05.02.2020, 14:27 Uhr

Bruckner: „Berechtigte Religionskritik und antimuslimische Haltungen nicht vermischen“

Politikwissenschafterin Scholz, Botschafter a.D. Weinberger und Philosoph Bruckner sprechen über die Verwendung des Begriffs der Islamophobie und die Notwendigkeit einer konstruktiven Debatte über den Islam.

v.l.n.r.: ÖIF-Direktor Franz Wolf, Philosoph Pascal Bruckner, Moderator Köksal Baltaci, Politikwissenschafterin Nina Scholz und Botschafter a.D. Gerhard Weinberger Foto: Hannah und René

Philosoph Pascal Bruckner betonte, dass Kritik am politischen Islam kein Generalverdacht gegen Muslim/innen bedeutet. Foto: Hannah und René

Gerhard Weinberger, ehemaliger Botschafter in Tunesien, plädierte dafür liberale Muslim/innen zu stärken. Foto: Hannah und René

Über den Begriff der „Islamophobie“, den Einfluss des politischen Islam auf das Zusammenleben und die Notwendigkeit einer offenen Debatte über die damit verbundenen Herausforderungen bei der Integration diskutierten am 4. Februar auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) der französische Essayist und Philosoph Pascal Bruckner, die Politikwissenschafterin Nina Scholz und der ehemalige Botschafter und Schriftsteller Gerhard Weinberger. Moderiert wurde das Podiumsgespräch von Journalist Köksal Baltaci („Die Presse“).
 

Bruckner: „Liberale Muslime müssen stärker gefördert werden“

Der französische Philosoph und Essayist Pascal Bruckner befasste sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Phänomen der so genannten „Islamophobie“. Er veröffentlichte dazu 2017 das Buch „Un racisme imaginaire – La Querelle de l’islamophobie“ (zu Deutsch: "Ein imaginärer Rassismus – Der Streit um die Islamophobie“). Für Bruckner werde der Vorwurf der Islamophobie vor allem dazu verwendet, um sachliche Kritik an problematischen Entwicklungen im Islam zu diskreditieren: „Anstatt sich mit dem Inhalt der vielfach berechtigten Kritik auseinanderzusetzen, wird den Kritikern eine antimuslimische Grundhaltung unterstellt. Wir dürfen uns niemals mit dem Vorwurf der Islamophobie unter Druck setzen und erpressen lassen – einem Wort, das erfunden wurde, um die Kritiker einer Religion mundtot zu machen.“ Bruckner betont dabei, dass berechtigte Kritik am politischen Islam keinen Generalverdacht gegen Muslim/innen bedeuten dürfe: „Als Gesellschaft müssen wir unterscheiden – zwischen moderaten, liberalen Muslimen und radikalen. Und wir müssen aufgeklärte Prediger, Imame und Intellektuelle dabei unterstützen, den Koran differenziert zu interpretieren.“
 

Scholz: „Islamophobie kein wissenschaftlich geeigneter Begriff für Debatte“

Politikwissenschafterin und Autorin Nina Scholz forscht und publiziert unter anderem zu den Themen Islam und Antisemitismus. Den Begriff der Islamophobie hält sie für untauglich: „Der Begriff subsumiert jegliche Kritik am Islam und ist damit für eine konstruktive Auseinandersetzung nicht brauchbar, weil er auch berechtigte Kritik an bestimmten Regeln und Praktiken mit antimuslimischen Ressentiments gleichsetzt.“ Scholz betont, dass dies ein gezieltes Mittel des politischen Islam sei, Reformen durch liberale Muslime zu verhindern: „Der politische Islam strebt danach, die muslimische Community in Europa zu vereinnahmen. Dabei werden Reformideen oder berechtigte Kritik sofort pauschal als ‚islamophob‘ abgetan.“ Liberale Gesellschaften in Europa müssen die zahlreichen Forderungen des politischen Islam kritisch betrachten: „Jegliche Freiheiten, auch die Religionsfreiheit, sind aus der Verfassung abgeleitet. Die Freiheit des einen darf die eines anderen niemals einschränken. Menschenrechte sind und bleiben die Grundlage für die Bewertung aller Forderungen seitens Religionsgemeinschaften. Wo etwa Frauen und Mädchen darin beschränkt werden, müssen wir klarstellen, dass diese Freiheiten nicht verhandelbar sind. “
 

Weinberger: „Vor allem Mädchen und Frauen leiden unter Enge des fundamentalistischen Islam“

Autor Gerhard Weinberger, der viele Jahre als Botschafter in Tunesien gewirkt hat, wies auf die Bedeutung einer kritischen und aufrichtigen Diskussion über den politischen Islam hin: „Es gibt viele Musliminnen und Muslime, die den Islam reformieren, ‚nach vorne‘ entwickeln und aus den Zwängen von Fundamentalisten befreien möchten. Sie werden jedoch – und das habe ich selbst in Tunesien oftmals erlebt – von Anhängern des politischen Islam daran gehindert und viel mehr noch, unter dem Vorwurf der ‚Islamophobie‘ diskreditiert.“ Dabei laufe man Gefahr, echte Reformen zu verhindern: „Berechtigte Kritik an islamischen Regeln und Praktiken, die den Grundwerten der Demokratie entgegenstehen, darf niemals gleichgesetzt werden mit antimuslimischen Haltungen. Hier muss man klar unterscheiden!“ Weinberger plädiert dafür, eine zukunftsorientierte Debatte über den Islam anzustoßen und vor allem liberale Muslim/innen zu stärken: „Bewegungen, die den Islam weiterentwickeln möchten, sollten immer unterstützt werden. Vor allem Mädchen und junge Frauen profitieren davon; oftmals sind sie diejenigen, die sich in der Enge einer sehr fundamentalistischen Auslegung des Islam nicht frei entwickeln können und versuchen, sich davon zu lösen. Wir müssen ihnen die Chance geben, sich zu befreien, sie fördern und stärken. Dafür müssen wir auch die Eltern in die Pflicht nehmen und ihnen den Wert der individuellen Freiheit in unserer Gesellschaft vermitteln.“
 

Bruckner: „Politischer Islam steht in Widerspruch zu demokratischen Freiheiten“

Bruckner beobachtet in Frankreich, dass der Islam für viele sehr konservative Muslime immer mehr Fundament ihrer gesamten Identität sei. Der politische Islam gäbe so auch einen klaren ‚Way of Life‘ vor, der zu den liberalen Grundwerten des Landes in Widerspruch stehe: „Frankreichs muslimische Community ist die größte in Europa. Für den Großteil ist der Islam aber nicht nur Religion, sondern ihre ganze Identität – mit vielen Regeln, die einem alten kollektivistischen Denken entspringen und der individuellen Freiheit des und der Einzelnen entgegenstehen. Dazu gehört zum Beispiel auch das Tragen von Burka und Kopftuch oder auch Verhaltensregeln, die nur für Mädchen und Frauen gelten.“  Autor Bruckner betonte, dass die Entwicklung von Parallelgesellschaften die größte Gefahr für den Zusammenhalt in europäischen Gesellschaften darstelle: „Wenn sich Muslime in eigenen Vierteln abschotten, wie beispielsweise in den Vororten von Paris, und man als Nicht-Muslim als ‚Fremder‘ angesehen wird, sollten wir – als liberale Gesellschaft – dieses Warnzeichen ernstnehmen.“  
 

ÖIF-Veranstaltungen in voller Länge nachschauen

Der Österreichische Integrationsfonds lädt regelmäßig Wissenschafter/innen, Autor/innen, Historiker/innen und Philosoph/innen zu Podiumsgesprächen und Lesungen ein, um aktuelle Entwicklungen in der Integration aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Zuletzt zu Gast waren etwa Philosoph Bazon Brock, Religions- und Kulturwissenschafter Jan Assmann oder Frauenrechtlerin Leyla Hussein. Die Podiumsdiskussionen zum Nachsehen in voller Länge sind in der ÖIF-Mediathek unter www.integrationsfonds.at/mediathek.