Integrationsberichte: Grauer Theorie oder praktischer Leitfaden?
Von den Lebensverhältnissen sozial schwacher Bevölkerungsgruppen – wie etwa der Flüchtlinge und Migrant/innen – hat man oft nur recht vage Vorstellungen. Damit Integrationspolitik ans Ziel führt, müssen die zuständigen Behörden ihre Wissenslücken schließen – das gilt für Deutschland wie für Österreich. Öffentliche Berichte erweisen sich in beiden Ländern seit langem als gute Möglichkeit, fehlendes gesellschaftliches Wissen zu kompensieren. Wie funktioniert die Migrations- und Integrationsberichterstattung in Deutschland und Österreich und vor welchen Problemen steht sie?
Jan Kreisky
Bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts erschienen in der österreichisch-ungarischen Monarchie wie auch im Deutschen Reich Berichte zur sozialen Lage. Seitdem unternahmen staatliche Stellen oder auch Privatinitiativen immer wieder Versuche einer systematischen, wissenschaftlichen und an empirischen Daten orientierten Sozialberichterstattung. Doch wie der Grazer Soziologe Christian Fleck im Juli 2008 bei einer Tagung der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung an der Akademie der Wissenschaften in Wien anmerkte, blieben solche Initiativen weitgehend punktuell. Es gelang bisher kaum noch, die Ansätze von Sozialberichterstattung auszuweiten und zu verstetigen. Anders sind die Erfolge der Wirtschaftsforschungsinstitute zu bewerten, die eine solche Kontinuität mit ihren regelmäßig veröffentlichten Prognosen tatsächlich erreichten. Dennoch besteht in Österreich relative Kontinuität der Berichterstattung über einzelne Politik- und Verwaltungsbereiche. So ist etwa schon der fünfte Familienbericht vorgelegt worden – Frauen-, Jugend-, Sicherheits- und Hochschulberichte machen seit längerem gesellschaftliche Probleme sichtbar und belegen soziale Verhältnisse mit präzisen Daten. Vergleichsweise jung ist – in Österreich wie in Deutschland – die Migrations- und Integrationsberichterstattung.
Österreich: Interesse steigt
Spätestens seit Beginn der 1990er-Jahre gewann, bedingt durch die angestiegene Zahl von Asylwerbern,das Thema Migration in der deutschen Öffentlichkeit erheblich an Bedeutung. Auch in Österreich nahmen Wanderungen einen immer größeren Stellenwert in der demografischen Entwicklung ein. Diese Tendenz verstärke, gemäß Stephan Marik-Lebeck von Statistik Austria, auch die Nachfrage nach einschlägigen statistischen Daten. Berichte zu den viel diskutierten Themen Migration und Integration erreichen öffentliche Aufmerksamkeit für die Problemlagen, wie auch das relativ große Medieninteresse an der Präsentation des 2. Österreichischen Migrations- und Integrationsberichts zeigte.
Während in Österreich die Initiative zum 1. Österreichischen Migrations- und Integrationsbericht (2003) mehr von wissenschaftlicher Seite ausging, etablierte sich in Deutschland in diesem Bereich bereits ein stärker offizielles Berichtswesen. Berichte über Migrationstendenzen erscheinen in Deutschland institutionell eher getrennt von jenen zum Stand der Eingliederung von Zuwanderern. Dies gilt insbesondere für den Migrationsbericht des Innenministeriums und den Lagebericht der Integrationsbeauftragten. 2000 beauftragte der Deutsche Bundestag die Bundesregierung, jährlich einen Migrationsbericht vorzulegen. Bislang veröffentlichte die Bundesregierung fünf Migrationsberichte, die letzten beiden wurden durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg erstellt.
Deutschland: Integration messen – auf allen Ebenen
Integrationsberichterstattung geschieht in Deutschland auf allen Ebenen des föderalen Systems. Institutionen der Kommunen, der Länder und Behörden des Bundes stehen dabei in Konkurrenz, meint der Migrationsforscher Dietrich Thränhardt von der Universität Münster. Jeder versuche, sich und seine Leistungen der Öffentlichkeit gegenüber zu präsentieren, die diese Berichte jedoch nur in geringem Ausmaß zur Kenntnis nehme. Kommunen waren Vorreiter der Etablierung eines Integrationsmonitorings, das kritische Beobachtung und Bewertung des Integrationsprozesses bezweckt. Wiesbaden entwickelte schon 2003 ein Indikatorensystem. Ab 2008 folgen Stuttgart und Berlin mit eigenem Monitoring zum Integrationsstand.
Auch Bundesländer, etwa Bayern oder Rheinland-Pfalz, veröffentlichen seit den 1990er-Jahren Integrationsberichte. Der Trend zur Messung von Integration setzt sich auch auf Bundesebene durch. Die Aktivitäten für den Nationalen Integrationsplan sollen noch in dieser Legislaturperiode in einen indikatorengestützten Bericht münden. Überdies gab die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration bereits den 7. Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland heraus.
Drei Gefahren: Wie unabhängig, verständlich und öffentlichkeitswirksam sind die Berichte?
Aus dem Dargelegten lassen sich folgende Problemkreise sozialer Berichterstattung erkennen:
- Wer ist für regelmäßige Berichtslegung verantwortlich? Sind es die öffentlichen Stellen, die in Eigenregie Berichte als Leistungsbilanz legen? Treten etwa Ministerien als Auftraggeber an evaluierende Wissenschafter heran? Oder werden Wissenschafter aus Eigenem aktiv?
- Welche Funktionen sollen diese Berichte erfüllen? Können derartige Berichte einen Beitrag zu einer sachlicheren Diskussion leicht emotionalisierbarer Themen leisten? Können diese trotz des Anspruchs der Wissenschaftlichkeit allgemein verständlich gehalten und dem Abbau von Vorurteilen förderlich sein?
- An welche Zielgruppen sind diese Berichte gerichtet? Fraglich ist nach wie vor, ob sich die Berichte eher an eine breitere Öffentlichkeit oder an eine engere Zielgruppe, an die politische und bürokratische Spitze oder an ein spezielles Fachpublikum, richten sollen. Genügt es, wenn eine Fachöffentlichkeit informiert wird und die Ergebnisse allmählich
auch wissenschaftsferne Bevölkerungsschichten erreichen?
All diese offenen Fragen liegen am Knotenpunkt zwischen politisch-administrativer und wissenschaftlicher Praxis und müssten daher von beiden Seiten betrachtet werden. Tagungen wie jene an der Akademie der Wissenschaften zum Stellenwert der Migrations- und Integrationsberichte leisten hierfür einen konstruktiven Beitrag.
Mag. Jan Kreisky ist Mitarbeiter der Teams Wissenscahft und Forschung und Internationale Projekte im ÖIF.
jan.kreisky(at)integrationsfonds.at




