Ahmad Mansour: „Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Kraft und Verständnis auf beiden Seiten braucht“

Podiumsgespräch von ÖIF und Land Niederösterreich: Autor Ahmad Mansour über patriarchale Einstellungen als Integrationshindernis, die Notwendigkeit der Akzeptanz von liberalen europäischen Werten und darüber, wie viel Toleranz notwendig und sinnvoll ist.

V.l.n.r.: Stv. ÖIF-Direktor Roland Goiser, Autor und Podiumsgast Ahmad Mansour, Moderatorin Gudula Walterskirchen und der niederösterreichische Landesrat Gottfried Waldhäusl © Thomas Unterberger/Superberg

Die Herausgeberin der "Niederösterreichischen Nachrichten", Gudula Walterskirchen, moderierte das Podiumsgespräch. © Thomas Unterberger/Superberg

Ahmad Mansour: "Wenn wir aus falscher Zurückhaltung und Angst Phänomene nicht offen diskutieren können, sind wir als Gesellschaft gelähmt." © Thomas Unterberger/Superberg

Am 25. November 2019 sprach der deutsch-israelische Psychologe und Autor Ahmad Mansour (Aktuelles Buch: „Klartext Integration – gegen falsche Toleranz und Panikmache“) auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) und des Landes Niederösterreich über die Integration von Frauen und Männern aus muslimisch geprägten Ländern, patriarchale Strukturen und darüber, wie es aktuellen Integrationsherausforderungen entgegenzutreten gilt. Moderiert wurde das Podiumsgespräch im Ostarrichisaal des Landhaus Niederösterreich in St. Pölten von Journalistin Gudula Walterskirchen (Herausgeberin „Niederösterreichische Nachrichten“).

„Probleme nicht verschweigen“

Migration aus Ländern, in denen stark patriarchale Denkmuster und Regeln weitergegeben werden, konfrontiert Europa laut Ahmad Mansour mit Fragen nach den eigenen liberalen Einstellungen und Werthaltungen: „Wenn wir mit Phänomenen wie etwa dem Kopftuch bei kleinen Mädchen oder der Bevormundung von Frauen durch Familien konfrontiert sind, müssen wir uns als europäische Gesellschaft plötzlich selbst die Fragen stellen: Wer sind wir? Was macht uns aus und was sind wir bereit zu akzeptieren?“ So gebe es einen großen Teil der Gesellschaft in Europa, der nicht offen und aufrichtig über Herausforderungen und Probleme im Zusammenhang mit Integration reden wolle, aus Angst, politische Randgruppen zu bedienen. Mansour: „Wenn wir aber Phänomene nicht offen diskutieren können, sind wir als Gesellschaft gelähmt. Tabuisieren bringt uns nicht weiter.“

„Moralisierung der Integrationsdebatte verhindert Weiterentwicklung“

Integrationsmaßnahmen wie die Pflicht zum Deutschlernen oder auch das Kopftuchverbot bei kleinen Mädchen sind aus der Sicht des Autors und Psychologen notwendig, um allen Menschen ein gleichberechtigtes Leben in einer liberalen Gesellschaft zu ermöglichen: „Vor allem Mädchen und junge Frauen profitieren davon, wenn man sie vor solchen Einschränkungen schützt.“ Kritik an diesen Maßnahmen sei zwar wichtig für eine offene Diskussion, führe aber oft zu einer Moralisierung der Debatte: „Man ist nicht der bessere Mensch, weil man gegen verpflichtende Integrationsmaßnahmen oder Abschiebungen ist. Damit lässt man vor allem Kinder und Frauen im Stich. Die Moralisierung der Integrationsdebatte verhindert, dass wir Probleme offen ansprechen und gemeinsam Lösungen erarbeiten.“

Integration brauche durchdachte Maßnahmen und einen langen Atem: „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die viel Kraft und Verständnis auf beiden Seiten braucht.“ Die Aufgabe der Aufnahmegesellschaft sei es, Zuwander/innen durch Integrationsmaßnahmen dabei zu fördern. Ahmad Mansour plädierte dafür, bei der Integration von Migrant/innen mit Selbstbewusstsein Grundsätze des Zusammenlebens wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu vermitteln und einzufordern: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Musliminnen in unseren Ländern nicht dieselben Rechte haben wie österreichische und deutsche Frauen.“

„Nächste Generation an Mädchen und Jungen hat freies Leben verdient“

Um der Benachteiligung von Mädchen und Frauen in Zukunft entgegenzutreten, müsse man Väter und Mütter gleichermaßen erreichen: „Wir müssen von Anfang an klarstellen, dass wir Parallelgesellschaften nicht akzeptieren.“ Als Schlüssel sieht Mansour hierbei die nächste Generation: „Sie wachsen in einem liberalen, demokratischen Land auf, werden jedoch in ihren Familien oft von den patriarchalen Vorstellungen ihrer Eltern geprägt. Deshalb müssen wir hier investieren und gemeinsam dafür sorgen, dass sie frei von Zwängen und patriarchalen Regeln aufwachsen können.“

ÖIF-Podiumsgespräche zu aktuellen Integrationsthemen

Der Österreichische Integrationsfonds lädt Wissenschaftler/innen, Autor/innen, Historiker/innen und Philosoph/innen zu Podiumsgesprächen und Lesungen, um die Bedeutung von kulturellen Einflüssen auf das Zusammenleben sowie die gesellschaftlichen Herausforderungen und aktuelle Entwicklungen zu Integration aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Alle Informationen und Details finden Sie unter www.integrationsfonds.at/veranstaltungen