25.03.2021, 13:42 Uhr

Hartmut Rosa bei ÖIF-Podiumsgespräch: „Heimat ist ein Ort, an dem ich mit Menschen und Dingen in Resonanz treten kann“

Sozialwissenschaftler Hartmut Rosa im Gespräch mit Köksal Baltaci über die Herausforderungen unserer Gesellschaft in Zeiten von COVID-19 und die Bedeutung von Solidarität und Zusammenhalt

Fotocredit: Eugénie Sophie Berger

Fotocredit: Eugénie Sophie Berger

Am 25. März 2021 sprach der deutsche Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) via Livestream über die Herausforderungen einer modernen Gesellschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Interview führte der Innenpolitik- und Chronik-Redakteur der Tageszeitung „Die Presse“ Köksal Baltaci. Hartmut Rosa zählt zu den bekanntesten deutschen Sozialwissenschaftlern der Gegenwart. Seit 2005 lehrt er an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist seit 2013 Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Zeitsoziologie, Kommunitarismus und Theorie der Moderne. Zudem ist er Autor mehrerer Bücher, u.a. „Beschleunigung und Entfremdung“ (2013), „Resonanz“ (2016) sowie „Unverfügbarkeit“ (2018).

„Die Gesellschaft befindet sich in einem Krisenmodus“
In seinem Buch „Beschleunigung und Entfremdung - Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit(Suhrkamp Verlag) stellte Hartmut Rosa bereits 2013 die These auf, dass sich die moderne Gesellschaft durch eine Überhitzung des sozioökonomischen Systems in einem Krisenmodus befindet: „Wir haben das Gefühl der latenten Überforderung, wir können nicht mehr mithalten oder fallen schon aus allen Systemen heraus. Jedes Jahr müssen wir schneller laufen, mehr produzieren, nur um das Bestehende zu erhalten.“ Davon seien alle betroffen, aber in ganz unterschiedlicher Weise. Kritisch wird es laut Rosa, wenn es kein Ausruhen gibt, keine Ziellinie oder wenn man gar nicht mehr in der Lage sei, die To-do-Liste abzuarbeiten. Menschen stehen unter Dauerstress. Als Einzelne/r könne man das Problem zwar nicht lösen, dies bedeute aber nicht, dass man nichts tun könne: „Wir können als Einzelne das strukturelle Zeitproblem nicht heilen, aber man kann lernen, besser damit umzugehen.“

 „Wir sind durch Corona physisch stillgestellt, während wir tatsächlich rasen“
Die Zeit der Pandemie bezeichnet Rosa als „Experimentierlabor“. Er erlebte die Zeit im Lockdown als eine radikale Entschleunigung und Ruhephase: „Es gab auch Berufszweige, die waren beschleunigt, in Pflegeheimen zum Beispiel oder im gesamten Gesundheitswesen und bei der Polizei. Wir sind physisch in Zeiten des Lockdowns stillgestellt, während wir tatsächlich rasen. Wir haben das Rasen ganz stark in den digitalen Zweig gelegt. Die Weltreichweite ist physisch geschrumpft, aber wir haben schnell gelernt zu füllen und zu simulieren. Der Dauerdatenstrom ist sehr mächtig geworden.“ Die Menschen stellen, so Rosa, gerade fest, dass „ganz gleich wie gut unsere Technologien, unsere Smartphones sind, wir letztendlich extrem verletzliche, vulnerable menschliche Wesen sind. Wir können unsere Welt nicht kontrollieren.“ Laut Rosa können wir aus der Krise zwei Dinge lernen: „Wir lernen durch Umwege zu arbeiten und wir lernen, dass wir als Gesellschaft schon in der Lage sind, zielstrebig konzentriert zu handeln. Das kann eine ermutigende Erfahrung sein, die uns vielleicht auch nach der Pandemie hilft. Eine Krise kann auch Vorteile haben.“

„In Krisenzeiten entsteht Solidarität neu“
Die Soziologie könne nicht vorhersagen, ob die Solidarität nach der Pandemie höher oder niedriger sein werde. “Nicht, weil wir nicht genügend wissen, sondern weil soziales Handeln nicht determiniert ist. Es hängt davon ab, was wir aus der Situation machen. Wir sollten nicht fragen, wie wird es danach sein, sondern wie wollen wir es danach machen. Welche Lehren wollen wir ziehen?“  Weiters betont er: „In Krisenzeiten entsteht Solidarität neu, weil die Institutionen nicht mehr greifen.“ Für die Solidarität definiert er zwei Herausforderungen: Erstens, dass sie gegenwärtig an den Staatengrenzen ende, obwohl es ein globales Phänomen sei und zweitens, dass Solidarität im gefühlten Zusammensein entstehe, welches so unter den aktuellen Bedingungen nicht möglich sei: „Menschliches Zusammensein erfahren wir gerade jetzt als Problem, als Bedrohung. Das kann dazu führen, dass sich die gesellschaftliche Spaltung vergrößert.“ Für den Soziologen steht fest, dass Gesundheit mittlerweile ein öffentliches Gut geworden ist, weshalb der Gedanke einer Schicksalsgemeinschaft befördert werden sollte: „Das Wohlergehen der Personen, die wir als die Anderen wahrnehmen, muss uns auch am Herzen liegen.“

„Wir brauchen den Wir-Begriff, um Diversität und Differenz ernst nehmen zu können“
Rosa plädiert für mehr Sensibilität anderen Positionen und Meinungen gegenüber. „Wir brauchen den Wir-Begriff um Diversität und Differenz ernst nehmen zu können. Zusammenleben gelingt da, wo Resonanzen ins Spiel kommen, wo man die anderen auch wirklich hört und sieht und sich auch gehört und gesehen fühlt. „Menschen fühlen sich zugehörig, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Stimme auch gehört wird und dass sie selbstwirksam beteiligt sind.“ In Bezug auf Integration sollte laut Rosa es nicht um die Zementierung von Identitäten gehen, sondern „das Ingangsetzen eines Resonanzprozesses“.

„Heimat muss nicht der Ort der Herkunft sein.“
Die Pandemie habe unser Raumbewusstsein verändert, sagt Hartmut Rosa: „Ich glaube in unserem körperlichen Erleben hat sich unsere Weltbeziehung gerade massiv verändert. Die Wohnung wurde wieder zum Mittelpunkt für die Menschen, und für viele Menschen sind Naturerfahrungen zur verlässlichsten Resonanzquelle geworden.“ Als Heimat bezeichnet er nicht zwangsläufig den Ursprungsort. Dennoch sieht er eine Tendenz dahingehend, dass die Menschen gerade in Zeiten einer Pandemie die ländlichen Gebiete bevorzugen. „Für viele Menschen ist Heimat der Ort der Herkunft, aber das muss es nicht sein. Heimat ist ein anverwandelter Weltausschnitt, ein Ort, an dem ich mit Menschen, Dingen in Resonanz treten kann.“

ÖIF-Veranstaltungen in voller Länge nachschauen
Der Österreichische Integrationsfonds lädt laufend Wissenschafter/innen, Autor/innen, Historiker/innen und Philosoph/innen zu Podiumsgesprächen und Lesungen ein, um aktuelle Entwicklungen in der Integration aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Zuletzt zu Gast waren etwa Migrationsforscher Ruud Koopmans und Philosoph Peter Sloterdijk. Die Podiumsdiskussionen zum Nachsehen in voller Länge sind in der ÖIF-Mediathek unter www.integrationsfonds.at/mediathek abrufbar.