01 Verschleierung im Islam

Perspektiven Integration

„Für mich bedeutet das Kopftuch eine Geborgenheit in der Religion.“

Interview mit Carla Amina Baghajati

Für Carla Amina Baghajati bedeutet das Kopftuch eine Geborgenheit in der Religion. Sie spricht sich gegen ein Burkaverbot aus, da ein solches Gesetz nach Symbolpolitik „riecht“.

Sie sind als Muslimin verschleiert. Warum eigentlich?

Ich würde mich selbst nicht als verschleiert bezeichnen. Mit dem Begriff Verschleierung wird oft Geheimnistuerei und mangelnde Offenheit assoziiert. Dass also etwas verborgen wird.

Wie nennen Sie es?

Möglichst konkret. Ich trage ein Kopftuch.

Und warum tragen Sie eines?

Weil es für mich zum religiösen Praktizieren dazugehört. Es ist eine persönliche Entscheidung, die ich eigentlich bald, nachdem ich Muslimin wurde, getroffen, aber nicht gleich umgesetzt habe. Ich habe mir fünf Jahre Zeit gelassen.

Dann lassen Sie mich anders fragen. Welchen Zweck erfüllt eine Kopfbedeckung im Islam?

Das Kopftuch wird im Koran zwar thematisiert, aber nicht häufig. Der Koran lässt sich also nicht als Kopftuchtext lesen. In der Sure 24 heißt es, dass die Frauen „ihre Tücher reichlich über die Schultern schlagen“. Ausgehend davon, dass Frauen in der Zeit der Offenbarung tatsächlich Tücher am Kopf getragen haben, die aber den Haaransatz und das Dekolleté nicht bedeckten, ist die gängige Auslegung dieser Stelle, dass dabei ein Kopftuch herauskommt. Und zwar in etwa so, wie ich es trage. Ergänzend dazu gibt es im Hadith – das sind Sammlungen der vorbildlichen Lebensweise des Propheten Mohammed – eine zweite Quelle. Auch daraus lässt sich eine Kopfbedeckung herauslesen. Persönlich halte ich es für wichtig, dass man nicht die Gleichung aufstellt: muslimische Frau = Kopftuch. Das ist fürchterlich und eine absolute Verengung des Blicks. Wenn ich mich als muslimische Frau begreife, dann begreife ich mich über sehr viele Dinge in meinem Identitätsgefühl. Erst ganz, ganz hinten kommt das Kopftuch.

Und welchen konkreten, praktischen Zweck erfüllt das Kopftuch nun? Was ist sein Nutzen?

Darüber habe ich sehr lange nachgedacht und meine Anschauung darüber hat sich in den vergangenen Jahren auch verändert. In vielen erklärenden Texten von Muslimen findet man immer wieder die Bedeutung, dass eine Frau dadurch „beschützt“ sei. Das möchte ich hinterfragen. Ich habe als junge Frau erlebt, wie es ist, sich ohne Kopftuch zu bewegen. Ich weiß, dass ich auch ohne Kopftuch vermitteln konnte, welchen Umgang ich mit mir erwarte. Und dass ich das Kopftuch nicht zu meinem Schutz brauche. Außerdem ist es fragwürdig, wenn man impliziert, dass alle Männer potenziell übergriffig sind.

Das Kopftuch soll also die Reize der Frau bedecken und sie so vor Blicken und Übergriffen der Männer schützen?

Ja, und das halte ich in dieser Verengung für problematisch. Daher versuche ich im innermuslimischen Diskurs, diese Theorie reflektierend infrage zu stellen und Debatten darüber anzuregen. Für mich bedeutet das Kopftuch eine Geborgenheit in der Religion. So, wie ich in vielem einfach darauf vertraue, dass es für mich passt, verlasse ich mich auch beim Tragen eines Kopftuches darauf, denn ich fühle mich wohl dabei. Ich merke natürlich schon, dass die Frage nach dem Grund für das Tragen eines Kopftuchs im Dialog die am schwierigsten zu beantwortende Frage ist. Denn für viele ist das einfach nicht nachvollziehbar. Ein Schlüsselmoment eines guten Dialogs ist daher, wenn man an einen Punkt kommt, an dem man nicht alles komplett für sich selbst annehmen muss, um es zu akzeptieren. Mir ist auch wichtig zu sagen, dass ich durch das Tragen eines Kopftuchs nicht ausdrücken will, dass sich möglichst alle Frauen so zu kleiden haben. Jede Frau soll ihren Kleidungsstil selbst für sich entscheiden können.

Und jede Frau hat ihre eigene, ganz persönliche Begründung dafür?

Genau, jede Frau hat ihre eigene Geschichte. Das zeigt auch die Vielfalt innerhalb der Community. Das Gemeinsame ist das Bekenntnis zur Religion.

Damit ich das mit dem Schutz der Frau richtig verstehe: Das ist die einzige Begründung, die auf den Koran zurückzuführen ist?

Es ist etwas komplizierter. Bei der Auslegung des Korans ist auch der Offenbarungsanlass zu berücksichtigen – also was sich parallel ereignete, als ein Vers herabgesandt wurde. Somit ist auch diese Stelle in ihrem historischen Kontext zu sehen.

Ist es ein Widerspruch, wenn eine Muslimin ein Kopftuch trägt, sich aber schminkt, die Augenbrauen zupft und Leggins trägt?

Es kann sein, dass diese Mädchen auf Kritik stoßen. Allerdings meine ich, dass das Selbstbestimmungsrecht so wichtig ist, dass jede Frau ihren Kleidungsstil so definieren sollte, wie sie es für richtig hält. Hauptsache, sie selbst fühlt sich wohl damit.

Also kein Widerspruch?

Manche Gelehrte würden sicher sagen, dass ein dezentes Auftreten zum Tragen eines Kopftuchs gehört und es infrage stellen, wenn sich jemand schminkt und Leggins trägt. Ich persönlich halte es für besser, Frauen nicht zu maßregeln und nicht moralisierend aufzutreten. Meine Devise lautet: leben und leben lassen.

Dann machen diese Frauen den Islam nicht lächerlich, wie viele Muslime sagen?

Nein.

Ich bin oft auf türkischen Konzerten und sehe dort Mädchen mit Kopftuch, die mitsingen und mittanzen. Was sagen Sie dazu?

Ich erlaube mir kein Urteil darüber.

Mich interessiert nur Ihre Meinung.

Ich finde es in Ordnung. Mädchen und Buben sollen selbst entscheiden, wie sie ihre Freizeit gestalten.

Noch einmal zurück zum Schutz der Frauen vor Männern. Dieser Argumentation folgend, müsste es legitim sein, dass Frauen in Österreich auf ein Kopftuch verzichten, obwohl sie gern eines tragen würden. Und zwar deshalb, weil sie durch ein Kopftuch stärker auffallen als ohne und dadurch möglicherweise mehr Blicke auf sich ziehen, eine größere Angriffsfläche bieten, vielleicht sogar im Beruf diskriminiert werden und sich als Muslimin nicht mehr wohlfühlen. Kurz gesagt: weil sie ein Kopftuch für anachronistisch halten. Vor 1400 Jahren mag das im arabischen Raum sinnvoll gewesen sein, heute in Europa nicht mehr.

Ja. Ich kenne viele Frauen, die sich genau so äußern. Persönlich trete ich sehr dafür ein, dass wir als muslimische Frauen nicht den Fehler machen, der in der Außensicht oft passiert: nämlich das Fokussieren auf das Kopftuch. Dass wir also zueinander stehen – egal, ob wir ein Kopftuch tragen oder nicht.

Sind Sie für ein Burkaverbot in Österreich?

Nein, aber ich habe keine Sympathie für eine Ganzkörperverschleierung.

Weil?

Ein Verbot riecht nach Symbolpolitik. In einer Zeit, in der wir alle durch Entwicklungen wie Terrorismus und Extremismus verunsichert sind, kann ich nachvollziehen, dass die Politik nach starken Symbolen sucht. Um zu zeigen: Wir machen was. Wir sorgen für Sicherheit und beschützen die Menschen. Aber was würde ein Burkaverbot bewirken? Es würde so gut wie keine Frau in Österreich betreffen. Indirekt betroffen wären aber viele Männer und Frauen, die sich vor den Kopf gestoßen fühlen könnten, weil mit dem Verbot die Botschaft verbunden ist, dass der Islam keine Religion ist, die man in Österreich unreglementiert zulassen kann. Und diese Botschaft tut weh. Ich habe es als effizienter erlebt, ohne Gesetz auszukommen. Noch dazu, weil die bisherigen Bestimmungen ausreichen: Zur Identifikation muss man bei gewissen Gelegenheiten schon jetzt das Gesicht zeigen. Ein Arbeitgeber kann auf der Notwendigkeit bestehen, dass das Gesicht frei bleibt. Ein generelles Verbotsgesetz brächte dagegen Solidarisierungen unter Muslimen und wäre so kontraproduktiv. Einige Männer würden diese Frauen zu Heldinnen hochstilisieren. In Frankreich, wo es Geldstrafen für das Tragen einer Burka gibt, haben finanzkräftige Männer die Strafen bezahlt, und damit diese Frauen instrumentalisiert für eine Art Ideologie. Ich kenne viele muslimische Frauen, die überhaupt keine Freude mit einem Gesichtsschleier haben, weil sie an ihr eigenes Image denken und in Richtung dieser Frauen sagen: Musst du uns das antun? Es ist schwierig genug, Muslimin in Österreich zu sein und das Kopftuch zu tragen.

Aus Ihrer Sicht gibt also keinerlei Grund, eine Burka zu tragen.

Die Mehrheitsmeinung im Islam lautet, dass ein Gesichtsschleier nicht nötig ist. Vereinzelt gibt es Positionen, die anderer Meinung sind. 

Und zwar?

Wenn ich lese, dass die Fitna einer Frau ihr Gesicht ist, dreht sich mir der Magen um. Fitna ist eine Bezeichnung für das Stiften von Unruhe bis hin zum Bürgerkrieg. Die Frau wird also als Verführerin dargestellt, die in der Gesellschaft Unfrieden stiftet. Das ist sexistisch und hat nichts mehr mit dem Schutz der Frau zu tun, sondern mit dem Schutz vor der Frau. Eine absolut patriarchale Sichtweise.

Das heißt, selbst in dieser Argumentation gibt es aus der Sicht der Frau keinen Grund, eine Burka zu tragen?

Da würden Ihnen viele Frauen mit Gesichtsschleier widersprechen. Denn es gibt eine Stelle im Koran, in der es um die Frauen des Propheten geht. Diese haben immer hinter einem Vorhang kommuniziert und ab einer gewissen Phase hat man ihr Gesicht gar nicht mehr gesehen. Manche Frauen betrachten diese Frauen als Vorbild und tragen deshalb einen Gesichtsschleier. Auf dem Platz, auf dem ich gerade sitze, saß einmal eine Frau und bat mich um Unterstützung bei ihrer Entscheidung, einen Gesichtsschleier zu tragen. Sie hat ihren Standpunkt derart schlüssig ausgeführt, dass ich mich geschämt hätte, ihr abzusprechen, dass das nicht ihre persönliche Überzeugung ist. Wir sind so verblieben, dass ich auch öffentlich immer für das Recht auf Selbstbestimmung eintreten werde.

Stört es Sie, dass in Österreich kaum jemand akzeptieren kann, dass Burka tragende Frauen das nicht als Überzeugung machen, sondern mehr oder weniger dazu gezwungen werden?

Ja, ich erlebe das als störend. Frauen mit Burka oder Niqab melden sich in der Öffentlichkeit selten zu Wort, weil sie vorsichtig geworden sind. Einmal hatte eine den Mut und wurde dann in den sozialen Medien heftigst beschimpft.

Ich erinnere mich daran. Auch in einer deutschen Talkshow trat einmal eine Frau mit Burka auf. Bei Anne Will.

Ja, die mussten dort auch lange suchen und haben dann eine Schweizerin eingeladen, die ihre Thesen verbreiten konnte. Sie steht für eine sehr kleine Gruppe, die nicht dem Mainstream entspricht. Viele Muslime waren der Meinung, dass es jemand anderen als Gegengewicht gebraucht hätte. Denn wenn aus einer persönlichen Entscheidung eine Ideologie wird, kann es ungemütlich werden. Und in dieser Talkshow hat sich gezeigt, dass eine Ideologie dahinter war.

Glauben Sie, dass einem Burkaverbot ein Kopftuchverbot folgen könnte?

Schwer zu sagen. Auszuschließen ist in der derzeitigen Situation gar nichts. Es ist bedenklich, wie polarisiert Debatten ablaufen. Aber zu Spekulationen ohne Grundlage will ich mich eigentlich nicht äußern und vertraue auf den Rechtsstaat. Seit 2004 darf ein Arbeitgeber einer Angestellten nicht das Tragen eines Kopftuchs verbieten.

In der Diskussion um ein Burkaverbot kam einmal das Argument, dass man jemandem, der sich in Österreich freiwillig versklaven lassen will, das auch nicht erlauben dürfe. Sklaverei sei schließlich verboten. Können Sie diesen Vergleich nachvollziehen?

Das sind Projektionen der eigenen Sicht auf andere, was sehr problematisch ist. Denn diese Frauen erleben es eben nicht als Versklavung, wenn sie einen Gesichtsschleier tragen. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, die mich selbst ein bisschen umgestimmt hat. Ich sprach mit einer Bosnierin, die den Krieg miterlebt hat, ihr müssen fürchterliche Dinge widerfahren sein, darunter auch sexueller Missbrauch. Für diese Frau war eine Ganzkörperbedeckung in der ersten Zeit die einzige Möglichkeit, zu ihrer Integrität und ihrem Sicherheitsgefühl zurückzufinden, wenn sie in der Öffentlichkeit unterwegs war. Ein anderes Beispiel. Als ich einmal mit Frauen in Katar gesprochen habe, die aus Überzeugung einen Gesichtsschleier tragen, mussten sie herzhaft lachen, als ich ihnen erzählt habe, wie Menschen in Österreich über sie denken. Sie konnte nicht glauben, dass irgendjemand der Meinung sein kann, man müsse diese Frauen vor irgendjemandem beschützen. Diese Frauen waren sehr stark. Ich habe nach 15 Minuten vergessen, dass sie einen Gesichtsschleier tragen, obwohl das anfangs gewöhnungsbedürftig war, da für mich das Gesicht und die Mimik bei einem Gespräch sehr wichtig sind.  

Wenn es so ist, warum gelingt es dann den Frauen in Österreich nicht, der hiesigen Bevölkerung zu vermitteln, dass das Tragen einer Burka oder eines Kopftuchs nichts mit Unterdrückung und Extremismus, zu tun hat? Was stimmt mit der Kommunikation nicht?

Es stimmt etwas mit der Teilhabe nicht. Diese Frauen beanspruchen erst nach und nach ihren Platz in der Gesellschaft und sind verstärkt sichtbar. Im Zusammenleben, in der Partizipation steckt der Schlüssel, um Ängste, Vorurteile und Klischees abzubauen. Wenn man immer mehr Frauen kennenlernt, auf die gewisse Vorurteile nicht zutreffen, merkt man irgendwann, dass diese Vorurteile auf überhaupt keine zutreffen. Hier stehen Frauen mit Kopftuch vor der Herausforderung, noch stärker in der Berufswelt Fuß zu fassen. Zudem müsste öfter kommuniziert werden, was alles gut funktioniert. In der Integrationsdebatte sind wir sehr defizitorientiert. Wenn wir öfter zeigen würden, was alles gut funktioniert, würden wir mehr erreichen – miteinander und füreinander.

Carla Amina Baghajati ist die Frauenbeauftragte des IGGÖ und avancierte in den letzten Jahren zum medialen Gesicht der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Sie ist die Autorin des Buchs "Muslimin sein – 25 Fragen, 25 Orientierungen".

Die Ausgaben

10 Heimat und Identität
01 Verschleierung im Islam
02 Islam europäischer Prägung
03 Menschen türkischer Herkunft in Österreich
06 Parallelgesellschaften
07 Sozialstaat
08 Gemeinschaft
04 Migration und Sicherheit
05 Gewalt gegen Frauen
09 Schule und Migration