01 Verschleierung im Islam
29.05.17

„Das Kopftuch degradiert Frauen zum Sexobjekt.“

Interview mit Ahmad Mansour

Ahmad Mansour sieht das Kopftuch als ein politisches Symbol, das Frauen zum Sexobjekt degradiert. Er spricht sich für ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst in ganz Europa aus.

Integrations- und Außenminister Sebastian Kurz fordert auf den Vorschlag des Integrationsexperten Heinz Faßmann hin ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst und will dieses Verbot in das Integrationsgesetz aufnehmen. Wie stehen Sie zu diesem Vorstoß?

Das ist etwas, das wir seit Jahren auch in Deutschland fordern. Personen mit repräsentativen Aufgaben wie etwa Lehrer, Erzieher, Polizisten, Juristen, Richter, etc. sollten natürlich frei von religiösen Symbolen sein. Und das Kopftuch ist nicht nur ein religiöses, sondern auch ein politisches Symbol, das alles andere als frauenfreundlich ist. Ich finde es also großartig, wenn sich Politiker für ein solches Verbot einsetzen. Nicht nur in Österreich und Deutschland, sondern in ganz Europa.

Das Verbot sollte dann auch für beispielsweise die Kippa, Nonnen- und Mönchskutten gelten?

Natürlich, für sämtliche religiöse Symbole. Alles andere wäre einseitig, unfair und käme einer Doppelmoral gleich.

Und wie sieht es mit dem Kreuz an der Wand aus? Das wird in Österreich nicht infrage gestellt.

In einer interkulturellen Gesellschaft sollten Schulklassen eigentlich komplett frei von religiösen Symbolen wie einem Kreuz sein. Aber ich mache schon einen Unterschied zwischen einem Kreuz an der Wand und dem Tragen eines Kopftuchs. Das Kreuz hängt eben an der Wand und nicht am Körper eines Lehrers oder Schülers. Das Kopftuch hingegen ist ein politisches Symbol, das Frauen diskriminiert und zum Sexobjekt degradiert – weil es suggeriert, dass sie ihre Haare zum Schutz vor den Männern bedecken müssen. Ich weiß, dass viele Frauen in diesem Punkt anders argumentieren und vielleicht auch aus anderen Gründen das Kopftuch tragen, aber die vorgebrachten theologischen Argumente gibt es nicht. Die täglichen Gründe sind allesamt frauenfeindlich.

Für ein generelles Kopftuchverbot im öffentlichen Raum sind Sie aber nicht, oder?

Nein, die kulturelle und religiöse Vielfalt einer Gesellschaft sollte auch in der Öffentlichkeit sichtbar sein. Ich habe kein Problem damit, dass Frauen beispielsweise in Banken, Fabriken oder in der Forschung ein Kopftuch tragen. Ich bin nur für ein Verbot in symbolischen Bereichen, die den Staat repräsentieren und in denen die Neutralität wichtig ist. Das heißt nicht, dass ich das Tragen eines Kopftuchs begrüße. Ich lehne beides ab, das Kopftuch und die Burka. Aber ich bin Realist und konzentriere mich auf das Wesentliche. Ein Kopftuchverbot würde zu einem Bürgerkrieg führen und wäre ein gefundenes Fressen für radikale Gruppierungen, die darin einen Kampf gegen den Islam sehen und Muslime noch weiter in die Opfer- und Märtyrerrolle drängen würden. Daher wäre so ein Verbot kontraproduktiv.

Sind Sie für ein Burkaverbot im öffentlichen Raum?

Ja, weil die Burka bzw. der Niqab Frauen ihre Identität nimmt. Die Burka hat nichts mit Religionsfreiheit zu tun, sondern ist der absolute Ausdruck von Verachtung gegenüber Frauen und ihrem Körper. Eine größere Verachtung kann es nicht geben. Wir haben in Europa eine Kommunikationskultur, die das Wahrnehmen des Gesichtes und der Mimik deines Gegenübers voraussetzt. Das ist eine zivilisatorische Grenze, die durch das Tragen einer Burka überschritten wird. Ich nenne Ihnen ein praktisches Beispiel: Ein Erzieher einer Kindertagesstätte in Berlin sagte mir einmal, er könne nicht garantieren, dass die Frauen, die in einer Burka ihre Kinder abholen, auch wirklich ihre eigenen Kinder mitnehmen. Bei den Personen könnte es sich auch um andere Frauen oder sogar Männer handeln. Für ihn war es nicht mehr möglich, seine Arbeit gewissenhaft zu verrichten. Und das ist noch ein harmloses Beispiel.

Glauben Sie, dass ein Burkaverbot dazu führen würde, dass die betroffenen Frauen nur noch zu Hause bleiben? Oder würden sie die Burka ablegen, um einkaufen und zum Arzt gehen zu können?

Anfangs würden sich betroffene Frauen sicher in die Opferrolle zurückziehen und behaupten, dass sie deswegen in ihrem Zuhause gefangen sind. Das würde auch von Islamisten für ihre Zwecke genutzt werden. Aber auf Dauer würden die Frauen eine Lösung finden, um wieder das Haus zu verlassen, davon bin ich überzeugt. Allein deshalb, weil ihre Männer Notwendigkeiten wie einkaufen zu gehen und die Kinder zur Schule zu bringen nicht übernehmen würden. Wichtig ist das Signal eines Burkaverbots. Wir brauchen klare Regeln in Europa und müssen den Menschen deutlich machen, was uns vereint. Das Tragen einer Burka zu erlauben, ist alles andere als eine Unterstützungserklärung für Frauen, die durch die Burka massivsten Unterdrückungsmechanismen ausgesetzt und als Sexobjekte dargestellt werden. Auch Männer werden sexualisiert, weil ihnen unterstellt wird, dass sie sich nicht unter Kontrolle haben, wenn sie die Augen und das Gesicht einer Frau sehen.

Was sagen Sie den Frauen, die felsenfest argumentieren, dass sie die Burka aus freien Stücken tragen und dass man ihnen mit einem Burkaverbot willkürlich das Leben schwer machen würde?

Es gibt auch Menschen, die freiwillig in den Jihad ziehen. Sollen wir das auch erlauben? Niemand kann mir das Tragen einer Burka als Emanzipation verkaufen. 99 Prozent der Burka tragenden Frauen hängen einer radikalen Ideologie an. Selbst, wenn diese Frauen nicht von ihren Männern bzw. Familien dazu gezwungen werden, werden sie es zumindest von einem patriarchalischen, strafenden Gott. Diese Frauen können sich kein Stück frei bewegen. Sie tragen die Burka nicht, weil sie sie schick finden, sondern weil es ihnen ihre Religion vorschreibt und sie glauben, von Gott bestraft zu werden, wenn sie es nicht tun.

Fällt es nicht unter Religionsfreiheit, wenn Frauen die Burka unter Berufung auf die Religion tragen?

Die Religionsfreiheit ist wichtig und wir müssen sie bewahren, aber sie hat Grenzen. Sie können nicht zum Jugendamt gehen und sagen, dass Sie Ihre Tochter beschneiden lassen wollen, weil das Ihre Religion vorschreibt. Jedes Grundrecht endet dort, wo eine gesellschaftliche Grundordnung verletzt wird. Das muss man den Menschen klarmachen. Bei der Burka ist es die Ordnung der Kommunikation, hier wird eine Grenze überschritten.

Sie haben einmal gesagt, dass es einem Missbrauch gleichkommt, wenn Eltern ihre Kinder zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Ist diese Formulierung wirklich angebracht?

Wenn ein sieben-, acht-, oder neunjähriges Mädchen ein Kopftuch tragen und sich so kleiden muss, dass ihre angeblich sexuellen Reize wie Haare, Arme und Beine bedeckt werden, wird dieses Mädchen nicht mehr als unschuldiges kleines Kind wahrgenommen, sondern als ein Sexobjekt. Das ist Missbrauch an diesen Mädchen, die beschützt werden müssen. Daher finde ich, dass zumindest in den Grundschulen Kopftücher für Mädchen verboten sein sollten. Das wäre auch machbar, weil ich sicher bin, dass es in diesem Punkt von der muslimischen Seite viel Unterstützung gäbe. Wir müssen noch stärker auf die Menschen zugehen – in den Schulen, den Kindertagesstätten, im Internet etc.

Was steht eigentlich im Koran über die Kopfbedeckung von Frauen? Ich habe schon alles gehört: von nichts bis zur Burkapflicht.

Genau das ist das Problem. Der Koran ist ja nicht in der Sprache eines Gesetzbuches geschrieben. Jeder kann ihn interpretieren, wie er will. Es gibt Passagen, in denen eine Kopfbedeckung von Frauen vorkommt, aber welche Frauen sich wie bedecken sollen, ist absolut unklar. Leider gibt es Institutionen, die keinen Interpretationsspielraum erlauben, sondern nur ihre eigene, patriarchalische Sichtweise dulden. Es ist sogar ein Tabu geworden, über andere mögliche Interpretationen zu sprechen.

Ahmad Mansour ist Psychologe und einer der angesehendsten Islamismusexperten im deutschsprachigen Raum. Er ist außerdem Programme Director der European Foundation for Democracy.