Migrant/innenschicksal Selbstständigkeit
Wie gut sind Ausländer/innen und in erster Generation eingebürgerte Migrant/innen ins österreichische Erwerbsleben integriert? Die Ergebnisse einer Analyse nach Herkunftsregion, Bildungsgrad, Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit.
Gudrun Biffl
Zusammengenommen haben in Österreich knapp über 600.000 Erwerbspersonen einen primären oder sekundären Migrationshintergrund, was einem Anteil von über 15 % entspricht. Die allgemeine Erwerbsquote ist bei Personen mit Migrationshintergrund aufgrund der jüngeren Altersstruktur höher als bei der inländischen Bevölkerung. Die gesamtwirtschaftliche Arbeitslosenquote (Arbeitslose in % der Erwerbspersonen) lag zum Zeitpunkt der Volkszählung 2001 bei 6,4 %. Am geringsten war sie unter den in Österreich geborenen Inländer/innen mit 5,5 %, gefolgt von den Eingebürgerten mit 10,6 %. Am höchsten war sie mit 13,8 % unter den ausländischen Staatsbürger/innen, die schon in Österreich auf die Welt kamen, was einen höheren Wert darstellte als bei den Ausländer/innen, die im Ausland geboren wurden (11,4 %). Demnach war die Arbeitslosenquote von eingebürgerten Migrant/innen fast ebenso hoch wie jene von Ausländer/innen, und beide Werte waren höher als bei im Inland geborenen Österreicher/innen. Etwa zwei Drittel des Unterschieds in der Arbeitslosenquote zwischen Einheimischen und Migrant/innen erklärt sich aus dem im Schnitt geringeren Bildungsgrad der Migrant/innen.
Wichtige Detailergebnisse der Analyse auf einen Blick:
- Die Erwerbsquoten unterscheiden sich zum Teil deutlich zwischen den MigrantInnen aus den diversen Herkunftsregionen sowie nach dem Geschlecht. Die geringste Erwerbsbeteiligung unter den Männern weisen Migranten aus den alten EU- und EFTA-Ländern auf (78 %), die höchste Männer aus dem früheren Jugoslawien (87 %) und der Türkei (88,5 %). Das ist eine Spanne von 10,5 Prozentpunkten. Unter den Frauen ist die Spannweite noch höher mit knapp 16 Prozentpunkten. Am geringsten ist der Grad der Eingliederung ins Erwerbsleben unter türkischen und afrikanischen Frauen (56,9 % respektive 56,2 %), am höchsten unter Frauen aus dem früheren Jugoslawien (71,8 %).
- Was die Bildungsstruktur anbelangt, so unterscheidet sie sich ebenfalls stark zwischen MigrantIinnen der verschiedenen Herkunftsregionen. Der Analyse zufolge haben Personen aus den alten EU-/EFTA-Ländern und Amerika/Ozeanien die beste Qualifikationsstruktur, und Personen aus der Türkei und dem früheren Jugoslawien die schlechteste. Personen mit einfacher und mittlerer beruflicher Qualifikation haben es in Österreich oft nicht leicht, sich weiterzubilden. Insbesondere die nicht unerheblichen Kosten für die Erlangung einer Berufsreifeprüfung stellen eine Barriere für die formale Weiterbildung dar. Es sind aber vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund, die kaum die Berufsreifeprüfung absolvieren, was ihre Beschäftigungschancen längerfristig beeinträchtigt.
- Die Erwerbsbeteiligung der Frauen wird nicht nur vom Bildungsgrad geprägt, sondern auch von traditionellen Verhaltensmustern bezüglich der Aufteilung der Hausund Erwerbsarbeit zwischen Männern und Frauen in einem Haushaltszusammenhang. Die geringsten Erwerbsquoten in mittlerem und höherem Alter weisen türkische Frauen auf. Afrikanerinnen haben die geringsten Erwerbsquoten in jungen Jahren; ab dem 30. Lebensjahr treten Afrikanerinnen allerdings verstärkt ins Erwerbsleben ein und haben mit 50 eine höhere Erwerbsquote als Türkinnen und Frauen aus dem Nahen Osten.
- Die höchsten Erwerbsquoten im Schnitt der Bevölkerungsgruppen im erwerbsfähigen Alter haben Männer muslimischen und orthodoxen Glaubens (87,3 % respektive 86,6 %). Im Gegensatz dazu weisen jüdische und protestantische Männer die geringsten Erwerbsquoten auf (77,2 % respektive 78,9 %). Die höchsten Erwerbsquoten der Frauen im erwerbsfähigen Alter findet man unter den orthodoxen Christinnen, gefolgt von Frauen ohne religiöses Bekenntnis (75,7 % sowie 69,6 %). Am geringsten ist die Eingliederung der Musliminnen sowie von Frauen, die der Gruppe der „sonstigen“ christlichen Religionsbzw. Glaubensgemeinschaften angehören (59,6 %). Während die Religion bei Männern kaum einen Effekt auf die Erwerbsquote ausübt, ist der Effekt bei Frauen erheblich. Vor allem muslimische Frauen sind häufiger Hausfrauen ohne zusätzliche Erwerbsarbeit, wobei die Unterschiede zwischen den Herkunftsregionen durchaus markant sein können. So sind die Erwerbsquoten der Türkinnen, die ja zu 95 % Muslime sind, noch merklich geringer als die ohnehin bereits niedrigen Erwerbsquoten der muslimischen Frauen aus Bosnien, Mazedonien und Montenegro.
- Es zeigt sich dabei unter anderem, dass selbstständige Erwerbstätigkeit für eine zunehmende Zahl von Migrant/ innen ein Ausweg aus der zum Teil sehr hohen Arbeitslosigkeit ist. Die zunehmende unternehmerische Tätigkeit der Migrant/innen ist ein Phänomen, das in den späten 1980er Jahren einsetzte und im Anschluss daran immer mehr an Bedeutung gewann. Dies mag mit dem Wandel der Zuwanderung zusammenhängen, die weniger nachfrageorientiert verläuft und sich damit einer migrationspolitischen Schwerpunktsetzung und Kontrollierbarkeit entzieht. Bei eingebürgerten Migrant/innen dürfte die vermehrte selbstständige Erwerbstätigkeit allerdings ein autonomer Prozess sein, der von der Höhe der Arbeitslosigkeit unabhängig ist.
Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Gudrun Biffl ist Wissenschaftlerin in den Forschungbereichen Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit am WIFO.
gudrun.biffl(at)wifo.ac.at

