06 Parallelgesellschaften

„Es braucht eine gemeinsame Auffassung von gewissen Grundregeln.“

Interview mit Magnus Norell

Magnus Norell sieht Parallelgesellschaften als Ergebnis einer bewussten Anstrengung, eine eigenständige Gesellschaft unabhängig von der Mehrheitsgesellschaft zu gründen. Dies kann wiederum zu Desintegration bzw. Auflösung des sozialen Zusammenhalts innerhalb einer Gruppe führen. Um Parallelgesellschaften aufzulösen, muss die Regierung die gesellschaftliche Kontrolle übernehmen.

Wie genau definieren Sie Parallelgesellschaften?

Eine Parallelgesellschaft definiert sich für mich als Ergebnis einer ganz bewussten Anstrengung, eine eigenständige Gesellschaft zu schaffen, die unabhängig und vor allem abgesondert von der Mehrheitsgesellschaft funktioniert. Innerhalb jener Gesellschaft, in der man lebt, entstehen parallele soziale Infrastruktureinrichtungen wie eigene Krankenhäuser oder Schulen, die wenig mit der Mehrheitsgesellschaft gemeinsam haben.

Wo liegen die Probleme bzw. Gefahren von Parallelgesellschaften?

Der Versuch, eine Parallelgesellschaft zu schaffen – in der Soziologie bezeichnen wir das als „Enklavisierung“, kann zu einer „Desintegration“ führen, zu einer Auflösung des sozialen Zusammenhalts innerhalb einer Gruppe. Zumindest entstehen aber Probleme bei der Integration dieser Menschen. Wir neigen zudem dazu, die Mitglieder einer Parallelgesellschaft nicht mehr als Individuen wahrzunehmen, sondern nur noch als ein homogenes Kollektiv.

Welchen Zusammenhang kann es zwischen Parallelgesellschaften und Radikalisierung geben? Begünstigen Parallelgesellschaften Radikalisierungen?

Für eine Radikalisierung kann es viele Gründe geben, sie muss ihre Wurzeln nicht zwingend in der Entwicklung von Parallelgesellschaften haben. Aber natürlich kann radikales Gedankengut eine Folge dieser Enklavisierung sein.

Wie sehr darf bzw. soll sich die Regierung grundsätzlich in Gesellschaften einmischen, etwa bei Pflichten für frisch Zugewanderte?

Sowohl die Geschichte als auch die Forschung zeigen ganz klar, dass das Erlernen der Sprache entscheidend ist, um sich in eine neue Gesellschaft zu integrieren. Ohne Sprache können sich Migranten in einer Gesellschaft nicht zurechtfinden und haben beispielsweise auch Probleme, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Und – in Schweden zeigt sich das ganz deutlich – einen Job zu haben, ist der beste Weg, die Sprache zu erlernen.

Wie soll die Regierung mit bestehenden Parallelgesellschaften umgehen?

Die Regierung muss in Parallelgesellschaften die gesellschaftliche Kontrolle wieder übernehmen bzw. herstellen. Dazu ist es in erster Linie wichtig, dass wir wissen, wer wir sind. Es braucht eine gemeinsame Auffassung von gewissen Grundregeln. Dazu müssen wir unser Selbstbild einer kritischen Überprüfung unterziehen und uns auf jene Strukturen besinnen, die funktionierende Gesellschaften ausmachen, unabhängig von der kulturellen Herkunft bzw. von kulturellen Eigenschaften. Das ist in Europa schwieriger zu erreichen als in den USA, denn viele europäische Staaten basieren auf einer bestimmten Volkszugehörigkeit. Aber es kann funktionieren.

Und wie soll die Mehrheitsgesellschaft mit Parallelgesellschaften umgehen?

Parallelgesellschaften müssen aufgebrochen und aufgelöst werden, natürlich auf eine friedliche Art und Weise und mit denselben Methoden, wie ich sie eben bei der vorhergehenden Frage beschrieben habe.

Sie meinten vorhin, dass das funktionieren „kann“. Wie optimistisch sind Sie?

Leider eher pessimistisch. Wir haben es, zumindest in Schweden, sehr weit kommen lassen – aber je länger wir abwarten, desto schwieriger wird es, diese Entwicklungen rückgängig zu machen. Wir haben einen langen, steinigen Weg vor uns.

Weil Sie vorhin die USA erwähnt haben: Wie kommt es, dass amerikanische Großstädte stolz sind auf ihre Parallelgesellschaften, die sich „China Town“ oder „Little Italy“ nennen, und damit sogar werben? In Europa hingegen eine ganz andere Skepsis herrscht? Liegt es an den Communities in Europa? Liegt es am Islam?

Meiner Ansicht nach liegt es daran, dass die USA nicht auf einer bestimmten Volkszugehörigkeit basieren, sondern auf einer Idee. Ich selbst habe in den USA gelebt und aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass „Little Italy“ oder „China Town“ in absolut keinem Widerspruch zur Integration stehen. In den USA ist es egal, woher du kommst, es kommt nicht auf deine Ethnie an – auch wenn manche Menschen versuchen, hier einen Zusammenhang herzustellen. In Europa liegen die Gründe für die herrschende Skepsis hauptsächlich im Islam. Islamismus wird vielfach mit dem Islam in einen Topf geworfen und vermischt, man macht keine Unterschiede zwischen Islamisten und der überwiegenden Mehrheit der friedlichen Muslime.

Wie entstehen Parallelgesellschaften eigentlich? Welche soziologischen Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Ich weiß nicht, ob ich für diese Frage der richtige Ansprechpartner bin, wahrscheinlich wäre ein Soziologe geeigneter, um sie zu beantworten. Ich kann nur festhalten, dass die Art und Weise, wie in Schweden und anderen EU-Staaten mit dieser Herausforderung umgegangen wurde, die Probleme nur noch verschlimmert hat. Man hat zugelassen, dass jene, die sich am meisten von der Mehrheitsgesellschaft abgeschottet haben, wie etwa Islamisten, „ihre“ Gruppen für sich in Anspruch genommen und definiert haben. Ich bin der Ansicht, die Verantwortlichen hätten sich hier besser an den USA orientiert und vorab bestimmte Grundregeln festgelegt, was in unserer Gesellschaft geht und was nicht.

Welche historischen Beispiele für Parallelgesellschaften gibt es? Was kann man aus früheren Entwicklungen in diesem Bereich lernen und für aktuelle Migrationsbewegungen nutzen?

Die österreichisch-ungarische Monarchie, um ein Beispiel aus Europa zu nennen. Monarchien im Allgemeinen hatten immer wieder mit Parallelgesellschaften zu kämpfen. Um eine Gesellschaft überlebensfähig zu halten und zu verhindern, dass sie auseinanderbricht, ist ein Faktor entscheidend: Wir müssen Vertrauen schaffen und wissen, wer wir sind. Das macht es einerseits für eine Gesellschaft einfacher, Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, andererseits hilft es diesen dabei, sich anzupassen und zu integrieren. Eine Sache dürfen wir jedoch auf keinen Fall tun: bei der festen Überzeugung bleiben, dass es so etwas wie eine abgrenzbare, genau definierbare Kultur überhaupt gibt.

Trauen Sie sich, eine Prognose in diesem Bereich zu stellen? Wie werden sich Parallelgesellschaften künftig entwickeln, welche denkbaren Szenarien gibt es?

Wenn wir es nicht schaffen, die zerstörerischen Tendenzen, von denen ich bereits gesprochen habe, zu stoppen und ihre Entwicklungen so gut wie möglich rückgängig zu machen, sind die Aussichten – wie schon erwähnt – nicht besonders positiv.

Magnus Norell ist Senior Fellow an der European Foundation for Democracy. Seine Schwerpunkte umfassen Terrorismus, politische Gewalt, Demokratie und Sicherheit im Nahen Osten sowie in Zentralasien. Zuvor war er Researcher an der Swedish Defence Research Agency, dem Swedish Secret Service und dem Swedish Military Intelligence Service. In einem 2017 veröffentlichen Bericht für das schwedische Amt für Zivilschutz und Krisenbewältigung kam er zum Schluss, dass diverse muslimische Organisationen in Schweden, die Verbindungen zu den Muslimbrüdern hätten, versuchten, eine Parallelgesellschaft aufzubauen.

Die Ausgaben

10 Heimat und Identität
01 Verschleierung im Islam
02 Islam europäischer Prägung
03 Menschen türkischer Herkunft in Österreich
06 Parallelgesellschaften
07 Sozialstaat
08 Gemeinschaft
04 Migration und Sicherheit
05 Gewalt gegen Frauen
09 Schule und Migration