Angebote für

Service

Was unternehmen Migrant/innen in Österreich?

Jeder kennt den türkischen Bäcker am Eck und die kroatische Obsthändlerin am Markt. Sie gehören zu der wachsenden Gruppe selbstständiger Migrant/innen in Österreich. Aber können wir von diesen Beispielen, die wir aus dem Alltag kennen, auf alle schließen? Woher kommen die Migranten-Unternehmer, in welchen Branchen arbeiten sie und wo in Österreich tun sie das? Hier lesen Sie die wichtigsten Zahlen, Daten und Fakten.VON GUDRUN BIFFL

Spätestens seit der Volkszählung 2001 wissen wir schwarz auf weiß – und nicht nur aus Anekdoten – dass mehr und mehr Migrantinnen und Migranten in Österreich unternehmerisch tätig werden. Von den 537.000 erwerbstätigen Personen mit Migrationshintergrund (eingebürgerte vormalige Ausländer/innen und Ausländer/innen) in der Volkszählung waren nämlich 37.100 oder 7 Prozent Selbstständige im nichtlandwirtschaftlichen Bereich. Das ist ein ebenso hoher Anteil wie unter den Einheimischen. Der steigende Trend zur Selbstständigkeit setzte in Österreich in den späten 1980er Jahren ein und gewann in den 1990er Jahren an Dynamik. Damit wurde eine Entwicklung nachvollzogen, die in anderen Einwanderungsländern Europas schon mindestens zehn Jahre vorher eingesetzt hat.

Vom Gastarbeiter zur Ich-AG

Das geänderte Erwerbsverhalten weg von unselbstständiger Arbeit zu Selbstständigkeit hängt mit der verstärkten Flüchtlingszuwanderung ebenso zusammen wie mit dem Wandel der Zuwanderung von einer Arbeitsmigration zu einer Einwanderung mit geregelter Familienzusammenführung im Jahr 1992. Solange die Arbeitsmigration die Haupttriebfeder der Zuwanderung war, wurden im Wesentlichen Arbeitskräfte für ganz bestimmte Tätigkeiten angeworben. Die unselbstständige Beschäftigung stand somit im Vordergrund.

Mit dem verstärkten wirtschaftlichen und beruflichen Strukturwandel seit den frühen 1980er Jahren verloren aber viele Migrant/innen ihren Arbeitsplatz. Da sie infolge ihres langen Aufenthalts in Österreich Bleiberechte erworben hatten, es andererseits aber immer schwieriger wurde, einen passenden Arbeitsplatz zu finden, war der Weg in die Selbstständigkeit eine Überlebensstrategie, und zwar für Inländer/innen ebenso wie für Migrant/innen. Das legt die hohe Korrelation zwischen der Selbstständigenquote und Arbeitslosenquote nach Branche nahe. In Branchen, in denen die Arbeitslosenquote hoch ist, ist sowohl bei Inländer/innen als auch bei Ausländer/innen die Selbstständigenquote hoch.

Aus Diagramm 1 ist ersichtlich, dass Migrant/innen, die die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen haben, in höherem Maße selbstständig werden als Ausländer/innen. Das ist großteils die Folge der Gesetzeslage, die es Drittstaatsangehörigen nur unter gewissen Auflagen erlaubt, in Österreich selbstständig zu werden. Im Fall der eingebürgerten Selbstständigen ist kein Zusammenhang mit der Arbeitslosenquote festzustellen. Hier dürfte der steigende Trend vielmehr die Folge eines autonomen Prozesses sein, der von der Höhe der Arbeitslosigkeit unabhängig ist. Dafür sprechen die beruflichen Schwerpunkte der Selbstständigen, die signalisieren, dass sie die Bedürfnisse einer zunehmend multikulturellen Konsumgesellschaft wahrnehmen und zu ihrer Befriedigung beitragen.

Wie aus Diagramm 2 erkennbar ist, sind Migrant/innen nämlich deutlich überdurchschnittlich oft im Handel und Reparaturgewerbe selbstständig erwerbstätig, mit einer Selbstständigenquote von 14 Prozent (gegenüber 10 Prozent unter den Ein hei mischen), im Bereich des Verkehrs und der Nachrichtenübermittlung (9 Prozent gegenüber 5 Prozent), in den unternehmensorientierten Diensten, im Beherbergungs- und Gaststättenwesen sowie in den persönlichen Diensten. In diesen Branchen sind mehr als zwei Drittel der Selbstständigen mit Migrationshintergrund tätig.

Der Döner-Mann ist die Ausnahme

Aus Diagramm 3 ist ersichtlich, dass die Wahrscheinlichkeit, selbstständig zu werden, je nach Migrationshintergrund sehr unterschiedlich ist. Migrant/innen aus dem Nahen Osten, aus den alten EU-EFTA Ländern, aus Amerika/Ozeanien, sowie Afrika sind häufiger als Österreicher/innen selbstständig erwerbstätig. Die geringsten Selbstständigenquoten weisen Personen aus dem früheren Jugoslawien und aus der Türkei auf.

Mehr als ein Drittel der selbstständig erwerbstätigen Migrant/innen kommen aus der EU/EFTA, weitere 18 Prozent aus den neuen EU-Staaten und 14 Prozent aus dem früheren Jugoslawien. Die restlichen 31 Prozent aller unternehmerisch tätigen Migrant/innen sind relativ gleich auf alle anderen größeren Herkunftsregionen verteilt. Die Struktur der Selbstständigen nach Herkunftsregion mag überraschen, wird doch insbesondere die türkische Selbstständigkeit in Form von Imbissständen und kleinen Geschäften stark wahrgenommen. Die große Anzahl türkischer Unternehmer/innen resultiert aber aus der Größe der türkischen Gruppe insgesamt, und nicht aus einem verstärkten Gang in die Selbstständigkeit.

Ausländerinnen sind selbstständiger

Die Selbstständigenquote unterscheidet sich aber nicht nur nach Herkunftsbereich, sondern auch nach Alter und Geschlecht. Während etwa einheimische Männer erst in höherem Alter häufiger selbstständig werden, gilt das nicht für Männer aus Amerika und Ozeanien. Auch Asiaten werden relativ häufig schon in jungen Jahren selbstständig, selten im mittleren Alter, dafür aber wieder häufiger in höherem Alter. Männer aus Afrika und dem Nahen Osten sind in jeder Altersgruppe häufiger selbstständig als Einheimische, jedoch ist der Verlauf über das Alter vergleichsweise stetig und im höheren Alter am höchsten von allen Männern mit und ohne Migrationshintergrund.

Im Gegensatz zu Männern sind Frauen mit Migrationshintergrund häufig im mittleren Alter selbstständig. Bei den einheimischen Frauen unterscheidet sich das Altersmuster von dem der einheimischen Männer. Sie sind vergleichsweise häufig in jungen Jahren selbstständig und dann wieder, ebenso wie die Männer, in höherem Alter. Im Schnitt ist die Selbstständigenquote der einheimischen Frauen etwas geringer als die der Männer. Am höchsten ist sie unter Frauen aus der EU-14, Amerika und Ozeanien mit knapp 13 Prozent und Frauen aus dem sonstigen Europa (10,7 Prozent). Aber auch Frauen aus Afrika und dem Nahen Osten und aus Asien sind häufiger selbstständig erwerbstätig als einheimische Frauen. Die geringsten Selbstständigenquoten haben Personen mit einem türkischen und ex-jugoslawischen Migrationshintergrund, und zwar bei Männern ebenso wie bei Frauen.

Wiener Asiaten und Innsbrucker Deutsche

Das zunehmende Unternehmertum der Migrant/innen mag zum Teil dem Wunsch nach Selbstentfaltung und Aufrechterhaltung eines eigenen ethnisch-kulturellen Lebensstils entspringen, zum Teil aber auch dem Versuch, der Diskriminierung zu entgehen. Dies legt eine Analyse der Selbstständigen nach Bildungsgrad ebenso nahe wie Diplomarbeiten und Dissertationen, die sich der Erforschung der Beweggründe für das Selbstständigwerden unter verschiedenen Migrationsgruppen angenommen haben. Den Daten der Volkszählung zufolge haben es Personen aus Afrika, dem Orient und Asien besonders schwer, entsprechend ihrem Bildungsgrad eine Beschäftigung zu finden und in interne Karriereverläufe eingebunden zu werden. Hier ist die Selbstständigkeit ein Weg, den Status auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Dazu ist es aber häufig notwendig, einen höheren Bildungsgrad zu haben, um den beruflichen Herausforderungen gewachsen zu sein.

Da die Zuwanderung in Österreich auf städtische Regionen konzentriert ist, mag es nicht überraschen, dass auch die selbstständigen Migrant/innen vor allem in Städten zu finden sind. Dabei ist die Konzentration auf Wien besonders ausgeprägt. Am stärksten ist sie unter den Personen aus Asien und Afrika. Unter Ersteren leben 64,2 Prozent in Wien, unter selbstständigen Afrikaner/innen 61,4 Prozent. Selbstständige Personen aus den sonstigen EU-15 und EFTA-Staaten sind hingegen eher auf die westlichen Bundesländer konzentriert, vor allem Deutsche.

Der Einfluss des ethnischen Unternehmertums auf die österreichische Wirtschaft wurde bislang nicht systematisch untersucht. Unter diesen Umständen kann man nur darauf verweisen, dass der wirtschaftliche Erfolg Österreichs eng mit der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft zusammenhängt. Die selbstständigen Migrant/innen haben dazu beigetragen. Sie haben aber vor allem unser tägliches Leben mit ihrer Küche, ihrer Musik, Literatur und ihrer Lebensfreude bereichert. Dafür sei ihnen gedankt.

Univ.-Prof. Mag. Dr. Gudrun Biffl ist Leiterin des Zentrums für Migration, Integration und Sicherheit an der Donau-Universität Krems.
E-Mail: gudrun.biffl(at)donau-uni.ac.at
Bild: Foto Wilke

Diagramme

  • Quelle: Statistik Austria

    Diagramm: Welche Migrant/innen sind am häufigsten selbstständig?

  • Quelle: Statistik Austria, WIFO-Berechnungen

    Diagramm: Wie viele Personen mit Migrationshintergrund sind selbstständig bzw. arbeitslos?

  • Quelle: Statistik Austria

    Diagramm: In welchen Branchen sind Migranten-Unternehmer/innen tätig?

Bilder

  • Michael und Jasmin Ilic sind seit 1971 in Wien und seit 18 Jahren führen sie den Obst- und Gemüse-Feinkostladen in der Gumpendorferstraße 90, 1060 Wien. Ihr
Sohn hat seine Lehre im Familienbetrieb abgeschlossen und unterstützt sie im Betrieb. Wenn die beiden auf Urlaub gehen möchten, springen auch noch die beiden Töchter ein.

Bild: C. Redtenbacher

    Kroatische Feinkost in der Gumpendorferstraße

  • In Samsun/Türkei geboren kam er mit 4 Jahren nach Österreich. Mit 7 ging es nochmals für 4 Jahre in die Türkei, um die Volksschulzeit zu absolvieren. Seine Schulpflicht vollendete er aber wieder in Österreich und machte 1997 die Meisterprüfung als KFZ-Spenglermeister. Seit 2003 ist er mit einer eigenen Werkstatt selbstständig. 

Wenn Sie Ihr Auto reparieren möchten: Auto Nuri, Klausgasse 46, 1160 Wien

Wenn Sie ein Kabarett mit Jack Nuri genießen möchten: www.kabarett.cc

Bild: C. Redtenbacher

    Jack Nuri: Spenglermeister und Kabarettist

Bild: C. Redtenbacher

(Fotos v.o.n.u.) Ob die Holzofenbäckerei Trabzon von Hüseyin Kilic in der Brunnengasse, der begehrte Obststand am Naschmarkt, der Rüya Coiffeur oder die Änderungsschneiderei Mehmet Sarj – Migrant/innen machen sich in den verschiedensten Branchen selbstständig.

Weitere Bilder

  • Bild: C. Redtenbacher
  • Bild: C. Redtenbacher
  • Bild: C. Redtenbacher