Islam: Zwischen Dialog und Konflikt
Die Auswanderungsströme des 19. Jahrhunderts sind Schnee von gestern: Heute ist Europa ein wahrer Einwanderungskontinent. Bei der Integration der Immigrant/innen spielt der Islam eine große Rolle.
Richard Potz
Religion in Verbindung mit kulturellen Traditionen ist in der Regel besonders stark im Bewusstsein der Menschen verankert und beeinflusst Überzeugungen und Verhaltensweisen, welche die Identität der handelnden Person(en) fundamental betreffen. Für Einwanderer bietet sich Religion daher – besser als die vor allem seitens türkischer Autoritäten forcierte Betonung der ethnischen Herkunft – als geeigneter Garant zur Erhaltung der in der neuen Umgebung gefährdeten Identität an.
Neue Situation
Durch die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzende Einwanderung von Muslimen in europäische Staaten mit westlicher Tradition wurde ein völlig neues Kapitel im Verhältnis Europas zum Islam aufgeschlagen. Die Arbeitsmigration wurde ergänzt durch Fluchtmigration, die bis heute in einem beachtlichen Ausmaß Menschen islamischen Glaubens umfasst. Auch Elitenmigration hat einige islamische Staaten betroffen, so vor allem den Iran.
Während es die expandierenden europäischen Mächte bis ins 19. Jahrhundert meist mit geschlossenen islamischen Gesellschaften konfrontiert wurden, bringt die Einwanderung von Muslimen islamische Vielfalt nach Europa. Die muslimische Gemeinde in Europa zeigt sich heute vielfach gegliedert und spiegelt in ihren Strukturen und Strömungen die Zerrissenheit und die politischen Konflikte der muslimischen Welt wider. Dies gilt auch für Österreich, wo entsprechend der nationalen Herkunft von den großen islamischen Verbänden drei einen türkischen, je einer einen bosnischen und einen arabischen Hintergrund haben. Die von diesen Verbänden ins Leben gerufenen sozialen Netzwerke reichen von Erziehung und Sport bis zur Wohnungs- und Arbeitsvermittlung, von der Mediation in internen Konfliktfällen bis zur Anstaltsseelsorge und Bewährungshilfe.
Derartige zivilgesellschaftliche Aktivitäten sind politisch durchaus ambivalent. Sie verhelfen den Muslimen einerseits in der von westlichen Werten geprägten Gesellschaft zur Identitätserhaltung. Sie signalisieren aber nur dann zunehmende Normalität, wenn die Bereitschaft besteht, mit anderen gesellschaftlichen Kräften zu kooperieren. Andernfalls dienen solche Verbände der Etablierung von Parallelgesellschaften. Aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit der Verbände mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich als „öffentlichrechtlichem Dachverband“ integrationspolitisch besonders wichtig.
Islam: Sündenbock ...
Ein weiterer Aspekt muslimischer Präsenz besteht darin, dass aufgrund des Ineinandergreifens von religiösen Pflichten und anders begründeten Traditionen Handlungsmuster der muslimischen Minderheiten manchmal nur schwer zu bewerten sind. Das schafft auch rechtliche Probleme, da schlichtes Brauchtum nicht durch die Garantie von Religionsfreiheit geschützt ist. Islamkritische Teile der europäischen Öffentlichkeit nützen dies, um alles als negativ und bedrohlich Empfundene schlechthin dem Islam und dessen angeblich prinzipieller Unverträglichkeit mit den aufklärerisch-liberalen Traditionen Europas zuzurechnen. Dies reicht vom islamischen Schlachten über das Kopftuchtragen bis zu strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen mit extremem Unrechtsgehalt, wie der weiblichen Genitalverstümmlung und sogenannten „Ehrenmorden“.
Selbstbilder und Fremdbilder hängen solcherart eng zusammen und bedingen sich gegenseitig. Konfliktpotenzial besteht in der beiderseitigen Wahrnehmung, dass wichtige Errungenschaften der eigenen Kultur durch die fremde Kultur bedroht erscheinen. In diesem Sinne kann etwa der Bau einer Moschee, der aus rechtsstaatlicher Sicht eine auf der Gewährleistung von Religionsfreiheit beruhende Selbstverständlichkeit darstellen sollte, sowohl von islamistischer als auch von islamophober Seite als „politische“ Aktion gewertet werden.
... oder Problemfall?
Es findet sich aber auch das andere Extrem. Lange Zeit wurde seitens der immer umfangreicher werdenden sozial- und politikwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Islam in Europa der religiös-kulturelle Faktor unterschätzt. Arbeiten zur Lebenssituation der islamischen Minderheiten in Europa spiegeln häufig die Schwierigkeiten wider, sozialwissenschaftliche mit kulturbzw. religionswissenschaftlicher Forschung zu verknüpfen. Es besteht somit einerseits die Gefahr der „Kulturalisierung“ sozialer Probleme und andererseits die Gefahr des Verkennens und Unterschätzens kultureller, religiöser und ethnischer Ursachen für gesellschaftliche Probleme.
Gemeinden als Partner
Aus rechtlicher Sicht bringt die Einwanderung von Menschen mit islamischer religiös-kultureller Tradition zwei grundsätzliche Fragestellungen mit sich, für die beide Seiten kein traditionelles Instrumentarium besitzen. Erstens ist zu fragen, wie die aufnehmende europäische Gesellschaft mit dieser Einwanderung umgeht, und zweitens, wie diese Emigration in nicht islamische Gebiete aus islamischer Sicht heute gesehen wird. In Österreich schafft das religionsrechtliche System grundsätzlich günstige Bedingungen für die notwendigen sozial-, bildungs- und religionspolitischen Maßnahmen. Diese müssen – wie es in der Demokratie wohl nicht anders sein kann – in Kooperation mit den Betroffenen gesetzt werden, im konkreten Fall mit den Islamischen Gemeinden als zivilgesellschaftlichem Partner. Diese müssen sich aber auch klar darüber sein, dass dafür der in den letzten Jahren eingeschlagene Weg des Verzichts auf die klassische islamische Einteilung der Welt in Gebiete des Islam, des Krieges und des Vertrages und die vorbehaltlose Akzeptanz des demokratischen Rechtsstaates unabdingbar sind. Sowohl der Staat als auch die islamische Glaubensgemeinschaft und ihre Einrichtungen sind damit in eine Verantwortung genommen, die ihnen niemand abnehmen kann.
o. Univ.-Prof. Dr. Richard Potz ist Vorstand des Instituts für Rechtsphilosophie, Religion- und Kulturrecht und Vizedekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
richard.potz(at)univie.ac.at

