09 Schule und Migration
28.05.18

„Bildung eröffnet einem neue Lebenskonzepte und Chancen. Bildung zerstreut Vorurteile und hilft, seine Ziele zu erreichen“

Interview mit Melisa Erkurt

 

Melisa Erkurt definiert eine Brennpunktschule als Schule, die größtenteils von Schüler/innen aus bildungsfernen und sozial schwachen Elternhäusern besucht wird und in der es keine soziale Durchmischung gibt. Sie betont, dass Antisemitismus im Unterricht – auch im islamischen Religionsunterricht – behandelt werden muss.

In den vergangenen Wochen war in der öffentlichen Diskussion oft von sogenannten Brennpunktschulen die Rede. Von welchen Faktoren würden Sie eine Brennpunktschule abhängig machen?

Eine Brennpunktschule ist für mich eine Schule, die größtenteils Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen und sozial schwachen Elternhäusern besuchen und in der es keine soziale Durchmischung gibt.

Und welche Rolle spielt dabei der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund bzw. mit muslimischem Hintergrund?

Migrantinnen und Migranten bzw. Musliminnen und Muslime machen einen großen Teil der sozial schwachen Bevölkerung in Österreich aus, demnach haben Brennpunktschulen in Österreich einen großen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund.

Viele Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache können nicht ausreichend Deutsch sprechen, wenn sie eingeschult werden. Eine beachtliche Anzahl von Jugendlichen kann zudem nach dem Pflichtschulabschluss nicht ordentlich lesen und schreiben. Wie kann man das verhindern?

Mit verpflichtenden Kindergartenjahren und einer besseren Ausbildung für Pädagoginnen und Pädagogen in diesem Bereich. Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache sollten in der pädagogischen Ausbildung eine noch größere Rolle spielen. Außerdem sollte in den Kindergärten und Schulen mehr Personal für eine geringere Anzahl von Kindern zuständig sein, sodass eine individuellere Betreuung gewährleistet wird. Es muss aber auch mehr Elternarbeit geleistet werden. Den Eltern muss klargemacht werden, wie wichtig das Vorlesen und der Zugang zu Büchern für ihre Kinder ist.

Was halten Sie von eigenen Schulklassen für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, damit sie gezielt gefördert werden und schneller Deutsch lernen, um in gewöhnliche Klassen integriert zu werden? Oder ist es besser, von Anfang an auf eine Durchmischung zu achten?

Ich bin für eine Durchmischung. Dafür braucht es aber auch andere Voraussetzungen, wie eine Ganztagsschule, die sich auch Familien mit geringem Einkommen leisten können. Deutschklassen allein bringen insofern wenig, als die Schülerinnen und Schüler kaum, dass sie die Klasse verlassen, wieder unter sich bleiben und nicht auf Deutsch kommunizieren. Eine Sprache lernt man als Kind über die sozialen Kontakte. Wie sollen aber interkulturelle Kontakte entstehen, wenn die Kinder in eigene Klassen aufgeteilt werden? In Ganztagsschulen würden Kinder aus allen Kulturen miteinander Zeit verbringen, auch abseits des regulären Unterrichts.

In Österreich und Deutschland gilt nach wie vor: je höher der Bildungsabschluss der Eltern, desto besser die Bildungschancen der Kinder. Was kann der Staat hier tun?

Mehr Förderprogramme für Arbeiterkinder anbieten und eine Gesamtschule einführen. Von der Selektion ab zehn Jahren profitieren nur Akademikerkinder, die Eltern haben, die sich mit dem System auskennen. Mit 14 könnten die Jugendlichen dann auch eher selbst entscheiden, was sie für ihre Zukunft wollen.

Viele Eltern sagen, dass die Bildung ihrer Kinder ausschließlich die Aufgabe des Staates, also der Schulen sei. Was sagen Sie diesen Eltern?

Lehrerinnen und Lehrer können bei so einer großen Anzahl von Schülerinnen und Schülern, die sie unterrichten, nicht bei dem Einzelnen ausgleichen, was zu Hause fehlt. Gewisse Grundvoraussetzungen müssen zu Hause mitgegeben und Möglichkeiten zum Lernen geschaffen werden. Scheinbar Grundlegendes wie ein Schreibtisch ist nicht für alle Kinder selbstverständlich.

Was sind Ihrer Meinung nach generell die größten Baustellen im österreichischen Schulsystem? Bzw. wie sollte die (Pflicht-)Schule der Zukunft aussehen? Gibt es Vorbilder aus anderen Ländern?

Bei Vorbildern bin ich vorsichtig, da sich diese oft an den Pisa-Ergebnissen orientieren, und davon halte ich nicht viel. Die größte Baustelle ist das Budget. Es wird viel zu wenig Geld in den Bildungsbereich gesteckt. Dabei fehlt es überall an Personal. Lehrerinnen und Lehrer kommen nicht zum Unterrichten, weil sie sich nur noch um administrative Tätigkeiten kümmern müssen und die Rollen von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie Psychologinnen und Psychologen übernehmen.

Welche Rolle spielt Bildung bei der Integration von Zuwanderern?

Neben der Wohnpolitik wohl die größte.

Weil?

Weil Bildung der Schlüssel zur Integration ist. Bildung eröffnet einem neue Lebenskonzepte und Chancen. Bildung zerstreut Vorurteile und hilft, seine Ziele zu erreichen. Jemand, der seine Ziele erreicht, fühlt sich wohl in dem Land und integriert sich automatisch.

Immer wieder erzählen Lehrer, vor allem Lehrerinnen, von Problemen mit Schülern mit Migrationshintergrund, die die Autorität der Lehrpersonen nicht akzeptieren wollen, sie beispielsweise nicht ernst nehmen oder ihnen nicht die Hand geben. Wie geht man seitens der Schule mit einem solchen Verhalten am besten um?

Man muss das auf jeden Fall thematisieren und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder Personen von außen zurate ziehen, die nüchtern und unaufgeregt zwischen den Fronten vermitteln. Wichtig wäre auch, die Eltern einzubinden, um herauszufinden, woher dieses Verhalten kommt, und gegebenenfalls den Eltern deutlich machen, dass dieses Verhalten nicht geduldet wird. Eigentlich müsste die gesamte pädagogische Ausbildung dahingehend reformiert werden. Denn Lehrerinnen und Lehrern bringt keiner bei, wie sie mit religiösem Mobbing, Verbalattacken, Drohungen und Übergriffen auf Lehrer sowie Schüler umgehen sollen. Zudem sollten Lehrerinnen und Lehrer damit nicht alleine gelassen werden. Gäbe es mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an den Schulen, könnte man solchen Vorfällen vorbeugen und schneller lösen.

Was ist Ihrer Meinung nach grundsätzlich die Ursache dieser Entwicklung und welche Folgen kann sie für die betroffenen Schüler – Opfer und Täter – haben?

Die Folge könnte sein, dass die Schule ein Ort des Schreckens wird, an dem sich keiner mehr wohlfühlt. Man muss aber bedenken, dass für viele Täter ihr Zuhause bereits ein solcher Ort ist und sie deshalb so aggressiv agieren. Auch hier bräuchte es wieder zusätzliches Personal wie beispielsweise Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die sich dieser Probleme annehmen. Viele Schülerinnen und Schüler fühlen sich unverstanden. Sie sind der Meinung, dass die Lehrerinnen und Lehrer ihre Probleme nicht verstehen, weil sie selbst akademischen Hintergrund haben und keinen Migrationshintergrund besitzen. Hier wären Vorbilder, die mehr so sind wie sie, wichtig. Lehrerinnen und Lehrer also, die selbst aus Arbeiterfamilien stammen oder Migrationshintergrund haben.

Die Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre waren zuletzt das dominierende innenpolitische Thema. Welchen Einfluss können solche Bewegungen auf diese Entwicklung haben?

Man darf die Fehler, die man bei den ersten Migrantengenerationen gemacht hat, nicht wiederholen: also die Kinder von den anderen separat unterrichten und ihre Muttersprachen als Defizit betrachten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Menschen sind, die ein Kriegstrauma erlitten haben. Sie unter Druck zu setzen, könnte sich negativ auf die Integration auswirken. Nur wer sich in Österreich wohl- und akzeptiert fühlt, wird sich erfolgreich integrieren können.

Auch antisemitische Vorfälle häufen sich in Schulen. Wie geht man mit dieser konkreten Entwicklung am besten um?

Antisemitismus im Unterricht behandeln. Auch im islamischen Religionsunterricht. Am besten auch die Eltern einbinden und das Thema bei Elternabenden besprechen. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen einladen, mit Vorträgen und Projekten Bewusstsein schaffen.

Was sagen Sie zu Beobachtungen von Lehrern, wonach für manche muslimische Schüler ihre Religion und ihre Herkunft wichtiger seien als die Schule und das, was die Lehrer sagen? Der Einfluss des Familienverbandes sei einfach zu stark. Wie könnte dieses Problem gelöst werden?

Indem die Schule sie dort abholt, wo sie stehen. Der Unterricht geht an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler vorbei. Auch die Unterrichtsgegenstände, die seit 100 Jahren gleich sind, interessieren die Schülerinnen und Schüler oft kaum. Die Jugend hat sich gewandelt und das muss sich die Schule auch. Wir brauchen politische Bildung an den Schulen, in denen aktuelle Geschehnisse besprochen und verarbeitet werden, wie zum Beispiel der israelisch-palästinensische Konflikt. Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich teilweise von den weltpolitischen Geschehnissen und der Informationsflut überfordert, sie sehnen sich nach jemandem, der ihnen alles einfach erklärt. Weil sie das nicht in der Schule finden, lassen sie es sich vom konservativen Vater oder vom Hassprediger auf YouTube erklären. Stichwort YouTube: Die sozialen Plattformen sind aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler nicht mehr wegzudenken. Aber im Bereich der Digitalisierung gibt es an den Schulen einiges an Nachholbedarf. In der Schule wird weder der sensible Umgang mit dem Internet gelehrt, noch gibt es die adäquate technische Ausrüstung dafür. Zudem braucht es an den Schulen mehr Vorbilder. Personen, mit denen sich die muslimischen Schülerinnen und Schüler identifizieren können, die ihnen aber auch neue Chancen und Lebenswege aufzeigen: Lehrpersonal mit muslimischem Hintergrund, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie Projektwochen an den Schulen, wie der „biber Newcomer“, die sich mit Themen wie Sexismus, Islam, Rassismus und Migration befassen. 

Mit dem Projekt „biber Newcomer“ besuchen Sie selbst Brennpunktschulen…

… und gestalte gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen für eine Woche den kompletten Unterricht. In diesem Zeitraum finden Text- und Foto-Workshops statt, Ausflüge zu anderen Redaktionen und ganz viel Austausch mit den Jugendlichen. Ich leite das Projekt nun schon seit drei Jahren und habe mit rund 500 Schülerinnen und Schülern zusammengearbeitet. Dabei sind mir Phänomene wie die Verbotskultur muslimischer Jugendlicher, Sexismus, Homophobie, Rassismus und Antisemitismus bei Jugendlichen aufgefallen. Im Zuge des Projekts haben wir diese Themen angesprochen und journalistisch verarbeitet, indem wir beispielsweise Reportagen verfasst haben.

Mädchen mit Migrationshintergrund sind ja besonders gefährdet, unter dem Einfluss eines starken Familienverbandes zu leiden. Wie kann man diese Mädchen besser fördern?

Man muss ihnen Vorbilder aufzeigen. Musliminnen, die Karriere gemacht haben, die nicht ausschließlich Ehefrauen und Mütter sind, in die Schule holen, ob als Lehrerinnen oder Vortragende im Zuge eines Projekttages. Man muss aber auch Bubenarbeit leisten, denn oft sind es die Brüder und Klassenkollegen, die die Mädchen einschränken und kleinmachen. Vereine wie „Poika“ kommen in Schulen und leisten in dem Bereich wichtige Arbeit. Man muss den Buben zeigen, dass auch sie davon profitieren, wenn Mädchen gestärkt werden. Oft sind es die Buben selbst leid, auf die Mädchen in ihrer Familie „aufpassen“ zu müssen und sie zurechtzuweisen. Das nimmt ihnen auch ein Stück ihrer Kindheit und Jugend. Man muss den Buben helfen und die Mädchen stärken.

Melisa Erkurt ist Journalistin und Chefreporterin beim Magazin „das biber“. Sie leitet dort seit drei Jahren das Schulprojekt „biber Newcomer“, in dem sie durch Brennpunktschulen tourt und den Jugendlichen Einblicke in die mediale Welt gewährt und Rollenbilder und Vorurteile bespricht. Ihre Sozialreportage „Generation haram“ wurde im Rahmen der „Österreichischen Journalismustage“ als „Story des Jahres 2016“ ausgezeichnet.