Integrationsministerin Raab: „Null Toleranz bei Unterdrückung und Gewalt an Frauen.“

ÖIF-Podiumsgespräch mit Frauenrechtlerin Ramadani, Expertenratsvorsitzende Pabel, Integrationsexpertin Gündüz und Pädagogikprofessor Toprak über Herausforderungen und Chancen bei der Integration von weiblichen Flüchtlingen und Frauen mit Migrationshintergrund.

v.l.n.r.: Stv. ÖIF-Direktor Roland Goiser, Ahmet Toprak, Zana Ramadani, Köksal Baltaci, Nalan Gündüz, Katharina Pabel und ÖIF-Direktor Franz Wolf Foto: Mila Zytka/Superberg

Bundesministerin Susanne Raab: "Wir müssen als Gesellschaft klar vermitteln: In Österreich hat kulturell oder religiös begründete Unterdrückung und Gewalt an Frauen keinen Platz." Foto: Mila Zytka/Superberg

Zana Ramadani betonte, dass viele Frauen mit Migrationshintergrund noch in einem patriarchalen System gefangen sind. Foto: Mila Zytka/Superberg

Unter dem Titel „Integration und Selbstbestimmung – Herausforderungen und Chancen in der Integration von Frauen“ diskutierten am 5. März auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) Frauenrechtlerin und Autorin Zana Ramadani, Expertenratsvorsitzende Katharina Pabel, Integrationsexpertin Nalan Gündüz sowie Pädagogikprofessor Ahmet Toprak über Selbstbestimmung und Gleichberechtigung, den Einfluss patriarchaler Strukturen und Regeln auf die Entwicklung von Mädchen und jungen Frauen sowie über die damit verbundenen Herausforderungen bei der Integration. Moderiert wurde das Podiumsgespräch von Journalist Köksal Baltaci („Die Presse“).

Eröffnung durch Frauen- und Integrationsministerin Susanne Raab

Eröffnet wurde das Podiumsgespräch im Vorfeld des 109. Weltfrauentages von Frauen- und Integrationsministerin Susanne Raab: „Der Weltfrauentag erinnert an den Kampf der Frauen um Rechte wie Gleichberechtigung, in dem in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte erzielt werden konnten. Wir sind hier immer noch nicht am Ziel – und wir dürfen nicht zulassen, dass hart erkämpfte Errungenschaften infrage gestellt werden. Die Gleichstellung oder Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen in Österreich ist nicht verhandelbar, ganz egal, woher jemand kommt oder welcher Religion er angehört. Wir vermitteln dies klar in unseren Integrationsmaßnahmen und müssen es aber auch im Zusammenleben tagtäglich selbstbewusst einfordern.“ So sei es laut Bundesministerin Raab besonders wichtig, in Sachen Unterdrückung und kulturell bedingter Gewalt wachsam zu sein: „Bei jenen Rechten und Freiheiten, die Frauen in Österreich hart erkämpft haben, ist kein Platz für Nachsicht. Wir müssen als Gesellschaft klar vermitteln: In Österreich hat kulturell oder religiös begründete Unterdrückung und Gewalt an Frauen keinen Platz.“

Ramadani: „Viele Frauen mit Migrationshintergrund müssen für Freiheit mit Familie brechen“

Die deutsch-albanische Frauenrechtlerin und Autorin Zana Ramadani setzt sich, nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Biografie, mit patriarchalen Strukturen im Kontext von Integration auseinander: „Viele Frauen mit Migrationshintergrund sind – trotz der hier geltenden Gesetze und Freiheiten – in einem patriarchalen System gefangen, das über sie bestimmt. Mädchen und Frauen müssen demnach sittsam und still sein, haben in keiner Weise die gleichen Rechte wie Männer.“ Ramadani streicht besonders die Rolle der Mütter heraus: „Auf Müttern, die in solchen Strukturen aufwachsen, lastet enormer Druck. Sie führen oftmals patriarchale Regeln und Unterdrückungsmechanismen fort, denn sie akzeptieren es als ihre Verantwortung, dass die Tochter ‚folgsam‘ ist. Deshalb ist es so wichtig, diese Frauen zu erreichen und ihnen klarzumachen, dass sie ihren Kindern massiv schaden.“ Ein Ausbrechen aus solchen Strukturen sei oft nur mit drastischen Schritten möglich: „In den meisten Fällen muss man erst einmal mit der eigenen Familie brechen, wenn man als Frau frei und selbstbestimmt leben will. Diese mutigen Frauen brauchen Unterstützung und das klare Bekenntnis der Gesellschaft, dass ihnen diese Freiheiten zustehen und nicht verhandelbar sind.“

Gündüz: „Müssen Mädchen so früh wie möglich in Selbstbestimmung stärken“

Nalan Gündüz ist Mitarbeiterin des Mädchenförderungsprojekts „Heldinnen – Mein Leben in Meiner Hand“ in Graz. Dabei setzen sich jugendliche Mädchen mit Migrationshintergrund mit den Themen Freiheit, Selbstbestimmung und Gewaltformen auseinander. „Oft erkennen sie erst in der Reflexion gewisse Muster und Formen der Einschränkung, wie etwa ganz banal, dass sie zwar ‚auch raus dürfen‘, der Bruder aber viel öfter und länger außer Haus sein kann.“ So erleben viele Mädchen auch emotionalen Druck, wenn etwa Eltern oder Brüder sich unter dem Vorwand, sie beschützen zu wollen, in die Partner- oder Berufswahl einmischen: „Diese mehr oder weniger offenen Unterdrückungsmechanismen sind belastend für die Mädchen. In unserer Arbeit machen wir diese sichtbar und brechen sie auf. Das ebnet den Weg in die Selbstbestimmung und Eigenständigkeit.“ Nach ihrer Ausbildung gehen die Mädchen als Vorbilder in Schulen und Vereine, um Mädchen zu stärken und Burschen zu sensibilisieren und dabei zu unterstützen das eigene Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.

Toprak: „Bildung für Frauen oftmals Schlüssel zu Freiheit und Unabhängigkeit“

Auch Ahmet Toprak, Pädagogikprofessor und Autor des Buches „Männlich. Muslimisch, Desintegriert. Was bei der Erziehung muslimischer Jungen schiefläuft“ erklärt: „Mädchen wird von klein auf vermittelt, dass sie zurückhaltend sein sollen, sich ziemen und eines Tages Mutter und Hausfrau werden sollen. Jungs hingegen dürfen Fehler machen, die Welt erkunden und müssen nicht im Haushalt helfen. Oft ist aber durch diese Erziehung das unbeabsichtigte Gegenteil der Fall: Die Mädchen brillieren in der Schule; die Jungs versagen.“ So seien die Frauen oftmals diejenigen, die einen wahren Bildungsaufstieg hinlegen und sich so weitere Freiheiten erkämpfen: „Für viele dieser Frauen ist Bildung die Chance zur Freiheit und Selbstbestimmung. Für die Universität dürfen sie in eine andere Stadt ziehen und unverheiratet bleiben. Bildung öffnet Alternativen zum vielfach vorgezeichneten Weg als Hausfrau.“

Pabel: „Frauen sind keine ‚Nachhilfeschüler‘ der Integration, sondern regelrechte Integrationsmultiplikatorinnen“

Als Vorsitzende des Expertenrats für Integration leitet die Verfassungsjuristin Katharina Pabel die Erstellung des jährlich erscheinenden „Integrationsberichts“, der eine Fokus auf die Integration von Frauen legt: „Wir nehmen die Frauen und Mädchen nicht speziell in den Blick, weil sie ‚Nachhilfeschüler‘ der Integration sind. Ganz im Gegenteil – sie sind oftmals regelrechte Integrationsmultiplikatoren, da sie den Großteil der Erziehung übernehmen und so Werte und Haltungen an die nächste Generation weitergeben“. Laut Pabel sei es deshalb besonders wichtig Frauen mit Migrationshintergrund den Wert von Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu vermitteln: „Wenn diese Frauen erkennen welche Freiheiten sie hier haben und welche Chancen in Sachen Gewaltfreiheit, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit hier auf sie warten, können sie auch das Leben und die Zukunftsperspektive ihres Umfelds verändern – sie können für die gesamte Familie Türen zu einem neuen Leben eröffnen. Wir müssen alles daran setzen, sie darin zu fördern und zu bestärken.“

Der Österreichische Integrationsfonds lädt regelmäßig Wissenschaftler/innen, Autor/innen, bildende Künstler/innen, Historiker/innen und Philosoph/innen zu Podiumsgesprächen und Lesungen, um aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft und Integration aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Alle Veranstaltungsdetails und Anmeldungsinformationen finden Sie zeitnah auf www.integrationsfonds.at/veranstaltungen. Vergangene Podiumsdiskussionen zum Nachsehen in voller Länge sind ebenso in der ÖIF-Mediathek unter www.integrationsfonds.at/mediathek abrufbar.