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Mittwoch, 13. Februar 2019 11:06

Bassam Tibi: "Wenn jemand die europäischen Werte nicht akzeptieren möchte, kann er nicht in unserem Europa leben"

Autor Bassam Tibi im ÖIF-Gespräch mehr Respekt vor dem Rechtsstaat, eine selbstbewusstere europäische Wertegemeinschaft und den zunehmenden Islamismus in muslimischen Ländern.

Auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) sprach der aus Syrien stammende Politikwissenschaftler Bassam Tibi (aktuelles Buch: Islamische Zuwanderung und ihre Folgen: Der neue Antisemitismus, Sicherheit und die ,neuen Deutschen'") am 12. Februar 2019 über die Einstellungen von Muslim/innen in Europa, die verstärkte Religiosität unter Muslim/innen sowie das europäische Wertesystem. Tibi lehrte u.a. an den amerikanischen Elite-Universitäten Harvard, Princeton und Yale sowie an der deutschen Georg-August-Universität Göttingen und prägte in den 1990ern die bis heute viel diskutierten Begriffe "Leitkultur" und "Euro-Islam". Moderiert wurde das Podiumsgespräch im Leopold Museum in Wien von der Historikerin und Journalistin Gudula Walterskirchen (Herausgeberin "Niederösterreichische Nachrichten" und "Burgenländische Volkszeitung").

"Islamismus wird in vielen muslimischen Ländern auch im Alltag immer präsenter"

Bassam Tibi, der einem breiten Publikum als Experte für die arabische Welt und den politischen Islam bekannt ist, warnte beim Podiumsgespräch vor dem wachsenden Islamismus in muslimischen Staaten: "Ich habe in den vergangenen 40 Jahren in mehr als 20 unterschiedlichen muslimischen Ländern gelebt - von Indonesien bis zum Senegal. Was ich bemerkt habe, ist, dass es dort einen Wandel zu mehr Religiosität auch im öffentlichen Leben gibt und häufig auch radikalere Strömungen präsenter werden."

Diese Entwicklung habe auch Einfluss auf das Verhältnis des Islam zu anderen Religionen. "Wer heute als Angehöriger einer Minderheit in einem muslimischen Land lebt, hat es heute zumeist nicht gut", unterstrich Islamexperte Tibi in diesem Zusammenhang. Es gebe keine Gleichberechtigung der Religionen im Koran: "Selbst Angehörige anderer monotheistischer Religionen - also des Christentums und des Judentums - werden häufig nur als Gläubige zweiter Klasse angesehen." Der Islam sei dringend reformbedürftig, "aber er kann nur von aufgeklärten Muslimen selbst verändert werden. Stimmen von außen werden bei der Mehrheit der Muslime kaum angehört werden."

"Europa hat das Recht, seine Werte selbstbewusst zu verteidigen"

Europa könne die Entwicklung eines fortschrittlichen und säkularen Islam unterstützen: "Dazu darf die Politik nicht nur mit einem Kollektiv sprechen, sondern mit einzelnen Individuen, vor allem mit modernen, aufgeklärten Kräften. Es ist eine der größten Errungenschaften der europäischen Zivilisation, den Wandel vom Kollektiv hin zum Individuum geschafft zu haben." Dies sei jedoch in muslimisch geprägten Staaten nicht der Fall. "Der Islam ist eine kollektivistische Gemeinschaft, die Umma, die diese Entwicklung noch nicht vollzogen hat. Wir in Europa dürfen keinen Rückschritt zulassen und diese Errungenschaft nicht aufgeben."

Bei der Integration von Flüchtlingen und Zuwander/innen aus vorwiegend muslimisch geprägten Ländern in Europa sei laut Tibi eine gemeinsame Wertegrundlage "als Hausordnung" entscheidend: "Die europäischen Werte sind die Errungenschaften der Aufklärung, Rechtsstaatlichkeit, Trennung von Religion und Staat sowie Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Diese Werte müssen wir selbstbewusst verteidigen." Hier dürfe die Gesellschaft in Europa keine Kompromisse eingehen: "Es kann nicht sein, dass jemand von außen kommt und die gemeinsame Wertebasis nicht anerkennt, sie vielleicht sogar unterwandern möchte. Wenn jemand die europäischen Werte nicht akzeptieren möchte, kann er nicht in unserem Europa leben", betonte Tibi.

"Ohne Konsequenzen geht Respekt vor Rechtsstaat verloren"

Zudem sei es unbedingt notwendig, Flüchtlingen klar die Werte des Zusammenlebens zu vermitteln, wie das in Österreich im Rahmen der verpflichtenden Wertekurse geschehe. Es brauche vor allem mehr Respekt vor dem Rechtsstaat sowie eine strengere und konsequentere Anwendung bestehender Gesetze, damit das Zusammenleben vor dem Hintergrund der verstärkten Zuwanderung aus muslimisch geprägten Ländern gelingen kann: "Der Staat muss klarmachen, dass seine Gesetze und Werte einzuhalten sind - ohne Wenn und Aber." Es muss Konsequenzen haben, wenn die europäische Werteordnung nicht respektiert wird." Wer in einer aufgeklärten Gesellschaft leben möchte, müsse sich auch an die herrschenden Regeln halten. Tibi: "Es gibt Muslime, die Europa und unsere Werte ablehnen und mit Europäern nichts zu tun haben möchten. Da frage ich mich: Wieso wollen sie dann hier leben? Das passt nicht zusammen."

Nächstes ÖIF-Gespräch mit Hamed Abdel-Samad am 22. Februar in Salzburg

Der Österreichische Integrationsfonds lädt regelmäßig Wissenschaftler/innen, Autor/innen, Historiker/innen und Philosoph/innen zu Podiumsgesprächen und Lesungen, um die Bedeutung einer gemeinsamen Wertebasis für das Zusammenleben sowie die gesellschaftlichen Herausforderungen und aktuelle Entwicklungen zu Integration aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Am 22. Februar spricht Autor und Publizist Hamed Abdel-Samad ("Integration - Ein Protokoll des Scheiterns") mit Journalist Michael Fleischhacker in Salzburg über die Herausforderungen bei der Integration von Muslim/innen in Europa und Wertehaltungen für ein friedliches Zusammenleben in einem säkularen Staat. Alle Informationen und Details finden Sie unter www.integrationsfonds.at/veranstaltungen.

 

 

v.l.n.r.: Moderatorin Gudula Walterskirchen, Autor Bassam Tibi und ÖIF-Direktor Franz Wolf

Bassam Tibi im Gespräch mit Gudula Walterskirchen: „Der Staat muss klarmachen, dass seine Gesetze und Werte einzuhalten sind – ohne Wenn und Aber.“ © Thomas Unterberger/www.superberg.at