Mittwoch, 29. August 2018 14:01

ÖIF bei Europäischem Forum Alpbach: „Wie viel Anpassung braucht Integration?“

Breakout Session zu Identität und Heimatbegriff mit BM Karin Kneissl, Seyran Ateş, Matthias Beck, Susanne Raab und Christian Stadler

Bei der Breakout Session des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) beim Europäischen Forum Alpbach diskutierten Außen- und Integrationsministerin Karin Kneissl, Seyran Ateş, Rechtsanwältin und Gründerin einer liberalen Moschee in Berlin, Christian Stadler, Rechtsphilosoph und Mitglied des unabhängigen Expertenrats für Integration, Matthias Beck, Universitätsprofessor für Moraltheologe mit Schwerpunkt Medizinethik und Susanne Raab, Leiterin der Sektion Integration im Außen- und Integrationsministeriums (BMEIA) am 27. August die Frage „Wie viel Anpassung braucht Integration?“. 

BM Karin Kneissl: „Identität, die zu stark auf Konfession fokussiert statt auf Staat, in dem ich lebe, wird zu Problem bei Integration“

Außen- und Integrationsministerin Karin Kneissl sprach bei der Eröffnung der Breakout Session über ihre eigenen Integrationserfahrungen: „Ich habe selbst viele Jahre im Ausland gelebt, was mich sehr stark geprägt hat. Wenn man auf sich selbst gestellt ist, sich durchboxen muss, lernt man Land und Leute sehr schnell kennen. Ich habe versucht aus jedem Land, aus jeder Erfahrung, etwas für mich mitzunehmen. Für mich hat auch der Begriff der geistigen Heimat deshalb besondere Bedeutung – das ist jene Heimat, in der ich mich der Geisteshaltung verbunden fühle.“ Für Flüchtlinge und Zuwander/innen sei die Frage der Identität vielfach eine Zerreißprobe: „Identität, die sich zu stark auf die eigene Konfession fokussiert statt auf den Staat, in dem ich lebe, und nicht im Sinne des Pluralismus verstanden wird, kann zu Problemen bei der Integration führen,“ so Kneissl. Zu den Herausforderungen der Integration von Flüchtlingen betonte Kneissl die Bedeutung der Vermittlung österreichischer Werte, etwa im Rahmen der Werte- und Orientierungskurse des ÖIF: „Durch die starke Flüchtlingsmigration in den Jahren 2015 und 2016 sind wir heute in Österreich mit Themen wie einem fehlenden Verständnis der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft oder muslimischem Antisemitismus konfrontiert, die in Frankreich oder Belgien bereits seit Jahren virulent sind. Hier dürfen wir nicht tatenlos zusehen.“

Ateş: „Mit mehr Selbstbewusstsein für eigene Werte eintreten“

Rechtsanwältin und Moscheegründerin Seyran Ateş, die vor Kurzem auch die Eröffnung einer liberalen Moschee in Österreich ankündigte, in der Frauen und Männer gemeinsam beten, betonte: „Damit wir als Gesellschaft friedlich zusammenleben können, brauchen wir eine gemeinsame Basis, die auf unseren Grundwerten beruht. In diesem Zusammenhang müssen wir noch viel stärker als bisher einfordern, dass diese Regeln des Zusammenlebens befolgt werden und gegebenenfalls auch mit Sanktionen auf Verstöße antworten.“ Als größte Herausforderung im Zusammenleben sieht Ateş aktuell den Missbrauch von Grundfreiheiten wie der Religionsfreiheit: „Es gibt Muslime, die die Religionsfreiheit für die Verbreitung ihrer radikalen Ansichten missbrauchen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Vollverschleierung oder dem Kopftuch bei kleinen Mädchen. Das dürfen wir nicht tolerieren! Wir müssen für unsere Werte mit Selbstbewusstsein einstehen und diese vermitteln. Nur wer ein Bewusstsein für Werte und Kultur eines Landes hat, kann dieses als Heimat bezeichnen.“

Stadler: „Gelingendes Zusammenleben nur möglich, wenn Grundwerte außer Streit stehen“

„Heimat ist dort, wo ich verstehe und verstanden werde. Wo ich weiß, was mein Umfeld von mir erwartet und wo ich die Regeln, die herrschen, kenne“, betonte Rechtsphilosoph Christian Stadler im Rahmen der Breakout Session. Sprache sei dabei ein erster wichtiger Ansatzpunkt, durch den auch Kultur transportiert werde. „Zentral ist darüber hinaus die Wertevermittlung. Die Rechts- und Verfassungswerte Österreichs sind die Grundlage unseres Zusammenlebens, die außer Streit stehen müssen. Österreicher/innen müssen sich ihrer Werte bewusstwerden, Migranten müssen damit bekannt gemacht werden, dann kann Zusammenleben gelingen.“

Beck: „Erschütterungen im System führen zu Auseinandersetzungen mit eigenen Werten“

Moraltheologe Matthias Beck erklärte: „Jedem von uns wohnen verschiedene Identitäten inne. Damit wir nicht zerrissen werden, brauchen wir eine gute innere Lotung. Denn wenn wir nicht wissen, wo die eigenen Wurzeln liegen, macht uns Fremdes Angst. Aktuell herrscht eine große Sorge vor einem Heimatverlust. Um diese zu überwinden, braucht es auch eine stärkere Auseinandersetzung mit uns selbst. Die Erschütterungen, die wir aktuell in unseren westlichen Systemen, sei es in der Wirtschaft oder im gesellschaftlichen Zusammenleben, erleben, können eine Chance sein, uns wieder mit unseren eigenen Werthaltungen zu beschäftigen.“

Raab: „Integration kann nicht nur funktional definiert werden“

„Zu lange war der Integrationsbegriff rein funktional definiert, über Kategorien des Spracherwerbs oder den Einstieg in den Arbeitsmarkt“, erklärt Susanne Raab, Leiterin der Sektion Integration im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA). „Es braucht aber auch eine emotionale Verbundenheit mit dem Land, in dem ich lebe. Hier gab es, gerade auch in Hinblick auf die Gastarbeitergeneration, viele Versäumnisse, die sich auch heute noch im Zusammenleben bemerkbar machen. Nachkommen dieser Generation suchen vielfach heute noch nach ihrer Identität und wenden sich in manchen Fällen besonders konservativen Anschauungen zu, das kann im schlimmsten Fall bis zur Radikalisierung führen. Hier müssen wir aufklären und aktiv gegensteuern.“

Details zum Kamingespräch mit Seyran Ateş und Susanne Raab finden Sie hier.

ÖIF beim Europäischen Forum Alpbach 2018

V.l.n.r.: Stv. ÖIF-Direktor Roland Goiser, Christian Stadler, Seyran Ateş, Integrationsministerin Karin Kneissl, Moderator Köksal Baltaci ("Die Presse"), Matthias Beck, Sektionsleiterin Susanne Raab © Emanuel Kaser

Karin Kneissl: "Durch die starke Flüchtlingsmigration in den Jahren 2015 und 2016 sind wir heute in Österreich mit Themen wie einem fehlenden Verständnis der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft oder muslimischem Antisemitismus konfrontiert." © Emanuel Kaser

Seyran Ateş: "Nur wer ein Bewusstsein für Werte und Kultur eines Landes hat, kann dieses als Heimat bezeichnen." © Emanuel Kaser