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Montag, 25. Februar 2019 09:11

Hamed Abdel-Samad: „Man kann Muslime nicht über den Islam integrieren“

Publizist Hamed Abdel-Samad im ÖIF-Gespräch mit Journalist Michael Fleischhacker über Werthaltungen im Islam als Integrationshindernis, Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben in einem säkularen Staat und eine selbstbewusste europäische Identität.

Am 22. Februar 2019 sprach der deutsch-ägyptische Publizist und Autor Hamed Abdel-Samad auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) und der Carl Friedrich von Weizsäcker-Gesellschaft in Salzburg über das Verhältnis zwischen säkularem Staat und Islam, die Herausforderungen in der Integration von Muslim/innen und darüber, welche Werthaltungen für ein friedliches Zusammenleben in einem säkularen Staat relevant sind. In seinem aktuellen Buch "Integration - Ein Protokoll des Scheiterns" (2018) befasst sich Abdel-Samad mit der Integrationspolitik in Europa und den Voraussetzungen für ein gutes Miteinander in einer pluralen Gesellschaft. Moderiert wurde das Podiumsgespräch im Salzburg Congress von Journalist Michael Fleischhacker, Geschäftsführer der Medien- und Rechercheplattform Quo Vadis Veritas.

"Der politische Islam kennt keine verantwortlichen Bürger"

Hamed Abdel-Samad wurde für seine intensive Auseinandersetzung mit den Themenfeldern Islam und Islamismus bereits mehrfach ausgezeichnet: 2012 erhielt er den Bayerischen Fernsehpreis, im Jahr 2015 wurde ihm die Josef-Neuberger-Medaille der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf verliehen. Beim ÖIF-Podiumsgespräch warnte er vor einem politischen Islam, der sich als Staatsgestalter sieht und nicht nur als Religion: "Der politische Islam möchte die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen und Normen formen. Dabei kennt er eigentlich keinen Staat, sondern nur eine Gemeinschaft der Gläubigen, die als Kollektiv gesehen werden - die Umma." Daher sei im politischen Islam auch das Konzept des eigenverantwortlichen Bürgers unbekannt, so Abdel-Samad: "Diese kollektivistische Werthaltung ist nicht mit unserem Verständnis eines Rechtsstaats in Einklang zu bringen und steht einer Integration entgegen."

"Muslime in Europa haben alle Möglichkeiten"

Um den Herausforderungen der Integration von Muslim/innen in Europa zu begegnen, fordert Abdel-Samad einen neuen Ansatz: "Diskussionen darüber, ob muslimische Mädchen nun am Schwimmunterricht teilnehmen müssen und dass man Schülern das Fasten ermöglichen müsse, bringen uns nicht weiter. Jedes bisschen Abweichen von unseren Werten, Lehrplänen und Gesetzen bewirkt das Gegenteil von Integration." Man könne Muslim/innen nicht "über den Islam" integrieren, vor allem nicht in Schulen. Vielmehr gelte es sicherzustellen, dass alle Kinder Werte wie Individualismus und Selbstbestimmung kennen und verstehen lernen: "Die Schule muss ein offener, neutraler Ort für alle sein und darf Schüler nicht nach dem religiösen Bekenntnis trennen. Radikale Überzeugungen haben hier keinen Platz: Aufgabe der Schule ist es, Kinder mit Wissen auszustatten, damit sie sich selbst ein Bild von der Welt machen können."

Europa biete insbesondere jungen Muslim/innen alle Möglichkeiten - das überfordere viele jedoch: "Viele junge Muslime sind mit Problemen in ihrer Identität konfrontiert: Sie können an die Inhalte des Koran in der modernen, westlichen Gesellschaft nicht anschließen." Zu bedauern sei, dass viele Muslim/innen gar nicht erkennen würden, welche Bereicherung das Leben in einer liberalen Gesellschaft für sie sein könnte: "Wenn Muslime in Europa anerkennen, dass Vielfalt auch eine Bereicherung darstellt, wäre viel gewonnen." Besonders schwierig sei, wenn Zuwander/innen in Europa die geltenden Regeln und Werte sogar ablehnen: "Wie kann ich in einer Gesellschaft leben wollen, von der ich denke, dass mein Gott sie hasst, weil alle in dieser Gesellschaft Sünder sind? Das geht für mich nicht zusammen."

"Europa braucht eine gefestigte Identität"

Für eine gelungene Integration von Flüchtlingen und Zuwander/innen aus muslimisch geprägten Ländern in Österreich und Europa braucht es für Abdel-Samad also eine Übereinkunft über eine gemeinsame Wertegrundlage auf Basis der Verfassung. Diese müsse sich in erster Linie an den Errungenschaften der Aufklärung orientieren. Voraussetzung dafür sei, dass Europa sich seiner Identität bewusst wird. "Wir müssen uns fragen: Was ist eigentlich unsere Identität? In unserem liberalen Europa gelten die Werte der Aufklärung wie Freiheit, Demokratie und Individualismus. Das müssen Menschen, die nach Europa kommen, um hier zu leben, auch akzeptieren und ebenfalls danach leben wollen", betonte Abdel-Samad. "Meiner Meinung nach ist die Freiheit des Individuums das höchste Gut in unserer Gesellschaft. Und das ist es, was wir in der Wertedebatte vermitteln müssen." In diesem Zusammenhang kritisierte Hamed Abdel-Samad den Opfer-Reflex vieler Muslim/innen: "Sachliche Kritik muss möglich sein, ohne dass gleich die Rassismuskeule geschwungen wird." Jeder Muslim habe in Europa alle Rechte, seine Religion auszuleben: "Es steht jedem frei, zu glauben, wie und was er will. Aber man darf in einem säkularen Staat niemand anderem vorschreiben, dasselbe zu glauben."

Nächstes ÖIF-Gespräch: Rüdiger Safranski am 20. März 2019 in Wien

Der Österreichische Integrationsfonds lädt regelmäßig Historiker/innen, Wissenschaftler/innen, Philosoph/innen und Autor/innen zu Podiumsdiskussionen und Lesungen, um die Bedeutung einer gemeinsamen Wertebasis für das Zusammenleben sowie die gesellschaftlichen Herausforderungen und aktuelle Entwicklungen im Bereich der Integration aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Am 20. März spricht Philosoph und Autor Rüdiger Safranski mit Journalist Michael Fleischhacker im WMW-Forum im Wiener Weltmuseum. Alle Informationen und Details finden Sie unter www.integrationsfonds.at/veranstaltungen.

ÖIF-Podiumsgespräch in Salzburg mit Publizist Hamed Abdel-Samad: "Wenn Muslime in Europa anerkennen, dass Vielfalt auch eine Bereicherung darstellt, wäre viel gewonnen." © Marc Stickler