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Integrationspreis für Sport: Die Gewinner

Gerade bei Jugendlichen hat Sport ein großes Integrationspotenzial. Der Integrationspreis für Sport belohnt die besten Projekte und Initiativen, die Integration auf sportlichem Weg fördern. Wir stellen Ihnen die fünf Siegerprojekte des Jahres 2009 vor.

VON CHRISTINE VESELY

 

„Sport ist ideales Mittel zur Gewaltprävention“

Das Projekt: Der Hauptpreis von 5.000 Euro geht an das ambitionierte Streetsoccer-Projekt „Käfigliga“. Innerhalb von zwei Monaten besuchten Kickerinnen und Kicker des Vereins Austria Santos International die Wiener „Käfige“, also Betonsportplätze, um mit Jugendlichen zu trainieren und sie beim respektvollen Umgang miteinander zu unterstützen. Am Ende des zweimonatigen Trainierens fand ein bezirksübergreifendes Turnier statt, bei dem die Teilnehmer/innen ihren Sportsgeist unter Beweis stellten.

Integration im Fokus: Ein Ziel des Projekts war Gewaltprävention. Welche Art von Konflikten gibt es in den Käfigen?
Verena Zdesar: Ein grundsätzliches Problem ist, dass die Käfige häufig von älteren Jugendlichen und Erwachsenen zweckentfremdet werden. Dann gilt das „Recht des Stärkeren“ und die Kinder kommen nicht zum Spielen, können ihrem natürlichen Bewegungsdrang nicht mehr nachgehen. Wir greifen darin ein, indem wir präventiv Gespräche führen und wertschätzend Kompromisse suchen. Auch die Kinder selbst haben natürlich Konflikte. Anfangs war ein verlorenes Spiel manchmal schon Grund genug für einen Streit. Die Kinder ahmen auch Diskriminierungen und Beschimpfungen von Älteren nach. In solchen Fällen greifen wir sofort ein und stellen klar, dass wir so etwas nicht tolerieren. Es hat uns wirklich gefreut, dass wir schon nach wenigen Wochen eine klare positive Entwicklung feststellen konnten.

Integration im Fokus: Sind die Käfig-Kicker besonders anfällig für Gewalt?
Zdesar: Das glaube ich nicht. Allerdings kommen die Kinder häufiger aus gesellschaftlichen Randgruppen und werden auch in Schule und Alltag oft unterdrückt. Sie haben nur selten gelernt, wie man Konflikte friedlich löst. Gerade deshalb ist unser sportpädagogisches Programm so wichtig.

Integration im Fokus: Wird das Projekt nächstes Jahr fortgesetzt?
Zdesar: Die Käfigliga war ein Pilotprojekt und glücklicherweise ein voller Erfolg. Wir bekommen fast täglich Anrufe von begeisterten Kindern und werden die Liga also fortsetzen. Begonnen haben wir in drei Wiener Käfigen, sinnvoll wäre eine Ausweitung auf alle Bezirke. Wir hoffen dabei auf Unterstützung durch die Stadt. Sport ist das ideale Mittel zur Prävention von Gewalt und Kriminalität – und weder kompliziert noch teuer.

Verena Zdesar ist Geschäftsführerin von Austria Santos International.

www.austriasantos.at

 

 

„Hausfrauen brechen mit Sport aus dem Alltag aus“

Das Projekt: Das Projekt „Le début“ der Sportunion Tirol wurde mit einem Preis von 3.000 Euro ausgezeichnet. Dabei wird ein regelmäßiges Bewegungsprogramm für Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund in Innsbruck und Telfs angeboten. Zudem wird eine Übungsleiterausbildung angeboten, sodass die Mädchen auch selbst aktiv werden und Wissen weitergeben können.

Integration im Fokus: Warum ist ein Bewegungsprogramm speziell für Migrantinnen nötig?
Deborah Mairer: Gerade Frauen, die ihre meiste Zeit im Haushalt oder mit der Kindererziehung verbringen, brauchen die Möglichkeit, aus ihrem Alltag auszubrechen. Bei unserem Projekt können sie gemeinsam mit ihren Kindern Freude ander Bewegung haben und lernen dabei nicht nur neue Bekannte, sondern auch neue Sportarten kennen: Viele Frauen haben etwa erst bei uns schwimmen gelernt.

Integration im Fokus: Wie einfach ist diese Zielgruppe erreichbar und wie kommen Sie an sie heran?
Mairer: Das ist in der Tat nicht leicht. Ein Großteil der Frauen hat zuhause ein Festnetz-Telefon, aber kein Internet, geschweige denn eine E-Mail-Adresse. Auch das Telefonieren ist mit Sprachschwierigkeiten nicht gerade einfach. Unser Projekt funktioniert deshalb in erster Linie über die zwei Vereine „Frauen aus allen Ländern“in Innsbruck und ATIB in Telfs.

Integration im Fokus: Wie viele Frauen haben teilgenommen und welche Herkunft hatten sie?
Mairer: Das ist je nach Kurs unterschiedlich. Beim Schwimmen sind 26 Frauen dabei, beim allgemeinen Fitnesstraining 15 in Innsbruck und 26 in Telfs. Unseren Selbstverteidigungskurs im Frühling haben 15 Teilnehmerinnen besucht.

Mag. Deborah Mairer ist Projektleiterin von „Le Début“ bei der Sportunion Tirol.

 

 

 

„Judo ist auch in Tschetschenien sehr beliebt“

Das Projekt: Serazidi Selimov gründete 2008 aus privater Initiative die Judogruppe Ybbs/Donau. Selimov ist selbst aus Tschetschenien nach Österreich geflüchtet. Seine Erfahrungen als Judotrainer gibt er nun hier Kindern aus unterschiedlichen Herkunftsländern weiter. Dabei leistet er einen Beitrag zur Sport- und Gesundheitsförderung sowie zur nachhaltigen und gelebten Integration. Für diese Initiative erhält der ATV Wieselburg Sektion Judo den Integrationspreis für Sport 2009 im Wert von 3.000 Euro.

Integration im Fokus: Das Klischee vom „gewalttätigen Ausländer“ ist in Österreich weit verbreitet. Sie bieten Judo-, also Kampfsporttraining an. Sind Sie diesbezüglich auf Skepsis gestoßen?
Serazidi Selimov: Nein, solche Befürchtungen gibt es bei der Bevölkerung zum Glück überhaupt nicht. Höchstens die Eltern haben manchmal Angst, dass ihre Kinder sich verletzen könnten – aber das ist wohl bei jedem Kampfsporttraining so.

Integration im Fokus: Wie wichtig ist Judo in der tschetschenischen Gesellschaft?
Selimov: Judo kommt eigentlich aus Japan, ist aber in Tschetschenien sehr beliebt. Ich schätze, 70 Prozent aller Jugendlichen üben die eine oder andere Kampfsportart aus.

Integration im Fokus: Konnte Ihre Judogruppe bereits sportliche Erfolge verzeichnen?
Selimov: Für den Judoverein Wieselburg haben wir bereits viele Preise gewonnen. Beim NÖ-Nachwuchscup haben wir vor kurzem tollerweise sogar zwei zweite Plätze gemacht!

Serazidi Selimov ist Judotrainer und hat die Judogruppe Ybbs/Donau als Privatinitiative gestartet.

www.judo2009.at.ua

 

 

„Piste und Kopftuch sind kein Widerspruch“

Das Projekt: Wintersport, insbesondere Schifahren, ist in Österreich der Nationalsport schlechthin. Auch Österreicherinnen muslimischer Herkunft pflügen gern die Pisten hinunter –unter anderem in diesem engagierten Projekt, das den Integrationspreis für Sport in der Höhe von 3.000 Euro gewinnen konnte.

Integration im Fokus: Welche Breitenwirkung hat das Projekt? Können wir in Zukunft mit mehr Musliminnen und Muslimen auf Österreichs Pisten rechnen?
Hagar Hussein: Davon können Sie ausgehen. Wer erst einmal das Hinunterwedeln gelernt hat, möchte den Pistenspaß nicht mehr missen. Wir sprechen eine breite Zielgruppe an, von Schülerinnen und Studentinnen bis zu jungen Mamas mit ihren Kleinkindern, für die es ein eigenes Programm gibt. Wir leisten hier sicher Pionierarbeit.

Integration im Fokus: Wintersport hat in islamischen Ländern kaum Tradition. Welche Reaktionen bekommen Sie aus der Community?
Hussein: Wir als muslimische Österreicherinnen fühlen uns der österreichischen Kultur zugehörig, und dazu zählt auch der Wintersport. Muslimische Skifahrerinnen und Snowboarderinnen sind Ausdruck eines Lebensstils der neuen Generation mit österreichisch-islamischer Identität. Wir sind im gleichen Maß österreichische und muslimische Frauen. Dabei haben wir auch eine wichtige Rolle als Vermittlerinnen im Dialog der Kulturen.

Integration im Fokus: Ein Teil der Teilnehmerinnen trägt im Alltag Kopftuch. Tun sie das auch auf der Piste bzw. auf Berghütten?
Hussein: Wer sich für den islamischen Kleidungsstil entscheidet tut das grundsätzlich, und kleidet sich auch beim Sporteln entsprechend, trägt also Schi- bzw. Snowboardanzug mit Kopftuch. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Piste und Kopftuch.

Hagar Hussein ist Leiterin des Projekts „JungeMusliminnen begeistern sich und andere für Wintersport“.

www.jmoe.at

 

 

„Alle sprechen Deutsch miteinander“

Das Projekt: Die mehrfache österreichische Meisterin im Inline-Speedskating, Nadja Petutschnigg, ermöglicht Kindern in Wörgl einen niederschwelligen Zugang zum Inlineskating. Dabei begeistert sie über 30 Kinder im Alter von 4 bis 14 Jahren für diesen Sport. Für diese private Initiative erhält der SC Latella Wörgl den Integrationspreis für Sport 2009 im Wert von 2.000 Euro.

Integration im Fokus: Sie haben Ihr Skating-Projekt in Eigeninitiative gestartet. War es schwierig, Kinder und Eltern für einen doch eher seltenen Sport zu gewinnen?
Nadja Petutschnigg: Anfangs wollten wir einfach den Versuch wagen und haben in Eigeninitiative Plakate gedruckt. Es hat funktioniert – viele Kinder haben sich gemeldet. Inlineskating ist eine Trendsportart und kommt bei den Kindern gut an: Vor allem spielerische Übungen begeistern sie für den Sport. Darüber hinaus knüpfen sie so viele neue Freundschaften, gerade wenn sie unterschiedlicher Herkunft sind.

Integration im Fokus: Inlineskating braucht teure Ausrüstung: Schutzausrüstung, Helme und natürlich die Skates selbst. Wie stellen Sie sicher, dass niemand aus finanziellen Gründen nicht teilnehmen kann?
Petutschnigg: Unser Verein Lattella Wörgl stellt den Kindern die nötige Ausrüstung zur Verfügung. Alle können also mitmachen.

Integration im Fokus: Ihre Nachwuchs-Skater/innen haben ihre Wurzeln in sieben unterschiedlichen Ländern. Wie verhindern Sie eine mögliche Gruppenbildung, also dass Kinder derselben Herkunft unter sich bleiben?
Petutschnigg: Gruppenbildungen sind natürlich schwer zu verhindern. Wir haben uns deshalb am Anfang darauf geeinigt, dass alle Deutsch sprechen. Daran hält sich jeder und jede problemlos.

Nadja Petutschnigg, mehrfache österreichische Meisterin im Inline-Speedskating, ist Trainerin beim SC Lattella Wörgl.

www.scwoergl.at

 

 

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