05 Gewalt gegen Frauen
06.04.18

„Bis zur Heirat werden sie wie Prinzessinnen behandelt, nach der Heirat wie Sklavinnen.“

Interview mit Sibel Öksüz

Sibel Öksüz hebt hervor, dass von Gewalt Frauen aus allen Schichten und Nationalitäten betroffen sind. Bei Zwangsehen spielt vor allem der psychische Druck, der auf die Opfer ausgeübt wird, eine große Rolle. Gerade junge Frauen mit mangelndem Selbstbewusstsein sind davon betroffen, da sie seltener Hilfe suchen. Nach der Heirat haben sie aus der Sicht der Familie keine Rechte, müssen ihren Mann und ihre Schwiegereltern bedienen und dürfen keinen Sprachkurs etc. besuchen.

An welche Personen richtet sich Ihre Beratungsstelle Orient Express?

An Frauen mit Migrationserfahrung, die körperliche, psychische und sexuelle Gewalt erfahren haben. Zu uns kommen also Frauen, die familiäre und partnerschaftliche Probleme haben, psychischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt sind oder sexuell missbraucht werden und sich zur Wehr setzen wollen. Unsere Aufgabe ist es dann, ihnen ein ganzheitliches Konzept anzubieten, damit sie wieder ein selbstbestimmtes Leben ohne jegliche Form von Gewalt führen können.

Das heißt, Ihre Klientinnen sind ausschließlich Frauen mit Migrationshintergrund?

Ja, und hier wiederum hauptsächlich türkisch- und arabischsprachige Frauen. In Sachen Zwangsheirat sind unsere Türen für jede Nationalität offen.

Hat das einen speziellen Grund? Sind Frauen aus dem türkischen und arabischen Kulturkreis besonders häufig von Gewalt betroffen?

Nein, damit hat das nichts zu tun. Von Gewalt sind Frauen aus allen Schichten und Nationalitäten betroffen. Gewalt gegen Frauen auf die Kultur, Religion oder Herkunft zu reduzieren, wäre gefährlich, denn das stimmt nicht. Unser Angebot richtet sich zwar an Frauen mit Migrationshintergrund, aber in meinem privaten Umfeld kenne ich genug österreichische Frauen, die Opfer von Gewalt wurden und denen ich meine Unterstützung anbieten musste. Für diese Frauen gibt es auch Anlaufstellen. Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle sozialen und ethnischen Schichten und hat zudem unterschiedliche Gründe – nicht nur häusliche Gewalt im Übrigen, sondern auch strukturelle Gewalt.

Wie definieren Sie strukturelle Gewalt?

Nehmen wir eine verheiratete Frau ohne österreichische Staatsbürgerschaft, die Opfer von häuslicher Gewalt ist. Wenn sie sich trennen würde, hätte sie möglicherweise keinen Anspruch auf Sozialleistungen, also auf finanzielle Unterstützung. Wenn sie dann auch noch ein kleines Kind hat und nicht arbeiten kann, ist sie finanziell ganz und gar von ihrem Ehemann abhängig. Der Ehemann ist in diesem Fall die sogenannte Ankerperson. Diese Abhängigkeit kann zu besagter struktureller Gewalt führen, da die Frau keine andere Möglichkeit hat, als sich ihrem Ehemann zu unterwerfen und beispielsweise häusliche Gewalt zu erdulden. Diese Frauen werden oft geschlagen, eingeschüchtert und unter Druck gesetzt, sind also diversen Formen von Gewalt ausgeliefert.

Mit anderen Worten: Eine Gewaltform kommt selten allein?

Genau.

Was ist Ihrer Erfahrung nach die häufigste Ursache für Gewalt gegen Frauen?

In den meisten Fällen fühlen sich die Männer höherwertig und glauben, über das Leben ihrer Frauen bestimmen zu dürfen. Vor allem dann, wenn sie merken, dass ihnen ihre Frauen in der Denkweise überlegen sind. Wenn sie beispielsweise gebildeter und intelligenter sind als sie selbst. Faktoren wie etwa der übermäßige Konsum von Alkohol begünstigen dieses Gefühl der Überlegenheit bzw. das Ausleben solcher Gefühle von Dominanz. Dieses Verhalten geben sie dann oft auch an ihre Kinder weiter, vor allem an ihre Söhne. Daher darf man diese Kinder nicht nur ihren Familien überlassen, sondern müsste ihnen schon im Kindergartenalter beibringen, dass das Verhalten, das ihnen von ihren Vätern vorgelebt wird, nicht in Ordnung ist.

Warum ticken manche Männer so? Woher kommt diese, nennen wir es, Überlegenheitsideologie?

Weil sie so sozialisiert wurden. Das ist sozusagen eine never ending story, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und diese Sozialisierung hat wiederum viele unterschiedliche Gründe, die nicht einfach mit Kultur oder Religion zu erklären ist. Sie ist ein Produkt von patriarchalen Strukturen, die über Jahrhunderte hinweg entstanden sind und sich in Teilen der Gesellschaft etabliert haben.

Betreuen Sie auch Frauen, die zwangsweise verheiratet wurden?

Ja.

Haben Zwangsehen in Österreich seit der Flüchtlingsbewegung in den vergangenen zwei, drei Jahren zugenommen?

Nein, das gab es vorher schon. Durch die vielen Menschen, die auf der Flucht waren, und ihre unterschiedlichen Erfahrungen hat sich höchstens unsere Expertise erweitert. Wir profitieren von ihren Erzählungen und geben dieses Wissen an unsere Klientinnen weiter. Abgesehen davon: Das Phänomen der Zwangsehen gibt es nicht nur in muslimisch geprägten Regionen, sondern in allen Teilen und Religionen der Welt. Auch in traditionellen österreichischen Familien beispielsweise. Also auch unter Katholiken.

Bei traditionellen österreichischen Familien gibt es Zwangsehen? Das höre ich zum ersten Mal. Wie sieht das dann aus?

So wie auch in anderen Familien. Die Familien, zumeist die Eltern, suchen die Ehepartner für ihre Kinder aus und setzen sie unter Druck, damit sie ihrer Entscheidung zustimmen. Die Gründe dafür sind wiederum vielfältig. Oft denken die Familien, dass es dem Schutz ihrer Töchter und Söhne dient, wenn sie ihnen Ehepartner aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis, wo sie ein bisschen Einfluss haben, besorgen. Es gibt aber auch andere Motive.

Warum lassen das die Frauen immer noch mit sich machen? Speziell bei der Mehrheitsbevölkerung dürfte es doch keine Hindernisse wie etwa die Sprachbarriere geben, um sich beispielsweise an Frauenhäuser zu wenden und Schutz zu suchen.

Das Problem ist nicht die Sprachbarriere oder mangelnde Möglichkeiten, sich Hilfe zu suchen, sondern der psychische Druck, der ausgeübt wird. Das ist der gemeinsame Nenner aller Fälle von Zwangsehen. Selbstbewusste Frauen suchen sich natürlich Hilfe, aber nicht alle verfügen über ausreichend Selbstvertrauen. Auch das Alter spielt eine Rolle. Vor allem bei jungen Mädchen beobachten wir, dass sie sich – obwohl sie der Zwangsehe entfliehen wollen – oft wünschen, zurück zu ihren Familien zu gehen, weil sie nichts anderes kennen. Sie sehnen sich nach ihrer Familie, nach dem vertrauten Umfeld. Oder sie haben Angst, dass ihre Mütter zu sehr darunter leiden könnten, wenn sie ihrer Familie den Rücken kehren.

Das bedeutet, nicht alle, die sich mit diesem Anliegen an Sie wenden, wollen aus ihrer Familie ausbrechen und ein neues Leben beginnen?

Genau. Wir raten auch nicht zu solchen Maßnahmen, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir können nur aufklären, informieren, sensibilisieren und unseren Klientinnen einen Weg aufzeigen. Die Entscheidung, in welche Richtung es gehen soll, müssen sie dann selbst treffen. Mit Druck oder Zwang würde eine Beratung ohnehin nicht funktionieren. Ich vergleiche das gern mit einer Psychotherapie. Der Wunsch, eine solche Therapie zu machen, muss von den Betroffenen selbst ausgehen, sonst führt sie nicht zum Erfolg.

Betreuen Sie viele Flüchtlinge?

In der Beratungsstelle nur wenige, aber im Lernzentrum sind es viele, die beispielsweise unsere Basisbildungsmaßnahmen besuchen – und die Zusatzangebote wie etwa IKT, also Informations- und Kommunikationstechnologie, Rechnen, Bürgerinnenkompetenz und Workshops zum Thema Empowerment.

Können sich auch Männer an Sie wenden?

Nein, aber damit sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Wir fordern seit Langem, dass es mehr Angebote für Männer geben sollte, die Opfer von zum Beispiel familiärer Gewalt sind. Denn was viele nicht wissen – von der Zwangsheirat sind oft auch Männer betroffen. Wenn sie beispielsweise von ihren Familien unter Druck gesetzt werden, damit sie eine Frau heiraten, die aus dem Ausland nach Österreich geholt wird. Diese Männer beugen sich oft dem Druck der Familie und machen dann ihren Frauen Vorwürfe, geben ihnen sogar die Schuld für die erzwungene Ehe, indem sie sich einbilden: Wenn diese der Ehe nicht zugestimmt hätten, wäre sie auch nicht zustande gekommen.

In der Haut dieser Frauen will man wirklich nicht stecken.

Nein, denn sie werden oft gehalten wie Sklavinnen, müssen nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Schwiegereltern bedienen, sie beispielsweise bekochen und für sie den Haushalt machen. Sie werden darüber hinaus nicht in Sprachkurse oder dergleichen geschickt und haben aus der Sicht ihrer Familie keinerlei Rechte. Ich sage immer: Bis zur Heirat werden sie wie Prinzessinnen behandelt, nach der Heirat wie Sklavinnen. Diesen Frauen zu helfen, ist für uns sehr schwer, da sie sich abhängig fühlen und sich oft nicht helfen lassen wollen. Daher fordern wir von der Politik, die Gesetzgebung in solchen Fällen zu entschärfen und diesen Frauen nach einer Scheidung mehr Rechte einzuräumen. Generell braucht es mehr Ressourcen und Geld für Frauenrechte. Nicht nur für das Frauenministerium, sondern auch für andere Ministerien und NGOs, damit sie sich für Frauen einsetzen und ihnen mehr Möglichkeiten bieten können.

Haben Sie auch mit Klientinnen zu tun, die Opfer von Genitalverstümmelung wurden?

Nicht als Hauptanliegen, aber wenn eine Frau mit einem anderen Problem zu uns kommt, wird es oft nach einigen Beratungseinheiten zum Thema. Ganz grundsätzlich behandeln wir dieses Thema in Form von Workshops für die Zielgruppe, wir bieten auch Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an. Das Thema FGM, also female genital mutilation, gibt es auch in Europa und Österreich. Vor Kurzem war ich bei einer Fachtagung in London, wo uns Kolleginnen und Kollegen von ihren Maßnahmen zu FGM berichtet haben. Es gibt in London viel mehr Angebote für Betroffene, zudem passiert mehr Präventionsarbeit.

Sibel Öksüz ist seit 2007 für den Verein Orient Express tätig und seit 2011 ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Vereins. Bei diesem werden Frauen mit Migrationshintergrund vor allem aus der Türkei und den arabischsprachigen Ländern bei Fällen von Gewalt, Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung beraten. Des Weiteren werden Trainings und Workshops für Multiplikator/innen angeboten.