Dienstag, 07. Mai 2019 09:00

Walter Scheidel: „Migration setzt den Sozialstaat unter Druck"

Historiker Walter Scheidel im ÖIF-Gespräch über das Wesen des Sozialstaats in Zeiten verstärkter Migration, das Bildungssystem als Motor für Integration sowie die Notwendigkeit selektiver Zuwanderung nach Europa.

"Der kostspielige Wohlfahrtsstaat und vor allem die vergleichsweise hohe Abgabenquote in Europa, insbesondere in Österreich oder skandinavischen Staaten, beruhen auf einer Annahme des Gemeinsamen," so der österreichische Historiker Walter Scheidel, der an der Stanford University (USA) lehrt: "Nimmt nun die Einwanderung stark zu, steigen auch die Zweifel in der ansässigen Bevölkerung an der Legitimität dieses Sozialsystems." Viele hätten dann das Gefühl, weniger Leistungen zu erhalten, und seien immer weniger bereit, "für andere" in das System einzuzahlen, wenn Menschen, die noch nichts dazu beigetragen haben, davon profitieren würden: "Starke Migrationsströme und Einwanderung können die Ungleichheit in der Aufnahmegesellschaft verstärken und so Druck auf den Sozialstaat und das friedliche Zusammenleben bringen."

"Europa darf bei Zuwanderung selektiver sein"

Am Montagabend, 06. Mai 2019, sprach Scheidel auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) in Wien über das Wesen des Sozialstaats in Zeiten von verstärkter Migration, die Notwendigkeit von selektiver Zuwanderung nach Europa und Maßnahmen für gelungene Integration. Moderiert wurde das Podiumsgespräch im Architekturzentrum Wien von der Historikerin und Journalistin Gudula Walterskirchen. Walter Scheidel, dessen 2017 erschienenes Buch "The Great Leveler: Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century" (auf Deutsch erhältlich als: "Nach dem Krieg sind alle gleich: Eine Geschichte der Ungleichheit") die Ursachen sozialer Gegensätze über drei Jahrtausende hinweg untersucht, warnte beim Podiumsgespräch vor den Folgen einer ungeregelten Zuwanderung nach Europa: "Natürlich braucht es aufgrund der demografischen Entwicklung in Europa ein gewisses Maß an Zuwanderung. Zugleich braucht es hier eine gewisse Selektion, damit der Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht aufs Spiel gesetzt wird." Denn ein zu starker Zustrom insbesondere von Menschen aus patriarchal geprägten Kulturen führe zu einer steigenden Ungleichheit in der Aufnahmegesellschaft, so Scheidel: "Flüchtlinge aus Syrien und Subsahara-Afrika mit nur geringen mitgebrachten Qualifikationen und Kenntnissen werden nur schwer in großer Zahl auf dem österreichischen Arbeitsmarkt Fuß fassen können."

"Integration muss im Bildungssystem passieren"

Scheidel warnte davor, die Bildung von Parallelgesellschaften in Kauf zu nehmen. Integration könne nicht durch Zwang erfolgen, der Staat solle bei Zuwanderer aber dennoch die Annäherung an die Aufnahmegesellschaft fordern und fördern: "Damit Integration gelingen kann, braucht es innerhalb einer Gesellschaft genügend Gemeinsames: geteilte Werte, ähnliche Ziele, ein gemeinsames Leben. Dazu darf ein Staat auch Verpflichtungen aussprechen", so Historiker Scheidel.

Dieses "Gemeinsame" müsse seines Erachtens insbesondere durch das öffentliche Bildungswesen gefördert werden: "Das Bildungssystem ist jener Bereich, in dem tatsächlich eine Begegnung aller gesellschaftlichen Schichten in unserem Land stattfinden. Vor allem die Kinder der Einwanderer müssen in das österreichische Staatsgefüge, in die Gesellschaft und in die österreichische Wirtschaft hineinwachsen." Wenn notwendig, müsse hier der Staat auch einen gewissen Druck ausüben: "Kinder müssen die Chance auf Integration haben, auch wenn es vom Elternhaus her vielleicht Widerstand dagegen gibt. Das ist wohl eine der größten Herausforderungen, dass sich nicht neue Ungleichheiten ergeben, die dann auch vererbt werden."

"Europäische Werte sind es wert, verteidigt zu werden"

Im Hinblick auf die Zuwanderung und die Integration von Flüchtlingen und Zuwander/innen aus vorwiegend muslimisch oder stark patriarchal geprägten Ländern nach Europa hob Walter Scheidel die Bedeutung von gemeinsamen europäischen Werten hervor: "Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie insgesamt die Stellung der Frau in der europäischen Gesellschaft, die sich in der nahen Vergangenheit stark verbessert hat, sind Tatsachen, die anderen Kulturkreisen zum Teil noch recht fern stehen." Europa müsse hier ruhig noch mutiger sein und diese Werte hochhalten: "Unsere europäischen Werte sind wichtige Errungenschaften, die hart erarbeitet worden sind. Und sie sind es auch wert, selbstbewusst verteidigt zu werden", so Scheidel.

Nächstes ÖIF-Gespräch: Leyla Hussein am 21. Mai 2019 in Wien

Der Österreichische Integrationsfonds lädt regelmäßig Wissenschaftler/innen, Autor/innen, Historiker/innen und Philosoph/innen zu Podiumsgesprächen und Lesungen, um die Bedeutung einer gemeinsamen Wertebasis für das Zusammenleben sowie die gesellschaftlichen Herausforderungen und aktuelle Entwicklungen zu Integration aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Am 21. Mai findet ein Podiumsgespräch mit der britisch-somalischen Menschenrechtsaktivistin Leyla Hussein statt. Alle Informationen und Details finden Sie stets unter www.integrationsfonds.at/veranstaltungen.

Historiker Walter Scheidel äußerte sich beim Podiumsgespräch zu Migration und Herausforderungen für die Gesellschaft.

V.l.n.r.: Roland Goiser (stv. ÖIF-Direktor), Gudula Walterskirchen (Moderatorin), Walter Scheidel © Thomas Unterberger/www.superberg.at