Fürs Leben lernen 03/2014




Hoch konzentriert sitzen Lilli (rechts) und Susi nebeneinander, versunken in ihr Spiel. Die Holzklötze mit herausnehmbaren Buchstaben und Zahlen haben die Mädchen in ihren Bann gezogen. "Hast du das P?", fragt Lilli. Susi kramt kurz, findet den gesuchten Holzbuchstaben und sagt: "Ja, und da brauchen wir einen 3er." Das Spiel ist so simpel wie fesselnd - und ganz wie von selbst üben die beiden Mädchen dabei, über Buchstaben und Zahlen zu sprechen.
"Alltagssprache ist Deutsch"
"Kinder lernen am meisten voneinander", sagt Barbara Blaseotto, Leiterin des Kindergartens von Lilli und Susi. "Am deutlichsten merkt man das bei den Sprachkenntnissen." Tatsächlich: Wer den Mädchen beim Spielen zuhört, wird nicht erkennen, dass Lillis Vater Syrer ist und sie auch Arabisch und Englisch spricht. Ihr Deutsch ist ebenso perfekt wie das von Susi, deren Eltern aus der Slowakei und Ungarn stammen. Insgesamt haben im Kindergarten Ziegelofengasse in Wien- Margareten rund vier von fünf Kindern eine andere Muttersprache als Deutsch. "Wir sind eine kunterbunte Gruppe", sagt Blaseotto. "Da alle Gruppen auf Deutsch und Englisch geführt werden, sind die meisten Kinder dreisprachig. Die Alltagssprache ist Deutsch."
Vielfalt als Normalfall
In Österreichs Kindertagesheimen ist Vielfalt längst der Normalfall. Im Schnitt haben 29 Prozent der Kinder in Kindergärten, Krippen, Horten und altersgemischten Einrichtungen eine andere Muttersprache als Deutsch (siehe Zahlen und Fakten). Damit alle Kinder die Sprache beim Schuleintritt so gut beherrschen, dass sie dem Unterricht problemlos folgen können, bieten die Kindergärten gezielte Förderung an. "Das darf man sich nicht wie Unterricht in der Schule vorstellen, sondern als Teil vom Spielen, Turnen und Singen", erklärt Blaseotto. "Auf Spaziergängen bitten wir die Kinder etwa, zu beschreiben, was sie sehen. Mit den so gesammelten Begriffen lassen wir sie dann eine Geschichte erzählen. Oder wir bitten sie beim Vorlesen, das Ende der Erzählung selbst zu erfinden." Auch Rollenspiele und Gedichte stärken Wortschatz, Sprachgefühl und Kreativität der Kleinen.
Für zweites Kindergartenjahr
Dass gezielte Sprachförderung etwas bringt, ist messbar: "Wir testen den Entwicklungsstand der Kinder erstmals im Alter von vier Jahren, ein Jahr später ein zweites Mal. Dabei sehen wir eindeutig: Geförderte Kinder entwickeln sich sprachlich schneller als andere", erklärt Bettina Wachter, Pädagogische Koordinatorin des Vereins Kinder in Wien (KIWI), der den Kindergarten Ziegelofengasse führt. "Umgekehrt stellen wir fest, dass bei Kindern mit geringen Deutschkenntnissen, die nur ein Jahr in den Kindergarten gehen, die Zeit oft nicht reicht, um sie sprachlich fit für die Volksschule zu machen", sagt Wachter. "Daher bin ich für die Einführung eines zweiten verpflichtenden Kindergartenjahrs. Je länger wir die Kinder vor dem Eintritt in die Schule fördern können, desto leichter haben sie es dann beim Lernen."
"Geförderte Kinder entwickeln sich sprachlich schneller als andere." Bettina Wachter, Pädagogische Koordinatorin bei Kinder in Wien
Spätfolgen bei Jugendlichen
Wie groß der Zusammenhang zwischen Sprachkenntnissen und Bildungserfolg ist, zeigt ein Blick in die Statistik: Am Ende der Hauptschule brechen Jugendliche ohne deutsche Muttersprache die Schule dreimal so oft vorzeitig ab wie Altersgenossen, die in deutschsprachigen Familien aufgewachsen sind. Jede und jeder Achte von ihnen verlässt das Bildungssystem ohne Abschluss. Die Konsequenz: Ohne Ausbildung sind sie häufiger arbeitslos als der Durchschnitt; finden sie einen Job, ist dieser meist schlecht bezahlt. Doch kann Sprachförderung bei Kleinkindern tatsächlich den Ausschlag dafür geben, ob sie rund zehn Jahre später die Schule abbrechen - oder eben nicht? Ja, das kann sie. Das zeigen zahlreiche nationale und internationale Erhebungen, die das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft in einer Vergleichsstudie analysiert hat (siehe Service & Tipps auf Seite 11). Der Kindergarten könne zwar nicht alle Bildungsnachteile ausgleichen, die aufgrund der Herkunft bestehen, schreiben die Autoren, aber die dortigen Fördermaßnahmen hätten definitiv einen langfristigen positiven Effekt: Kinder, die Hort, Krippe oder Kindergarten besuchen, haben später mehr Freude am Lernen, besuchen eher höhere Schulen und sind seltener von Sitzenbleiben oder Schulabbruch betroffen als der Schnitt.
Ausbau ab 2015
Von Sprachförderung im Kindergarten profitiert so auch die Gesellschaft als Ganzes. Erstmals wurde sie 2008 aus Bundesmitteln angeboten, drei Jahre später jedoch aus Geldmangel nicht verlängert. Der damalige Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz führte die Sprachförderung 2011 wieder ein. Ab nächstem Jahr wird sie nun deutlich ausgebaut: 20 statt wie bisher 5 Millionen Euro stehen dann jährlich zur Verfügung. "Bisher reichten die Mittel oft nur, um die Kinder im letzten Jahr vor der Einschulung zu fördern", sagt Birgit Kofler, die als Leiterin des Teams Sprache beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) für die Qualitätssicherung bei der Sprachförderung zuständig ist. "Pädagogisch ist es aber am sinnvollsten, so früh wie möglich zu beginnen. Mit den zusätzlichen Mitteln kommen wir dem Ziel einen großen Schritt näher, jedes Kindergartenkind zu erreichen, das Sprachförderung braucht - egal, wie jung es ist oder wo es lebt."
"Pädagogisch ist es am sinnvollsten, so früh wie möglich zu fördern." Birgit Kofler, ÖIF-Sprachexpertin
Unterstützung auch zu Hause
So wertvoll der Kindergartenbesuch auch ist: Die wichtigsten Bezugspersonen jedes Kindes bleiben seine Eltern. "Wir verstehen unsere Arbeit als Erziehungspartnerschaft mit ihnen", sagt Bettina Wachter von KIWI. "Die Förderung in der Familie und im Kindergarten muss Hand in Hand gehen." Wie die Eltern ihre Kinder bestmöglich unterstützen können, erfahren sie in den KIWI-Kindergärten in individuellen Entwicklungsgesprächen, die zweimal jährlich stattfinden. "Wir sprechen dabei in einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern über die Fortschritte des Kindes", erklärt Wachter. "Dieses Angebot wird sehr gut angenommen - schließlich wollen alle Eltern das Beste für ihr Kind."
Jede Sprache ist Bereicherung
Wie wertvoll Förderung durch die Eltern ist, weiß Zwetelina Ortega aus eigener Erfahrung. Als Tochter bulgarischer Eltern, deren Mutter auf Kuba aufgewachsen war, wurde sie mit Bulgarisch und Spanisch aufgezogen. "Als ich im Volksschulalter war, sind wir nach Österreich gezogen. Da kam Deutsch als dritte Sprache dazu", erzählt sie. Heute berät Ortega Eltern und Pädagogen zum Thema mehrsprachige Erziehung. "Bei Sprachförderung gibt es kein 'zu früh'", betont sie. "Sie wirkt sich positiv auf die gesamte geistige Entwicklung des Kindes aus." Sprache sei ein zentraler Bestandteil der eigenen Identität, begleite uns das ganze Leben hindurch. "Das betrifft alle Sprachen, die in einer Familie gesprochen werden", sagt Ortega. "Deutsch ist für den Alltag in Österreich die wichtigste Sprache, doch auch andere Sprachen, mit denen Kinder aufwachsen, sind ein wertvolles Gut, das wir nicht verkümmern lassen sollten. Jede Sprachkompetenz ist eine Bereicherung."
"Sprachförderung wirkt sich positiv auf die gesamte geistige Entwicklung aus." Zwetellina Ortega, Beraterin zu mehrsprachiger Erziehung
Konflikte verbal lösen
Wie sehr Sprachförderung die Kinder bereichert, sieht Barbara Blaseotto jeden Tag. "Wir erkennen ihren Fortschritt daran, dass sie die Sprache im Alltag verwenden, miteinander sprechen", sagt die Kindergartenleiterin, während Lilli und Susi immer noch ganz in ihr Spiel mit Holzbuchstaben und -zahlen vertieft sind. "Ein entscheidender Punkt ist auch, dass die Kinder lernen, Konflikte verbal statt körperlich zu lösen. Wenn sie nicht in der Lage sind, sich auszudrücken, fühlen sie sich hilflos. Wenn sie dagegen sagen können, was sie möchten, öffnet sich eine neue Welt für sie."