegen geben nur 13% an, eine oder weniger als eine Stunde am Tag fern zu schauen (GfK Migranten und Fernsehen in Österreich 2007, 2008). Ein wesentlicher Unterschied besteht hinsichtlich der Nutzung von Tageszeitungen. Türkischsprachige Tageszeitungen werden von 21% der türkischen Migrant/-innen fast täglich gelesen, österreichische Tageszeitungen (30%) werden durchaus häufiger aufgeschlagen.
Bezüglich des Interesses der Fernsehprogramme rangieren bei den Türk/-innen Nachrichten an erster Stelle (91%), gefolgt von Sendungen aus dem Heimatland (88%). Sportsendungen und Reality Shows zählen hingegen zu den weniger beliebten Programmen (GfK Migranten und Fernsehen in Österreich 2007, 2008).
2.6.2. Internet
Rund 5 Millionen Menschen nutzen in Österreich regelmäßig das Internet, das sind 71% der heimischen Bevölkerung ab 14 Jahren (GfK Online Monitor 2009). Vor allem in die privaten Haushalte hat das Internet in den letzten Jahren Einzug gehalten.
Auch türkische Migrant/-innen in Österreich gehen regelmäßig online: 43% der Türkischstämmigen geben an, das Internet jeden Tag zu nutzen, jedoch geben auf der anderen Seite 39% an, nie online zu gehen (GfK Migranten und Fernsehen in Österreich 2007, 2008).
2.7. Remigration
Eine 2009 in Deutschland publizierte Studie über türkische Akademiker und Studierende in Deutschland (TASD-Studie) untersuchte erstmals umfangreich die Lebenseinstellungen, Gewohnheiten und Einstellungen der türkischen Bildungseliten in Deutschland (Sezer, Dağlar 2009). Im Zuge der Befragung wurde der Fokus vor allem auf die Abwanderungsabsichten der jungen Türk/-innen aus Deutschland in die Türkei gelegt und danach gefragt, ob die 254 Befragten die Absicht hätten, in Zukunft in die Türkei zu ziehen. 35,8% antworteten hier mit „Ja“ (Sezer, Dağlar 2009, S. 16).
Die Abwanderungsabsichten scheinen nicht in ferner Zukunft zu liegen: die Mehrheit der türkischen Akademiker möchte noch innerhalb der nächsten fünf Jahre in die Türkei ziehen (42,5%), während die türkischen Studierenden erst in fünf bis zehn Jahren diesen Schritt vollziehen möchten (46,2%), da die Beendigung ihres Studiums vor der Abwanderung Priorität besitzt, so die Autoren der TASD-Studie (Sezer, Dağlar 2009, S. 16).
Aus der Studie wird ersichtlicht, dass Deutschland für junge türkische Akademiker nicht attraktiv ist und dass sie ihre beruflichen Chancen eher im Heimatland ihrer Eltern sehen. Und auch die Zahlen, die vom Bundesamt für Migration auf Wunsch des Bundestags erstellt wurden, zeugen davon: 2008 kamen insgesamt 26.653 Türken in die Bundesrepublik Deutschland, hingegen zogen 34.843 in ihr Heimatland zurück. Die Differenz von 8.190 ist damit deutlich höher als 2007, wo nur etwa 2.280 türkische Staatsbürger zurückzogen (BAMF 2010, S. 24ff.). Die Gründe für die Abwanderung in die Türkei sind sowohl bei den Akademikern als auch den Studierenden die fehlenden Heimatgefühle in Deutschland (41,3%). Berufliche Gründe rangieren mit 25% auf Platz drei, gefolgt von sonstigen Gründen (20,7%). Familiäre Gründe spielen hingegen für die befragten Türk/-innen weniger eine Rolle (Sezer, Dağlar 2009, S. 17).
Interessant ist hier die Gender-Komponente, die bei einer detaillierten Betrachtung der Ergebnisse zum Vorschein kommt. 50% der befragten Männer geben als Hauptgrund ihrer Abwanderung in die Türkei das fehlende Heimatgefühl in Deutschland an, während es bei den Frauen nur ein Anteil von 34,6% ist. Stattdessen geben gleich viele Frauen (ebenfalls 34,6%) berufliche Gründe an. Dieses Antwortverhalten lässt schlussfolgern, dass Frauen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland für sich geringere berufliche Chancen sehen als türkische Männer und dass sie sich von einem Umzug in die Türkei bessere Karrieremöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt erhoffen (Sezer, Dağlar 2009, S. 17).
Von einer parallelen Entwicklung hinsichtlich der türkischen Remigration kann in Österreich ausgegangen werden. Zwar fehlen bis dato eindeutige Zahlen, die diesen Trend belegen würden, allerdings ist anzunehmen, dass in den kommenden Jahren vor allem bei einem bestimmten Segment der (hoch)qualifizierten türkischen Migrant/-innen der Wunsch nach Abwanderung in die Türkei bestehen wird, während die wenig qualifizierten eher dazu tendieren werden, in Österreich zu bleiben.
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