04 Migration und Sicherheit
31.05.17

„Das persönliche Sicherheitsgefühl der Österreicher hat sich durch die Flüchtlinge verschlechtert.“

Interview mit Peter Hajek

Peter Hajek weist daraufhin, dass sich das persönliche Sicherheitsgefühl durch Flüchtlinge verschlechterte und die Sorge vor (vermeintlicher) Ausländerkriminalität zunimmt. Er warnt davor, dass die Kluft zwischen einzelnen Gruppen größer wird.

Wo liegen die größten Gefahren bzw. Missverständnisse in der öffentlichen Diskussion über Migranten und Kriminalität?

Die größte Gefahr sind die Vorurteile, die man gegenüber Fremden hat. Ich zitiere hier einen Altlandeshauptmann, der einmal gesagt hat, dass „man halt gleich erkennt, ob jemand ein Ausländer ist oder nicht“…

Und das Fremde wird immer kritisch betrachtet ...

… genau. Sowohl bei der langjährigen Migration als auch bei der aktuellen Flüchtlingsbewegung haben die Menschen das Gefühl, dass die meisten Zuwanderer nach Österreich kommen, um ein besseres Leben, ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem zu haben. Und wenn ihnen der soziale Aufstieg nicht gelingt, sind die Chancen größer, in die Kriminalität

abzugleiten. Das ist eine der Sorgen der Österreicher. Und sie können die Zuwanderer nicht einschätzen. Hinzu kommen entsprechende Botschaften von politischer Seite, die suggerieren, dass wir ein massives Problem mit Menschen mit Migrationshintergrund haben.

Diese Sorgen sind ja durchaus berechtigt, oder nicht?

Die Sorge ist schon berechtigt, aber was ich unter Missverständnis subsumiere, ist, dass Zuwanderern per se negative Eigenschaften zugeschrieben werden und man sich nicht erst in eine abwartende Position begibt, um zu sehen, was wirklich passiert, oder mit den Menschen in direkten Kontakt tritt.

Bewahrheiten sich die Vorurteile der Menschen langfristig?

Vermeintlich ja, das merkt man an der aktuellen Stimmung in der Bevölkerung. Man muss aber trennen zwischen einer langjährigen Migration und einer Flüchtlingsbewegung wie der aktuellen. Ich erzähle Ihnen eine Anekdote: Ein befreundeter türkischer Taxifahrer, der in Wien geboren wurde und aufgewachsen ist, hat mir gesagt, dass seine Religion früher nie ein Thema war. Das habe sich aber in den vergangenen zwei Jahren gewandelt und er werde in einen Topf mit radikalen Islamisten geworfen. Er überlegt sich ernsthaft, Österreich zu verlassen, weil er sich nicht mehr wertgeschätzt fühlt. Wir haben also einen veränderten Blick auf lange hier lebende Gruppen. Das ist ein Problem.

Und dieser Taxifahrer beschuldigt die Flüchtlinge, dass sie den Ruf der Muslime zerstört haben?

Nein, er hält den Österreichern vor, dass sie nicht mehr zwischen islamistischen Terroristen und gewöhnlichen Muslimen unterscheiden. Deswegen müssen wir die derzeitige kritische Situation von dem trennen, was bis dato war. Denn eine kritische Haltung gegenüber Zuwanderern gab es schon immer. Auch in Sachen Kriminalität. In den 90-Jahren etwa waren es die dealenden Schwarzafrikaner, heute sind es die Muslime. Mit einer Skepsis und Aufgeregtheit wie derzeit hatten wir es aber noch nie zu tun. Das hängt mit der Flüchtlingsbewegung im Sommer 2015 zusammen.

Können die Österreicher wirklich nicht zwischen Islamisten und Muslimen unterscheiden?

Sie können schon, aber diese Unterscheidung ist ja fließend. Sie wissen, dass es einige wenige Vereine und Moscheen gibt, die radikale Tendenzen fördern und deshalb kontrolliert gehören. Sie glauben aber auch, dass der Islam ganz grundsätzlich eine ideologische Basis dafür bietet.

Ist es Ihrer Meinung nach legitim, die Kriminalität unter Migranten überhaupt zu erheben? Oder sollte das ausschließlich nach sozioökonomischen Faktoren wie Bildung und Einkommen geschehen?

In der Meinungsforschung gibt es zwei Messeinheiten: auf der einen Seite soziodemografische Merkmale wie Bildung, Wohnort oder eben Migrationshintergrund, auf der anderen Seite den sogenannten Lifestyle. Wenn früher von einem Arbeiter die Rede war, wusste man, wie er kulturell tickt, heute ist das nicht mehr der Fall. Ein klassisches Beispiel dafür: Zwei Männer, beide 68 und Briten, beide Millionäre – der eine ist Prinz Charles, der andere Ozzy Osbourne. Erhebungen wie Migrationshintergrund sind also in Ordnung, aber ich brauche zusätzlich andere Faktoren wie den Lebensstil, der beispielsweise mit Fragen nach der Werteorientierung abgefragt wird. Fragen wie: „Ist die Religion für Sie höher einzustufen als die Verfassung eines Landes?“

Ist Gewalt eine kulturelle Angelegenheit?

Gewalt ist immer eine kulturelle Angelegenheit. Die Frage ist nur, wie Gewalt bewertet wird und welchen Stellenwert sie in der Gesellschaft hat. Gewalt gegenüber Kindern wurde in Österreich erst 1989 im Zuge einer UNO-Kinderrechtskonvention gesetzlich verboten. Das ist noch keine 30 Jahre her. Heute ist es aber ein Grundwert in der österreichischen Bevölkerung, der von breiten Bevölkerungsschichten mitgetragen wird.

Werden Straftaten von Ausländern häufiger angezeigt als von Inländern? Beispielsweise bei sexuellen Übergriffen?

Ob es ein erhöhtes Anzeigeverhalten gibt, weiß ich nicht, aber es gibt sicher eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber dieser Gruppe, insbesondere seit den Vorfällen von Köln zu Silvester 2015. Interessant wäre zu erfahren, ob eine erhöhte Anzeigehäufigkeit auch zu einer höheren Verurteilungsquote führt oder nicht.

Welche Rolle spielt bei diesen Statistiken das sogenannte „Racial Profiling“? Denn je häufiger eine Gruppe in eine Kontrolle gerät, desto häufiger werden Straftaten aufgedeckt, oder?

Ich nehme an, die Polizei macht das, was Sie „Racial Profiling“ nennen, nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil die Erfahrung sie möglicherweise lehrt, dass das Sinn macht. Man muss eine bestimmte Gruppe – sofern rechtlich legitim – irgendwie erfassen können. Die Diskussion, ob das ethisch in Ordnung ist, überlasse ich anderen. Dazu habe ich mich mit dem Thema zu wenig auseinandergesetzt.

Es gibt Ausländerfeindlichkeit unter Österreichern. Gibt es das auch umgekehrt? Also eine Art Österreicherfeindlichkeit unter Ausländern?

Von einer Österreicherfeindlichkeit kann man nicht sprechen, aber die Kluft zwischen einzelnen Gruppen wird größer. Siehe türkische Community und das Beispiel mit dem Taxifahrer. Dabei gab es mit der türkischen Gemeinde keine wirklich großen Probleme. Bis heute nicht. Hier beobachte ich sehr wohl eine gewisse Entfremdung – im Gegensatz zur beispielsweise exjugoslawischen Community. Es wäre die Aufgabe der Politik wie auch der Vereine und Glaubensgemeinschaften, eine Brücke zu schlagen, damit das Ganze nicht weiter auseinanderdriftet.

Mit welchen Mythen und Klischees werden Sie beim Thema Ausländerkriminalität am häufigsten konfrontiert?

Wenn es einen Mythos gibt, dann den, dass man muslimischen Männern in Bezug auf ihr Sexualverhalten nicht trauen darf – und zwar generell. Der Stimmungswandel trat, wie schon zuvor besprochen, mit den Ereignissen in Köln ein – und da haben sich dann viele bestätigt gefühlt. Vor zehn, 20 Jahren war das Thema Sexualität und Muslime in der Öffentlichkeit überhaupt kein Thema.

Steigt die Angst der Österreicher vor Ausländerkriminalität?

Grundsätzlich hat sich im letzten Jahr die Bewertung des Zusammenlebens von Österreichern und Ausländern aus Sicht der Österreicher verschlechtert. Dabei unterscheiden die Menschen aber zwischen Zuwanderern (besser) auf der einen Seite und Flüchtlingen und Muslimen (schlechter) auf der anderen Seite. Zudem hat sich das persönliche Sicherheitsgefühl durch die Flüchtlinge verschlechtert. Das heißt, man kann davon ausgehen, dass die Sorge vor (vermeintlicher) Ausländerkriminalität zunimmt.

Wie redet man am besten über dieses Thema, ohne als Ausländerfeind zu gelten?

Wenn es um politische Akteure geht, empfiehlt sich eine neutrale Tonalität, die das Für und Wider abwägt und auch ins Treffen führt. Oft wird in der Politik – und zwar von allen Seiten – zwar wenig Falsches berichtet, jedoch auf Informationen „vergessen“. Insofern könnte man sich das Informationsverhalten der Schweizer Verwaltung im Vorfeld von Volksabstimmungen als Vorbild nehmen.

Peter Hajek ist einer der bekanntesten Meinungsforscher in Österreich. Er ist Geschäftsführer von Peter Hajek Public Opinion Strategies und promovierter Politikwissenschaftler. Zudem führt er regelmäßig Befragungen für das Integrationsbarometer durch. Hierbei wird die Stimmungslage zur Integration in Österreich erhoben. Hinzu kommen Lehraufträge an der Universität Wien und an der Fachhochschule Wiener Neustadt.