08 Gemeinschaft
09.04.18

„An sich ist Religion etwas Positives, weil sie den Mensch zum Gutsein anleitet. Problematisch wird es, wenn sie zur Abgrenzung benützt wird.“

Interview mit Gudula Walterskirchen

Gudula Walterskirchen hebt hervor, dass Zusammenhalt nur funktioniert, wenn jeder und jede – je nach Leistungsfähigkeit – bereit ist, etwas für die Gemeinschaft sowie das Gemeinwohl beizutragen. Gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit bzw. einer Wirtschaftskrise schwindet der Zusammenhalt rasch, wenn nicht bewusst gegengesteuert wird.

Wie würden Sie Zusammenhalt in einer Gesellschaft definieren? Ist Zusammenhalt überhaupt notwendig bzw. wichtig?

Zusammenhalt bedeutet, dass jeder und jede bereit ist, etwas zur Gemeinschaft und zum Gemeinwohl beizutragen, je nach Leistungsfähigkeit. Jene, die aus verschiedenen Gründen nichts oder für einen gewissen Zeitraum wenig zum Gemeinwohl beitragen können, werden von den anderen finanziell, durch Steuern, in ihrem Alltag und emotional unterstützt, und das oft unentgeltlich. Man sorgt sich also nicht nur um sich und seine Angehörigen, sondern auch um Fremde. Das ist nicht überall auf der Welt selbstverständlich, in Europa aber das Fundament des Wohlfahrtsstaates.

Um konkret zu werden: Was genau unterscheidet eine Gesellschaft von einer solidarischen Gesellschaft?

Eine Gesellschaft ist ja eine Gruppe von Menschen, die irgendwelche gemeinsamen Merkmale aufweisen und interagieren. Menschen, die etwa gemeinsam in einem Staat leben, sind nicht automatisch solidarisch, dazu gehört eben jene gerade beschriebene Bereitschaft, zum gemeinsamen Fortkommen und Wohlergehen beizu­tragen.

Von welchen Faktoren hängt Zusammenhalt in einer Gesellschaft ab? Sind plurale Gesellschaften, die besonders multikulturell geprägt sind, stärker gefährdet, ihren Zusammenhalt zu verlieren? Und welche Rolle spielt Kultur für den Zusammenhalt?

Es ist nicht automatisch so, dass etwa Menschen der gleichen Ethnie, Religion oder Herkunft einen starken Zusammenhalt haben. Dieser muss antrainiert werden, so wie auch ein Kind selbstloses und solidarisches Verhalten erst lernen muss. Am besten funktioniert dies mit positiven Vorbildern, aber es muss auch verlangt werden. Wichtig ist auch die Freiwilligkeit. So etwa tragen Vereine mit ihrem ehrenamtlichen Engagement in Gemeinden dazu bei, dass eine Gemeinschaft und ein Zusammenhalt entstehen. In großen Städten ist dies viel schwieriger, weil durch die Anonymität die Solidarität und das Gemeinschaftsgefühl weniger stark ausgeprägt sind.

Welche Ereignisse und Entwicklungen sind typische Beispiele dafür, den Zusammenhalt zu erschüttern? Und was sind erste Anzeichen dafür, dass in einer Gesellschaft der Zusammenhalt verloren geht?

Egoismus und fehlende Bereitschaft, sich selbstlos und ehrenamtlich zu engagieren, sind ein Alarmsignal. Gefährlich ist auch das in den vergangenen Jahrzehnten von der Politik geförderte Anspruchsdenken, das dem Leistungsgedanken vorgezogen wird. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit bzw. einer Wirtschaftskrise schwindet rasch der Zusammenhalt, wenn nicht bewusst gegengesteuert wird. Zu beobachten war dies in Österreich etwa in den dreißiger Jahren, als sich unter anderem durch die Massenarbeitslosigkeit die Menschen radikalisierten und sogleich einen „Sündenbock“ für ihre schlechte Lebenssituation orteten, nämlich die Juden. Dies war eine Phase der extremen Entsolidarisierung, die in Massenmord gemündet ist.

Wie kann man den Zusammenhalt seitens der Politik und als einzelner Bürger fördern?

Wichtig ist für den Solidargedanken, dass jeder gefordert wird, etwas für die Gemeinschaft zu tun, je nach Möglichkeit. So etwa ist die Förderung des ehrenamtlichen Engagements ein wichtiger Pfeiler für den Zusammenhalt. Umgekehrt ist das Anspruchsdenken schlecht, ja gefährlich für den Zusammenhalt. Und es braucht klare positive gemeinsame Grundwerte, auf die man sich verständigt.

Welche Folgen haben die Herausforderungen der Flüchtlingsintegration auf den Zusammenhalt? Fallen Ihnen dazu Beispiele aus der Vergangenheit oder aus anderen Regionen ein?

Das war in der österreichischen Geschichte durchaus unterschiedlich. Es gab in den letzten 100 Jahren ja immer wieder Flüchtlingswellen. So etwa nach dem Ersten Weltkrieg, als Zigtausende aus den ehemaligen Kronländern nach Österreich und dabei vorzugsweise nach Wien strömten. Die Bevölkerung litt ohnehin schon an akutem Mangel, Krankheiten und Not. Das war eine chaotische Situation, da ja eben erst die junge Republik gegründet worden war. Ganz anders verlief etwa die Flüchtlingssituation beim Ungarnaufstand 1956. Die Österreicher zeigten sich sehr hilfsbereit, die Flüchtlinge kamen großteils sofort privat unter, viele hatten auch Verwandte hier. Auch damals ging es den Österreichern selbst nicht so gut, immerhin war ja die russische Besatzung im Osten erst im Jahr zuvor abgezogen, aber es gab dennoch keine Probleme.

Welche Herausforderungen bringt in diesem Zusammenhang die Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern mit sich? Welche Rolle nehmen die Religion, insbesondere der Islam, sowie unterschiedliche Kulturen dabei ein? Und welche Rolle spielt die Geschichte?

Österreich und Wien im Speziellen waren immer schon ein Schmelztiegel, der Menschen aus anderen Regionen und Ländern angezogen hat. Die kulturelle Herkunft und auch die Religion spielen sicher eine Rolle, ob und inwieweit Zuwanderer „ankommen“. Bei Flüchtlingen stellt sich die Frage ein wenig anders, weil viele ja wieder zurückkehren wollen und hier nur für eine gewisse Zeit sind. Dennoch ist es für einen syrischen Christen mitunter leichter, sich in Österreich als einem christlich geprägten Land zurecht und hier Anschluss zu finden als für einen Muslim. Aber wesentlich wichtiger ist meiner Ansicht nach der soziale Status des Menschen, der zu uns kommt. So wird ein Arzt oder Geschäftsmann sicher leichter zurechtkommen als ein Bauer aus einer rückständigen Landregion. Da ist der Kulturschock, das Großstadtleben, die Anerkennung und der Zugang zur westlichen Lebenskultur ein anderer. Und was die Geschichte angeht: Man darf nicht unterschätzen, wie präsent im kollektiven Bewusstsein die sogenannte „Türkengefahr“ noch immer ist. Schließlich war Europa und hier vor allem Österreich jahrhundertelang akut in Gefahr, vom Osmanischen Reich unterworfen und damit islamisch zu werden. Es stand das christliche Abendland auf dem Spiel, aber nicht nur die Religion, sondern auch die politische Existenz. Die Spuren sind noch überall in Ostösterreich zu sehen, vielerorts wird noch immer der Rettung vor der „Türkengefahr“ gedacht.

Zur Rolle von Religionen: Fördern oder behindern sie den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in einer pluralen Gesellschaft?

Das kommt darauf an, wie sie gelebt werden. An sich ist ja Religion etwas Positives, weil sie den Menschen zum Gutsein anleitet. Problematisch wird es, wenn sie zur Abgrenzung, ja für eine Gegnerschaft gegen alle anderen, die nicht dieser Religionsgemeinschaft angehören, benützt und missbraucht wird. Das gilt für alle Religionen.

Weil Sie vorhin die Werte angesprochen haben: Gibt es Werte, die dabei helfen, den Zusammenhalt zu fördern?

Ja, unbedingt. Da ist einmal der Respekt vor dem Anderen, egal ob er hier seit Jahrzehnten verwurzelt oder neu hinzugekommen ist. Dieser muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Dasselbe gilt für die Toleranz. Und ganz wichtig ist auch die Bereitschaft, etwas für die Gemeinschaft zu tun und nicht nur zu fordern und zu nehmen.

Ist die Demokratie derzeit grundsätzlich in Gefahr?

Nein, das denke ich nicht.

Zum Zusammenhalt in Österreich: Was bereitet Ihnen persönlich Sorgen?

Am meisten Sorge macht mir der Gruppenegoismus, der zunimmt, ebenso wie die Vereinzelung. Es gibt in unserem Land so viele einsame Menschen. Und es gibt viele, die nur daran denken, was ihnen noch an „Wohlerworbenem“ zusteht, egal wie die anderen und die nächsten Generationen diese Last schultern sollen. Das hat mit der Herkunft gar nichts zu tun. Wenn diese Gruppe zu groß wird, dann kippt der Zusammenhalt und auch der Sozialstaat.         

Gudula Walterskirchen ist Buchautorin, promovierte Historikerin, freie Journalistin und Kolumnistin. Bis 2005 war sie Redakteurin der Tageszeitung „Die Presse“. Seit 2017 fungiert sie als Obfrau des Pressvereins St. Pölten sowie als Herausgeberin der „Niederösterreichischen Nachrichten“ und der „Burgenländischen Volkszeitung“.